Schmetterlingseffekt – die Welt als Zufall

Schmetterlingseffekt

Der Schmetterlingseffekt legt etwas nach materialistischem Verständnis ganz Erstaunliches nahe: die Ursache für ein (jedes) Ereignis könnte in einem ganz unscheinbaren Mikroereignis liegen. Und damir nicht in einem eindeutigen, deutlichen, großen, nachvollziehbaren Ereignis, sondern einem geradezu beliebigen.

Was ist der Schmetterlingseffekt?

Der Schmetterlingseffekt ist ein Gedankenexperiment – der Schmetterlingseffekt bezeichnet die Wirkung (den Effekt), den der Flügelschlag eines Schmetterlings haben könnte. Denn auch der Flügelschlag eines Schmetterlings hat schließlich seine Auswirkungen, die sich weiter und immer weiter fortpflanzen, auch der Schmetterling gehört zu dieser Welt und kann somit nicht von dem in der Unendlichkeit wurzelnden System aus Wirkbeziehungen getrennt werden, von dem wir uns umgeben glauben …

So gesehen könnte der Flügelschlag eines Schmetterlings an anderer Stelle (eine Stelle, die man vielleicht nicht mit dem Schmetterlings-Flügelschlag in Verbindung bringen würde) Entscheidendes bewirken. Der Flügelschlag eines Schmetterlings könnte der entscheidende Grund für Leben oder Tod eines Menschen sein. Weltreiche könnten entstehen oder untergehen, aufgrund eines Schmetterlings, etc..

 

Ein Beispiel: Eine Präsidenten-Wahl geht äußerst knapp aus. Am Ende ist es der Bürger John Smith in Wyoming, der dafür verantwortlich ist, dass Anwärter X an die Macht kommt. Während Anwärter Y für Ausgleich stand, zettelt X einen Weltkrieg an …

Und dabei war es Zufall, dass John Smith am Wahltag überhaupt zur Wahl ging. Der Motor seines Autos war kaputt, und er hatte sich schon in seine Stube gesetzt, in der Meinung, nun doch nicht zum Wahlbüro zu fahren. Doch da kam zufällig Tante Amely vorbei und fragte John, ob sie ihn mitnehmen solle.

Sichtweisen

Quantität und Qualität

Der Schmetterlingseffekt steht, gerade das genannte Beispiel macht das deutlich, in Verbindung mit dem in der Philosophie seit antiker Zeit betrachteten Effekt, dass auf wundersame Weise aus einer quantitativen Änderung sich schließlich die Änderung einer Qualität ergibt.

Aus Frieden wurde Krieg – was genau war der Grund? War es Smith? Oder Tante Amely? Oder waren es die Freundinnen von Amely, die diese an jenem Wahltag zum Kaffeekränzchen eingeladen hatten, woraufhin Amely mit ihrem Auto losfuhr, und an John Smith’s Haus vorbeikam?

 

Ein weiteres Beispiel: An einem Damm steht das Wasser bis zum Rand. Es fällt noch ein Tropfen ins Wasser – am Damm bricht sich ein kleines Rinnsal Bahn, das Sandkörner mitreißt, wodurch mehr und immer mehr Wasser nachströmen kann. Der von Moment zu Moment stärker werdende Strom entwickelt mit der Zeit Macht und Energie … ein Dammbruch ist die Folge.

So wird durch eine quantitative Änderung die Änderung einer Qualität bewirkt – das stetige Fallen von Regentropfen lässt aus einer nutzbringenden Anlage zur Stromerzeugung (der Damm gehörte zu einem Wasserkraftwerk) eine Katastrophe hervorgehen.

 

Oder man denke an den Vorgang des Sparens. Man spart und spart, fährt Fahrrad, plötzlich hat man genug Geld um sich ein schickes Auto zu kaufen …

 

Warum nannte ich diesen Effekt „wundersam“? Weil er uns letztlich nicht begründbar ist, siehe Schmetterlingseffekt. Wer ist der Mensch oder das Ding, das letztlich für Krieg oder Frieden die Verantwortung trägt?

Welches ist der Tropfen, der das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringt?

Welches ist der Cent, der schließlich den Kauf des Autos ermöglicht?

Und was ist der Effekt? Dieselbe Betrachtungsweise lässt sich nämlich auch umgekehrt anstellen – nicht auf die Vergangenheit, den Grund gerichtet, sondern auf die Zukunft und die Wirkung (den Effekt).

Ist der Effekt des Sparens und des Autokaufs nun eine Erleichterung der Wege im Alltag, das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit wenn man im offenen Wagen durch die Landschaft rast, oder vielleicht ein Herzinfarkt durch die Sitzerei im Auto – wo man doch früher radelte?

 

Einem weisen Mann lief eines Tages ein Pferd zu.

Man gratulierte ihm ob dieser glücklichen Fügung. Doch der weise Mann sagte: „Wer weiß, wer weiß … “

Der weise Mann ritt in der Folgezeit auf dem Pferd herum und freute sich daran. Doch eines Tages viel er vom Pferd und brach sich ein Bein.

Wieder kamen die Leute zu ihm, um ihn zu bedauern. Doch er sagte wieder: „Wer weiß, wer weiß … “

Weil der Weise krank darniederlag konnte er an einem bestimmten Tag nicht zum Markt gehen, wie es sonst seine Gewohnheit war. Doch an diesem Tag brach in der Markthalle ein Feuer aus, viele wurden verletzt.

Er sei ein Glückspilz sagte man ihm, doch der weise Mann erwiederte wieder: „Wer weiß, wer weiß … “

… u.s.w..

 

 

Der Narr hält sich für weise, aber der Weise weiß, dass er ein Narr ist.
William Shakespeare

 

Zufall

Der Schmetterlingseffekt ist mit dem Zufall verbunden. Das Gedankenexperiment des Schmetterlingseffekts zeigt uns, dass es nicht gelingen kann, den letzten Grund (und die letzte Wirkung) für irgendetwas zu finden.

Auch das kleinste Ding hat seine Wurzel in der Unendlichkeit, ist also nicht völlig zu ergründen.
Wilhelm Busch

Und etwas, das uns nicht erklärlich ist, für das wir keinen Grund finden können und das uns daher unberechenbar ist, nennen wir „zufällig“.

Wahrscheinlichkeit

Den Zufall wiederum glauben wir mit dem Begriff der Wahrscheinlichkeit ausschalten zu können. Die Wahrscheinlichkeit nimmt eine später eintretende Wahrheit (Ereignis, Effekt) vorweg, indem sie postuliert, sie müsse mit einer bestimmten Notwendigkeit eintreten.

Somit wird die (noch verschwommen erscheinende) Wahrheit der Zukunft zur Wahrheit des Jetzt.

Man kann das alles aber auch viel einfacher sehen – als eine Sichtweise, der der Mensch ohne eigenes Zutun ohnehin unterliegt, während wir die Wahrscheinlichkeit als unsere menschliche Erfindung sehen. Sehen wir beispielsweise wie sich ein Apfel vom Ast löst, erwarten wir, dass er im nächsten Augenblick auf der Erde auftrifft. Der Wahrscheinlichkeitstheoretiker würde sagen: „Der Apfel trifft mit der Wahrscheinlichkeit 1 (also völlig sicher) auf der Erde auf, wenn er sich einmal vom Ast gelöst hat.“

Wahrscheinlichkeit ist Zufall – Die Welt als Zufall

Doch für die Wahrscheinlichkeit und die Wahrscheinlichkeitsrechnung läßt sich wiederum sagen, was wir bereits für „jedes Ding“ postulierten: auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung hat ihre Wurzeln in der Unendlichkeit und ist nicht zu ergründen, bzw. zu begründen.

