Die Zahl Vier – Symbol für die ganze Welt

Die Zahl Vier, Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Die Vorstellung von den vier Elementen: Feuer, Wasser, Luft und Erde.

Die Zahl Vier – die Diversifizierung der Welt

Ich darf noch einmal erinnern an die Zahl Eins – und die in diesem Beitrag zitierte Passage aus dem taoistischen Werk „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“, indem es um das Entstehen der Welt, vorgestellt als Zahlen, ging.

Siehe auch: Beitrag Die Zahl Eins

Nachdem das kosmische Urprinzip seinen Ausdruck findet in den Zahlen Eins, Zwei und Drei, ebenso wie den uns im eigentlichen Sinn unfassbaren Ausdrücken Null und Unendlich, entdecken wir die Zahl Vier, wenn die Welt beginnt Formen anzunehmen in vier prinzipiellen Vorstellungen – oft bezeichnet als Feuer, Wasser, Luft und Erde.

Nun ist es ja die Eigenschaft des Spirealismus, immer die Verschiedenheit der Vorstellungen zu betonen und zu verdeutlichen – denn ein objektives Außen gibt es nicht. Alles kann daher auch anders gesehen werden – und dem Symbolismus, der Metaphorik, kommt im Spirealismus eine besondere Bedeutung zu.

Ich mag Ouspensky, daher möchte ich auch an dieser Stelle ein Zitat aus einem seiner Werke einfügen – wohlgemerkt stellvertretend für viele mögliche Quellen, aus vielen verschiedenen möglichen Bereichen.

J.P. Ouspensky: A New Model Of The Universe

Aber wie als Gegenstück zu toten Ideen, die nirgendwo sonst existieren, gab es auf der anderen Seite lebendige Ideen, die immer und überall wiederkehren und stets präsent sind, in allem was ich dachte, erfuhr und zu dieser Zeit verstand. Zuerst war da die Vorstellung einer Triade, oder Trinität, die in alles eindrang. Ein weiterer sehr wichtiger Platz wurde durch die Vorstellung von den vier Elementen eingenommen: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Dies war eine reale Vorstellung, und während der Experimente, im neuen Zustand der Bewusstheit, verstand ich, wie alles von der Triade durchdrungen und verbunden war. Doch im Normalzustand verließ mich der Sinn für die Wichtigkeit und die Verbindung dieser beiden Ideen.

Die Zahl Vier könnte man auch so sehen …

Die vier Elemente – Ihre sprachliche Verwandtschaft zu allem was wir kennen Siehe Dahn – die Heldengoetter – entstammen Urprinzipien. In seinen visionären Interpretationen der Tarotkarten beschreibt Ouspensky die Zahl Vier als ein Prinzip, das am Rand eines rotierenden Kreises (die Welt selbst) zu finden ist, so als solle dieser Kreis in seinem Lauf stabilisiert werden … Materie ist das Gerinnen des Geistes..“

 

J.P. Ouspensky: Der Symbolismus des Tarot

Karte 21: Die Welt

Eine unerwartete Vision erschien mir. Ein Kreis, der einer Frucht ähnlich sah, gewoben aus Regenbogen und Blitzen, wirbelte mit erstaunlicher Geschwindigkeit von Himmel zu Erde, mich durch seine Strahlkraft blendend. Und mitten in diesem Licht und Feuer hörte ich Musik und leises Singen, Donnerschläge und das Brüllen eines Orkans, das Rumoren von zusammenstürzenden Bergen, und Erdbeben.

Der Kreis wirbelte mit einem erschreckenden Lärm, die Erde und die Sonne berührend, und, in der Mitte sah ich die nackte, tanzende Figur einer wunderschönen jungen Frau, eingehüllt in ein leichtes, transparentes Tuch, in ihrer Hand hielt sie einen Zauberstab.

