Metaphysik – spirealistisch gesehen

Metaphysik ist die Vorstellung einer Weltordnung, die hinter der „offensichtlichen“ Weltordnung liegt. Einer Weisheit hinter der offensichtlichen Weisheit. Einer Wahrheit hinter der Wahrheit, etc..

Uns begegnet dieses Denken in mannigfacher Weise, eben im Begriff Metaphysik, aber auch in den Begriffen „verborgenes Wissen“ (von Ouspensky oft verwendet), oder „Geheimwissenschaft“ (mit Bezug auf Hermetik oder die Weisheiten des Talmud, oder auch Freimauerer etc..). Man denke auch an den Begriff der „vertikalen Logik“, der meint, dass es neben der eindeutigen Logik, die „offensichtliche“ Zusammenhängende miteinander verbindet, wie zum Beispiel die Worte Rabe und Feder, auch eine Logik geben kann, die Zusammenhänge erschaffend, eine neue, ebenfalls sinnvolle Ordnung ergibt. Wie zum Beispiel Rabe und Schornsteinfeger, die beide schwarz sind.

Vertikale Logik dient übrigens häufig als Begründung für die Sinnhaftigkeit von Astrologie oder Tarot.

Viele kennen sicherlich folgenden Holzschnitt eines Künstlers namens Flammarion von 1888, der das Konzept des Begriffes Metaphysik sehr schön illustriert:

 

Metaphysik ist ganz normales Wissen

Metaphysik ist eigentlich ganz normales Wissen. Die Realität jenseits der Realität ist ja im obigen Bild sehr schön dargestellt – die normale Realität ist in dieser Darstellung die irdische, d.h. jene der Erdoberfläche, mit Sonne und Sternen am Firmament.

Wer nur das sieht, der wird zu anderen Schlüssen kommen als jemand, der über die Wolken hinaussehen kann. In der Antike glaubte man, der Sonnenwagen würde vom Gott Helios über das Himmelsgewölbe gelenkt, dadurch gebe es Sonnenlicht. Man hatte sozusagen den Blick „dahinter“ nicht.

Später, als es die aufkommende Wissenschaft der Optik ermöglichte, wurden mit Hilfe von Teleskopen Beobachtungen von Planetenbahnen vorgenommen, und man entwickelte Theorien über die Planetenbewegungen, etc..

So gesehen ist also unser heutiges Denken, mit seiner Gewissheit der physikalisch begründbaren Planetenbewegungen, eine Metaphysik aus der Sicht des Gestern. Die damalige Metaphysik, als die Ahnung zukünftigen Wissens, ist heutige Realität. Metaphysik ist eigentlich etwas sehr Geheimnisvolles – jedoch, wie diese Überlegung zeigt, hat Metaphysik den Anklang von Normalität, sobald das metaphysische „Geheimwissen“ verinnerlicht ist. Metaphysik erscheint dann wie ganz „normales“ Wissen. Und ganz normales Wissen hat, eigentlich zu Unrecht, nicht mehr den Anklang des Geheimnisvollen, sondern erscheint den meisten Zeitgenossen als geradezu langweilig.

spirealistische Realität

Ich möchte die spirealistische Sichtweise auf den Begriff der Metaphysik verdeutlichen. Denn ich hatte an anderer Stelle geschrieben, dass der Spirealismus nicht vorgibt, hinter die Realität sehen zu können, oder der aufmerksamen Leserschaft irgendetwas anderes bieten zu können, als die Variante einer Realität.

Warum denn nicht? Ich bediene mich doch sehr gern und häufig Konzepten wie Tarot, der Visionen von Autoren wie Ouspensky, ich bin ein überzeugter Vertreter von Konzepten wie vertikaler Logik. Und doch negiere ich das Konzept der Metaphysik, der hinter der offensichtlichen Wahrheit liegenden Wahrheit?

Nein, ich negiere es nicht. Ich erweitere es. Das metaphysische Konzept ist interessant, denn es geht von mehreren Realitäten aus. Von zwei, nämlich einer „normalen“ Realität, und einer dahinterliegenden, verborgenen, „richtigen“ Realität.

