Schmetterlingseffekt – die Welt als Zufall

Schmetterlingseffekt

Der Schmetterlingseffekt legt etwas nach materialistischem Verständnis ganz Erstaunliches nahe: die Ursache für ein (jedes) Ereignis könnte in einem ganz unscheinbaren Mikroereignis liegen. Und damir nicht in einem eindeutigen, deutlichen, großen, nachvollziehbaren Ereignis, sondern einem geradezu beliebigen.

Was ist der Schmetterlingseffekt?

Der Schmetterlingseffekt ist ein Gedankenexperiment – der Schmetterlingseffekt bezeichnet die Wirkung (den Effekt), den der Flügelschlag eines Schmetterlings haben könnte. Denn auch der Flügelschlag eines Schmetterlings hat schließlich seine Auswirkungen, die sich weiter und immer weiter fortpflanzen, auch der Schmetterling gehört zu dieser Welt und kann somit nicht von dem in der Unendlichkeit wurzelnden System aus Wirkbeziehungen getrennt werden, von dem wir uns umgeben glauben …

So gesehen könnte der Flügelschlag eines Schmetterlings an anderer Stelle (eine Stelle, die man vielleicht nicht mit dem Schmetterlings-Flügelschlag in Verbindung bringen würde) Entscheidendes bewirken. Der Flügelschlag eines Schmetterlings könnte der entscheidende Grund für Leben oder Tod eines Menschen sein. Weltreiche könnten entstehen oder untergehen, aufgrund eines Schmetterlings, etc..

 

Ein Beispiel: Eine Präsidenten-Wahl geht äußerst knapp aus. Am Ende ist es der Bürger John Smith in Wyoming, der dafür verantwortlich ist, dass Anwärter X an die Macht kommt. Während Anwärter Y für Ausgleich stand, zettelt X einen Weltkrieg an …

Und dabei war es Zufall, dass John Smith am Wahltag überhaupt zur Wahl ging. Der Motor seines Autos war kaputt, und er hatte sich schon in seine Stube gesetzt, in der Meinung, nun doch nicht zum Wahlbüro zu fahren. Doch da kam zufällig Tante Amely vorbei und fragte John, ob sie ihn mitnehmen solle.

Sichtweisen

Quantität und Qualität

Der Schmetterlingseffekt steht, gerade das genannte Beispiel macht das deutlich, in Verbindung mit dem in der Philosophie seit antiker Zeit betrachteten Effekt, dass auf wundersame Weise aus einer quantitativen Änderung sich schließlich die Änderung einer Qualität ergibt.

Aus Frieden wurde Krieg – was genau war der Grund? War es Smith? Oder Tante Amely? Oder waren es die Freundinnen von Amely, die diese an jenem Wahltag zum Kaffeekränzchen eingeladen hatten, woraufhin Amely mit ihrem Auto losfuhr, und an John Smith’s Haus vorbeikam?

 

Ein weiteres Beispiel: An einem Damm steht das Wasser bis zum Rand. Es fällt noch ein Tropfen ins Wasser – am Damm bricht sich ein kleines Rinnsal Bahn, das Sandkörner mitreißt, wodurch mehr und immer mehr Wasser nachströmen kann. Der von Moment zu Moment stärker werdende Strom entwickelt mit der Zeit Macht und Energie … ein Dammbruch ist die Folge.

So wird durch eine quantitative Änderung die Änderung einer Qualität bewirkt – das stetige Fallen von Regentropfen lässt aus einer nutzbringenden Anlage zur Stromerzeugung (der Damm gehörte zu einem Wasserkraftwerk) eine Katastrophe hervorgehen.

 

Oder man denke an den Vorgang des Sparens. Man spart und spart, fährt Fahrrad, plötzlich hat man genug Geld um sich ein schickes Auto zu kaufen …

 

Warum nannte ich diesen Effekt „wundersam“? Weil er uns letztlich nicht begründbar ist, siehe Schmetterlingseffekt. Wer ist der Mensch oder das Ding, das letztlich für Krieg oder Frieden die Verantwortung trägt?

Welches ist der Tropfen, der das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringt?

Welches ist der Cent, der schließlich den Kauf des Autos ermöglicht?

