Was bedeutet „Alles fließt“?

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Alles fließt, Heraklit

Was bedeutet eigentlich das „Alles fließt“ des Heraklit (griech. Philosoph, geboren um 520 v. Chr.; gestorben um 460 v. Chr.)?

„Alles fließt“ als: Alles befindet sich in Bewegung

In seiner offensichtlichen Bedeutung heißt es, dass alles im Fließen begriffen ist, im Werden und im Vergehen. Das gilt für alles Leben und auch den Menschen, aber auch für jedes Ding, auch wenn es uns noch so fest und statisch erscheinen mag.

Weil nichts in Endgültigkeit „vorhanden“ ist, weil alles in der Zeit existiert, mit Vergangenheit und Zukunft, läßt sich „Alles fließt“ interpretieren als:

Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.
August Bebel

Das bedeutet: Wahres Verständnis für die Dinge ist Verständnis ihres Zusammenhanges mit anderen Dingen. Andere Dinge – das sind völlig verschiedene Dinge, aber auch dieselben Dinge, die in ihrem Wandel in der Zeit immer neue Formen annehmen. Man denke an Staaten, oder an die Dinge die uns umgeben .. man denke an die Menschen, oder an sich selbst.

„Alles fließt“ als: Grenzenlosigkeit in Zeit und Raum

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Die Schöpfung ist ein Werden ohne Anfang und ein Vergehen ohne Ende.Wenn man das Konzept des Fließenden vor Augen hat, dann erschließt sich auch die Endlosigkeit des Seins – das Sein als Kreislauf. Denn alles Fließende ist, als Objekt betrachtet zwar endlich, aber „hinter unserem Rücken“, unserem Blick verborgen, schließt sich ein Kreis, und, was scheinbar endgültig an uns vorbeifloss, kehrt in anderer Form, zum Beispiel als Wolke, als Regentropfen, oder wieder als Fluss, zu uns zurück. Wir sehen die Dinge einzeln, sehen Quellen entspringen und Flüsse ins Meer münden, aber  alles hängt endlos mit allem zusammen. Wenn man die verschiedenen Formen in den Zusammenhang zu bringen weiß, erhält man eine Ahnung von der Schöpfung. Von einem  Werden, das ohne Anfang ist, und einem Vergehen, das ohne Ende ist.

„Alles fließt“ als: Es gibt nichts Objektives

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Heraklit … Man kann nicht einmal in denselben Fluss steigen.Alles fließt in seiner tieferen Bedeutung leitet uns zu wahrem Verständnis der Dinge, indem wir feststellen, dass nichts in seinem Wesen, als endgültige Entität, erkannt werden kann, oder existiert.

Es ist das

Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen
Heraklit

… es bedeutet, dass der Fluss als solcher nicht in einem endgültigen Sinn „vorhanden“ ist, da er sich von Moment zu Moment konstituiert. Und das gilt für alle Dinge, denn es heißt ja „alles fließt“, und nicht: „Manches fließt und anderes nicht“. Dass alles fließt ist allerdings eine Vorstellung, die wir von den Dingen in der materialistischen Denkweise nicht haben, eine Vorstellung, die, weil sie uns im Grunde so unzugänglich ist, uns die Begrenztheit unseres Denkens anzuzeigen vermag.

„Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ des Heraklit wird zu „Man kann nicht einmal in denselben Fluss steigen“ des Plato. Es wird zu der Frage nach den Dingen in ihrem wirklichen Wesenskern und Immanuel Kants Feststellung, dass die Dinge „an sich“ nicht erkennbar sind.

Auch das kleinste Ding hat seine Wurzel in der Unendlichkeit, ist also nicht völlig zu ergründen.
Wilhelm Busch

 

So kann man „Alles fließt“ verstehen:

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Nichts hört je vollständig auf zu sein, was es einmal war, es sei denn, es wäre nicht mehr. Nichts kann je etwas vollständig anderes werden, als es ist, es sei denn, es hörte auf zu sein.