Als Spirealist aber denke ich zunächst, dass es keine offensichtlichen Realitäten bzw. Wahrheiten gibt. Jede Wahrheit ist nur die momentane Variante von Wahrheit. Selbst 1 + 1 = 2 ist für mich eine Variante von Wahrheit, da ich bereits das Objekthafte bestreite, also das Bestehen eindeutiger Objekte, die dann, in der Folge, von Zahlen bezeichnet werden. (Der Logiker wird einwenden, dass die Logik jenseits konkreter Objekte existiert, als ein festes Bezugssystem von Variablen und ewig gültiges System von Operatoren. Ähnlich dem Zahlensystem, in dem die Zahl 1 für ein beliebiges Objekt steht. Aber welchen endgültigen Wert, welche absolute Festigkeit kann ein Bezugssystem von Variablen haben, bei denen die Variablen ALLES sein können, oder umgekehrt, NICHTS?).

Hingegen trägt für mich alles den Charakter von Kommunikation. Alles trägt für mich den Charakter von Einigungen des Momentes. (Der Moment – das kann aus der menschlichen Ameisenperspektive auch ein sehr langer Zeitraum sein – es ist immer eine Frage von Relationen).

Häufig verwendete spirealistische Sätze sind z.B. „Es gibt nichts Objektives“ oder „Der Mensch ist eine Quelle des Seins, ist Element der Schöpfung, nicht deren Beobachter“. Oder „Die Welt gibt es nicht (in der Einzahl).“

Das bedeutet, dass wir, jeder für sich, eine Variante von Welt in uns tragen, sie repräsentieren, und in der Summe, oder auch im Durchschnitt, entsteht daraus der Eindruck einer Welt. Insbesondere durch die materialistische Weltanschauung, die das Vorhandensein einer Welt voraussetzt, und in jeden unserer Gedanken quasi injeziert. Dieser Eindruck täuscht aber insofern, als es „die“ Welt nicht noch einmal extra gibt, jenseits von Denken.

Mit der spirealistischen Sichtweise einher geht eine vollständig verschiedene Auffassung von Denken, Geist, Materie u.v.m., als es sie im Materialismus gibt. Ich füge das auch an dieser Stelle wieder hinzu, weil im Materialisten verständlicherweise sofort die Frage auftaucht, was dann wohl vom klugen menschlichen Gehirn gespiegelt würde, wenn es nicht die Welt sei.


Verwirrenderweise ist hinzuzusetzen, dass der Eindruck einer Welt wiederum eine absolut mögliche und taugliche Beschreibung von Realität ist. Der Spirealismus kann den Materialismus daher auch nicht in einem absoluten Sinn als falsch bezeichnen. Denn der Spirealismus behauptet ja eben nicht, er könne eine einzige Realität finden und diese dann als die „allein gültige Realität“ bezeichnen.

Auch für keine alleinige metaphysische Realität hinter einer „richtigen“ Realität ist das möglich. Warum sollte er auch, wenn er stets und ständig auf das Bestehen vieler Realitäten verweist? Für den Spirealismus gibt es keine „richtige“ Realität.

Und so sind wir bei dem Begriff der Metaphysik, und dessen problematischem Konzept, dass es jenseits einer bestehenden Realität eine andere gibt.

Metaphysik

Die spirealistische Auffassung illustriere ich wie folgt:

Immer, egal auf welcher geistigen Stufe wir uns befinden, haben wir eine singuläre Welt vor uns, mit Himmel, mit Erde, mit den Dingen darin. Und immer gibt es eine dahinterliegende Welt, die wir zu entdecken hoffen. Und wir dürfen hoffen, denn es gibt sie tatsächlich immer wieder, die metaphysische Welt „dahinter“. Denn wir selbst sind die Quelle der Welten, ihre Repräsentanten. Daher können wir, aus denen sie entstehen, auch nicht ihr Ende beobachten, ähnlich wie eine Quelle nicht das Versiegen des Wasser beobachten könnte, das ihr entströmt. Jeder Einzelne ist der Träger einer eigenen Welt (Ich – Universum). Und diese Welt, dieses Universum, schreibt sich fort, von Moment zu Moment, immer anders, immer neu.

