Über die Radikalisierung eines Kuscheltieres

Die Radikalisierung des Kuscheltieres Affe - ein radikalisiertes Tier [SPID 4328]

In der heutigen Zeit vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über vereitelte Anschläge, Gewalt in der Gesellschaft und eine zunehmende Radikalisierung berichtet wird. Dass dieses Phänomen nicht nur in der Zeitung stattfindet, sondern durchaus bis in die Familien und das Private hineinstrahlt, bekommen viele Menschen noch nicht mit. Dennoch ist auch das eine gesellschaftliche Realität, die lohnt, näher untersucht zu werden. Denn wenn sich eine solche Realität dem Einzelnen offenbart, dann greift oft Hilflosigkeit um sich, Verzweiflung und Wut. Es ist ein Stück psychologische Hilfestellung für die Betroffenen, die Geschichte einer solchen Radikalisierung zu untersuchen und aufzuschreiben.

Wir haben das getan und ein Fallbeispiel recherchiert. Wir wurden auf einen Fall aufmerksam, in dem sich ein Kuscheltier radikalisierte. Das klingt ungewöhnlich, da Kuscheltiere gemeinhin wenig zu Gewalt neigen. Doch gerade das Außergewöhnliche dieses Falles interessierte uns, und wir versuchten einen Termin bei den Angehörigen zu bekommen. Nach einigem Telefonieren gelang uns das; uns wurde die Sensibilität der Situation, dieses Eindringens in eine verletzte Familie, schnell bewusst. Teils war es nicht leicht, über die noch recht frischen Verwundungen der Seele mit unseren Gesprächspartnern zu reden. Die Namen der Betroffenen wurden von der Redaktion geändert.

Ich als verantwortlicher Redakteur, sowie ein befreundeter Bildreporter, fanden uns an einem Freitagnachmittag an dem Zuhause der Familie M. ein.

 


Bilder aus glücklicheren Tagen: Affe pflegt sein Beet, Affe prüft die Temperatur des Badewassers, Affe ist beliebt und ist gern mit anderen zusammen


Die Tür des kleinen Familienhauses wurde unserem kleinen Team von einem Herrn in Hausjacke geöffnet. Mit leiser Stimme bat er uns einzutreten. Es war früher Nachmittag, und er bot uns Tee und Kekse an. Wir nahmen im Wohnzimmer Platz; nach einiger Zeit kamen noch 2 Kinder der Familie und deren Mutter dazu und setzten sich ebenfalls. Wir hatten darum gebeten, dass uns der Gang der Ereignisse nach Möglichkeit aus verschiedenen Perspektiven geschildert wird.

Herr M., der Familienvater, hatte dunkle Ringe unter den Augen. Er begann mit brüchiger Stimme zu sprechen, nachdem ich ihn gebeten hatte, einfach anzufangen.

Herr M.: „Der Affe kam zu uns, ich glaube meine Frau brachte ihn damals mit in die Ehe. Er hatte irgendwie ausländische Wurzeln, wir haben uns nie so richtig darum gekümmert, welche.

Ich weiß noch, wie er uns von Anfang ans Herz wuchs. Wenn ein Kind zu Bett gebracht wurde, dann holte ich oftmals den Affen, und spielte mit ihm rum, und das Kind, und auch ich selbst, wir mussten lachen. Affe hatte einfach so ein lustiges Gesicht, man musste schon lachen, wenn man ihn nur ansah. Wir haben ihn eigentlich immer nur Affe genannt. Einen anderen Namen hatten wir nie. Vielleicht war es das, was …“

Herr M. stockte.


Affe beim Kirschen-Essen mit den anderen Kuscheltieren


 

 

Jennifer, eines der beiden im Haushalt lebenden Mädchen, fuhr fort.

„Es war eine schöne Zeit mit Affe. Das haben wir glaube ich alle so empfunden.“ (die anderen im Raum nicken). „Wir haben viel unternommen, auch die Kuscheltiere untereinander. Affe hatte beispielsweise ein eigenes Beet, hat den anderen geholfen wo er nur konnte. Er war bei den anderen beliebt, weil er immer einen lustigen Scherz machte.“

Die Mutter von Jennifer, Frau M., wirft ein:

„Er war aber auch immer schon ein wenig eigensinnig. Wenn er einmal einen Entschluss gefasst hatte, war er kaum mehr davon abzubringen. Beispielsweise erinnere ich mich noch, dass er sich einmal überlegt hatte aus einem der oberen Fenster mit einem Fallschirm abzuspringen. Nicht wahr, Wolfgang?“

Herr M. fährt lachend fort: „Ja, so war es. Er gab nicht eher Ruhe, bis er aus Bindfäden und Taschentüchern einen Fallschirm gebastelt hatte, den er sich an seinen Achseln festband. Es gab im Vorfeld einige Gespräche, wir baten ihn, das zu lassen. Aber er kam immer wieder darauf zurück, sagte, das sei der kürzeste Weg, das müsse doch einmal versucht werden, und so. Er sagte auch, wir seien wohl sehr einfallslos, vielleicht würden wir gar nicht wollen, dass er Erfolg hat … und so weiter.