Man kann den Satz „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ auch umdrehen: Nichts hört je vollständig auf zu sein, was es einmal war, es sei denn, es wäre nicht mehr. Man kann das so verstehen: Wenn es etwas gibt, das in der Vergangenheit wurzelt (und für welches Ding würde das nicht gelten?), dann ist das, was es ist, auch darin zu sehen, was es einmal war…

 

Nichts ist in Vollständigkeit abgrenzbar, eingrenzbar, als Menge oder Form nur auf einem Wege erkennbar.

So ist ein Fluss alles was in ihm fließt, man stelle sich das als das Allerverschiedenste vor: Wasser, Erde, Blätter, ein Mensch … Was der Fluss ist, ist das, was in ihm fließt – man kann eigentlich nichts weglassen, ohne die Vollständigkeit zu mindern. Und es sind all diese Dinge in ihrer Stellung zueinander … man stelle sich das vor, und so gewinnt man einen Eindruck eines komplexen, nie in Gänze erfassbaren Zusammenhanges. Sondern alles kommt für den Menschen in dem einen Wort zusammen, mit dem er meint, das „Ding“ umfassend zu beschreiben: Der Fluss.

Was für den Fluss gilt, gilt für jedes Ding. Für den Stein am Straßenrand, für das Tier, natürlich für den Menschen, für das Universum.

Dasselbe lässt sich über die Worte unserer Sprache sagen – jedes einzelne Wort gewinnt seine Bedeutung nur aus dem Zusammenhang mit anderen Worten, aus der Stellung zu ihnen. Eine Konstellation, die nie aufhört und nie aufhören kann, zu variieren. Die Worte sind letzten Endes wie die Dinge – die Worte sind die Dinge. Denn die Gedanken, die uns Kunde geben von den Dingen, sind am Ende das, was wir „über“ die Dinge wissen und (in Worten) zu sagen haben. Nichts anderes.

Ähnliches Thema: Artikel Sind die Gedanken bei den Dingen? Ist das Denken von den Dingen gleich den Dingen?

Auch die Zahlen, auch wenn sie uns vollkommenste Eingrenzbarkeit suggerieren, unterscheiden sich darin nicht von den anderen Worten, denn ohne das Begreifen der Dinge sind uns die Zahlen sinnlos. Die Zahlen sind die Dinge, in ihrem universellsten Sinn.

Lesen Sie auch: Mengenlehre, Worte, Zahlen. Sind Zahlen objektiver als Worte?

Siehe auch: Artikel Erkenntnis – was ist das? Die Chance und der Preis des Erkennens.

Ähnliches Thema: Viele Welten statt einer Welt – eine philosophische Viele Welten Theorie

Ähnliches Thema: Beitrag Spiritualität leben – wir sind spritituelle Wesen

Was bedeutet „Alles fließt“? was last modified: Juni 21st, 2016 by Henrik Geyer

Zeitstrahl

Zeitstrahl, Zeit und Kausalität

Gemeinhin wird der Fortgang der Zeit anhand des sogenannten Zeitstrahles dargestellt. In diesem Artikel geht es um die Frage, wie wir uns Zeit vorstellen, und wie diese Vorstellung mit der geometrischen Figur eines Strahles verbunden ist.

Der Zeitstrahl

Wie das obige Bild eines Zeitstrahles zeigt, gibt es die Vorstellung von der Zeit, sie fließe in einem kontinuierlichen Fluss, der nur eine Richtung hat, von der Vergangenheit in die Zukunft.

Wie die geometrische Figur „der Strahl“, denkt man, die Zeit ginge aus von einem bestimmten Punkt in der Vergangenheit – in unserer jetzigen Denkweise repräsentiert durch den Urknall – als dem Beginn von Raum und Zeit.

In die Zukunft hinein stellt man sich die Zeit als unbegrenzt vor … ganz so, wie es die geometrische Figur  des Strahles suggeriert: auf der einen Seite begrenzt, auf der anderen Seite aber unbegrenzt.