Augenblicklich erschienen die vier apokalyptischen Bestien am Rand des Kreises; eins mit dem Gesicht eines Löwen, eins mit dem Gesicht eines Menschen, eins dem eines Adlers und das vierte dem Gesicht eines Bullen.

Die Vision verschwand so schnell wie sie erschienen war. Eine seltsame Stille überfiel mich. Ich fragte mich, was all das wohl bedeutete.

„Das ist ein Abbild der Welt“, sagte die Stimme. „Doch das kann erst verstanden werden, nachdem der Tempel betreten wurde. Dies ist eine Vision der Welt im Kreislauf der Zeit, inmitten der vier Prinzipien. Doch Ihr seht verschieden, denn Ihr seht die Welt außerhalb Eurer selbst. Lernt sie in Euch selbst zu sehen und ihr werdet den unendlichen Grundstoff entdecken, der hinter allen illusorischen Formen verborgen liegt.

Versteht, dass die Welt die Ihr kennt nur ein Aspekt der unendlichen Welt ist, und Dinge und Erscheinungen sind Hieroglyphen der tieferen Ideen.

Der Mensch kommt in seinen Vorstellungen immer wieder auf Urvorstellungen zurück

Der Mensch kommt in seinen Vorstellungen immer wieder auf fundamentalste Urvorstellungen zurück, oft verbunden mit den Elementen Luft, Wasser, Feuer, Erde.

 

Der Philosoph Thales beispielsweise fand als Urgrund und Substrat aller Dinge das Feuchte, das Wasser.

Der Philosoph Anaximenes wiederum sah die Luft als den Urgrund aller Dinge, denn aus dieser entstünde alles, und löse sich auch wieder auf.

Heraklit sagte:

Alles ist Austausch des Feuers und das Feuer Austausch von allem, gerade wie für Gold Waren und für Waren Gold eingetauscht wird.

In der Bibel schließlich ist die Erde (Staub) das, aus dem alles ist:

Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zur Erde kehrst, von der du genommen bist; denn du bist Staub und kehrst wieder zum Staub zurück! (1. Mose 3)

Sprache ist die Vorstellung von der Welt … Sprache ist die Welt

Man kann das Ganze auch wie ein Sprachforscher angehen, der zeigt, dass den Diversifikationen der Worte (und den damit verbundenen Vorstellungen) stets einfache Urworte und Urvorstellungen zugrundeliegen, denn es ist die spirealistische Vorstellung, dass die Worte die Umsetzungen unserer Vorstellungen sind, und, da die Welt(en) im Spirealismus aus Vorstellungen bestehen, sind die Worte ebenso die Welt(en). So gesehen ist die Entwicklung der Worte gleichzusetzen mit der Entwicklung der Welt(en).

Ich habe nun hierfür folgendes Zitat, in dem Felix Dahn (unter anderem) aufzeigt, dass aus der Praxis der Germanen, Zauberzeichen (Runen) in Stäbe einzuritzen, diese in einem Gefäß zu mischen (etwa einem Helm), auf die Erde zu schütten und von dort aufzulesen, das Wort „lesen“ stammt.

(Zauber von zepar; opferbare Tiere, im Gegensatz zu Unziefer, Ungeziefer, welches die Götter verschmähen), Weissagung, Zukunftsforschung, Losung. Man ritzte in Stäbchen von Buchenrinde Zeichen, warf sie (etwa aus einem Helm) zur Erde und las sie einzeln auf (daher „lesen“);

aus: Germanische Heldensagen von Felix Dahn

Empedokles sagte:

… so ist auch die Quelle der irdischen Dinge, so viele uns in ihrer unendlichen Fülle bekanntgeworden sind, nirgendwo anders als in ihren Elementen zu suchen.

 

Damals war die Vorstellung von Grundelementen die von Feuer, Wasser, Luft und Erde. Und, wechselnd, auch einigen anderen, wie z.B. Blut. Heute haben wir im Periodensystem der Elemente etwa 116 Elemente, mit der Tendenz zur allmählichen Steigerung der Anzahl. Haben wir heute ein objektives Wissen vor uns, im Gegensatz zur griechischen Antike? Aus der Sicht des Spirealismus nicht, denn der sieht in der Fortentwicklung einen nie aufhörenden, kontinuierlichen Prozess der Herausbildung der Welt(en).