Es ist Zufall, welche Grundprämissen man der Berechnung einer Wahrscheinlichkeit zu Grunde legt – und welches Ergebnis man demzufolge erhält. Ob oder ob nicht eine bestimmte Wahrscheinlichkeit überhaupt zur Berechnung kommt, ist wiederum nicht zu begründen – und damit Zufall. Ob man eine Wahrscheinlichkeitsrechnung anstellt, könnte man wiederum als das Ergebnis einer Wahrscheinlichkeit ansehen.

Und … was schließlich ist eine Wahrscheinlichkeit, die niemand kennt, niemand denkt? Was ist ein Knacken im Wald, das niemand hört? Ist es „da“ oder nicht?

 

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Weil es nichts gibt, das nicht in der Unendlichkeit wurzelt und daher letztlich unergründlich, unberechenbar und zufällig ist, ist die Summe aller Dinge, die Welt, zufällig vorhanden.Und schließlich: Wenn es nichts gibt, das nicht in der Unendlichkeit wurzelt und das daher letztlich unergründlich ist, dann ist die Summe aller Dinge, also die Welt, auch zufällig vorhanden, nicht wahr? Zumindest aus menschlicher Sicht.

 

 

 

spirealistische Sichtweise

Der Schmetterlingseffekt ist in der spirealistischen Sichtweise überaus selbstverständlich, denn hier kommen die Dinge durch den Gedanken in die Existenz. Was immer ein Gedanke erfasst kommt damit auch in eine Existenz. Was immer ein Gedanke erfasst kann als der Grund von etwas Anderem verstanden werden. Umgekehrt: Was ein Gedanke nicht erfasst kann auch niemals als der Grund von etwas anderem verstanden werden.

Alles Beliebige kann der Grund für etwas anderes sein – weil sich eine Grenze der Gedanken aus menschlicher Sicht niemals ziehen lässt. So kann selbstverständlich auch der Flügelschlag eines Schmetterlings der Grund für etwas sehr Gravierendes sein – vorausgesetzt, das Denken verleiht dieser Logik Existenz. Es ist die spirealistische Grundauffassung, die Welt als Sichtweise zu verstehen – die Welt kommt durch den Gedanken erst in die Existenz.

Anders gesagt: der Mensch ist nicht Beobachter einer äußerlichen Realität, sondern Erschaffer – allerdings nicht gemeint als eine Art Gott. Er ist nicht Beobachter der Schöpfung, sondern Element der Schöpfung. Die Realität, gibt es, abgetrennt von seinem Gedanken, nicht noch einmal „extra“, in objektiver Form.

 

Das angeführte „zufällige Vorhandensein der Welt“ ist im Übrigen letztlich die Umformung des Gedankens an fehlende Objektivität. Es ist das Ding „an sich“ des Kant, das sich nicht finden lässt. Es ist das „Alles fließt“ des Heraklit. Nichts ist erfassbar, das nicht auch anders gesehen werden könnte. Warum also erfassen wir es gerade so, wie wir es erfassen? Warum glauben wir an eine völlige Bestimmtheit eines Dinges das wir beobachten? Weil wir in der materialistischen Sichtweise meinen, ein in sich definiertes Außen vor uns zu haben, wenn wir etwas (ein Ding) beobachten. Doch wir sehen eigentlich: Die Dinge sind nicht ergründlich. Und aus unserer Sicht ist die Welt ein Zufall.

Nebenbemerkung: übrigens ist „die Welt“ in der spirealistichen Sichtweise nicht die Summe aller Dinge, sondern ein Objekt des Denkens wie jedes andere. 

Oder hat Gott einen Plan? Die materialistische Weltanschauung sagt: „Ja!“ Denn „Gott würfelt nicht“, wie Einstein formulierte. Doch der Schmetterlingseffekt ist eine Spielart jener Paradoxien, die das materialistische Weltbild hervorbringt und es gleichzeitig wanken lassen. Der Schmetterlingseffekt ist ein Gedankenexperiment, das uns über die Wurzeln der Dinge unserer Welt(en) Auskunft gibt, und uns gleichzeitig rätseln lässt.

 

Ähnliches Thema: Artikel Was ist Wahrheit? Wahrheit als Weltanschauung.
Siehe auch: Artikel Letzte Wahrheit – gibt es sie?

Lesen Sie auch: Beitrag Wahr – Schein. Wahrschein. Wahrscheinlichkeit

Weiterlesen: Artikel Die Wahrheit ist das, was im Fernsehen läuft

Schmetterlingseffekt – die Welt als Zufall was last modified: Juni 8th, 2016 by Henrik Geyer

Kausalkette – philosophisch (spirealistisch) gesehen

Die Kausalkette in der kritischen Betrachtung. Wie wird sie landläufig gesehen – wie sieht sie der Spirealismus?

Was ist eine Kausalkette?

Kausalkette mit einer Ursache-Wirkung-Beziehung: monokausal

Kausal ist unser Wort für die Vorstellung, dass alles auch einen Grund hat. Man könnte auch sagen, es ist die Vorstellung, dass einem beliebigen Ereignis (Phänomen) des Jetzt immer ein Ereignis vorausging, dass man als Ursache des Ereignisses im Jetzt ansehen kann. Causa=der Grund

Weil wir an Objektivität (Bestimmtheit) glauben, sieht unsere Vorstellung von Kausalketten in der Regel recht eindimensional aus. Es ist die Vorstellung, dass ein Ereignis genau einen Grund hat. So, wie in der Grafik unten abgebildet, wo ein „monokausaler“ Zusammenhang abgebildet ist.

Für die Zukunft gilt dasselbe „monokausale“ Prinzip. Betrachten wir vom Jetzt aus die Zukunft, dann ist ein Phänomen, das wir im Jetzt feststellen, der Grund für ein Phänomen, das wir in der Zukunft erwarten. Die Wahrheit, die wir am Phänomen des Jetzt feststellen, führt somit (mit einer gewissen, jedoch nicht festen Notwenigkeit, d.h. also Wahrscheinlichkeit) zu einem Phänomen in der Zukunft.

Monokausal

 

Ursache und Wirkung, Vergangenheit und Jetzt, Jetzt und Zukunft

Es soll ja in diesem Beitrag um das spirealistische Verständnis von Kausalketten gehen, das abweicht, von dem materialistischen. Der Spirealismus sieht die Welt nicht als eindeutig bestimmt. Das geht schon aus von dem Grundgedanken des Spirealismus: dem Fehlen von Objektivität. Also: wenn es im Jetzt keine Eindeutigkeit der Dinge gibt, ist also das zu beobachtende Phänomen nicht einfach „da“, sondern vielfältig da. So gesehen gibt es auch keine eindeutige Ursache-Wirkung-Beziehung.

Um dies anhand der typischen Vorstellungen von Kausalketten (typisch für den Materialismus sind die eindeutigen, monokausalen, Zuordnungen: dies ist die Ursache – hier ist die Wirkung) darzulegen, bedarf es einiger Überlegungen, die schlicht die Deutungsvielfalt dessen zeigen sollten, was wir gemeinhin als „gegeben“ annehmen.

Zunächst kann man sehen, dass Ursache-Wirkung-Beziehungen in beide Richtungen, in die Vergangenheit und in die Zukunft, auf gleiche Weise vorstellbar sind. Daher habe ich die obige Grafik umgedreht, und aus der Zukunft wurde Vergangenheit. Das bedeutet, ein Phänomen des Jetzt führt logisch zurück auf eine Vielzahl von möglichen Ereignissen in der Vergangenheit; eben nicht eines, sondern viele.

Kausalkette, Kausalität, spirealistisch verstandenDie Kausalität ist umkehrbar

Betrachtet man die Ursache-Wirkung Beziehung von verschiedenen Standpunkten, geraten die Worte „Ursache“, „Ereignis“, „Phänomen“, „Folge“, „Effekt“, „Konsequenz“ durcheinander.