Der Zeitstrahl besagt auch folgendes: Die Vergangenheit ist eindeutig, sie ist repräsentiert durch die Punkte, die sich auf dem Strahl eintragen lassen. Nennen wir als Beispiel: 1492, Entdeckung Amerikas durch Kolumbus. Die Vergangenheit geht von einem bestimmten Punkt aus, dem Beginn der Zeit und ist bemessbar, und zwar als die Spanne zwischen dem Beginn der Zeit und der Gegenwart.

Auch die Zukunft wird eindeutig sein, so folgert man aus dem Zeitstrahl, sie ist ebenfalls repräsentiert durch die Punkte, die sich auf dem Strahl eintragen lassen. Allerdings ist der Strahl nach rechts hin offen, wodurch eine Unendlichkeit von Punkten eingetragen werden könnte.

Man muss allerdings sagen, dass, im Gegensatz zu dieser Vorstellung, auch die Vergangenheit letztlich durch eine Unendlichkeit von Punkten repräsentiert wird, denn auf dem Strahl lassen sich auch nach links hin unendlich viele Punkte finden, im kleinsten, und wieder kleinsten Maßstab (infinitesimal).

Übrigens ist es eine weitere, sicherlich von niemandem bestrittene Vorstellung, die der Zeitstrahl suggeriert, dass die Gegenwart in einem Punkt zusammenkommt – dem Jetzt.

Noch ein Letztes sei bemerkt: Es ist unsere Vorstellung des Fließens der Zeit, sie würde in eine bestimmte, nicht anders denkbare, Richtung fließen. Im Zeitstrahl repräsentiert durch die selbstverständliche Flussrichtung „von links nach rechts“, ganz so, wie es unsere Gewohnheit ist, zu lesen. Bereits die Vorstellung, die Zeit flösse von rechts nach links, würde uns bereits ein wenig verwirren – und zwar nur am Zeitstrahl.

Warum hat die Zukunft kein Ende, wenn doch die Vergangenheit einen Anfang hat?

Warum ist das so? Weil das Bewusstsein quasi die Unterschiedlichkeit der Objekte des Denkens ist. Wahrgenommen als die Zeit. Das Bewusstsein kann kein Ende der Zeit erfassen. Die Voraussetzung des Wahrnehmens (im Bewusstsein) sind Objekte des Denkens, ist Zeit. Das Ende der Zeit wäre das Ende des Bewusstseins.

Aus der Sicht des Menschen ist hier keine Grenze zu ziehen.

Aus demselben Grund könnte man natürlich fragen, wie der Mensch überhaupt darauf kommt, er könnte die Feit in der Gegenrichtung begrenzen …

Zeitstrahl und Kausalitätsstrahl

Zeit und Kausalität hängen eng zusammen.- Ohne das Eine nicht das Andere. Ohne Zeit kein Vorher und kein Nachher – die Zentralbegriffe der Kausalität. Vorher, das wäre der Grund, die Ursache. Nachher, das wäre das Ziel oder die Folge.

Die Zeit und alle anderen Vorstellungen unserer Welt stehen somit in einem fundamentalen Zusammenhang. Man mag fragen: Wozu dieses Abhandeln von bloßen Vorstellungen? Die Antwort wäre: Was können wir Menschen denn denken, was über unsere Vorstellungen hinaus geht? Insofern (und das ist ja der Grund dieses Artikels) geht es um eben Vorstellungen. Worum sonst?

Zeit und Kausalität, Zeitstrahl und Kausalitätsstrahl

Siehe auch: Artikel Die semantische Natur der Dinge

Lesen Sie auch: Beitrag Zeit Rätsel: Was ist Zeit?

Ähnliches Thema: Sprüche Zeit – Über die Zeit

Ähnliches Thema: Beitrag Tarot: Der Mond. Symbolismus des Ouspensky

Zeitstrahl was last modified: Juni 6th, 2016 by Henrik Geyer