Das Stück „die Welt“ wird aufgeführt auf der Bühne der vier Dimensionen

Den Pytagoreern wird folgende geometrische Erkenntnis zugeschrieben, die gleichzeitig Erweiterung und Variation dessen ist, was bereits über die Zahlen Eins, Zwei und Drei gesagt wurde:

Eins ist der Punkt.

Die Bewegung des Punktes erzeugt die Linie, das ist die Zwei.

Die Bewegung der Linie erschafft die Fläche, das ist die Drei.

Die Bewegung der Fläche erschafft die Körper, das ist Vier.

Diese (geometrische) Betrachtung kann man als Vorstellung vom Entstehen der Welt sehen, denn die Bühne „der Welt“ ist nach geläufiger Vorstellung der Raum. Die Bewegung ist die Veränderung der Sichtweise (verbunden mit Ortswechsel im Raum), möglich gemacht durch Zeit. Die Körper (Dinge) aus denen unsere Welt besteht werden möglich gemacht durch die Dimensionen, von denen es, zumindest bis vor kurzem, noch vier gab – auch hier finden wir wieder die Zahl Vier.

Nebenbemerkung: Inzwischen wollen Forscher die Zahl der Dimensionen mit 11 angeben, wenn ich da auf dem Laufenden bin, vielleicht sind es inzwischen schon mehr. Ich halte es für unsachgemäß Dimensionen einfach herbeidefinieren zu wollen – der Begriff Dimension, mehr noch als jeder andere Begriff, steht nach meinem Dafürhalten für ein grundlegendes Prinzip, das in der Vorstellungswelt Aller seine Wurzeln haben muss, nicht nur einiger Wissenschaftler, und sich daher nicht aus den Berechnungen von Atomphysikern ergeben kann. 

Die Zahl Vier als die symbolhafte Verkörperung der Welt

So erklärt sich, dass die Zahl Vier eine gewisse Wichtigkeit hat – sie steht, nachdem das Prinzip der Dreifaltigkeit zum ursprünglichen Entstehen der Welt zu rechnen ist, für das Entstehen der Dinge. Die unendlich vielen Dinge, sie beginnen, für das menschliche Denken, für die Sprache, in ganz einfachen Dingen.

So suchen wir beispielsweise immer noch den Kern in jeder Sache. Denken wir an den Atomkern, und seine diversen Kerne (Elektronen, Protonen, Neutronen, Quanten) – so als handelte es sich um den Kern, der man selbstverständlich in einer Kirsche zu finden erwartet.

Der Spirealismus versteht den Menschen als Teil eines ihm übergeordneten Bewusstseins, eines Kontinuums aus Denken, in dem es kein Gestern und kein Morgen gibt, sondern sich stetig entwickelnde und diversifizierende Begriffe.

Daher ist die Sichtweise berechtigt, dass alles, was wir heute denken, auf einige wenige Urvorstellungen zurückgeht, wie Erde, Luft, Wasser, und Feuer. Die Zahl Vier.

Siehe auch: Beitrag Symbolismus – was ist das? Symbolhaftes Denken

Siehe auch: Artikel Monokausal und Multikausal – wie viele Gründe kann man zählen?

Siehe auch: Beitrag Der Mensch möchte zu den Sternen singen

Die Zahl Vier – Symbol für die ganze Welt was last modified: Mai 19th, 2016 by Henrik Geyer

Was ist Zeit?

Was ist Zeit eigentlich?

Zeit ist ein Gradmesser der Veränderung der Welt. oder: Die Zeit ist ein Äquivalent für die Veränderung der Dinge.