Jede Ursache, die in der Vergangenheit liegt, ist auch eine Folge, und zwar von einer anderen Ursache. Jede Konsequenz in der Zukunft ist ebenso Ursache und ebenso Phänomen.

Ursache und Wirkung – und ihre Verbindung mit dem Zufall

Tritt ein Phänomen auf, für das man keinen direkten Vorgänger benennen kann, keinen direkten Grund, dann nennt man das Zufall. Es ist ein Phänomen, für das wir keinen Grund kennen. Auch hier ist die materialistische Vorstellung, der Zufall ließe sich eingrenzen. das Wort „Wahrscheinlichkeit“ lässt uns den Zufall so erscheinen, als sei er nur eine mathematische Aufgabe – und damit im Grunde bezwungen. Die spirealistische Sicht sieht notwendigerweise anders aus, sie nennt den Zufall unendlich, er ist nicht im Äußerlichen begrenzt. In uns selbst, die wir selbst erst die Festlegungen erschaffen, wo doch eigentlich keine sind (fehlende Objektivität) entsteht die Wahrscheinlichkeit.

Das Begrenzen-Können des Zufalls ist eine weitere Illusion des materialistischen Denkens. Denn – wie viele Zufälle kann es geben, in unserer Welt? Kann man den Zufall ausmerzen? Gott würfelt nicht, sagte Einstein. Bedeutet das, wir könnten Gott auf die Schliche kommen, indem wir seine Zufälle als eindeutige Kausalketten entlarven?

Aus spirealistischer Sicht wie gesagt nicht. Denn wir können niemals die Anzahl der „in der Welt“ (spirealistisch: in den Welten) auftretenden Zufälle zählen. Im Grunde ist uns alles Zufall, das wir nicht genauer betrachten, und für das wir in der Folge keinen Kausalzusammenhang konstruieren. Und nun frage man sich: Können wir jemals damit fertig werden, alle Zusammenhänge in Zeit und Raum kausal zu verbinden? Jeder wird sofort verstehen: niemals! Auf diese Weise verstehen wir, dass die Fragen zu den Kausalitäten, und auch die Antworten, aus uns selbst kommen. Wir selbst sind die Schöpfer unserer Welten – sie sind nicht schon in einem Außen „da“.

Dies enthält die Sichtweise, dass Ursache und Wirkung, Zufall und Kausalkette, von unserem Bewusstsein abhängen. Wenn wir die Zusammenhänge nicht konstruieren, wo sind sie dann?

Denken in Begriffen von „Innen“ und „Außen“, „Objekt“ und „Subjekt“, „vorher“ und „nachher“ als Denkvoraussetzung für Kausalketten

Die letzte Frage wird man materialistisch beantworten mit: „Die Kausalketten sind natürlicher Art! Sie sind in den Dingen! den Dingen des Außen!“

Wir sind an dieser Stelle wieder bei der Frage, was denn die „Dinge“ sind, was eine Monade ist, was Subjekt und Objekt sind, etc.. Ich habe das so oft thematisiert, dass ich es an dieser Stelle nicht wiederholen will.

Es sei aber noch einmal gesagt, dass es die materialistische Sichtweise ist, sich „die Welt“ (das Objekt) als etwas außerhalb des Menschen Liegendes vorzustellen. Der Mensch ist Beobachter (Subjekt), er spiegelt in seinem Geist etwas wider. Hingegen bestreitet der Spirealismus das Vorhandensein einer objektiven, eindeutigen, außerhalb von uns liegenden Welt, und hat dafür viele gute Gründe.

So wäre denn der weiter oben abgebildete monokausale Zusammenhang eine typische Vorstellung des Materialismus.

Wohingegen es dem Spirealismus bereits fremd ist zu sagen, es gäbe irgendetwas, das nur eine einzige Ursache hätte. Oder, es gäbe Kausalketten, die außerhalb von uns festgelegt wären, und die wir als solche erkennen könnten. Denn der Spirealismus sieht den Menschen ja gar nicht als Beobachter einer äußeren Welt. Sondern er sagt, die Welten entstehen (auch) durch ihn. Er ist nicht Beobachter der Schöpfung, sondern ihr Element.

Die Welten sind somit die Welten unserer Vorstellung.

Welt(en)? Wieso Welten in der Mehrzahl? Siehe weiter: Beitrag Ich – Universum. Die subjektive Welt als die einzig „vorhandene“ Welt

Es gibt keine Objektivität bedeutet: es gibt nicht „das“ Phänomen in Eindeutigkeit

Fehlende Objektivität hat, zu Ende gedacht, einige verblüffende Wirkungen. Einige Paradoxien der materialistischen Welt werden, wenn man diese Denkvoraussetzung annimmt, ganz klar angesprochen und erkannt, ja sogar in ihrer Ursache geklärt.

Wenn wir also wie Immanuel Kant feststellen, dass es nicht die Dinge „an sich“ für uns gibt, dann kommen wir auch zwangsläufig auf das Schopenhauersche „Die Welt ist eine Vorstellung“. Das wiederum bedeutet, dass das, was „die Dinge“ sind, unserer Vorstellung entspringt, was wiederum fluktuiert, vielfältig ist – und abhängig von Sichtweisen.

 

Stellen wir uns vor, wir könnten für jedes Ding das wir sehen, verschiedene Interpretationen in unserem Denken entwickeln. Das ist nicht ganz abwegig, denn jeder kann an sich selbst feststellen, dass er für die dieselbe Sache in seinem Leben verschiedene Interpretationen hat, es ist nur eine Frage der Zeit. Ich nannte solches Denken, das immer vieles für möglich hält, an anderer Stelle „symbolhaftes Denken“ oder auch „Denken in Metaphern“. Ein solches Denken bemüht sehr die Kreativität und Phantasie – es ist ein Denken in hunderterlei Möglichkeiten.

Andererseits sehen wir an diesem gedanklichen Experiment, dass wir Menschen so geschaffen sind, dass wir in einem Moment nur eine einzige Wahrheit für möglich halten, niemals mehrere. Wir suchen beispielsweise nach „der“ Wahrheit, nicht „den“ Wahrheiten. Das bedeutet, im Grunde sehen wir in „einer“ Sache immer nur eine Möglichkeit, während, wenn man so will, in jeder Sache viele Möglichkeiten „enthalten“ sind.

D.h., man müsste sich vorstellen, dass man, wenn man für jedes Ding verschiedene Interpretationen hätte, diese Interpretationen auch gleichermaßen für wahr halten könnte. (wir kommen insofern auf die Frage, was Wahrheit ist. Und wir sehen an dieser Stelle eigentlich auch, wie verquickt die Begriffe Kausalität, Zufall, Wahrheit, Zeit sind).

Ähnliches Thema: Wahr – Schein. Wahrschein. Wahrscheinlichkeit

Jedenfalls, hätte man eine solche Vorstellung von den Dingen, als ausgestattet mit vielfältigen Interpretationen bzw. Identitäten gleichzeitig, dann gingen von diesen Dingen auch viele verschiedene gleichzeitige Kausalketten aus, mit vielfältigsten Beziehungen.

In der unteren Grafik versuchte ich das zu verdeutlichen. Wenn uns die Gegenwart (das Jetzt) wie eindeutig erscheint, und die Zukunft in ihren Möglichkeiten wie vielfältig, dann müssen sich die Möglichkeiten der Zukunft vervielfältigen, wenn wir beginnen, die Phänomene der Gegenwart als verschwommen wahrzunehmen – wenn wir also annehmen, dass wir in der Gegenwart nicht einen Zustand feststellen könnten, sondern viele.

