Über die Intelligenz einer Harke

„Kann künstliche Intelligenz die Menschheit vernichten?“ Mein Sohn stellte mir neulich diese Frage.

Ich antwortete: „Ja!“ Denn ich meinte, dass Intelligenz definitionsgemäß das Unerwartete hervorbringen muss. Nur etwas sehr Eingegrenztes von Intelligenz zu erwarten widerspräche meiner Auffassung, was Intelligenz auszeichnet. (denn das hieße im Umkehrschluss, dass wir, während wir von Intelligenz sprechen, etwas Nicht-Intelligentes erwarten: nämlich eine Reaktion wie von einem Papagei – der etwas Bekanntes nachplappert.)

Mein Sohn aber hatte auf Youtube ein Video gesehen, das darlegte, dass finstere Kreise das Ende der Menschheit betreiben, und zwar mit Hilfe künstlicher Intelligenz. Er wollte eigentlich wissen, ob das Video Recht hatte. Das nun wieder konnte ich nicht beantworten, denn ich kenne diese finsteren Kräfte nicht.

Ich sah mir das Video an und ärgerte mich über dessen platte Aussagen über „Denken“, „Intelligenz“, „Programmieren“. Künstliche Intelligenz sei die Programmierung kluger Computerfachleute, die es schaffen, eine „selbst denkende“ Maschine hervorzubringen, hieß es da. Die wirklich interessanten Fragen wurden nicht angesprochen. Was ist Intelligenz? Was erwartet man von ihr?


Zunächst einmal sind „Intelligenz“ und „Maschine“ doch Gegensätze des Verständnisses! Weil eine Maschine der Inbegriff des Re-Produzierens ist, und immer gleiche, vorhersagbare, Ergebnisse zeitigt. Ganz anders als Intelligenz. Auch der Begriff „selbst denken“ erfordert für mich genaueres Überlegen. Z.B.: kann denn ein Mensch etwas hervorbringen, das von ihm ganz getrennt zu sehen ist? Klares Nein.

Und, ist es tatsächlich so, dass eine Maschine nur reproduzieren kann, und in ihren Wirkungen ganz berechenbar ist? Eigentlich nicht, zumindest nicht im großen Bild. Jede Maschine ist auch kreativ! Ist denn die Welt, oder irgendein Detail in ihr, so vorhersagbar, wie wir immer glauben? Hängt alles was wir hervorbringen von unserem Willen ab, macht es immer das, was wir vorhersehen?

 

Alles ist eine Frage von Nuancen in einem Moment, denn alles fließt. Sieht man die Welt mit diesen Augen, dann verliert künstliche Intelligenz ein wenig von ihrem rätselhaften Schrecken. Was macht sie, was will künstliche Intelligenz? Will sie etwa etwas anderes als wir?? Man muss dann umgekehrt fragen: was wollen denn wir? Ist das so berechenbar für uns selbst? Sind wir selbst nicht Elemente von etwas, das sich aus unserer Sicht niemals völlig erklärt?

Diese Sichtweise entzaubert wie ich finde aber auch ein wenig die Sichtweise auf das menschliche Wollen, die menschliche Intelligenz, die menschliche Autonomie …

die Intelligenz einer Harke

Künstliche Intelligenz beginnt bereits bei einer Harke. Sie ist künstlich, denn sie ist menschengemacht. Aber inwiefern ist sie intelligent? Kann man ihre Intelligenz an ihren Wirkungen ermessen, wie man das bei Menschen tut? Ja, anders kann man das nicht überprüfen. Also: Welche Wirkungen kann die Harke hervorrufen?

Eine Harke trägt die Anwendbarkeit auf ein bestimmtes Thema in sich. Man kann damit in kurzer Zeit den Garten von Laub befreien. Eine Harke ist aber auch kreativ. Welcher Garten wann und wie von Laub gereinigt wird, das sagt die Harke nicht. Überhaupt redet sie nicht viel. Vielleicht lässt sie lieber Taten sprechen.

Man kann mit der Harke auch eine Rohrverstopfung lösen, indem man sie umdreht und den Stiel als Stößel benutzt. Man kann mit ihr einen Ball aus dem Geäst eines Baumes holen. Ganz wie künstliche Intelligenz aus dem Computer gibt uns die Harke unerwartete Antworten, einfach, indem sie da ist.