Wenn  man das so formuliert, dann ist zumindest klar, dass die Zeit nicht ohne Dinge auskommt. Die Zeit scheint die Veränderung der Dinge zu treiben. Oder ist es umgekehrt? Ist es die Veränderung der Dinge, die den Schritt der Zeit bestimmt?

Was ist Zeit? Der Zeitstrahl

Bei der Frage „Was ist Zeit?“ kommt uns zuallererst der Zeitstrahl in den Sinn, der wohl unserer materialistischen Vorstellung von Zeit recht gut entspricht. Er stellt die Zeit als eindeutig in eine Richtung „fließend“ dar, und zwar ausgehend von einem Punkt (der Beginn von Raum und Zeit – vielleicht als der Urknall), und in die Unendlichkeit sich fortbewegend.

 

Zeitstrahl, Zeit und Kausalität

 

Zeitstrahl umgekehrt

Kann man den Zeitstrahl einfach umdrehen? Allein schon die Darstellung des Zeitrahles, als von rechts nach links gehend, lässt uns das Ganze wie falsch erscheinen, obwohl doch an den Grundaussagen des Zeitstrahles gar nichts geändert wird. Dieses kleine gedankliche Experiment soll einfach zeigen, wie sehr die Zeit eine Denkgewohnheit ist, deren scheinbare Eindeutigkeit längst nicht so festgemeißelt ist, wie wir glauben.

Zeitstrahl umgekehrt, Zeit und Kausalität, Zeitstrahl und Kausalitätsstrahl

Im Zusammenhang mit der Frage „Was ist Zeit?“ könnte man auch die Frage stellen „Was ist Kausalität?“, denn ohne Zeit ist keine Kausalität denkbar. Und umgekehrt. Und auch und gerade bei der  Kausalität könnten wir uns eine Umkehr kaum vorstellen, mindestens ebenso wenig wie bei der Zeit.

Lesen Sie auch: Definition der Zeit

Ähnliches Thema: Ursache und Wirkung – Wirkung und Ursache. Umgekehrte Kausalität

 

Zeit als Punkt

Letztendlich (so ist es natürlich die spirealistische Sichtweise die auf diesem Blog thematisiert wird, und der zufolge es keine Objektivität gibt) kann man keine objektive oder endgültige Aussage über die Zeit machen, da die Welten aus Gedanken entstehen, und damit eine Frage der Vorstellungen sind.

Man kann aber sagen, dass die Zeit eine fundamentale Kategorie des menschlichen Begreifens ist (man nennt die Zeit nicht umsonst „Dimension“ – und verleiht ihr so eine fundamentale Bedeutung), die Bezüge zwischen den Objekten des Denkens herstellt. Die Zeit steht gewissermaßen am Ende der von uns schaffbaren Kausalketten, daher wirkt sie wie rätselhaft und unerklärlich. Sie ist selbst nicht begründbar, sondern sie ermöglicht erst Begründungen, z.B. etwa dieser Form: „A ist möglich, weil B (vorher) da war.“

Weiterlesen: Was war eher da – Ei oder Henne? Was besagt dieses Paradox?

Wenn der Spirealismus das Vorhandensein von Objektivität negiert, dann ist damit auch gesagt, dass die Welt(en) aus Vorstellungen entstehen. Sie sind, als Vorstellungen, natürlich bei weitem nicht so „fest“, wie wir uns Welten aus Materie denken würden, von denen wir annehmen, wir könnten diese Welten aus Materie nur auf eine einzige Art und Weise be-greifen.

Daher dürfen wir uns auch die Zeit ruhig ganz anders vorstellen, als dies landläufig geschieht, ohne in Gefahr zu geraten, der sogenannten Wirklichkeit zu enteilen – jedenfalls ist das aus spirealistischer Sicht so.

Wir können uns die Zeit ruhig vorstellen, z.B. nicht als Strahl, sondern als Punkt. Denn tatsächlich „gibt“ es ja nur das Jetzt als eigentlich „erlebbar“.