Der Obere Teil der Grafik enthält den monokausalen Zusammenhang üblicher (materialistischer) Vorstellung, ausgehend von einem Jetzt, das einige Möglichkeiten in der Zukunft bereit hält. Der graue Pfeil soll stellvertretend sein für eine Kausalkette, die ausgeht von einem als „möglich“ gedachten Phänomen im Jetzt. Dieses „als möglich gedachte Phänomen im Jetzt“ – das wäre so eine Interpretation eines Dinges (oder einer Situation), von dem ich sprach. Wenn ich also die Vielfalt der Deutungen, die in einer Sache liegen wahrnehmen kann, und sagen kann: Ich nehme jetzt einmal nicht an, dass dieses Ding (oder diese Situation) xyz ist, sondern denke sie mir anders, bewerte eine Situation anders, dann komme ich auf weitere Kausalketten, deren von mir wahrzunehmende Folgen sich vervielfachen.

Angenommen beispielsweise, ich sage, „das Atom gibt es nicht“. Dann komme ich (kommt die Menschheit) in der Folge auf eine ganz andere Art der Naturwissenschaften.  Auch diese andere Art würde funktionieren, aber mit anderen Begriffen.

 

Man sollte schließlich noch einmal bedenken, dass der Begriff „Phänomen“ (also die Zustandsbeschreibung  eines Ereignisses oder Dinges) durch die vorhin vorgenommene Verdrehung der Kausalkette zu einer lediglich relativen Vorstellung wurde. Man kann das „Phänomen“ ebenso gut im Jetzt wie in Vergangenheit oder Zukunft ansiedeln – man gewinnt durch dieses gedankliche Experiment einmal mehr ein Verständnis dafür, dass auch der Begriff „Phänomen“ nichts wirklich „Festes“ beinhaltet.

Monokausal vs Multikausal/Multieffekt, spirealistisch verstandenAnnahmen, was das Jetzt ist, bestimmen, was wir für Zukunft oder Vergangenheit erwarten

Resüme

Was gezeigt werden sollte, und was ich hoffentlich zeigen konnte, ist, wie abhängig Kausalketten von dem sind, was wir für Vorstellungen von ihnen entwickeln. Welche Abhängigkeiten der verschiedenen Begriffe es gibt, ich zähle noch einmal auf: Ursache, Wirkung, Ereignis, Effekt, Folge, Konsequenz, Zeit, Vergangenheit, Zukunft, Jetzt, Gegenwart,  Wahrheit, Wahrscheinlichkeit, und so weiter.

Es ist die spirealistische Sicht der Dinge, die die Welten aus einem quasi semantischen Beziehungsgeflecht entstehen sieht. In der spirealistischen Denkweise ist klar: diese o.g. Begriffe hängen unabdingbar zusammen, man kann sie eigentlich gar nicht einzeln betrachten (und doch, beispielsweise in diesem Text, ist man dazu gezwungen).

Je nach Gewichtung bilden diese Begriffe eine Konstellation, die im jeweiligen Fall einzigartig wirkt. Einzigartig in uns! Einzigartig ist lediglich unser Verständnis von „der Welt“. Einzigartig in unseren „Ich-Universen“.

Insofern möchte ich an dieser Stelle noch einmal die Grafik einfügen, die ich bereits an anderer Stelle verwendete – die Zeit als Punkt, und die Vergangenheit und Zukunft, Kausalketten, etc.., als Vorstellungen, die sich vom Rand her bilden, und zur Mitte hin „materialisieren“.

Die Zeit, vorgestellt als Punkt

 

Ähnliches Thema: Es gibt nur das Jetzt. Immer ist Jetzt

Den schwarzen Kern in der Mitte könnte man ebenso gut als den materiellen Kern eines Dinges bezeichnen, und den verschwimmenden Außenbereich als die Feststellungen, die man in Bezug auf diesen Kern treffen kann.

Die Feststellungen am Rand sind in der spirealistischen Denkweise nötig, denn sie definieren das Ding (den Kern), ebenso, wie sich selbst. Im Spirealismus gibt es immer nur die Relation – nie kann ein Ding für sich alleine stehen.

Die Festlegungen des Außen treten für uns nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf, die auch notwendigerweise das Element des Zufalls (des Nicht-Vorhersagbaren), enthält.

Konkret stellt sich das so dar, dass das, was wir für die Vergangenheit oder Zukunft halten, oder für Kausalketten jeglicher Art, uns so unbestimmter erscheint, je weiter man sich entfernt, vom eigentlichen Gegenstand der Betrachtung. Ihn jedoch, den Gegenstand der Betrachtung, halten wir für fest, nicht sehend, dass er lediglich völlig eindeutig erscheint, in einem einzigen Ich-Universum.

Ebenso wie Objekte, Universen etc., sind eben auch Kausalketten der fundamentale Mörtel unserer Welten. Ganz ähnlich der zeit, vielleicht noch fundamentaler – zugleich ebenso unergründlich. Kausalketten verbinden die Objekte des Denkens, erschaffen ein vorher und nachher.

Sie „existieren“ aber nicht in dem Sinne, dass man sie in einem Außen „ablesen“ könne. Mit uns und durch uns, die wir Elemente der Schöpfung sind, nicht ihre Beobachter, kommen sie in die Welten.

Weiterlesen: C.G. Jung – kollektives Unterbewusstsein

Weiterlesen: Artikel Was bedeutet subjektiv? Ist ein wissenschaftlicher Versuch objektiv?

Kausalkette – philosophisch (spirealistisch) gesehen was last modified: April 30th, 2016 by Henrik Geyer

Wahr – Schein. Wahrschein. Wahrscheinlichkeit

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Die Wahrheit ist wie das Zentrum eines Lichtstrahls, der sich in ständiger Bewegung befindet.Wie der Lichtstrahl, steht die Wahrheit nie fest, ist nie ganz greifbar. Um das Zentrum des Lichtstrahls herum ist ein Schein ... der Wahr-Schein.

Durch die Wahrscheinlichkeit wird das, was eintreten wird, schon jetzt wahr – als unsere Erwartung. Es scheint jedenfalls erst einmal so.

Was hat Wahrscheinlichkeit mit der Wahrheit zu tun? Über Wahrscheinlichkeit und Wahrschein.

worum geht es bei der Frage?

Wahrheit ist einer unserer wichtigsten und grundlegendsten Begriffe. Wahrheit zu definieren ist gleichermaßen wichtig wie andererseits völlig untypisch und schwierig. Wie soll man eine Definition finden, wenn man für jede Definition doch diese grundlegendsten Begriffe, wie z.B. Wahrheit, selbst erst benötigt (z.B. um zu prüfen, ob eine Definition überhaupt wahr ist)? Aus diesem Grund auch, weil dieser Ansatz so fundamental ist, glaubt ja jeder bereits bestens zu wissen, was Wahrheit ist. Und dennoch, dem zum Widerspruch, streitet man ständig um sie.

Wahrheit ist eine Eigenschaft, mit Hilfe derer sich verschiedene Objekte des Denkens unterscheiden lassen. Die Vorstellung der materialistischen Sichtweise ist dabei, man würde, je mehr man sich einer Wahrheit nähert, einer äußerlichen Realität näher kommen, die die „eigentliche“ und „endgültige“ Wahrheit repräsentiert. Das Ganze geht aus von der Ontologie des Materialismus, und ist im Grunde von dieser abhängig und von ihr nicht zu trennen: von der Vorstellung also, wir seien Beobachter von (Materie-)Objekten außerhalb von uns. Man könnte auch sagen: Beobachter einer objektiven Realität.

Ähnliches Thema: Artikel Die Ontologie des Materialismus

Auf diesem Blog wurde aber sehr oft der Gedanke geäußert, es gäbe keine Objektivität. Ich habe das wieder und wieder thematisiert, weil es doch so schwierig zu verstehen ist, und unserer landläufigen Vorstellung von „der Welt“ so zuwiderläuft. Gleichwohl ist es, wie ich meine, völlig unbestreitbar.

