„Objekthaftes Denken“ – was ist damit gemeint?

Wir sehen Objekte, wir reden über Objekte. Wir sehen den Baum, den Stuhl, den Stern.

Doch, in den Dingen ist Unendlichkeit. Nichts, das sich nicht auch anders sehen ließe. Nichts, das nicht auch einen ganz anderen Sinn haben könnte, als den, den wir gerade meinen. Also: Es gibt nichts, das nur in dem Sinn „da“ wäre, wie wir ihn in einem Augenblick sehen – man könnte auch sagen, dass jede Aussage, die man treffen kann, aus einer anderen Perspektive falsch ist. Wenn man so will bereits im nächsten Gedanken.

Auch das kleinste Ding hat seine Wurzel in der Unendlichkeit, ist also nicht völlig zu ergründen.
Wilhelm Busch

Alles steht im Zusammenhang. Alles ist nur durch etwas anderes begründbar. Nichts kann für sich allein stehen.

Und doch sehen wir die Dinge einzeln, so als hätten sie im Moment, da wir sie sehen, nur diesen einen Aspekt – und mit nichts anderem zu tun! Und dieses rätselhafte, nicht weiter begründbare Phänomen, nenne ich „objekthaftes Denken“. Denn wir sehen Objekte, wo diese in ihrer vorgestellten Abgeschlossenheit, eigentlich nicht „sind“.

Ich sehe den Ausdruck „objekthaftes Denken“ einfach als Symbol der Anerkenntnis, dass viele die Unendlichkeit in den Dingen wohl wahrnehmen, wohl sehen können, und dennoch nicht aus ihrer Haut können, zu glauben, die Dinge seien einfach auf eine eindeutige Weise „da“, es gäbe sie exakt definiert in einem Außen, etc..

Als Beispiele für die Anerkenntnis der Unendlichkeit in den Dingen, gleichzeitig das Übergehen der sich daraus ergebenden Fragen und die Rückkehr zur materialistischen Sichtweise, habe ich oft Kant genannt, mit seiner unlösbaren Frage nach den „Dingen an sich“, oder David Hume (1711-1776), der formulierte, dass sich der Glaube an eine Außenwelt nicht durch rationale Begründungen stützen lasse. Dennoch könne der Mensch nicht umhin, als an die Existenz der Außenwelt zu glauben. Die Natur, so Hume, habe uns hierin keine Wahl gelassen.
Zur Erläuterung: Die Zweifel an der „Existenz einer Außenwelt“ kommen eben gerade durch das Begreifen dieser Unendlichkeit in den Dingen zustande, und der Wahrnehmung, dass der individuelle Eindruck „von den Dingen“ und die Dinge selbst, ein- und dasselbe sind. Inwiefern, so fragte sich eben auch Hume, muss es daher vom Wahrnehmenden, dem Subjekt, abgetrennte Gegenstände der Wahrnehmung, Objekte, geben?

Den Begriff „objekthaftes Denken“ kann man also einfach als die Feststellung der Tatsache ansehen, dass es uns nicht gegeben ist, die Unendlichkeit der Objekte zu sehen, sondern jeweils immer nur einen Aspekt – wie der Spirealismus sagt: einen schöpferischen, einzigartigen Aspekt. Denn den Menschen sieht der Spirealismus als Element der Schöpfung, nicht als Beobachter der Schöpfung. Was aus dem Menschen hervorgeht ist Kreation, nicht die Widerspiegelung einer festen Äußerlichkeit (Materie).

Was ist objekthaftes Denken? Ein Beispiel

Wie sich konkret „objekthaftes Denken“ darstellt, ist in einem Beispiel schwer wiederzugeben, denn es ist eher eine Denkgewohnheit, die man erlernen muss, so dass man die Unendlichkeit in den Dingen sehen kann, und somit auch weiß, was genau mit „objekthaftem Denken“ gemeint ist. Dennoch ein Beispiel, von dem ich hoffe, dass es einigermaßen anschaulich ist.

Erstes Beispiel

Denken wir an irgendeinen Begriff – denken wir an einen Tisch, zum Beispiel. Der Tisch, wenn wir ihn stehen sehen, kommt uns wie ein ganz eigenes, eindeutiges Objekt vor, das man nicht anders sehen könne.

Doch aus jeder anderen Sicht muss der Tisch ein wenig anders erscheinen, es gibt in der Raumzeit keine zwei völlig gleichen Perspektiven. Der Inbegriff der Mehrzahl – das ist die Unterschiedlichkeit, die wir in der materialistischen Weltsicht als die „Verschiedenheit der Perspektive in der Sicht auf dasselbe“ ansehen.

Wem das nun nicht als besonders gelungenes Beispiel erscheint, weil die Geringfügigkeit der Verschiedenheit nicht wirklich begründet, wo hier die Unendlichkeit sei … es sei ja doch immer noch dasselbe Objekt …. Die Perspektiven auf ein Objekt kann man sich als drastisch abweichender vorstellen, man muss sich allerdings die Mühe machen, auch wirklich abweichende Sichtweisen zu imaginieren.