Der Übergang einer Realität in eine neue ist letztlich das Konzept von Platos Höhlengleichnis. In diesem Gleichnis ist die neue Erkenntnis eine ultimative Befreiung des Geistes: neues Wissen, neues Erkennen. Statt Schatten an einer Höhlenwand sieht der Erleuchtete nun das wahre Licht, die einzig wirkliche Realität, außerhalb der Höhle – und ist nun völlig befreit. Spirealistisch kommt der Erleuchtete, der einer Höhle entgeht, nun nicht ins Endgültig-Freie, ins endgültige Licht, sondern in eine weitere Höhle, die etwas größer und heller erscheint.

Das bedeutet also: der Spirealismus kann nicht „die Welt dahinter“ beschreiben, weil es nicht eine „Welt dahinter“ gibt, sondern unendlich viele Welten. Immer bewegen wir uns in „der Realität“, wenn wir dies so sehen wollen. Es ist das Anliegen des Spirealismus, eben dieses Nicht-enden-Wollende zu beschreiben – eben aus diesem Grund kann es für ihn keine Endgültigkeit der Aussagen geben.


Achtsamkeit vorausgesetzt können wir sofort beobachten, dass es viele Welten gibt. Jawohl, wir können die Welten und Welten sehen, sie beginnen im uns Nächsten. Wir können das auch an uns selbst sehen, denn unser Wissen schreitet fort, und wir können das metaphysische Konzept im Vergleich von Gestern zu Heute sehen. Jeden Tag entwickeln wir uns weiter, entwickeln neue Konzepte, neue Sichtweisen. Die Sichtweise des Morgen ist Metaphysik für das Heute. Viele Menschen entdecken diese Weisheit erst im Alter, wenn sie feststellen, dass sie als junge Leute quasi „andere Menschen“ waren. Man kann diese Weisheit aber auch jeden Tag entdecken.

 

Irrationalität

Das Konzept nicht enden wollender Erkenntnis, die sich stets neu aus sich selbst heraus generiert, geht schließlich zum Begriff der „Irrationalität“ über, denn wenn die Welt mit ihrer Realität und ihrer Logik nicht in der Einzahl existiert, sondern letztlich alles sein könnte, dann lässt sich auch keine alleinige Logik definieren, bzw. man kann sich auch denken, dass jede Logik in einer spezifischen Sichtweise Realität haben kann. Das bedeutet, es gibt nichts endgültig Aussagbares über Realitäten, Welten, Logik, das über das Menschlich – Subjektive hinausginge.

Man könnte formulieren, dass Logik grundsätzlich subjektiv ist (die Menschheit als Subjekt). Man könnte auch sagen, dass es Logik nicht gibt, denn das Grundkonzept der Logik wie wir sie bisher verstehen ist ja, dass sie eindeutig und unabänderlich logische Ableitungen hat. Ebenso, wie man sagen kann, dass es „die“ Welt in der Einzahl nicht gibt.

Daher nannte ich die Welt an mancher Stelle „irrational“ – sich dem rationalen Schließen entziehend.

Rational in der Irrationalität

Mit dem Spirealismus geht aber keinerlei Verzweiflung einher („Oh, diese Irrationalität!“), sondern einfach die Gewissheit, dass wir nichts weiter tun können, als in unserer Logik zu bleiben, welche das auch immer sein mag. Dies zu tun, bestmöglich zu tun, und dies zu akzeptieren, das ist der Gewinn des Spirealismus, der ja im Ergebnis wieder eine mögliche Form von Rationalität hervorbringt. Wieder eine Welt hinter der Welt, wieder eine Physik hinter der Physik, wieder eine Metaphysik.

Allein schon die Tatsache, dass der Spirealismus das Auftreten vielfach unterschiedlicher Logik, vielfacher Deutungen, das Vorhandensein von Welten und Welten, einfach beobachten kann, ohne sich zu verwirren mit den Widersprüchen der materialistischen Sichtweise, der zufolge all das eigentlich nur einmal auftreten dürfte („Haben wir denn nicht nur eine Welt vor uns?“), ist ein riesiger Gewinn.

