Warum schreiben? Warum ich schreibe

Das Schreibwerkzeug des Autoren [SPID 4002]

Warum schreiben? Zu welchem Zweck, mit welchem Ziel schreibe ich? Das  fragt sich mancher Schriftsteller – und dann schreibt er es auf.

Schreiben ist Selbsterkenntnis

Ich kann es heute besser an mir sehen als früher: es war wichtig für das Selbst-Erkennen, zu schreiben. Erkenne dich selbst! sagte man im antiken Griechenland … Selbsterkenntnis ist ein Bedürfnis. Nicht jeder hat es, vielleicht. Mir wurde es unabdingbar, als ich zu einer bestimmten Zeit in meinem Leben mit der Einsicht konfrontiert wurde, dass so vieles ein Irrtum ist. Ich hielt es plötzlich für überaus notwendig, einmal gründlich „über alles“ nachzudenken. Das habe ich getan und das Schreiben hat mir sehr dabei geholfen, meine Gedanken genauer und genauer zu fassen. Diesen stets fortdauernden Prozess möchte ich nicht mehr missen. Denn dieses Erkenne dich selbst! ist das Wichtigste, was man in dieser Welt zu erledigen hat.

Schreiben ist Eitelkeit

Mit dem Schreiben möchte man seine Gedanken verbreiten, sicherlich nicht um dafür gescholten zu werden. Sondern möglichst auch, um für deren Tiefe und Tragweite bewundert und geehrt zu werden. Ein gewisses Sendungsbewusstsein ist nötig, sonst würde man ja nicht schreiben. Ich hatte, als ich anfing etwas Philosophisches aufzuschreiben, den Gedanken, der Welt etwas „zurückgeben“ zu wollen. Etwas Großes, Umfassendes. Ich wollte das Wissen, das ich erlangt hatte, und das ich für äußerst ungewöhnlich und wichtig hielt, mitteilen.

Das will ich zwar immer noch, weiß aber nun durch das Schreiben auch, dass man der Welt nichts „Großartiges“ oder besonders „Neues“ übergeben kann; was man übergeben kann hängt eher davon ab, was die Welt sehen will. Die Welt wartet nicht auf das Neue, denn das Neue ist ihr unbekannt. Das „Großartige“ in der Wahrnehmung des Publikums ist zugleich auch immer das, was anderen bereits bekannt ist. „Das Bekannte“ sozusagen. Doch zu Anfang ist der Autor unbekannt – was man zu sagen hat kann also nicht großartig sein. Als beginnender Schriftsteller empfindet man sehr stark diese Selbstzweifel – wer ist man schon, dass man wagen dürfte, sich zu diesem oder jenem Thema zu äußern? Kurz: Man merkt gerade durch das Schreiben, dass es besser ist, die übergroßen Ambitionen bleiben zu lassen.

Besser man nähert sich dem Schreibhandwerk auf wohl ehrfürchtige, aber dennoch pragmatische Weise, schreibt und schreibt. Man lernt und lernt. Zuerst fehlt es auch am Handwerklichen, auch das muss reifen. Natürlich möchte man sofort gute Texte schreiben, am liebsten in den Himmel der Literatur-Götter eingehen .. Doch man muss Übung und Souveränität erlangen, man muss Momentum in der Wahrnehmung des Publikums aufbauen. Für beides braucht es Zeit und Übung.

Daher würfelt man die Gedanken geduldig und erwartet mit zurückhaltender Gespanntheit, wie das, was man schrieb, aufgenommen wird. Eitelkeit, das Ego, ist ein wichtiger Antrieb für das Schreiben. Doch, um lesbaren Text hervorzubringen muss man das Ego zurückdrängen.

Über-Ambitioniertheit, der Drang „etwas Großes“ schaffen zu wollen, ist wohl generell eher ein Hindernis als ein Trittbrett zu Höherem. Das gilt auch für die Art und Weise des Schreibens. Goethe sprach einmal davon, der Dichter solle lieber kleine, in sich geschlossene Werke herstellen, als sich einem großen und umfassenden Werk zu widmen. Ein solch großes ambitioniertes Vorhaben habe den Nachteil, dass es immer unperfekte Teile enthalten müsse, wodurch das Gesamte unperfekt sei. Wohingegen kleinere gelungene Werke, die noch dazu aus der Wahrheit des Augenblicks und der Kraft des Momentes entstehen, und nicht etwa in einem überlangen Bemühen, den Eindruck in sich geschlossener und perfekter Stücke machen.

Schreiben ist Offenheit

Schreiben ist Offenheit oder auch Ehrlichkeit, weil Schreiben immer eine Form moderater Selbstentblößung ist. Wenn man nicht gerade nichtssagende Texte fabrizieren will, muss man etwas von sich hergeben. Als Autor wird man dadurch zwangsläufig erkennbarer. Der Segen des Unerkannt-Seins, lernt man, liegt darin, dass man frei ist, (theoretisch) alles sein zu können. Das Festlegen auf Positionen hingegen führt dazu, dass Gegenpositionen erschaffen werden. Man begibt sich tiefer in die Welt der Polarität, und so mancher Schriftsteller will eigentlich gerade das nicht, sondern sich gerade durch das Schreiben von den Notwendigkeiten und den Kämpfen der Welt abkoppeln.