Wenn man also feststellt, dass es keine Objektivität gibt, so stellt sich die Frage, was dann wohl Wahrheit ist. Es ist letztlich wieder dieselbe Frage, die wir auf anderem Wege bereits zur Ontologie des Materialismus hatten: Was konstituiert die Welt, wenn es nicht Materieobjekte sind, die wir beobachten? Und zur Wahrheit lässt sich fragen: Was konstituiert Wahrheit, wenn es nicht eine äußerliche Realität ist?

Am Ende kommen wir immer darauf (das ist die spirealistische Weltsicht), dass unsere Realität aus den Objekten des Denkens resultiert, man könnte auch sagen, aus Vorstellungen (siehe auch „Die Welt als Wille und Vorstellung“ von Schopenhauer). Und unsere Vorstellungen sind wie Punkte in einem riesigen Geflecht von anderen Vorstellungen, von denen sie wiederum abhängen.

Aus diesem Grund gilt es, unsere Vorstellung von Wahrheit innerhalb eines Beziehungsgeflechtes verwandter Begriffe zu beobachten; solchen Begriffen also, die mit unserer Vorstellung von Wahrheit eng zusammenhängen. Anders gesagt: man kann sich der Bedeutung eines Begriffes nur nähern, in dem man seine Stellung innerhalb eines semantischen Beziehungsgeflechtes prüft. Beispielsweise ist es eben wichtig, den Begriff der Wahrscheinlichkeit zu untersuchen um ihn besser zu verstehen, und mit ihm gleichzeitig auch den Begriff der Wahrheit.

Die Wahrheit ist das, was ich weiß

Zunächst einmal wollen wir die Wahrheit als das verstehen, was „ich weiß“.

Nun wird mancher sagen, die Wahrheit sei nicht nur das, was ich weiß, sondern etwas, das sich an irgendetwas anderem festmacht. Etwas, das sich irgendwo zeigt.

Wir kommen in diesem Fall aber wieder darauf zurück, das etwas, das sich an etwas anderem zeigt, wieder von mir gewusst werden muss, damit es eine Existenz für mich hat. Es bleibt dabei: alles, was ich über die Wahrheit sagen kann, ist etwas, das ich wissen muss.

Das Wort Wissen ist zu betonen – denn die Wahrheit verbindet sich in der materialistischen Weltanschauung (im Gegensatz zur spirealistischen Weltanschauung) mit der Vorstellung einer äußerlichen Welt, deren Kernvorstellung die „Materie“ heißt. Insofern unterscheidet diese Weltanschauung zwischen Wissen und Glauben / innerlicher Welt und äußerlicher Welt / Geist der Materie beobachtet, und der Materie selbst.

Ähnliches Thema: Beitrag Innere Wahrheit – Äußere Wahrheit

Wahrscheinlichkeit geht immer von dem aus, was ich weiß

Man bedenke: Was für mich in diesem Moment wahr ist, ist das, worauf sich all mein Wissen für die Zukunft aufbaut. Warum? Weil ich, was immer ich sehe, was immer ich begreife, nur begreifen kann, mit den vorhandenen Begriffen.

Warum „Begriffe“ in der Mehrzahl? Weil jedes einzelne Wort, jeder einzelne Begriff, nie nur für sich allein stehen kann. Jeder Begriff und jedes Wort gewinnt seine Bedeutung nur aus einer Konstellation – dem Zusammenhang mit anderen Begriffen. Beispielsweise ist, was immer ich über altgermanische Kulturen erfahren kann, ist verbunden mit der Vorstellung von Germanien als Ort. Ohne das eine macht das andere keinen Sinn.

Diese Konstellationen sind bis in die Unendlichkeit komplex, und in einem ständigen Wechsel begriffen – so dass es einen endgültigen Sinn, eine endgültige Bezogenheit aufeinander, eine endgültige Konstellation und damit Wahrheit, nicht geben kann.

Das wiederum, was ich in diesem Augenblick weiß, meine Begriffe des Augenblicks, sind ihrerseits die Voraussetzung für alles das, was ich in Zukunft wissen kann. Denn um etwas („Neues“) zu verstehen, habe ich ja immer nur meine Begriffe. Und meine Begriffe des Augenblicks sind nicht neu. Und was für mich gilt, gilt im gleichen Maße für die Menschheit, weil sich alles immer wieder und wieder in Einem zusammenfindet. (Supersubjektivität).

Was immer ich in Zukunft begreifen kann ist abhängig von meinen Begriffen des Momentes:

Erst die Theorie entscheidet darüber, was man beobachten kann.
Albert Einstein

Die Wahrheiten des Morgen formen sich aus den Wahrheiten des Jetzt. Wie könnte es anders sein?

Wir formen die Zukunft mit Phantasie

Die Theorien, die wir über das „Äußerliche“ haben, sind weit weniger festgelegt, als wir glauben. Einstein wusste auch das. Er sagte einmal in einem Gespräch, dass es für die Theorien der Menschen (die Rede war konkret von mathematischen Ableitungen) keine unbedingte Notwendigkeit gäbe.

Nur durch unseren Glauben an eine von uns unabhängige Außenwelt ist es möglich, dass wir meinen, den Begriff der Wahrscheinlichkeit fein säuberlich vom Begriff der Phantasie trennen zu können. Die Wahrheit kann man (nur so!) als den Inbegriff des Äußerlichen sehen, des jederzeit Nachweisbaren – und Phantasie als der Inbegriff der inneren Welten (die mit Wahrheit angeblich nichts zu tun haben).

Aber, wenn unsere Theorien ohne eine besondere Notwendigkeit in die Welt kommen, dann gilt dasselbe für unsere Wahrscheinlichkeiten. Auch sie sind nicht unbedingt notwendig – im Umkehrschluss heißt das, dass wir die Zukunft mit Phantasie formen, indem wir Wahrscheinlichkeiten berechnen und diese, als unsere Auffassung von Wahrheit der Zukunft, in unsere Handlungen einfließen lassen.

Lesen Sie auch: Beitrag Was ist Phantasie? Ist Phantasieren nötig?

Wahrscheinlichkeit als Wahrschein – Schein der Wahrheit

Man stelle sich die Wahrheit vor wie das Zentrum eines Lichtstrahls, der sich in ständiger Bewegung befindet.Wie der Lichtstrahl, steht die Wahrheit nie fest, ist nie ganz greifbar. Unser Auge folgt dem Licht, versucht das Zentrum im Auge zu behalten. Doch das Auge kann natürlich nur erfassen, was der Lichtstrahl beleuchtet. Was er nicht beleuchtet – die unendliche Welt des Möglichen, verbirgt das Dunkel.

Um das Zentrum des Lichtstrahls herum ist ein Schein … der Wahr-Schein.

Der Wahrschein ist weniger hell als das Zentrum, aber in ihm ist dasselbe Licht des Augenblicks. Der Wahrschein  beleuchtet zugleich all die Orte, an denen sich das Zentrum des wandernden Lichtstrahls im nächsten Augenblick befinden kann. Nur hier, einem recht begrenzten Bereich unserer Welt, der sich direkt ableiten lässt von dem Zentrum des Lichtscheins, der Wahrheit, kann sich das Zentrum im nächsten Augenblick befinden. Und damit unsere Auffassung von Wahrheit.

Die Wahrscheinlichkeit drückt aus, was unsere Wahrheit des nächsten Augenblicks sein kann.

Lesen Sie auch: Es gibt nur das Jetzt. Immer ist Jetzt

Diese Metapher macht deutlich:

Erstens: Die Wahrheit steht nie fest – es gibt sie nicht in einer objektiven Form

Zweitens: Es ist das Wesen der Wahrheit, sich stets zu ändern. So wie sich die Relation, deren Teil wir sind, ständig ändert.