Wir haben einige Zeit nicht auf ihn geachtet, jedenfalls ist er dann irgendwann einfach gesprungen, und das Beste daran ist: Er hat sich gar nichts dabei getan!“

Herr M. schüttelt lachend den Kopf.

Die andere Tochter, Mirinda, sagt: „Er hatte lange Zeit nach dem Sprung aus dem Fenster irgendetwas am Fuß …“

Herr M. schüttelt weiter den Kopf, lächelnd. „Nur ’ne Klette.“

Reporter (ich): Wie kam es dann zu dieser Radikalisierung? Wann merkten Sie zuerst etwas davon, und wie fing es an?“

Herr M., offensichtlich bemüht sich zu erinnern, sagt: „Das kann man gar nicht genau sagen, irgendwie war es ein schleichender Prozess. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass er sich plötzlich für seine Herkunft interessierte. Die war indisch, wie sich herausstellte. Nicht wahr, Marion?“

Frau M. nickt. „Irgendwas mit Indien, irgendwas mit Dschungel.“

Wieder Herr M.: „Vielleicht hatte seine Radikalisierung etwas damit zu tun, dass wir für die Kinder einmal von der Stadtmission günstig Spielzeug bekamen; in dem Paket, das wir erst später öffneten, war auch ein Panzer. Ich sah ein paar Tage später, wie Affe damit spielte.“

Frau M. fügt hinzu: „Ich glaube eher, dass es damit begann, dass Affe viel im Internet surfte. Was er sich ansah war eigentlich nie ganz klar. Wahrscheinlich hat er sich dort die Informationen geholt, die er suchte.“

Herr M., gequält: „Ja, aber warum suchte er die? Warum suchte er gerade solche Informationen? Über Waffen, Gewalt … Und warum dort, er hätte doch auch mit uns über alles reden können!“

Frau M. nickt, sieht uns nur an. Wir sehen, wie betroffen beide sind; wie sehr die Erinnerung an eine Zeit, als man vielleicht noch etwas hätte machen können, an ihnen nagt. Tränen stehen beiden in den Augen.

Reporter: „Als Sie es dann bemerkten, wie war das?“

Herr M.: „Ich merkte, dass irgendwas nicht stimmte, als er immer weniger mit uns sprach. Wenn wir am Küchentisch beim Essen saßen, dann saß er abseits in einer Ecke, und sah uns so komisch an. Weil er immer ein lustiges Gesicht hatte, merkten wir erst nichts. Aber er war irgendwie angewidert von unseren Gewohnheiten, das merkten wir, wenn wir mit ihm sprachen. Er mochte nicht was wir taten, er mochte unser Essen nicht …“

Frau M.: “ … Er hat schon vorher wenig gegessen …“

Herr M.: “ …  Er mochte auch nicht, was wir im Fernsehen ansahen. Wie sich herausstellte, mochte er unsere ganze westliche Lebensart nicht.“

Reporter: „Was taten Sie?“

Herr M.: „Wir haben immer versucht, mit ihm zu sprechen. Aber er war unzugänglich, es gab einfach keine Kommunikation. Jedenfalls keine, aus der er einmal etwas mitgenommen hätte. Für ihn gab es nur noch seine eigene, immer enger werdende Welt der Vorschriften und Belehrungen. Monomanie.“

Jennifer: „Er hat die anderen Kuscheltiere immer belehrt, sie sollen sich etwas anziehen und sich Bärte wachsen lassen.“

Herr M. bitter lächelnd: „Ja, dabei hatte er selbst nur ganz wenig Fluseln. Dann verschwand plötzlich mein altes E-Book. Weil ich es nicht mehr benutzte, merkte ich es erst gar nicht. Dann tauchte es bei Affe auf. Ich war überrascht, dass er plötzlich las, fand das eigentlich gut…  Ich schaltete es an, und sah, dass er alle Bücher gelöscht hatte, bis auf eins …“

Frau M.: “ … Er interessierte sich plötzlich für Religion und Politik.  Die Überwindung des westlichen Irrtums, wie er damals oft sagte. Er gebrauchte das Wort ‚Ausrotten‘, glaube ich.“

Herr M.: „Mit ihm war plötzlich kein Auskommen mehr. Immer hatte er an anderen etwas zu kritisieren. Tagelang hörte man, wenn er im Kinderzimmer allein war, so ein ununterbrochenes Gemurmel. Er sprach wohl mit sich selbst. Wir wollten ihn nicht stören, aus Respekt. Auch die anderen Kuscheltiere haben nichts mehr mit ihm gemacht, weil es ihnen wohl einfach zu anstrengend war, was er alles wollte. Der Spaß war weg. “

Jennifer: „Und sein Beet hat er gar nicht mehr gepflegt.“

Frau M. nickt. „Eines Tages war er weg, einfach abgehauen. Er hat uns nur diesen Abschiedsbrief hinterlassen.“

Frau M. zieht aus verschiedenen Papieren, die vor ihr auf dem Tisch liegen, ein Blatt hervor. Sie steht auf und bringt mir das Blatt. Ich sehe es mir an, aber da steht gar nichts, außer dem Wort „Abschiedsbrief“ in ausgeschnittenen Zeitungslettern.