Dem Ego des Autoren tut die Erkennbarkeit gut, es definiert sich selbst zunehmend neu. Die Bücher die man schreibt, die Fragen die man behandelt, werden zwangsläufig zu wichtigen Gestirnen des Ich-Universums. Ähnlich ergeht es wohl Schauspielern, die nicht nur vom Publikum mit ihren Paraderollen identifiziert werden, sondern die sich selbst damit identifizieren. Nicht nur der Autor erschafft Bücher, sondern die Bücher erschaffen den Autoren ein Stück weit neu.

Schreiben ist Die-Welt-Entdecken

Es ist eines der Prinzipien meiner Philosophie … : im Geist lässt sich die Welt entdecken, denn es ist ohnehin alles Geist.

Das Schreiben als eine Beschäftigung mit dem Geist, lässt den Schriftsteller zu einem Geistes-Reisenden werden, der statt im Flugzeug vor seinem Schreibtisch sitzt und der Welt auf diese Weise ihre ungewöhnlichsten Geheimnisse entlockt. Selbst das kleinste Ding hat für ihn tausendfache Bedeutung – und das ist ein Abenteuer, das sich mit anderen Mitteln nicht in gleicher Weise durchführen lässt.

Die längste Fernreise kann uns nur an Orte führen, die wir dann im Geiste bestaunen. Wie wir staunen, was wir in welcher Weise bestaunen, das hängt vom Geistigen ab, nicht vom Gegenstand des Staunens. Das größte Weltwunder muss in einem dumpfen Geist zur Belanglosigkeit schrumpfen, und umgekehrt kann die kleinste Sache in einem wachen Geist die allergrößte Bedeutung gewinnen. Schreiben ist auch, sich in eine Welt der Wunder zu begeben.

Wenn mancher nun sagt: Im Geist lassen sich aber nicht die Fakten entdecken, das Wirkliche, dann frage ich: Welche Fakten? Im Geist lässt sich viel mehr entdecken, als das, was für andere „Fakt“ ist. Man kann mit Jules Verne in den Tiefen der Ozeane tauchen, man kann mit Dumas der Held eines Mantel- und Degen-Abenteuers sein. Für Einstein war das Reisen auf einem Photon Fakt – für wen sonst gilt das noch? Man kann so vieles entdecken – und das wird dann zu einem unbestreitbaren Fakt des Lebens. Was will man mehr als die Fülle des Lebens kosten? – das ist die Faszination der Phantasie! Das kann man mit keiner anderen Tätigkeit erreichen, als mit dem Schreiben. Oder dem Lesen.

Mit Schreiben der Welt auf die Schliche kommen

Es ist ein weiterer Aspekt des schon erwähnten Die-Welt-Entdeckens, dass man dem schlichten Wesen der Menschen-Welt auf die Spur kommt.

Man stellt fest, dass man der Welt letztendlich kaum etwas geben kann, was nicht ohnehin im Geist der Welt ist, ich erwähnte es schon. Der Leser entdeckt sich eher selbst mit dem Hilfsmittel eines Buches, als dass er eine fremde Gedankenwelt erforschen und bestaunen könnte. Die Welt verlangt nichts als das, was sie ohnehin schon kennt – was sie nicht kennt, danach kann sie nicht verlangen und kann es oft genug auch nicht würdigen.

Umgekehrt kann man nichts „zurückgeben“, was nicht originär der Welt entstammt. Man biegt nur ein wenig daran herum, fügt einen neuen Farbton hinzu – und dann gibt man zurück. Und dennoch ist Schreiben immer noch das denkbar kreativste Tun in dieser Welt.

Man sieht, wie etwas entsteht und wodurch es Verbreitung findet. In einem großen arbeitsteiligen Betrieb, als Rädchen im Getriebe, könnte man das nicht beobachten. Als Autor stellt man etwas in Gänze her und hat an dessen Verbreitung unmittelbaren Anteil. Die Person des Autors selbst ist dessen allerwichtigstes „Produktionsinstrument“. Den kreativen Prozess aus jeder Perspektive und in Gänze beobachten zu können, ist schon spannend.

Schreiben ist Antwort auf eine Suche

Das ist auch das, was ich suchte. Ich suchte Antworten auf verschiedene metaphysische Fragen. Wie: Was ist Kreativität eigentlich, wo doch im Grunde alles neu ist? Der 10-millionste VW-Käfer ist doch letztlich ebenso einzigartig wie der erste? Was verbindet alles und macht die Dinge doch einzigartig? Was ist meine Verbindung mit der Schöpfung, mit der Unendlichkeit? Das Ergebnis dessen sind die philosophischen Bücher, die ich nach und nach schreibe. Erst durch das Schreiben kam ich dem Philosophischen wirklich auf die Spur … das Schreiben ist also nicht nur das Resultat von Überlegungen, sondern auch Werkzeug. Man stellt Überlegungen in der richtigen, gründlichen, Weise an, stellt Fragen systematisch…

Schreiben ist gut für das Kaizen

Aus demselben Grund ist Schreiben gut fürs Köpfchen – es ist eine Beschäftigung, die eine dauerhaft hohe Konzentration erfordert, und man kann sich nach einer Weile tatsächlich besser konzentrieren. Es ist ein sehr angenehmer Nebeneffekt, dass komplizierte Dinge plötzlich besser gelingen. Das Schreiben macht genau.