Sie erhöht die Produktivität, und ihre Ergebnisse sind letztlich unvorhersagbar. Nur als Beispiel: Während der Mensch ohne Harke seinen Garten vielleicht unaufgeräumt ließe, oder den ganzen Tag mit dem Aufsammeln von Blättern per Hand beschäftigt wäre, kann er in seiner durch die Harke gewonnenen Freizeit das Ziel der Krebsheilung angehen. Oder aber, für den ersten Fall, dass er den Garten Garten sein ließe – dann wäre die Welt des Menschen Welt eine andere. Sie wäre in einem Teilbereich natürlicher, bizarrer … und auf andere Weise schön. Der Mensch diesmal aus anderer Perspektive: Nicht als Ausgangspunkt einer Wirkung, sondern als Auswirkung …

Nebenbei gefragt: Hat eine Harke einen „Willen“? Das könnte man so sehen. Denn Wille ist für mich eine innere Vorbestimmtheit, die mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit zu einer Wirkung führt. Das wäre für die Harke gegeben; sie wird mit hoher Wahrscheinlichkeit harkend anzutreffen sein – zu harken als ihr „Wille“. So wie ein Mensch, der auf Grund seiner innerlichen Überzeugungen zu dem Schluss kommt, es sei wichtig für eine Sache zu kämpfen – wo wird man ihn mit großer Wahrscheinlichkeit antreffen? Im Kampf für diese Sache. Und man wird sagen: „Der will das so!“ Der Mensch selbst wird sagen: „Für die Sache zu kämpfen, das ist mein Wille.“ Die Schweigsamkeit der Harke ist hier der wesentliche Unterschied. Man wird einwenden, die Welt des Menschen sei komplexer, er will vieles und tut vieles, aus sich heraus. Das gilt für die Harke auch – je nach Welt in die sie geworfen ist, wird sie vieles wollen, man wird sie vielleicht auch antreffen bei der Rohrreinigung, beim Befreien eines Balles … Manchmal ruht sie sich einfach auch nur aus. Tut sie das aus sich heraus? Ja … Neei … weiß nicht. Tut der Mensch die Dinge nur aus sich heraus? Genauso. Eine Frage der Sichtweise.

Natürlich wird man einwenden, die Harke habe keinen Willen, denn sie handelt ja nicht selbst und nicht eigenständig, im Gegensatz zum Menschen. Aber das wäre ein Einwand, der auf die Frage selbst zurückführt – die des (eigenständigen) Willens. Und was wäre Wille, wenn nicht eine unabhängige und eigenständige Kraft? So verstehen wir Willen. Dass es aber letztlich nichts Eigenständiges gibt, auch keinen Menschen, darauf komme ich gleich.


Das bedeutet, auch eine Harke arbeitet nicht eindimensional, ihre Wirkungen sind unübersehbar. „Arbeitet“ die Harke überhaupt? Die Harke arbeitet doch nicht selbst, sondern der Mensch muss sie gebrauchen! Künstliche Intelligenz eines Computers hingegen arbeitet autonom, denkt selbst nach!

Ich möchte jetzt die Sichtweise umkehren, und nicht die Harke anschauen, sondern den Computer.

Ist er autonom? Kann er ohne uns auskommen? Adressiert er etwas anderes als eine menschliche Thematik? Kann er uns Fragen beantworten, die über unser Verständnis hinausgehen?

… Autonomie, bezogen auf Intelligenz, das wäre das Stellen ganz eigener, von uns unabhängiger Fragen, und die Beantwortung solcher Fragen. Also etwa das, was ein Vögelchen tut, wenn es, von uns völlig unverstanden und unabhängig, durch die Luft zwitschert, und damit Probleme löst oder auch erschafft, die wir nicht kennen und nicht bemerken. Das wäre ein Beispiel für weitgehende Autonomie, nur mit dem kleinen Makel, dass es von uns nicht völlig autonom ist, denn wir hören das Vögelchen ja noch, bilden uns eine Meinung, fangen das Vögelchen. Aber: Meinen wir, wenn wir von autonomer Intelligenz sprechen, ein Vögelchen? Nein. Sondern, wir meinen, merkwürdig genug, ausschließlich Intelligenz, die unsere eigene Intelligenz adressiert. Alles andere IST für uns keine Intelligenz.

Merkwürdig übrigens auch folgender Gedanke: Auf diese Weise werden wir natürlich keine höhere Intelligenz als die eigene bemerken. Und das ist es auch, was meiner Ansicht nach stets und ständig zu sehen ist, im einzelnen Menschen, wie auch in der Gesamtheit. Die uns umgebende Intelligenz nennen wir „tot“, „nicht-denkend“. Oder bei Tieren: „nicht richtig intelligent“. Welche Egozentrik! Eine höhere Intelligenz stellen wir uns immer so vor, dass sie uns gegenüber irgendeine Meinung haben müsse, uns helfen wolle, oder uns vernichten. Eine uns völlig indifferent gegenüberstehende Intelligenz ist uns unsichtbar.