Affes Abschiedsbrief
Affes Abschiedsbrief

Frau M. erklärt: „Er konnte nie sehr gut schreiben, wissen Sie. Wahrscheinlich hat es ihn ganz viel Mühe gekostet den Abschiedsbrief so fertig zu machen, wie Sie ihn hier sehen. Wir haben es ihm aber immer hoch angerechnet, dass er uns etwas hinterlassen wollte. Vielleicht wusste er nicht, dass man in einen Abschiedsbrief auch noch einen Text hineinschreibt. Jedenfalls waren wir ihm wohl nicht ganz egal.“

Herr M.: „Das letzte, was wir von ihm sahen, ist dieses Bild im Internet. Wir sind nicht sicher, ob es unser Affe ist, der auf dem Bild zu sehen ist, oder ein anderer. Doch ich fürchte, er ist es. Keine Ahnung wo er ist, auf dem Bild. Keine Ahnung, woher er das Gewehr hat. Wahrscheinlich von seinen neuen Freunden. Ich möchte nicht daran denken, was er damit anstellt. Vielleicht zwingt man ihn auch.“

(Wir legen das Bild diesem Bericht bei. Es zeigt Affe mit einem modernen Kriegsgewehr in der Hand, und mit martialischem Aussehen, in einer dschungelartigen Umgebung.)

Ich stehe auf, um Frau M. Affes Abschiedsbrief zurückzureichen. Ich sehe plötzlich, dass hinter einer Schrankecke, und meinem Blick bisher verborgen, ein Stuhl steht, und auf dem Stuhl sitzt … Affe!

Ich erstarre; meine Verblüffung fällt Familie M. nach kurzer Zeit auf.

Frau M. erklärt: „Nein, das ist nicht Affe. Diesen Affen haben wir von Kleinanzeigen. Wissen Sie, nachdem Affe weg war, verging doch nie der Schmerz, immer haben wir uns der schönen Zeiten mit ihm erinnert. Und dann sahen wir die Anzeige und dachten uns: Das machen wir mal. Den nehmen wir. Auch die Kinder haben sich immer gern an Affe erinnert.“

Jennifer nickt.

Reporter: „Haben Sie denn keine Angst, wieder enttäuscht zu werden?“

Herr M.: „Nein. Keineswegs. Unsere Erfahrungen sind durchweg positiv. Der neue Affe hat das Beet übernommen, er spielt mit den anderen. Wir lieben ihn und er ist uns eine große Bereicherung. Abends beim Zubettgehen müssen wir immer über ihn lachen. Er bastelt auch gern.“

Jennifer: „Neulich hat er etwas aus Schnüren und Taschentüchern gebastelt.“

Ich nicke. Mir fällt nur noch eine Frage ein. „Wie nennen Sie ihn denn?“

Herr M.: „Auch Affe. Da sind wir uns treu geblieben. Lässt sich auch besser merken.“

Ich sehe, dass die Emotionen in der Familie durch den neuen Affen ein wenig geheilt sind. Das weitere wird, so hoffe ich, die Zeit bringen. Innerlich wünsche ich diesen sympathischen Leuten von Herzen Glück.

Mit dem Rohmaterial für die Reportage sind wir fertig. Wir verabschieden uns.

Beim Hinausgehen sehe ich noch einmal zu dem neuen Affen. Wie eingefroren sitzt er in der Ecke auf seinem Stuhl, durch den Schrank ein wenig verdeckt. Seine langen Arme hängen locker herunter, regungslos. So als sei er ganz unbeteiligt. Seine Augen starren mir ins Gesicht. Seinen Mund umspielt ein Lächeln wie immer, doch plötzlich bekomme ich ein Gefühl, das mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Sein Lächeln wird plötzlich grausam, seine schwarzen Augen bekommen einen brutalen Glanz. Sein Gesichtsausdruck wirkt verachtend, herabwürdigend. Ich weiß plötzlich: man kann den Dingen nicht hinter die Stirn schauen.

Schnell verabschieden wir uns von der netten Familie, wünschen ihnen, dass sie ihr Trauma überwinden.

Ich musste noch lange an diese Begegnung denken. Ich weiß manchmal nicht, ob die professionelle Einstellung, die ich in meinem Beruf habe, verhindern kann, dass ich die schwierigen Themen meines Arbeitstages mit nach Hause trage. Als mich neulich meine Tochter ansprach, sie wolle einen Plüschtieraffen zum Kuscheln haben, lenkte ich ihr Interesse auf einen Spielzeugkinderwagen. In dem Moment war mir nicht klar, warum ich das tat, aber hinterher wurde mir bewusst: Es musste etwas mit Familie M. und mit ihrem Plüschtier zu tun haben, dem Affen namens Affe.

Über die Radikalisierung eines Kuscheltieres was last modified: November 25th, 2016 by Henrik Geyer