Ich empfinde es als wunderbar, dieser hochkonzentrierten und effektiven Arbeit nachgehen zu können, wann immer ich Lust dazu habe. Ich muss nirgendwo hinfahren, um es zu tun. Und ich benötige auch niemandes Erlaubnis. Selten habe ich in meinem Leben so viel gearbeitet, und es noch dazu gar nicht als Arbeit empfunden. Selten hatte ich in meinem Leben das Gefühl, so kontinuierlich und systematisch zu lernen, zu wachsen.

Zu lernen gibt es übrigens nicht nur, wie man ein Buch schreibt, wie man richtig formuliert etc., sondern auch, wie man den Umschlag gestaltet, das ganze Management der Titel, ISBN, Preise, das Programmieren von Webseiten für den Blog, und vieles mehr. Schreiben ist also gut für das Kaizen – die stetige Verbesserung der Persönlichkeit, bzw. der persönlichen Fähigkeiten.

Schreiben ist einsam

Schreiben ist eine Gewohnheit und eine Liebhaberei, etwas, das man gern tut. Ich habe als Junge bereits Geschichten aufgeschrieben. Das ist eine wichtige Voraussetzung für „das Schreiben“ – man muss es mögen … wenn man das Schreiben nicht mag dann gibt es wenig, was einen dazu treiben könnte es dennoch zu tun. Der Erfolg kann es nicht sein – denn man kann ohnehin schwerlich mit etwas Erfolg haben, das man gar nicht mag … Voraussetzung für Erfolg ist eben Leidenschaft und Ausdauer, zumindest nach meiner Erfahrung und Auffassung. Schreiben dauert lange und erfordert viel Sorgfalt, und man ist allein. Nach der Veröffentlichung eines Buches kann man dann darüber sprechen, aber die Zeit des Schreibens ist gekennzeichnet durch Einsamkeit und Ruhe.

Man benötigt diese Ruhe, um die Gedanken fließen zu lassen, man benötigt die Einsamkeit, um sich vom Denken der Welt zu lösen und frei sein zu können; um jede Phantasie hervorzubringen. Man stelle sich vor, jemand stünde daneben und bewertete: Dies geht nicht, jenes ist unwahrscheinlich … Dies zu tun ist nur dem Autoren selbst überlassen, und anders kann es nicht sein, sonst käme gar nichts dabei heraus.

Die Einsamkeit ist attraktiv, aber sicherlich nicht für jeden.

Schreiben ist eine Herausforderung

Schreiben ist eine Kunst. Wie bei jeder Kunst gibt es kein Ende der Entwicklung. Immer lernt man. Immer grübelt man über Stil, beste Wortwahl, die Balance zwischen kürzester Aussage und umfassender Weitschweifigkeit – was ist wo besser? Auch das Weitschweifige hat seinen Sinn – Lesen ist eine Art spirituelle Konzentration, eine Art Meditation; und seit wann käme es bei der Meditation darauf an, sie in möglichst kurzer Zeit hinter sich zu bringen? Der Schriftsteller ändert hier einen Punkt in ein Komma, dort macht er es umgekehrt .. Wie viele Bedeutungen kann ein Text haben? Wie verschieden kann er aufgefasst werden? Das zu begreifen, sich in dieser Kunst zu üben, das fasziniert. Schreiben ist ein Streben, das einen erlösen kann („Wer immer strebend sich bemüht…“).

Das Wichtigste für gutes Schreiben ist, etwas zu sagen zu haben. Der Leser verzeiht so manche Unvollkommenheit eines Textes, aber eitles und leeres Geschwätz braucht er einfach nicht.

Etwas zu sagen zu haben ist auch der beste Antrieb für den Schriftsteller. Der Schriftsteller hat eigentlich keine Lust leere Floskeln zu Papier zu bringen. Das, was man gemeinhin als eine „Schreibhemmung“ bezeichnet, sehe ich aus so einer Ziellosigkeit erwachsen. Man darf froh sein, wenn man als Schriftsteller das Gefühl hat, eine Aufgabe vollbringen zu müssen. Was man zu sagen hat sucht man sich nicht unbedingt selbst aus, sondern umgekehrt, man wird von den Themen, die man behandeln muss, erwählt. Man darf glücklich sein, erwählt zu werden.

 

 

 

Warum schreiben? Warum ich schreibe was last modified: Oktober 30th, 2016 by Henrik Geyer