Und was ist der Effekt? Dieselbe Betrachtungsweise lässt sich nämlich auch umgekehrt anstellen – nicht auf die Vergangenheit, den Grund gerichtet, sondern auf die Zukunft und die Wirkung (den Effekt).

Ist der Effekt des Sparens und des Autokaufs nun eine Erleichterung der Wege im Alltag, das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit wenn man im offenen Wagen durch die Landschaft rast, oder vielleicht ein Herzinfarkt durch die Sitzerei im Auto – wo man doch früher radelte?

 

Einem weisen Mann lief eines Tages ein Pferd zu.

Man gratulierte ihm ob dieser glücklichen Fügung. Doch der weise Mann sagte: „Wer weiß, wer weiß … “

Der weise Mann ritt in der Folgezeit auf dem Pferd herum und freute sich daran. Doch eines Tages viel er vom Pferd und brach sich ein Bein.

Wieder kamen die Leute zu ihm, um ihn zu bedauern. Doch er sagte wieder: „Wer weiß, wer weiß … “

Weil der Weise krank darniederlag konnte er an einem bestimmten Tag nicht zum Markt gehen, wie es sonst seine Gewohnheit war. Doch an diesem Tag brach in der Markthalle ein Feuer aus, viele wurden verletzt.

Er sei ein Glückspilz sagte man ihm, doch der weise Mann erwiederte wieder: „Wer weiß, wer weiß … “

… u.s.w..

 

 

Der Narr hält sich für weise, aber der Weise weiß, dass er ein Narr ist.
William Shakespeare

 

Zufall

Der Schmetterlingseffekt ist mit dem Zufall verbunden. Das Gedankenexperiment des Schmetterlingseffekts zeigt uns, dass es nicht gelingen kann, den letzten Grund (und die letzte Wirkung) für irgendetwas zu finden.

Auch das kleinste Ding hat seine Wurzel in der Unendlichkeit, ist also nicht völlig zu ergründen.
Wilhelm Busch

Und etwas, das uns nicht erklärlich ist, für das wir keinen Grund finden können und das uns daher unberechenbar ist, nennen wir „zufällig“.

Wahrscheinlichkeit

Den Zufall wiederum glauben wir mit dem Begriff der Wahrscheinlichkeit ausschalten zu können. Die Wahrscheinlichkeit nimmt eine später eintretende Wahrheit (Ereignis, Effekt) vorweg, indem sie postuliert, sie müsse mit einer bestimmten Notwendigkeit eintreten.

Somit wird die (noch verschwommen erscheinende) Wahrheit der Zukunft zur Wahrheit des Jetzt.

Man kann das alles aber auch viel einfacher sehen – als eine Sichtweise, der der Mensch ohne eigenes Zutun ohnehin unterliegt, während wir die Wahrscheinlichkeit als unsere menschliche Erfindung sehen. Sehen wir beispielsweise wie sich ein Apfel vom Ast löst, erwarten wir, dass er im nächsten Augenblick auf der Erde auftrifft. Der Wahrscheinlichkeitstheoretiker würde sagen: „Der Apfel trifft mit der Wahrscheinlichkeit 1 (also völlig sicher) auf der Erde auf, wenn er sich einmal vom Ast gelöst hat.“

Wahrscheinlichkeit ist Zufall – Die Welt als Zufall

Doch für die Wahrscheinlichkeit und die Wahrscheinlichkeitsrechnung läßt sich wiederum sagen, was wir bereits für „jedes Ding“ postulierten: auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung hat ihre Wurzeln in der Unendlichkeit und ist nicht zu ergründen, bzw. zu begründen.

Es ist Zufall, welche Grundprämissen man der Berechnung einer Wahrscheinlichkeit zu Grunde legt – und welches Ergebnis man demzufolge erhält. Ob oder ob nicht eine bestimmte Wahrscheinlichkeit überhaupt zur Berechnung kommt, ist wiederum nicht zu begründen – und damit Zufall. Ob man eine Wahrscheinlichkeitsrechnung anstellt, könnte man wiederum als das Ergebnis einer Wahrscheinlichkeit ansehen.