Drittens: Die Wahrheit der Zukunft geht aus von der Wahrheit des Jetzt, sie ist nicht unabhängig davon. Das bedeutet: wie wir die Wahrheit des Jetzt definieren, so wird unsere Zukunft aussehen. Das ist Wahrscheinlichkeit.

 

 

Wahr – Schein. Wahrschein. Wahrscheinlichkeit was last modified: März 30th, 2016 by Henrik Geyer

Zufall – Über den Begriff des Zufalls

Zufall - Über den Begriff des Zufalls

Der Zufall ist ein weiterer Begriff des Materialismus, der uns etwas, das wir nicht kennen, wie erkannt erscheinen lässt – und zwar Zufall als Wahrscheinlichkeit. Es ist eine stets wieder auftretende Selbstverständlichkeit, dieses Für-erkannt-Halten des nicht Erkennbaren, aber es ist auch eine Selbstverständlichkeit, die verwundert, wenn man darüber nachdenkt.

Gerade der Begriff des Zufalls lädt zum Nachdenken ein. Warum kommt uns alles, was wir benennen, wie bekannt vor?

Siehe auch Artikel Das Undenkbare. Was ist undenkbar?

So haben wir auch den Zufall eingekreist und er ist jetzt für uns nichts Unbekanntes, sondern etwas Bekanntes. Der Begriff des Zufalls ist mit dem Begriff der Wahrheit verbunden – das Sein ist uns das Wahre; und der (nun gebändigte) Zufall bringt ebenfalls Wahrheit und Sein hervor, in Form des Wahrscheinlichen. So gesehen könnte man die Zukunft wie geklärt ansehen, aber das unerklärliche Element bleibt: der Zufall.

Aspekte des Zufalls

Zufall ist ein Begriff, der uns eigentlich sagt, dass wir den Grund für etwas nicht kennen.

Wir nehmen aber an, dass es für alles einen Grund geben muss. Wir benennen daher, und forschen.. und finden Gründe. Dennoch scheint man den Zufall nicht ausmerzen zu können. Denn wir können nicht für alles Gründe finden. Allein schon, weil die Zahl der möglichen Kausalketten einfach kein Ende nehmen will. Der Zufall verschiebt sich einfach weiter, gemeinsam mit unserem Wissen. Je mehr wir wissen, und damit den Zufall an einem einem Ende ausdünnen, je mehr mögliche Kausalketten eröffnen sich. Der Zufall wandert, gemeinsam mit dem Rand unseres Wissens.

Er ist ein stetiges Element des (Ich – )Universums, man findet ihn stets dort, wo das Bekannte in das Unbekannte übergeht. Er lässt sich nicht überwinden – weil er sich flexibel verschiebt.

der Zufall als das, was wir nicht begründen können

Kann man sagen, es gibt etwas, das wir nie kennen können, und für das wir demzufolge auch keinen Grund finden? Es scheint wie Ketzerei, so etwas zu sagen, da doch der Mensch glaubt, alles wissen und erforschen zu können. Etwas das man nie finden kann? Wie soll das gehen? Wenn es da ist, dann werden wir es doch auch finden, nicht wahr? Das materialistische Weltbild sieht den Menschen als Beobachter all dessen, was da ist – der Materie. Und so gesehen ist auch der Zufall „da“ – indem wir ihn benennen, haben wir ihn auch schon erkannt.

 

Aus spirealistischer Sicht ist die Lage klar, aber ganz anders: „Nein, den Zufall werden wir nie überwinden. Er markiert die unsichtbare, nicht greifbare Grenze zum Unbekannten. Und das Unbekannte eingrenzen – wie soll das gehen?“

Der Zufall ist dem Spirealismus nicht im materialistischen Sinn begreifbar, auch nicht durch den Begriff „Wahrscheinlichkeit“, der Wahrheit suggeriert (das Wort „Begriff“ suggeriert Begreifen). Denn der Zufall hängt ab, besser gesagt, er entsteht, durch eine bestimmte subjektive Sichtweise, die zur Voraussetzung für weiteren Annahmen wird.

Man sehe sich an, wie wissenschaftliche Experimente gemacht werden. Sie kommen nicht ohne Annahmen aus. Daher hängt, was wir beobachten, von dem ab, was wir voraussetzen. Von einer bestimmten Sichtweise, einer Perspektive.

Albert Einstein: »Erst die Theorie entscheidet darüber, was man beobachten kann.«

Nun sehen wir unsere Annahmen als objektives Wissen an (Wissen also, das wir als völlig eindeutig sehen, als sei es nicht anders denkbar) , und glauben so, unsere Annahmen zu Wahrscheinlichkeit und Zufall seien ebenso objektiv und eindeutig. Dass aber unser Wissen nicht im eigentlichen Sinne objektiv ist, wurde in mehreren Artikeln dargelegt. Wenn unser Wissen, also unsere Denkvoraussetzungen, nicht objektiv sind, können es die Folgerungen daraus auch nicht sein.

Siehe auch Artikel zum Thema : Mengenlehre, Worte, Zahlen. Sind Zahlen objektiver als Worte?

Die mangelnde Objektivität lässt sich im Denkversuch nachweisen, wenn man verschiedene Perspektiven einnimmt. Man muss sozusagen die Phantasie bemühen.

Siehe auch Artikel zum Thema : Was ist Phantasie? Ist Phantasieren nötig – oder nur Spinnerei?

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Den Zufall findet man stets am Rand der Erfahrung,dort, wo das Wissen in das Unbekannte übergeht.
Den Zufall findet man stets am Rand der Erfahrung,dort, wo das Wissen in das Unbekannte übergeht.

Wozu fremde Perspektiven einnehmen?

Es ist eine weitere Eigentümlichkeit des Materialismus, den Menschen und seine Sichtweise als stets im Mittelpunkt zu sehen. Im Zentrum des Wissens, der Logik, überhaupt jeder Vernunft. Daher ist es ihm unnötig, andere  Perspektiven als die eigene einzunehmen. Bzw., solche Phantasien erscheinen absurd, denn der Mensch geht davon aus, nur er selbst habe die einzig gültige Perspektive; wie gesagt, seine Sichtweise sei notwendigerweise objektiv.

Dennoch ist es sinnvoll, wenn man sich vorstellen will, was Zufall überhaupt ist, eine andere Perspektive einzunehmen. Wieder eine subjektive Perspektive, daran ändert sich nichts … einfach eine andere Sichtweise.

Ritt auf dem Asteroiden

Angenommen ein Asteroid schlägt auf der Erde ein. Man wird sagen, dass sei Zufall.

Doch nehmen wir an, wir würden selbst auf dem Asteroiden reiten, und genau sehen, auf welchen Planeten er zusteuert. Würden wir sein Auftreffen dann Zufall nennen? Nein, wir hätten es kommen sehen, und würden sagen, dass dies kein Zufall sei.

Das zeigt: Zufall ist eine Frage der Perspektive.

 

Beispiel Diebstahl

Um den Zufall als eine Frage der Perspektive zu beschreiben, hier noch ein weiteres Beispiel:

Ich gehe durch die Fußgängerzone und mir wird die Brieftasche gestohlen. Ich nenne es „zufällig“ – das Auftreten des Diebes und damit der Diebstahl war nicht vorherzusehen.

Aus der Sicht des Taschendiebes sieht das ganz anders aus. Alle seine Gründe lassen ihn ganz genau darlegen, warum er vor Ort war.

Aus seiner Sicht ist das Auftreten des Bestohlenen, also von mir, reiner Zufall.

Wie viele Perspektiven gibt es?