Ähnliches Thema: Es gibt nur das Jetzt. Immer ist Jetzt

Weiterlesen: Beitrag Was ist Phantasie? 

 

Die Zeit, vorgestellt als Punkt

Die obige Grafik entstand als Folge der Überlegungen zu Kausalität und Wahrheit, die nach meinem Dafürhalten von der Frage „Was ist Zeit?“ nicht zu trennen sind. Überhaupt führt die Frage nach der Zeit auf das Wesen der Dinge, bzw.  ist es die Frage nach der Art und Weise unseres Denkens.

Visionärer Text Ouspenskys

Vorstellungswelten

An dieser Stelle eine Sichtweise, die der obigen Darstellung der Zeit als Punkt nicht widerspricht, jedoch sehr widersprüchlich zur Vorstellung der Zeit als ein Zeitstrahl ist. Ich weiß nicht, inwiefern sich der Leser dieser Phantasie annähern mag oder annähern kann; es würde nach meinem Dafürhalten erfordern, dass man die Welt grundsätzlich als eine Welt aus Gedanken, aus Vorstellungen sieht (was schon können wir denken, jenseits unserer Gedanken? Man denke auch an Schopenhauer und sein „Die Welt als Wille und Vorstellung“).

Für den Spirealismus ist also die im Folgenden dargestellte Denkweise eine natürliche Folge der eigenen Überlegungen. Denn erstens sieht der Spirealismus alles metaphorisch. Man kann demzufolge alles auch anders sehen, bewerten, sich vorstellen. Denn die Eindeutigkeit der Worte selbst, ist ja bereits Illusion (es gibt nichts Objektives).

Zweitens ist der Gedanke des Spirealismus an „Ich-Universen“ ja letztlich der an voneinander getrennte Ichs, die, was immer sie wahrnehmen, auf verschiedene Art und Weise wahrnehmen. Es gibt also nichts von vorn herein Gleiches – der Eindruck des Gleichen entsteht eben erst durch Abstimmung (Kommunikation), so wie wenn Zahnräder ineinander greifen. Den Berührungspunkt der Zahnräder könnte man beispielsweise als die Uhr sehen.

Drittens gibt es dem Spirealismus zufolge gar keine von uns abgetrennte Außenwelt, wodurch es im eigentlichen Sinn auch keine Objekte gibt, die „in Raum und Zeit“ existieren. Anders formuliert: wir können nichts beobachten, dass von uns selbst (dem Beobachter) unabhängig wäre, also auch keine (von uns unabhängige) Zeit. Was ja wiederum in keinerlei Widerspruch zu Einsteins Vorstellungen von Relativität steht.

Nun aber zu dem, was eigentlich dargelegt werden sollte:

Zeit als ineinander greifende Räder

Der Symbolist Ouspensky schuf einen visionären Text über die Zeit, an den ich oft denken muss, und der ein bestimmtes Bild in der Phantasie entstehen lässt, das (mir) ebenso geheimnisvoll wie wahr erscheint. Ouspensky bespricht in dem Buch „A new model of the universe“ die Tarotkarte „Mäßigkeit“, auf der ein Engel abgebildet ist, der zwei Kelche in Händen hält.

Der Name des Engels ist Zeit. …

Der eine Kelch in den Händen des Engels ist die Vergangenheit, der andere ist die Zukunft. Der Regenbogenstrom zwischen den Kelchen ist die Gegenwart. Du siehst, dass er in beide Richtungen fließt.