Und … was schließlich ist eine Wahrscheinlichkeit, die niemand kennt, niemand denkt? Was ist ein Knacken im Wald, das niemand hört? Ist es „da“ oder nicht?

 

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Weil es nichts gibt, das nicht in der Unendlichkeit wurzelt und daher letztlich unergründlich, unberechenbar und zufällig ist, ist die Summe aller Dinge, die Welt, zufällig vorhanden.Und schließlich: Wenn es nichts gibt, das nicht in der Unendlichkeit wurzelt und das daher letztlich unergründlich ist, dann ist die Summe aller Dinge, also die Welt, auch zufällig vorhanden, nicht wahr? Zumindest aus menschlicher Sicht.

 

 

 

spirealistische Sichtweise

Der Schmetterlingseffekt ist in der spirealistischen Sichtweise überaus selbstverständlich, denn hier kommen die Dinge durch den Gedanken in die Existenz. Was immer ein Gedanke erfasst kommt damit auch in eine Existenz. Was immer ein Gedanke erfasst kann als der Grund von etwas Anderem verstanden werden. Umgekehrt: Was ein Gedanke nicht erfasst kann auch niemals als der Grund von etwas anderem verstanden werden.

Alles Beliebige kann der Grund für etwas anderes sein – weil sich eine Grenze der Gedanken aus menschlicher Sicht niemals ziehen lässt. So kann selbstverständlich auch der Flügelschlag eines Schmetterlings der Grund für etwas sehr Gravierendes sein – vorausgesetzt, das Denken verleiht dieser Logik Existenz. Es ist die spirealistische Grundauffassung, die Welt als Sichtweise zu verstehen – die Welt kommt durch den Gedanken erst in die Existenz.

Anders gesagt: der Mensch ist nicht Beobachter einer äußerlichen Realität, sondern Erschaffer – allerdings nicht gemeint als eine Art Gott. Er ist nicht Beobachter der Schöpfung, sondern Element der Schöpfung. Die Realität, gibt es, abgetrennt von seinem Gedanken, nicht noch einmal „extra“, in objektiver Form.

 

Das angeführte „zufällige Vorhandensein der Welt“ ist im Übrigen letztlich die Umformung des Gedankens an fehlende Objektivität. Es ist das Ding „an sich“ des Kant, das sich nicht finden lässt. Es ist das „Alles fließt“ des Heraklit. Nichts ist erfassbar, das nicht auch anders gesehen werden könnte. Warum also erfassen wir es gerade so, wie wir es erfassen? Warum glauben wir an eine völlige Bestimmtheit eines Dinges das wir beobachten? Weil wir in der materialistischen Sichtweise meinen, ein in sich definiertes Außen vor uns zu haben, wenn wir etwas (ein Ding) beobachten. Doch wir sehen eigentlich: Die Dinge sind nicht ergründlich. Und aus unserer Sicht ist die Welt ein Zufall.

Nebenbemerkung: übrigens ist „die Welt“ in der spirealistichen Sichtweise nicht die Summe aller Dinge, sondern ein Objekt des Denkens wie jedes andere. 

Oder hat Gott einen Plan? Die materialistische Weltanschauung sagt: „Ja!“ Denn „Gott würfelt nicht“, wie Einstein formulierte. Doch der Schmetterlingseffekt ist eine Spielart jener Paradoxien, die das materialistische Weltbild hervorbringt und es gleichzeitig wanken lassen. Der Schmetterlingseffekt ist ein Gedankenexperiment, das uns über die Wurzeln der Dinge unserer Welt(en) Auskunft gibt, und uns gleichzeitig rätseln lässt.

 

Ähnliches Thema: Artikel Was ist Wahrheit? Wahrheit als Weltanschauung.
Siehe auch: Artikel Letzte Wahrheit – gibt es sie?

Lesen Sie auch: Beitrag Wahr – Schein. Wahrschein. Wahrscheinlichkeit

Weiterlesen: Artikel Die Wahrheit ist das, was im Fernsehen läuft

Schmetterlingseffekt – die Welt als Zufall was last modified: Juni 8th, 2016 by Henrik Geyer

Kausalkette – philosophisch (spirealistisch) gesehen

Die Kausalkette in der kritischen Betrachtung. Wie wird sie landläufig gesehen – wie sieht sie der Spirealismus?