Nun stellt sich die Frage: wie viele fremde Perspektiven gibt es, die ich kennen müsste, um den Zufall auszumerzen? Die Antwort muss lauten: Für uns unsagbar viele – eine Unendlichkeit. Warum? Weil jede denkbare (andere) Perspektive, von der ich wissen kann, auch mit mir selbst zu tun hat – da sie sich ja auch in irgendeiner Weise auf mich bezieht. Es ist eine Relation. Eine Relation, in der das Ich ein Teil ist, hängt auch vom Ich ab. Somit ist das Ich ebenso der Erzeuger der fremden Perspektive, wie der eigenen. Als Quelle von Perspektiven kann das Ich nicht von einer Endlichkeit von Perspektiven ausgehen. Anders gesagt: Der Zufall lässt sich nicht ausmerzen.

Das ist ganz ähnlich der Aussage, dass die menschliche Perspektive immer subjektiv bleibt – sie ist stets eine Relation zum „Anderen“. Unsere eigene Perspektive ist die einzige, die wir aus dem Innerlichen heraus kennen können. Das „Andere“, worum auch immer es sich dabei handelt, nehmen wir nicht in seiner inneren Gestalt auf, objektiv, als Ding „an sich“ wie Immanuel Kant sagte, sondern wir integrieren es, mit unseren eigenen Begriffen. Allein aus diesem Grund bereits, kann man nicht sagen, man könne jede Fremdperspektive einnehmen. Selbst angenommen die Zahl der Fremdperspektiven wäre begrenzt, würde doch unsere Auffassung von etwas Fremden stets von unserer eigenen, subjektiven Perspektive abhängen – womit wir wieder bei der zwar vorausgesetzten, aber nie findbaren Objektivität sind.

Um es in einem Satz zusammenzufassen: Was nicht objektiv ist, kann man auch als eine Form von Beliebigkeit bezeichnen. Und Beliebigkeit ist und bleibt unvorhersagbar.

Eine Frage der Perspektive

Wenn ich jede Perspektive einnehmen könnte – dann müsste der Zufall verschwinden. Dann hätte ich die Welt erkannt.

Es geht also letztlich wieder um die Frage, ob der Mensch die allein gültige Perspektive hat, eine objektive Sichtweise also, wie er in der materialistischen Sichtweise annimmt.

Jedoch machen die gezeigten Beispiele deutlich, dass dies nicht eintreten kann, weil bereits eine andere subjektive Perspektive eine ganz andere Auffassung von Zufall erzeugt. Und damit eine unzählbare Vielfalt an zufälligen Ereignissen, die wir nicht kennen, und aus systemischen Gründen (unüberwindlichen Gründen also), nie kennen können. Denn wir können aus der Einseitigkeit unserer subjektiven Betrachtung letztlich nicht heraustreten.

Man sieht hier auch, dass der Schlüsselbegriff zum Verständnis des Zufalls wieder das Verständnis von Objektivität ist. Und es wird deutlich, dass der Begriff des Zufalls wichtig ist, im Zusammenhang mit der Frage nach der Erkennbarkeit der Welt. Denn wenn ich den Zufall nicht ausmerzen kann, oder in eine letzte Ecke drängen, dann wird sich das mir Unbegreifliche, zusammen mit allen anderen Begriffen, die es fassen wollen (aber nicht können), einfach nur verschieben. Das Unbegreifliche selbst kann aber nicht enden.

 

Kausalität merzt nur scheinbar den Zufall aus

Siehe auch Artikel zum Thema : Kausalität – was ist das? Über das „Warum“ in der Natur.

Noch einmal das Vorhergesagte aus einer anderen Sichtweise – der Kausalität.

Unsere Vorstellung von Kausalität ist, dass alles einen Grund hat. Einen Grund – das ist wichtig! Nicht zwei, nicht tausend.

Eigentlich nehmen wir wahr, dass es für alles unzählige Gründe gibt, je nachdem, was wir als Denkvoraussetzung annehmen. Doch wir tun diese Beobachtung ab, sie passt nicht in unser Weltbild.

Was hieße das, wenn es für alles unzählbare Gründe gäbe? Dann stellte sich doch die Frage, was überhaupt ein Grund ist. Eine Beliebigkeit etwa? Es geht doch um das Erkennen der einen Welt, nicht unendlicher Welten, mit unendlichen Objekten darin, die unendliche Gründe hätten! Das materialistische Weltbild mit seiner Eindeutigkeit des Außen, seiner Objektivität, würde völlig durcheinander geraten.

Siehe auch: merkwürdig! Die Merwürdigkeiten des Materialismus

Auffassung des Spirealismus

Die Auffassung des Spirealismus ist, dass wir nicht Beobachter der Welt sind. Sondern sie entsteht in diesem Augenblick – (auch) durch uns.

Unsere Feststellungen, unser Wissen, ist subjektives Wissen, und kann nie anders als subjektiv sein, und damit nie anders als relativ zum Anderen. Teil der Relation sind immer wir selbst. Somit fließt die Schöpfung durch uns hindurch, wir sind nicht ihre Beobachter.

In uns wird nicht das Universum abgebildet, sondern wir tragen unzählige Ich-Universen in uns.

Unsere Fragen und auch unsere Antworten sind Teil der Schöpfung und sind selbst schöpferisch. Sie sind keine bloße Widerspiegelung eines von uns unabhängigen Außen.

Siehe auch Artikel zum Thema : Nichts geschieht ohne Grund (nihil fit sine causa). Der Grund „an sich“

 

Zufall – Über den Begriff des Zufalls was last modified: Februar 28th, 2016 by Henrik Geyer

Das Ding an sich und die Suche nach Wahrheit

Das Ding an sich und die Frage nach Wahrheit: Wahrscheinlichkeit, aber keine Wahrheit: Freischeinlichkeit, aber keine Freiheit, - diese beiden Früchte sind es, derentwegen der Baum der Erkenntnis nicht mit dem Baum des Lebens verwechselt werden kann. Friedrich Nietzsche - Lebensweisheit Spruchbild

Wenn Immanuel Kant feststellt, dass sich das Ding an sich nicht beschreiben lässt .. Was bedeutet das für unsere Vorstellung von Wahrheit? Eine kurze Überlegung.

Ding „an sich“ – und Suche nach Wahrheit

Umkehr der Sichtweise

Ich hatte, wie ich es in „Alles ist Geist“ beschrieb, für mich gefunden, dass es keine Objektivität gibt. Nach einem Prozess persönlicher Erfahrungen wusste ich, dass die Realität im Denken liegt und nicht an äußerliche Dinge gebunden ist.

An einen solchen Gedanken schließt sich die notwendige Frage an: Was sind dann die Dinge, die im Denken auftauchen? Gibt es sie denn nicht? Wenn man sagt, die Realität – das sind die Gedanken, dann kehrt man ja die normale Sichtweise um. Normalerweise meint man, die Gedanken seien das Nicht-Reale. Das Reale hingegen liege in den Dingen, von denen das Denken gewissermaßen ein Abklatsch ist.

Dass man die Realität durchweg als subjektive Wahrnehmung beschreibt, ist durchaus so gemeint, wie es der Physiker Heisenberg („Der Teil und das Ganze“) beschreibt:

Daher empfinde ich es als eine Befreiung unseres Denkens, daß wir aus der Entwicklung der Physik in den letzten Jahrzehnten gelernt haben, wie problematisch die Begriffe ›objektiv‹ und ›subjektiv‹ sind. Das hat ja schon mit der Relativitätstheorie angefangen. Früher galt die Aussage, daß zwei Ereignisse gleichzeitig seien, als eine objektive Feststellung, die durch die Sprache eindeutig weitergegeben werden könne und damit auch der Kontrolle durch jeden beliebigen Beobachter offen stehe. Heute wissen wir, daß der Begriff ›gleichzeitig‹ ein subjektives Element enthält, insofern, als zwei Ereignisse, die für einen ruhenden Beobachter als gleichzeitig gelten müssen, für einen bewegten Beobachter nicht notwendig gleichzeitig sind. Die relativistische Beschreibung ist aber doch insofern objektiv, als ja jeder Beobachter durch Umrechnung ermitteln kann, was der andere Beobachter wahrnehmen wird oder wahrgenommen hat. Immerhin, vom Ideal einer objektiven Beschreibung im Sinne der alten klassischen Physik hat man sich doch schon ein Stück weit entfernt.

