Stefan Blankertz: Gott wurde Mensch

Was ist Spiritualität? Fotos der Co-Autoren - Stefan Blankertz [SPID 4243]

Lieber Stefan, wir kennen uns nun schon ein paar Jahre. Du bist ein fleißiger Schriftsteller mit nun schon über 30 Publikationen.

Du nennst dich Wortmetz, weil du die Worte wie ein Steinmetz formst und gestaltest. In deinen Büchern liest man daher viel Assoziatives. Dein Werkzeugkasten beinhaltet ein gerüttelt Maß an philosophischer Kenntnis. Du bist ein Autor, der dem Sinn der Worte mit großer Akribie auf den Grund geht.

Ich kam darauf, dich zu interviewen, weil deine Haltung zu Spiritualität und Religion eher kritischer Natur ist. Ich finde es spannend zum Thema Spiritualität auch einmal kontrovers zu sprechen, vielleicht ein wenig philosophisch. Ich bitte dich, zunächst deine Einschätzung des Begriffes Spiritualität zu formulieren.

Spireo: Was verstehst du unter Spiritualität und was wird ggf. falsch darunter verstanden?

„Spiritualität“ ist so ein modischer Gummibegriff, den ich zugegebenermaßen selbst auch manchmal verwende, vor allem dann, wenn nicht so ganz klar ist, worum genau es überhaupt geht. Geht es um Religion? Um welche? Geht es darum, dass jemand nicht herzlos ist? Oder so weltabgewandt zu sein, dass man nicht mehr mitkriegt, was um einen herum los ist? Dass jemand Stimmen hört und daran glaubt, dass man bei rechter innerer Haltung auch ohne Nahrung, nur von Sonne, Luft und Liebe leben kann? Die Bandbreite ist unendlich dehnbar, und meist versteht man aus dem Kontext, wie jemand den Begriff verwendet, positiv oder negativ oder neutral, aber es gibt kein „Richtig“ und kein „Falsch“ beim Verständnis, sondern nur eine pragmatische Bedeutung, die sich im jeweiligen Zusammenhang ergibt.

Spireo: Was von dem, was du konkret manchmal tust, würdest du eine spirituelle Handlung nennen?

Beten. Mitgefühl haben – und zeigen, wobei mir als Introvertiertem das oft schwerfällt. Mein beharrliches Engagement für Toleranz und gegen Gewalt speist sich stark von einem Gefühl der Verantwortung, das sich nicht rein rational erklären lässt …

Spireo: … manchmal ist es nur eine Frage des Glaubens, ob man sich aufraffen kann, etwas zu tun. Ich nehme an, auch du brauchst Glauben, nicht nur für das Engagement, sondern einfach um zu leben. Für mich ist das ein spiritueller Aspekt … diese Selbsterforschung. Was bringt uns dazu, etwas zu tun oder zu lassen? Man kann das meist nicht erklären … Wie siehst du das?

Ja, exakt. Der Satz vom heiligen Augustinus, „ex fide enim vivimus“, also: „Wir leben nämlich durch den Glauben“. Wenn wir den nächsten Schritt tun, sagt mein Inspirator Paul Goodman, glauben wir, dass wir auf festen Grund treffen. Wir müssen nicht erst das Gesetz der Gravitation beweisen.

Spireo: Würdest du dich als spirituellen Menschen beschreiben? Oder bist du materialistisch?

Ich glaube an Gott im Sinne von Jesus. Besonders wichtig ist mir das Geheimnis des Glaubens, dass Gott Mensch geworden ist und hierdurch verwandelt wurde. Das ist Glaube, kein Wissen. Ansonsten stehe ich dem Christentum im Allgemeinen und dem Katholizismus, dem ich angehöre, sehr kritisch gegenüber. Vor anderen Religionen habe ich großen Respekt, besonders dem Judentum, dem Islam, dem Buddhismus und dem Taoismus, obwohl Religionen oft einen problematischen gesellschaftlichen Einfluss haben (um es ganz vorsichtig zu sagen). Allerdings sollte die Religiosität meiner Meinung nach nicht davon abhalten, die Welt zu sehen wie sie tatsächlich ist, sie zu untersuchen, und man sollte seine Entscheidungen auf Grundlage von Fakten und nicht von Wunschdenken fällen. Wenn Wünsche wahr werden (was ja bisweilen vorkommen soll), sind sie eben auch zu Fakten geworden.

Spireo: Vielleicht ist die Dreifaltigkeit für Menschen wie dich erschaffen worden – für Menschen, die mit einem Gott im Himmel nichts anfangen können? Die Dreifaltigkeit beinhaltet Gott als allumfassendes Abstraktum, Jesus als den Sohn, sowie den heiligen Geist. Was ist Jesus im Unterschied zu Gott für dich? Ein einfacher Mann? Ein kluger Mann? Ein barmherziger Mann?

Jesus ist zum Menschen gewordener Gott; früher sagte man dazu „Inkarnation“ oder zu deutsch „Fleischwerdung“. Dieser Gott war ja eine ziemlich fiese Gestalt …

Link zur Webseite von Stefan

 

Dieses Gespräch ist Teil des Buches:


Was ist Spiritualität?

Was bedeutet Menschen Spiritualität? Wozu ist sie gut? Wie leben Menschen Spiritualität? Ist Kreativität spirituell? Kann Spiritualität heilen? Was bedeutet Tod?.
Henrik Geyer führte Gespräche mit spirituellen Menschen – mit Stefan Blankertz, Dr. Ruediger Dahlke, Catharina Fleckenstein, Ralf Hillmann, Cristina Holsten, Petra Milkereit, Werner Szendi, Pascal Voggenhuber

Stefan Blankertz: Gott wurde Mensch was last modified: Oktober 20th, 2016 by Henrik Geyer