Was ist eine Kausalkette?

Kausalkette mit einer Ursache-Wirkung-Beziehung: monokausal

Kausal ist unser Wort für die Vorstellung, dass alles auch einen Grund hat. Man könnte auch sagen, es ist die Vorstellung, dass einem beliebigen Ereignis (Phänomen) des Jetzt immer ein Ereignis vorausging, dass man als Ursache des Ereignisses im Jetzt ansehen kann. Causa=der Grund

Weil wir an Objektivität (Bestimmtheit) glauben, sieht unsere Vorstellung von Kausalketten in der Regel recht eindimensional aus. Es ist die Vorstellung, dass ein Ereignis genau einen Grund hat. So, wie in der Grafik unten abgebildet, wo ein „monokausaler“ Zusammenhang abgebildet ist.

Für die Zukunft gilt dasselbe „monokausale“ Prinzip. Betrachten wir vom Jetzt aus die Zukunft, dann ist ein Phänomen, das wir im Jetzt feststellen, der Grund für ein Phänomen, das wir in der Zukunft erwarten. Die Wahrheit, die wir am Phänomen des Jetzt feststellen, führt somit (mit einer gewissen, jedoch nicht festen Notwenigkeit, d.h. also Wahrscheinlichkeit) zu einem Phänomen in der Zukunft.

Monokausal

 

Ursache und Wirkung, Vergangenheit und Jetzt, Jetzt und Zukunft

Es soll ja in diesem Beitrag um das spirealistische Verständnis von Kausalketten gehen, das abweicht, von dem materialistischen. Der Spirealismus sieht die Welt nicht als eindeutig bestimmt. Das geht schon aus von dem Grundgedanken des Spirealismus: dem Fehlen von Objektivität. Also: wenn es im Jetzt keine Eindeutigkeit der Dinge gibt, ist also das zu beobachtende Phänomen nicht einfach „da“, sondern vielfältig da. So gesehen gibt es auch keine eindeutige Ursache-Wirkung-Beziehung.

Um dies anhand der typischen Vorstellungen von Kausalketten (typisch für den Materialismus sind die eindeutigen, monokausalen, Zuordnungen: dies ist die Ursache – hier ist die Wirkung) darzulegen, bedarf es einiger Überlegungen, die schlicht die Deutungsvielfalt dessen zeigen sollten, was wir gemeinhin als „gegeben“ annehmen.

Zunächst kann man sehen, dass Ursache-Wirkung-Beziehungen in beide Richtungen, in die Vergangenheit und in die Zukunft, auf gleiche Weise vorstellbar sind. Daher habe ich die obige Grafik umgedreht, und aus der Zukunft wurde Vergangenheit. Das bedeutet, ein Phänomen des Jetzt führt logisch zurück auf eine Vielzahl von möglichen Ereignissen in der Vergangenheit; eben nicht eines, sondern viele.

Kausalkette, Kausalität, spirealistisch verstandenDie Kausalität ist umkehrbar

Betrachtet man die Ursache-Wirkung Beziehung von verschiedenen Standpunkten, geraten die Worte „Ursache“, „Ereignis“, „Phänomen“, „Folge“, „Effekt“, „Konsequenz“ durcheinander.

Jede Ursache, die in der Vergangenheit liegt, ist auch eine Folge, und zwar von einer anderen Ursache. Jede Konsequenz in der Zukunft ist ebenso Ursache und ebenso Phänomen.

Ursache und Wirkung – und ihre Verbindung mit dem Zufall

Tritt ein Phänomen auf, für das man keinen direkten Vorgänger benennen kann, keinen direkten Grund, dann nennt man das Zufall. Es ist ein Phänomen, für das wir keinen Grund kennen. Auch hier ist die materialistische Vorstellung, der Zufall ließe sich eingrenzen. das Wort „Wahrscheinlichkeit“ lässt uns den Zufall so erscheinen, als sei er nur eine mathematische Aufgabe – und damit im Grunde bezwungen. Die spirealistische Sicht sieht notwendigerweise anders aus, sie nennt den Zufall unendlich, er ist nicht im Äußerlichen begrenzt. In uns selbst, die wir selbst erst die Festlegungen erschaffen, wo doch eigentlich keine sind (fehlende Objektivität) entsteht die Wahrscheinlichkeit.

