Kreativ sein – die 80 % Regel

Kreativ sein - die 80 % Regel

Kreativ sein – wie geht das? Ausgehend von meinen Erfahrungen als Autor hier eine grundsätzliche Überlegung, die ebenso Gültigkeit hat für jede Kunstform.

Wir können nichts wahrnehmen jenseits der Begriffe, die in uns sind.

Man muss sich darüber klar sein, dass alles was man auffassen kann, nicht völlig neu sein kann. Alles, was das Ich begreifen kann, muss es mit den ihm eigenen Begriffen auffassen.

Das Wissen (oder ist es Glaube?) über das, was die Dinge sind, formt, was das Ich in ihnen sehen kann.

Der Leser sucht das Bekannte

Zurück zum Konkreten.

Zwar sucht der Buchleser das Unbekannte, die neue Erfahrung, aber immer nur in dem (sehr engen) Rahmen dessen, was ihm bereits bekannt ist.

Man mag das an sich selbst beobachten: Zeitungsartikel vergleicht man mit dem, was man für wahr hält. Bücher sucht man nach den Vorlieben aus, die man schon hat.

Zu kreativ zu sein, im Sinne von: komplett neue Welten zu entwickeln, sich „auszuspinnen“, ist daher kein Erfolgsrezept. Der Konsument jeder Art von Kunst muss auf die Ressourcen zurückgreifen können, die er hat. Was nützt es ihm, eine Kunstform präsentiert zu bekommen, die er nicht begreift?

Raum für Deutungen lassen

Auch deshalb ist es ein überaus wichtiger Teil des Kreativ Seins, Raum für Deutungen zu lassen, nicht zu klar werden zu wollen. Man denke an Lyrik – jeder findet seine eigene Welt in ihr, nicht die des Dichters. Das Mystische und Rätselhafte ist immer ein wichtiger Teil von Kunst. Der Leser nimmt das Mystische überaus dankbar auf, als Raum für die eigene Phantasie. Es erleichtert ihm, sich anzueignen, was der Dichter eigentlich aus seiner eigenen Vorstellungswelt heraus schrieb – und es macht ihn neugierig.

der Autor sucht den Leser

Braucht der Autor den Leser so dringend? Schreiben kann man doch erst einmal ohne!

Jede Kunstform, die keine Beachtung findet, endet. Oder hat sie schon geendet? Wer will eine Aussage über etwas Unbekanntes machen?  Siehe auch Artikel zum Thema: Alles und Nichts – kann das Alles zugleich das Nichts sein?

Kurz: der Autor braucht die Leser. Ohne Leser kein Buch.

Weil der Autor den Leser benötigt, ist gibt es ein Spannungsfeld des Kreativ Seins –  zwischen der grenzenlosen Phantasie des Autors, und dem, was der Leser an Neuem aufnehmen kann – und will.

Kreativ sein: 80 % Bekanntes, 20 % Neues

Wenn man kreativ ist, dann ist es eine gute Regel, nur 20 % dessen was man kreiert, erfindet, erschafft, völlig neu sein zu lassen. Alles andere sollte den geistigen Inhalten des „gesellschaftlichen Wissens“, dem Bekannten, oder sagen wir dem „kollektiven Unterbewusstsein“, entstammen.

Man denke an den Film „Krieg der Sterne“. Für seinen Zukunfts-Sternenkrieg hat der Regisseur George Lucas so viele Anleihen bei der Vergangenheit gemacht, dass uns das Szenario bekannt vorkommt, wenn auch in eine funkelnde, neue Form gebracht. Jedes Detail sagt uns etwas, jeder Name ist assoziativ. Man denke an Darth Vader – den dunklen Vater. Oder an den kleinen und doch so weisen Yoda, der uns an die Worte Jota (wie klein), oder Yoga erinnert. Oder man denke an eine eigentlich uralte Waffe, das Schwert – in diesem Film ist es nicht aus Stahl, sondern aus Licht. Oder man denke an die Abwehrgschütze der Sternenflotte, die nicht zufällig wie Flak-Geschütze aus dem zweiten Weltkrieg aussehen. Man denke auch an das Aussehen von Darth Vader, das, wiederum nicht zufällig, dem Auftreten von Nazi-Größen nachempfunden ist.

Kreativ sein – Würfelbecher der Gedanken

Es ist viel besser, den Leser, den Zuschauer, den Kunstinteressierten, an das zu erinnern was er schon weiß. Zu verlangen, dass sich der Leser  etwas völlig neu aneignen muss, führt einfach zu einem sehr eingeschränkten Leser-Kreis.

Man bedenke auch, dass unsere Vorstellung von Wahrheit so funktioniert, dass wir alles mit dem vergleichen, was wir bereits kennen. Womit sonst? Der so wichtige Aspekt der Authentizität eines Kunstwerkes hängt also davon ab,  dass der Konsument sich in dem wiederfindet, was er konsumiert.