Dies ist Zeit in ihrem unverständlichsten Aspekt. Die Menschen meinen, dass alles stets nur in eine Richtung fließt. Sie sehen nicht, dass sich alles ständig trifft und dass die Zeit eine Vielzahl sich drehender Kreise ist. Verstehe dieses Mysterium, und lerne die gegensätzlichen Strömungen im Regenbogenstrom der Gegenwart zu unterscheiden.

aus: A new model of the universe, von P.D. Ouspensky

 

Als Illustration für den Text Ouspenskys habe ich das (unten wiedergegebene) Bild zweier Strohballen gefunden – man hätte hierfür auch Zahnräder nehmen können. Doch gerade die Strohballen machen, wie ich finde, das chaotische Durcheinander der Vorstellungen innerhalb eines Kosmos aus Geist deutlich. Wo sich die Strohalme treffen, da entsteht innerhalb des Getrennt-Seins der Eindruck des Gemeinsamen – auch der gemeinsamen Zeit, die doch in Wirklichkeit nicht gemeinsam ist. Die Zeit trennt und verbindet die verschiedensten Galaxien der Vorstellung, die ihrerseits wieder zahllose (durch uns nicht zählbare, d.h. unendliche) Strömungen enthalten – sie wirbeln einerseits gegensätzlich durcheinander, aber sie treffen sich auch immer wieder.

Spruchbild: Zeit ist eine Vielzahl sich drehender, ineinandergreifender Kreise mit gegensätzlichen Strömungen, die sich in vielen verschiedenen Punkten treffen. Wir Menschen können nur einen Punkt sehen, doch das bedeutet nicht, es gäbe nur einen.

Ein wenig störend wirkte mir zuerst die Überlegung, dass die Illustration doch idealerweise die 3D-Verflechtung der verschiedensten Strömungen darstellen sollte, während das Bild der Strohballen zweidimensional wirkt. Doch andererseits ist ja auch die Dreidimensionalität lediglich eine Vorstellung und durch eine noch so komplizierte Verbildlichung würde der Phantasie, die doch die eigentliche Arbeit zu tun hat, nicht geholfen.

Im Grunde kann man, so mag mancher mit Recht einwenden, wieder zu Ouspenskys Tarotkarte zurückgehen.

 

 

Was ist Zeit? was last modified: Mai 4th, 2016 by Henrik Geyer

Tarot: Der Mond. Symbolismus des Ouspensky

Tarot: der Mond. Symbolismus der Tarotkarte "Der Mond"

Tarot: Der Mond

Tarot: Der Mond – diese Karte steht für das Geheimnisvolle.

Was Tarot so besonders wertvoll macht, ist sein Symbolismus. Der Ausdruck der Karten ist verschlüsselt in Sinnbildern. Diese Sinnbilder haben eine starke suggestive Wirkung – sie sind aber keineswegs „klar“. Was eine Tarotkarte bedeutet, ist abhängig von Demjenigen, der sie sieht.

Was ist Symbolismus?

Symbolismus ist für mich sehr wichtig. Symbole sind Zeichen, die für etwas (anderes) stehen. Symbole sind im Ursprung Zeichnungen. Aber man bedenke: Auch Worte sind Symbole. Chinesische Schriftzeichen sind zum Beispiel im Ursprung Zeichnungen, die zu Schrift wurden. Das ist auch heute noch an den chinesischen Schriftzeichen gut zu erkennen.

Kalligraphie ist Schrift, die zu einer Zeichnung bzw. Malerei wird. So sind schließlich Worte auch Symbole. Sie stehen für etwas. Doch sehen wir genauer hin, stehen sie immer für Vieles, das in seiner Vielfalt letztlich nicht begrenzbar ist. Symbolismus ist also die Frage nach den Bedeutungen in den Zeichen und Dingen. Symbolismus ist zugleich die Anerkenntnis der Tatsache, dass sich vielfältige Bedeutungen in allem finden lassen, was der Geist zu erfassen vermag.

Die Vorstellung, dass ETWAS für ETWAS ANDERES steht, das sich selbst nicht anders definieren lässt, ist eine materialistische Vorstellung. Dem Materialismus zufolge sind die Dinge in Eindeutigkeit in Materie definiert – so dass der Geist sie nur spiegelt. Der Materialismus setzt daher voraus, das Vorgestellte und das Reale seien strikt auseinander zu halten. Daher gäbe es stets nur EINEN „richtigen“ Namen für jede Sache, ebenso wie EINE „richtige“ Beschreibung. Symbole seien daher etwas anderes als jeder normale Begriff.