Das Begrenzen-Können des Zufalls ist eine weitere Illusion des materialistischen Denkens. Denn – wie viele Zufälle kann es geben, in unserer Welt? Kann man den Zufall ausmerzen? Gott würfelt nicht, sagte Einstein. Bedeutet das, wir könnten Gott auf die Schliche kommen, indem wir seine Zufälle als eindeutige Kausalketten entlarven?

Aus spirealistischer Sicht wie gesagt nicht. Denn wir können niemals die Anzahl der „in der Welt“ (spirealistisch: in den Welten) auftretenden Zufälle zählen. Im Grunde ist uns alles Zufall, das wir nicht genauer betrachten, und für das wir in der Folge keinen Kausalzusammenhang konstruieren. Und nun frage man sich: Können wir jemals damit fertig werden, alle Zusammenhänge in Zeit und Raum kausal zu verbinden? Jeder wird sofort verstehen: niemals! Auf diese Weise verstehen wir, dass die Fragen zu den Kausalitäten, und auch die Antworten, aus uns selbst kommen. Wir selbst sind die Schöpfer unserer Welten – sie sind nicht schon in einem Außen „da“.

Dies enthält die Sichtweise, dass Ursache und Wirkung, Zufall und Kausalkette, von unserem Bewusstsein abhängen. Wenn wir die Zusammenhänge nicht konstruieren, wo sind sie dann?

Denken in Begriffen von „Innen“ und „Außen“, „Objekt“ und „Subjekt“, „vorher“ und „nachher“ als Denkvoraussetzung für Kausalketten

Die letzte Frage wird man materialistisch beantworten mit: „Die Kausalketten sind natürlicher Art! Sie sind in den Dingen! den Dingen des Außen!“

Wir sind an dieser Stelle wieder bei der Frage, was denn die „Dinge“ sind, was eine Monade ist, was Subjekt und Objekt sind, etc.. Ich habe das so oft thematisiert, dass ich es an dieser Stelle nicht wiederholen will.

Es sei aber noch einmal gesagt, dass es die materialistische Sichtweise ist, sich „die Welt“ (das Objekt) als etwas außerhalb des Menschen Liegendes vorzustellen. Der Mensch ist Beobachter (Subjekt), er spiegelt in seinem Geist etwas wider. Hingegen bestreitet der Spirealismus das Vorhandensein einer objektiven, eindeutigen, außerhalb von uns liegenden Welt, und hat dafür viele gute Gründe.

So wäre denn der weiter oben abgebildete monokausale Zusammenhang eine typische Vorstellung des Materialismus.

Wohingegen es dem Spirealismus bereits fremd ist zu sagen, es gäbe irgendetwas, das nur eine einzige Ursache hätte. Oder, es gäbe Kausalketten, die außerhalb von uns festgelegt wären, und die wir als solche erkennen könnten. Denn der Spirealismus sieht den Menschen ja gar nicht als Beobachter einer äußeren Welt. Sondern er sagt, die Welten entstehen (auch) durch ihn. Er ist nicht Beobachter der Schöpfung, sondern ihr Element.

Die Welten sind somit die Welten unserer Vorstellung.

Welt(en)? Wieso Welten in der Mehrzahl? Siehe weiter: Beitrag Ich – Universum. Die subjektive Welt als die einzig „vorhandene“ Welt

Es gibt keine Objektivität bedeutet: es gibt nicht „das“ Phänomen in Eindeutigkeit

Fehlende Objektivität hat, zu Ende gedacht, einige verblüffende Wirkungen. Einige Paradoxien der materialistischen Welt werden, wenn man diese Denkvoraussetzung annimmt, ganz klar angesprochen und erkannt, ja sogar in ihrer Ursache geklärt.