Der Leser, der Beschauer – er muss mit, auf die geistige Reise. Der Autor sucht die Leser, der Kinofilm sucht die Zuschauer. Ohne Leser kein Buch. Ohne Zuschauer kein Film.

Kreativ sein gleicht eher einem Würfelbecher, in dem das Neue sich als die Synthese des Wohlbekannten ergibt, nicht einem Quell, dem völlig Neues entspringt. Man sollte nicht vergessen, die 80 % / 20 % Regel im Hinterkopf zu behalten.

 

Siehe auch Artikel zum Thema: Kreativität – der in uns sprudelnde Quell der Schöpfung

Kreativ sein – die 80 % Regel was last modified: Februar 10th, 2016 by Henrik Geyer

Kreativitätstechniken – wie bin ich am effektivsten kreativ?

Kreativitätstechniken Spruchbild: Einer der Vorteile der Unordnung liegt darin, dass man dauernd tolle Entdeckungen macht.

in diesem Artikel soll es um einige sehr allgemeine Kreativitätstechniken gehen

Kreativitätstechniken: Kreativität als Gewohnheit

Zunächst einmal kann Kreativität zur Gewohnheit werden – vorausgesetzt, man hat eine kreative Tätigkeit. Das berühmte Schraube-Anziehen am Fließband wäre ungeeignet, um Kreativität  zu „lernen“, und zur Gewohnheit werden zu lassen.

Damit Kreativität zur Gewohnheit wird, sollte man möglichst jeden Tag innerhalb einer bestimmten Zeitspanne kreativ sein. Kreativität ist als Arbeit zu sehen, die auch Disziplin erfordert.

Gerade Kreativität braucht einen wachen Geist, und es gibt von Mensch zu Mensch unterschiedliche Tageszeiten, an denen der Quell der Kreativität sprudelt, wie auch nicht-kreative Tageszeiten. Jeder muss für sich ausprobieren, wann die beste Zeit des Tages für kreatives Schaffen ist.

Gedanken würfeln

Eine der wichtigsten Kreativitätstechniken ist es, verschiedenste Einflüsse auf sich wirken zu lassen, zu kombinieren, zusammenzufügen. Vielleicht könnte man auch sagen: Naiv sein ist wichtig, und so zu tun, als wüsste man nichts. Das Vorhandene ist ohnehin nicht, was man sucht.

Warum ist das so? Weil Kreativität nichts anderes ist, als das Neuzusammenfügen von Bekanntem. Wer also glaubt, alles Richtige und alles Schöne gäbe es schon, kann nicht kreativ sein.

Wolfram von Eschenbach, der mittelalterliche Schöpfer des „Parzival“, nannte die Dichtkunst einmal einen „Würfelbecher“ der Schöpferkraft.

nur träumen

Man kann dem Geist aber auch einmal Ruhe gönnen – Kreativität ist letztlich nicht erzwingbar und hat auch wenig mit dem logisch-rationalen Denken zu tun, das wir im Alltag gewohnt sind zu nutzen, z.B. für die Terminplanung.

Wenn man bei einem bestimmten kreativen Problem nicht weiterkommt, dann nicht forcieren! Der Geist, diese unerklärliche und kraftvolle Quelle der Schöpfung, kommt oft von ganz allein auf die mögliche Lösung. Das Problem bleibt irgendwo im Unterbewusstsein – und es wird gelöst.

Ideen sammeln

Weil die besten und kreativsten Ideen manchmal aus dem Nichts auftauchen, weil sie sich oft auf bestimmte Ideen beziehen, die man schon hatte, muss man sich angewöhnen, die Ideen zu sammeln, und zwar sofort, wenn sie auftauchen. Es ist oft schade, wenn sie verloren gehen.

Das ist ganz ähnlich dem Träumen – wenn man Träume nicht sofort aufschreibt, kann man sich manchmal schon im nächsten Augenblick nicht mehr an sie erinnern. Beim besten Willen nicht.

Tun!

Natürlich kann das alles nicht davon ablenken, dass auch kreative Arbeit letztlich Arbeit ist, die Disziplin und Ausdauer erfordert. Kreativität ist eine Art Handwerk.

Welche kreative Aufgabe man auch immer lösen möchte, ob man malt, Musik macht, schreibt, vielleicht Businesses erfindet – was immer; man muss das spezifische Handwerk lernen. Und das geht natürlich nicht ohne Mühe, ohne Tun, ohne Versuche, ohne Enttäuschung.

Man könnte die Fertigkeiten des jeweiligen „Kreativ-Handwerks“ auch selbst als Kreativitätstechniken sehen. Wer auf der Klaviatur seines jeweiligen „Kreativhandwerkes“ zu spielen versteht, hat die besten (handwerklichen) Möglichkeiten, erstaunliche Resultate  zu erschaffen.

siehe auch Artikel Schreibblockade überwinden

 

 

Kreativitätstechniken – wie bin ich am effektivsten kreativ? was last modified: Januar 10th, 2016 by Henrik Geyer