Das ist dem Materialisten gemeinhin nicht gegeben, denn seiner (eigentlich unbegreiflichen) Auffassung zufolge, hat „der Mensch“ die einzig gültige Weltsicht. Denn er sei so klug.

Stellen wir uns dennoch einen Holzwurm vor – er würde den Tisch als eine Behausung begreifen. An dem Tisch, den wir kennen, müsste ihm nichts bekannt vorkommen. Weder unsere Auffassung von der stofflichen Art, noch der räumlichen Beschaffenheit des Tisches, müsste er teilen. Damit wir die Auffassung des Holzwurmes als relevant für unseren hohen Geist ansehen können, stellen wir uns vor, es handele sich um einen außerirdischen, sehr vernunftbegabten Holzwurm. (Doch … wozu in die Ferne schweifen? Ersatzweise können wir auch annehmen, der irdische Holzwurm habe irgendeine Art Vernunft – nur eben keine Vernunft menschlichen Zuschnitts, weshalb wir ja über dessen Vernunft auch keinerlei Aussage treffen können. Denken wir einfach, im Holzwurm sei die Vernunft Gottes – so wie in jedem Ding und jedem Geschöpf.)

Zweites Beispiel

Ein sehr praktisches Beispiel ist es, wenn man sich die Welt als eine semantische Welt aus Begriffen denkt. Letztlich gibt es keinen Grund dies nicht so zu sehen, denn was wir über die Welt wissen, was wir über die Welt sagen können, drücken wir in Sprache aus, und unterliegen somit den Regeln der Semantik. Ein Wort gewinnt seine Bedeutung durch ein anderes Wort. Es gibt in dieser Kette der Bezüge kein Ende – Jedes Ding hat seine Wurzel im Unendlichen.

Denken wir an den Tisch, seine Kausalitäten, seinen Sinn, sein Ziel … Wenn uns jemand fragt, was ein Tisch ist, dann brauchen wir die Begriffe Holz, Stuhl, vielleicht Essen. Und so weiter. Jeder dieser anderen Begriffe ist wie ein Planet umgeben von weiteren Begriffen, die ihn wiederum erklären, begründen, ermöglichen. Man könnte diese Begriffe wie Objekte eines Universums sehen. Wir finden kein Ende dieses Universums. Die Objekte (Begriffe) erzeugen den Raum des Universums. Das Universum ist ein Raum, in dem universell alle Objekte sind.

Einen Raum ohne Objekte gibt es nicht. Ein Objekt, das nicht beobachtet wird, dem also nicht ein anderes Objekt gegenübersteht, gibt es nicht.

Denken wir uns den Tisch einfach als Teil des materialistischen Weltbildes … auch hier passiert das Gleiche, wenn wir den Tisch begründen wollen .. wir verlieren uns in der Unendlichkeit der Kausalitäten. Sie haben keinen Anfang und kein Ende. Letztlich geht der Tisch auf den Urknall zurück – doch der Urknall ist uns nicht wirklich ein end-gültiger Grund, sondern lediglich ein Paradox. Was war vor dem Urknall? Etwas, z.B. ein Urknall, kann doch nicht aus Nichts kommen (oder doch?)! Was löste den Urknall aus, aus welcher Notwendigkeit ergab er sich? Nichts hindert uns, außer unserer eigenen Begrenztheit, die Gründe für den Tisch weiterzudenken, über den Urknall hinaus, vor den Urknall zurück.

Kann es nicht-objekthaftes Denken geben?

Der Begriff objekthaftes Denken ist nicht als Gegensatz zu einem irgendwie anderen Denken gedacht, etwa einem „richtigen“ Denken, oder Ähnlichem.

Ob es ein Denken geben kann, das diese Paradoxie überwindet, kann man nicht sagen. Aus dem Blickwinkel des menschlichen Denkens erscheint das nicht so. Jedoch kann ja auch niemand, dessen Natur es ist, mit den Augen eines Menschen zu sehen, mit den Augen eines Nichtmenschen sehen.

Die Form des Denkens, die der Vorstellung am nächsten kommt, das objekthafte Denken zu überwinden, ist der Spirealismus, oder sind relativistische Vorstellungen, oder ist die Vorstellungswelt des Zen-Buddhismus. Doch es läuft letztlich auf ein Zur-Kenntnis-Nehmen der Tatsache objekthaften Denkens hinaus – das Sehen-Können, dass „die Welt“ eine Welt der zehntausend Namen ist. Es bedeutet, diese Tatsache so oft wie möglich, in möglichst vielen Gedanken, mitschwingen zu lassen, bedeutet, es als fundamentales Wissen anzuerkennen.

Damit ist nicht gesagt, man käme umhin, die „Dinge der Welt“ anzusehen, um sich vollständig aus der Objekthaftigkeit zu lösen.

Siehe auch: Artikel Was besagt der Begriff Lichtwesen?

Ähnliches Thema: Die Ontologie des Materialismus

„Objekthaftes Denken“ – was ist damit gemeint? was last modified: Februar 10th, 2017 by Henrik Geyer