Wenn wir also wie Immanuel Kant feststellen, dass es nicht die Dinge „an sich“ für uns gibt, dann kommen wir auch zwangsläufig auf das Schopenhauersche „Die Welt ist eine Vorstellung“. Das wiederum bedeutet, dass das, was „die Dinge“ sind, unserer Vorstellung entspringt, was wiederum fluktuiert, vielfältig ist – und abhängig von Sichtweisen.

 

Stellen wir uns vor, wir könnten für jedes Ding das wir sehen, verschiedene Interpretationen in unserem Denken entwickeln. Das ist nicht ganz abwegig, denn jeder kann an sich selbst feststellen, dass er für die dieselbe Sache in seinem Leben verschiedene Interpretationen hat, es ist nur eine Frage der Zeit. Ich nannte solches Denken, das immer vieles für möglich hält, an anderer Stelle „symbolhaftes Denken“ oder auch „Denken in Metaphern“. Ein solches Denken bemüht sehr die Kreativität und Phantasie – es ist ein Denken in hunderterlei Möglichkeiten.

Andererseits sehen wir an diesem gedanklichen Experiment, dass wir Menschen so geschaffen sind, dass wir in einem Moment nur eine einzige Wahrheit für möglich halten, niemals mehrere. Wir suchen beispielsweise nach „der“ Wahrheit, nicht „den“ Wahrheiten. Das bedeutet, im Grunde sehen wir in „einer“ Sache immer nur eine Möglichkeit, während, wenn man so will, in jeder Sache viele Möglichkeiten „enthalten“ sind.

D.h., man müsste sich vorstellen, dass man, wenn man für jedes Ding verschiedene Interpretationen hätte, diese Interpretationen auch gleichermaßen für wahr halten könnte. (wir kommen insofern auf die Frage, was Wahrheit ist. Und wir sehen an dieser Stelle eigentlich auch, wie verquickt die Begriffe Kausalität, Zufall, Wahrheit, Zeit sind).

Ähnliches Thema: Wahr – Schein. Wahrschein. Wahrscheinlichkeit

Jedenfalls, hätte man eine solche Vorstellung von den Dingen, als ausgestattet mit vielfältigen Interpretationen bzw. Identitäten gleichzeitig, dann gingen von diesen Dingen auch viele verschiedene gleichzeitige Kausalketten aus, mit vielfältigsten Beziehungen.

In der unteren Grafik versuchte ich das zu verdeutlichen. Wenn uns die Gegenwart (das Jetzt) wie eindeutig erscheint, und die Zukunft in ihren Möglichkeiten wie vielfältig, dann müssen sich die Möglichkeiten der Zukunft vervielfältigen, wenn wir beginnen, die Phänomene der Gegenwart als verschwommen wahrzunehmen – wenn wir also annehmen, dass wir in der Gegenwart nicht einen Zustand feststellen könnten, sondern viele.

Der Obere Teil der Grafik enthält den monokausalen Zusammenhang üblicher (materialistischer) Vorstellung, ausgehend von einem Jetzt, das einige Möglichkeiten in der Zukunft bereit hält. Der graue Pfeil soll stellvertretend sein für eine Kausalkette, die ausgeht von einem als „möglich“ gedachten Phänomen im Jetzt. Dieses „als möglich gedachte Phänomen im Jetzt“ – das wäre so eine Interpretation eines Dinges (oder einer Situation), von dem ich sprach. Wenn ich also die Vielfalt der Deutungen, die in einer Sache liegen wahrnehmen kann, und sagen kann: Ich nehme jetzt einmal nicht an, dass dieses Ding (oder diese Situation) xyz ist, sondern denke sie mir anders, bewerte eine Situation anders, dann komme ich auf weitere Kausalketten, deren von mir wahrzunehmende Folgen sich vervielfachen.

Angenommen beispielsweise, ich sage, „das Atom gibt es nicht“. Dann komme ich (kommt die Menschheit) in der Folge auf eine ganz andere Art der Naturwissenschaften.  Auch diese andere Art würde funktionieren, aber mit anderen Begriffen.