Doch zurück zum Computer. Computer-Intelligenz kann uns nur Fragen innerhalb unseres Verständisses beantworten. Eine Antwort außerhalb unseres Verständnisses wäre uns keine Antwort. Denken wir an den Supercomputer in „Per Anhalter durch die Galaxis“. Gefragt nach dem Sinn des Lebens kam er nach Jahrzehnten mit der Antwort: 43! Also Quatsch. Oder: Sinnvoll in einem Kontext, den wir nicht kennen. Man kann es auch so sehen: Alles, was wir irgendwie auffassen, adressiert auch unser Verständnis. Insofern spielt sich eine Kommunikation per se innerhalb eines bestimmten Verständnisraumes ab; und das uns völlig Fremde wäre gleichzusetzen mit dem uns Unbekannten.

Computer-Intelligenz ist nicht völlig autonom, denn sie wird definitionsgemäß vom Menschen erschaffen, so wie jedes menschliche Werkzeug, z.B. eine Harke.

Künstliche Intelligenz ist geschaffen um unsere Fragen zu beantworten, sie ist bereits dem Sinn nach an die menschliche Welt gebunden, und damit nicht autonom. Sie ist kreativ wie die Harke, denn, wenn uns KI nur sagen würde, was wir schon wissen, würden wir sie nicht „intelligent“ nennen. Und auf diese Weise ist ja auch eine Harke kreativ … sie beantwortet uns Fragen, die wir nicht kannten, als wir die Harke herstellten. Warum eigentlich nennen wir die Harke dumm?

Wir sind nicht gewohnt, die Natur als intelligent zu sehen.


Künstliche Computerintelligenz ist auch insofern nicht eigenständig, als sie, wie die Harke, die Bedienung durch den Menschen erfordert. Füttert man die Maschine nicht mit Strom, geht sie aus. Fragt man sie nichts, ist sie bedeutungslos und man bemerkt sie gar nicht. Da könnte sie noch so intelligent sein, diese Intelligenz. Der Mensch muss den Computer füttern, er muss mit ihm interagieren bzw. ihn nutzen, so, wie er die Harke nutzt.


Angenommen KI würde in Form von „völlig autonomen“ Robotern ein Eigenleben auf der Erde führen, würde den Menschen vielleicht bekämpfen oder mit ihm partnerschaftlich zusammenleben – wären diese Roboter wirklich „völlig autonom“?

Das wäre jedenfalls nicht die Sichtweise des Spirealismus, denn hier wäre immer noch dieser Dialog. KI würde Fragen für den Menschen aufwerfen, die Antworten erfordern. Und umgekehrt. Die Intelligenz läge in der Interaktion – in der Kommunikation. Intelligenz hier ganz wertfrei verstanden: als eine Frage, die sinnvolle Antworten hervorbringt.

 

Spirealistisch gesehen ist alles nur eine Relation. Das lässt jedes Wort in einem anderen Licht erscheinen. Ich will daher einige Definitionen nachschieben.

„Sinnvoll“ hieße: Mit Bezug auf einen gegebenen Bedeutungsraum.

„Intelligenz“: Sinnvolle Kommunikation/Interaktion. Hier ist also die Anknüpfung an die spirealistische Grundaussage „alles ist Geist“, oder „in allem ist Geist“. Der Geist liegt in der Natur, in allem! Wir suchen vergebens, wenn wir den Geist nur im menschlichen Hirn verorten wollen, sondern, Geist liegt in der Kommunikation. Geist ist z.B. unsere Interaktion mit der Natur. KI wiederum sucht man vergeblich in einem Computer, wenn man nur ihn anschaut; um die Intelligenz der KI zu finden muss man die Kommunikation ansehen.

„Autonom“ .. das ist schwierig. Völlig autonom in dem Sinn, dass es mit uns Menschen nichts zu tun hat, das gibt es nicht für den Spirealismus. Denn alles was wir sehen können hat auch mit uns etwas zu tun. Geist, Intelligenz, das ist Kommunikation. Kommunikation ist Relation. Kommunikation erfordert mindestens zwei. Das Einzelne gibt es nicht. Jeder Satz entfaltet nur dann Sinn und bekommt eine bestimmte Aussage, wenn er gehört wird. So gesehen, ist Unabhängigkeit, Autonomie, eine Sichtweise. Wie immer eine Frage von Nuancen, von stärker und schwächer.

 

 

 

 

Über die Intelligenz einer Harke was last modified: März 15th, 2018 by Henrik Geyer