Doch – können wir denn tatsächlich so gut unterscheiden, zwischen dem, was die Dinge „wirklich“ sind, und dem, was sie letztlich nur durch unseren Blick auf sie sind? Und die vielfältigen (anderen) Bedeutungen, die so jederzeit entstehen können? Nach meiner Auffassung nicht. Daher ist ALLES auch ein Symbol. ALLES steht auch für etwas anderes. NICHTS kann man nur auf eine Art sehen. ALLES hat unendliche Aspekte. ALLES ist auch symbolhaft. Zitat Goethe: Jedes Existierende ist ein Analogon alles Existierenden; daher erscheint uns das Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und verknüpft.

Es kann zu einer Denkgewohnheit werden, die Bedeutungen hinter den Namen zu erfragen, die Dinge, hinter den Symbolen. Das gilt für jede Sache. Der Denk-Reichtum vieler Welten erwächst daraus. Ganz im taoistischen Sinn: Die Welt ist eine Welt aus zehntausend Namen. Welche Namen finde ich noch? Welche Welten finde ich noch? Was bedeutet irgendein Wort oder eine Sache… für mich?

Eines der bekannteren Bücher Ouspenskys heißt „Symbolismus des Tarot“. Das Kartenspiel Tarot hat starke Symbole. Symbole, die das kollektive Unterbewusstsein ansprechen. Das bedeutet – jeder kann der suggestiven Kraft dieser Symbole nachspüren, und wird sicher fündig werden.
Hier meine Übersetzung der Ouspensky-Interpretation der Karte Tarot: Der Mond. Und hier auch meine bildliche Umsetzung.

Ouspensky: Der Symbolismus des Tarot: Der Mond

Eine öde Ebene erstreckte sich vor mir. Der Vollmond schaute auf mich, in überlegender Zögerlichkeit. In ihrem schwankenden Licht lebten die Schatten ihr eigenes, merkwürdiges Leben.

Am Horizont sah ich blaue Berge. Durch sie hindurch, fern am Horizont, wand sich ein Pfad, der zunächst zwischen zwei grauen Türmen hindurch verlief. Auf beiden Seiten des Pfades saßen ein Wolf und ein Hund, die den Mond anheulten. Ich erinnerte mich, dass Hunde an Diebe und Geister glauben. Ein großer schwarzer Krebs kroch aus einem Bach in den Sand. Schwerer, kalter Tau senkte sich herab.

Furcht befiel mich. Ich spürte die Gegenwart einer unheimlichen Welt, einer Welt von feindlichen Seelen, eine Welt von Leichen, die Gräbern entsteigen. Eine Welt von irrlichternden Geistern. In diesem fahlen Mondlicht konnte ich die Gegenwart von Geisterscheinungen spüren. Manche beobachteten mich aus der Ferne, noch von jenseits der Türme. Und ich wusste, es würde gefährlich sein, zurückzuschauen.

Ouspensky: The Symbolism of the Tarot – The Moon

A desolate plain stretched before me. A full moon looked down as if in contemplative hesitation. Under her wavering light the shadows lived their own peculiar life.

On the horizon I saw blue hills, and over them wound a path which stretched between two grey towers far away into the distance. On either side the path a wolf and dog sat and howled at the moon. I remembered that dogs believe in thieves and ghosts. A large black crab crawled out of the rivulet into the sands. A heavy, cold dew was falling.

Dread fell upon me. I sensed the presence of a mysterious world, a world of hostile spirits, of corpses rising from graves, of wailing ghosts. In this pale moonlight I seemed to feel the presence of apparitions; someone watched me from behind the towers,—and I knew it was dangerous to look back.

Tarot: Der Mond. Symbolismus des Ouspensky was last modified: Dezember 2nd, 2015 by Henrik Geyer