 

Man sollte schließlich noch einmal bedenken, dass der Begriff „Phänomen“ (also die Zustandsbeschreibung  eines Ereignisses oder Dinges) durch die vorhin vorgenommene Verdrehung der Kausalkette zu einer lediglich relativen Vorstellung wurde. Man kann das „Phänomen“ ebenso gut im Jetzt wie in Vergangenheit oder Zukunft ansiedeln – man gewinnt durch dieses gedankliche Experiment einmal mehr ein Verständnis dafür, dass auch der Begriff „Phänomen“ nichts wirklich „Festes“ beinhaltet.

Monokausal vs Multikausal/Multieffekt, spirealistisch verstandenAnnahmen, was das Jetzt ist, bestimmen, was wir für Zukunft oder Vergangenheit erwarten

Resüme

Was gezeigt werden sollte, und was ich hoffentlich zeigen konnte, ist, wie abhängig Kausalketten von dem sind, was wir für Vorstellungen von ihnen entwickeln. Welche Abhängigkeiten der verschiedenen Begriffe es gibt, ich zähle noch einmal auf: Ursache, Wirkung, Ereignis, Effekt, Folge, Konsequenz, Zeit, Vergangenheit, Zukunft, Jetzt, Gegenwart,  Wahrheit, Wahrscheinlichkeit, und so weiter.

Es ist die spirealistische Sicht der Dinge, die die Welten aus einem quasi semantischen Beziehungsgeflecht entstehen sieht. In der spirealistischen Denkweise ist klar: diese o.g. Begriffe hängen unabdingbar zusammen, man kann sie eigentlich gar nicht einzeln betrachten (und doch, beispielsweise in diesem Text, ist man dazu gezwungen).

Je nach Gewichtung bilden diese Begriffe eine Konstellation, die im jeweiligen Fall einzigartig wirkt. Einzigartig in uns! Einzigartig ist lediglich unser Verständnis von „der Welt“. Einzigartig in unseren „Ich-Universen“.

Insofern möchte ich an dieser Stelle noch einmal die Grafik einfügen, die ich bereits an anderer Stelle verwendete – die Zeit als Punkt, und die Vergangenheit und Zukunft, Kausalketten, etc.., als Vorstellungen, die sich vom Rand her bilden, und zur Mitte hin „materialisieren“.

Die Zeit, vorgestellt als Punkt

 

Ähnliches Thema: Es gibt nur das Jetzt. Immer ist Jetzt

Den schwarzen Kern in der Mitte könnte man ebenso gut als den materiellen Kern eines Dinges bezeichnen, und den verschwimmenden Außenbereich als die Feststellungen, die man in Bezug auf diesen Kern treffen kann.

Die Feststellungen am Rand sind in der spirealistischen Denkweise nötig, denn sie definieren das Ding (den Kern), ebenso, wie sich selbst. Im Spirealismus gibt es immer nur die Relation – nie kann ein Ding für sich alleine stehen.

Die Festlegungen des Außen treten für uns nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf, die auch notwendigerweise das Element des Zufalls (des Nicht-Vorhersagbaren), enthält.

Konkret stellt sich das so dar, dass das, was wir für die Vergangenheit oder Zukunft halten, oder für Kausalketten jeglicher Art, uns so unbestimmter erscheint, je weiter man sich entfernt, vom eigentlichen Gegenstand der Betrachtung. Ihn jedoch, den Gegenstand der Betrachtung, halten wir für fest, nicht sehend, dass er lediglich völlig eindeutig erscheint, in einem einzigen Ich-Universum.

Ebenso wie Objekte, Universen etc., sind eben auch Kausalketten der fundamentale Mörtel unserer Welten. Ganz ähnlich der zeit, vielleicht noch fundamentaler – zugleich ebenso unergründlich. Kausalketten verbinden die Objekte des Denkens, erschaffen ein vorher und nachher.

Sie „existieren“ aber nicht in dem Sinne, dass man sie in einem Außen „ablesen“ könne. Mit uns und durch uns, die wir Elemente der Schöpfung sind, nicht ihre Beobachter, kommen sie in die Welten.

Weiterlesen: C.G. Jung – kollektives Unterbewusstsein

Weiterlesen: Artikel Was bedeutet subjektiv? Ist ein wissenschaftlicher Versuch objektiv?

Kausalkette – philosophisch (spirealistisch) gesehen was last modified: April 30th, 2016 by Henrik Geyer