… wenn also alles subjektiv ist, was sind dann die Dinge? Die Objekte? Das Objektive? Was sind die Dinge eigentlich (an sich)?

Im Spirealismus gibt es das Objektive nicht mehr, ich verstehe das Gegensatzpaar subjektiv / objektiv anders, weitergehend, grundsätzlicher. Denn während Heisenberg meint, eine gemeinsam gemachte Beobachtung (physikalisches Experiment) sei dann notwendigerweise objektiv, begründet der Spirealismus, warum sie das nicht ist, sondern supersubjektiv.

Kant und die Dinge an sich

Immanuel Kant hatte sich die Frage ganz ähnlich gestellt – er fragte, was die Dinge „an sich“ sind. In der Sichtweise (die ich „Materialismus“ nenne), der zufolge wir Materie-Dinge in unserem Außen beobachten, fragt es sich: Wenn die Gedanken die letztendliche Vorstellung des Realen sind, was sind dann die Dinge ‚wirklich‘? Was sind sie „an sich“? „An sich“ – also jenseits unserer Worte, jenseits unserer Beschreibungen, jenseits unserer Gedanken.

Kant war zu demselben Schluss wie ich gekommen. Ich hatte formuliert, es gibt keine Objektivität. Kant sagte, die Dinge sind nicht als „Dinge an sich“ erkennbar – man kann darüber keine Aussage machen.

 

Anders als ich, stellte Kant nicht das materialistische Weltbild in Frage – sondern er sagt: Die Dinge sind nicht „an sich“ erkennbar, gleichwohl müsse es sie geben.

Während ich sage (spirealistisch): Die Dinge sind nicht „an sich“ erkennbar, daher gibt es auch keine Notwendigkeit, von ihrer Existenz „an sich“ zu sprechen. Wenn dieses „an sich“ also wegfällt, dann existieren die Dinge nicht „an sich“, sondern „nur“ als unsere Vorstellung.

Das Ding an sich ist nicht erkennbar – Jede Aussage ist nur eine Möglichkeit

Ob man nun sagt, die Dinge „gibt“ es, oder man sagt (wie der Spirealismus es tut): Die Dinge existieren nicht in dem von uns vorgestellten Sinn, als von uns unabhängige Entitäten – die Konsequenz aus der allerersten Beobachtung, nämlich, dass sich keine objektive Aussage machen lässt, führt zu Folgendem: Dem Umkehrschluss, dass jede unserer Aussagen eine gewisse Beliebigkeit aufweisen muss.

Das heißt: Alles was man feststellt, definiert, konstatiert, wissenschaftlich beweist, ist eine Möglichkeit, aber keine Notwendigkeit. Denn: woran sollte sich die absolute Notwendigkeit einer Aussage messen oder prüfen lassen, wenn die von uns vorgestellte Außenwelt ihren Dienst versagt, indem sie nicht objektiv erkennbar ist?

Der Wahrheits-Begriff

Es ergeben sich sofort daraus resultierende Fragen.

Zum Beispiel: Was ist Wahrheit? Wir sagen ja immer „Was ist DIE Wahrheit„, so als gäbe es nur eine Wahrheit. Aber wenn jede Aussage nur eine Möglichkeit ist, und keine Notwendigkeit, dann gibt es auch nicht DIE Wahrheit.

Die Frage nach DER Wahrheit ist uns ja immer ganz wichtig. Die materialistische Wissenschaft lebt davon und damit.

Und da ist auch der immerwährende Streit zwischen der Wissenschaft und den Religionen. Wer hat die Wahrheit? Oder der ewig währende Streit innerhalb der Wissenschaft – welcher Wissenschaftler hat DIE Wahrheit?

Was also ist Wahrheit?

Wenn sich kein Ding an sich definieren lässt (wie Kant formuliert), oder, wenn es keine Objektivität gibt, wie es der Spirealismus formuliert, dann gibt es auch nicht DIE Wahrheit.

Sondern es gibt, ganz offenbar, nur die Wahrheit des subjektiven Dafür-Haltens.

Wahrheitsbegriff des Spirealismus

Der Wahrheitsbegriff des Spirealismus ist, wie die ganze spirealistische Weltsicht, von der materialistischen Weltsicht fundamental verschieden.

Was der Materialismus als „die Wahrheit“ bezeichnet, ist dem Spirealismus nur beschreibbar als das „Vorkommen in Vielem“.

Es geht dem Spirealismus also erstens nicht darum, ganz klar zu sagen, „was DIE Wahrheit ist“, denn der Spirealismus selbst stellt ja fest, dass es DIE Wahrheit nicht gibt. DIE Wahrheit ist eine Vorstellung der materialistischen Denkweise, die sich ebenso wenig antreffen lässt, wie das Ding an sich. Im Grunde genommen sind DIE Wahrheit und DAS Ding an sich ein-und dasselbe. Denn, gäbe es DAS Ding an sich, gäbe es auch DIE Wahrheit.

Es kann sich bei der Frage nach Wahrheit auch nicht darum handeln, zu sagen, Wahrheit wäre etwas, das sich „in Allem“ zeigt. Denn das Alles verschließt sich der menschlichen Wahrnehmung ebenso wie das Nichts. Es ist außerdem sehr leicht nachweisbar, dass keine einzige menschliche Wahrheit sich in allen Menschen findet. Am einfachsten wieder über das Ding an sich – was wäre das, was alle gleich sehen müssten?

Vergleiche Artikel Was ist das Nichts und Alles und Nichts – zwei Seiten der gleichen Medaille

Existenzbegriff des Spirealismus

Es sei an dieser Stelle noch einmal darauf hingewiesen, dass der Spirealismus einen anderen Existenzbegriff hat, als den materialistischen. Denn an dieser Stelle wird auch sehr klar, warum die Frage nach dem Ding an sich zu einem anderen Existenzbegriff führen muss.

Wenn es die Dinge nicht „an sich“ gibt – wie dann? Wenn Existenz nicht die Existenz in dem von uns gemeinhin (unter materialistischen Aspekten) vorgestellten Sinn „gibt“, wie und auf welche Weise existieren die Dinge? „An sich“? – Oder existieren die Dinge vielleicht „an sich“ gar nicht?

SpiRealismus sagt: nein, tatsächlich existieren sie nicht „an sich“, sondern sie existieren als unsere Vorstellung. Unsere Gedanken sind die Realität. Eine davon noch einmal verschiedene Realität, die extra „existierte“, ist nicht vorhanden.

Was folgt nun daraus?

Was folgt nun daraus? Ganz Vieles. Eine umfassend andere Weltsicht bringt an jedem Punkt neue Aspekte hervor. Ganz Vieles muss neu überlegt werden.

Was, zum Beispiel, ist Glaube im Unterschied zu Wissen? Wenn wir sagen, dies sei Wissen – und im Gegensatz dazu sei jenes „nur“ Glaube – was bedeutet das eigentlich, wenn man in Betracht zieht, dass es „DIE Wahrheit“ gar nicht zu geben scheint?

 

 

 

 

Das Ding an sich und die Suche nach Wahrheit was last modified: Februar 20th, 2016 by Henrik Geyer