Metaphysik und Okkultismus

Dies war eine sehr allgemeine und grundsätzliche Betrachtung des Begriffes Metaphysik, die fragte, was ist das Konzept von Metaphysik? Unter Metaphysik kann man aber auch etwas sehr Konkretes verstehen.

Doch für viele ist Metaphysik Inbegriff für das Geheimnisvolle, das zu Erahnende, das Uralte und zugleich Nicht-Begriffene. Insofern auch wieder die Verbindung zu Ouspensky, dessen „verborgenes Wissen“, alte Schriften, Okkultismus (als die Verbindung grundlegender, oft religiöser, Menschheitsweisheiten). Metaphysik auch als ein uns verborgenes Regelwerk, das durch „Werkzeuge“ wie Tarot seine Gültigkeit erweist (man könnte Tarot auch als Denkmethode sehen).

Metaphysik also als ein Regelwerk das einerseits „da“ ist, man kann es nur nicht richtig beschreiben – anders als die wissenschaftliche Physik beispielsweise. Zugegeben ist diese mangelnde Beschreibbarkeit auch der Grund dafür, dass Metaphysik der Tummelplatz für vielerlei Scharlatane ist, denn im Grunde benötigt man für eine Physik dieser Art wenig Faktenwissen (was das Ganze sehr leicht macht), es käme eigentlich umso mehr auf ein Weltverständnis an (was das Ganze sehr schwer macht). Die Scharlatane aber kommen ohne das Verständnis aus, sie nutzen einfach die bekannten Worte der Geheimwissenschaften, die insofern gar nicht geheim sind. Das Geheimnisvolle an ihnen ist eben das in den Worten liegende Verständnis.


Was ist dran an Metaphysik, verstanden als Geheimwissenschaft mit Bezug zu unserer gegenwärtigen Weltsicht? („unsere gegenwärtige Weltsicht“ würde ich als materialistische Weltsicht bezeichnen. Es ist nicht meine Weltsicht, aber es ist ein Bündel an Denkvoraussetzungen, die fast überall als gegeben angesehen werden).

Metaphysik, verstanden im genannten Sinn, hat für mich viel Wahrheit. Der Spirealismus, den ich auf diesen Seiten immer wieder beschreibe, ist verwandt mit den Grundaussagen der Hermetik. Diese (wenigen) Grundprinzipien gehen stets von der Sichtweise des Geistes aus; erstes hermetisches Prinzip: Alles ist Geist. Diese Metaphysik sagt, bzw. fragt: Was kann über die Welt ausgesagt werden, wenn man nicht den Geist betrachtet, der das letztendliche Werkzeug allen Erkennens ist? Und kommt zu dem Schluss: Nichts! Der Geist ist das grundlegende Prinzip, nicht die Welt. Spirealistisch formuliert: Die ursprüngliche Existenz ist der Gedanke. 

Und diese Sichtweise uns in der heutigen Welt fremd. Die materialistische Physik, wie auch jede andere „richtige“ Wissenschaft will das Psychische ganz aus ihren Betrachtungen ausschließen (lustigerweise will das sogar die Psychologie, die heute allgemeinste wissenschaftliche Aussagen mit Hilfe der Statistik anstrebt).

Ich hatte oft genug dargestellt, inwiefern die „richtigen Wissenschaften“ immer wieder an Grenzen stoßen, durch die hindurch nur eine geistige Sichtweise führen würde, jedoch finden sie sich stets mit dem Beibehalten der grundsätzlichen Widersprüche ab – ganz dem materialistischen Weltbild entsprechend.

Die metaphysische Betrachtung der Dinge als ein geistiges Prinzip hat aber Berechtigung, hat Logik, hat Nutzen, hat Wahrheit. Sie ist daher durch die „richtigen“ Wissenschaften auch nicht auszumerzen, sondern erfährt in der Gegenwart, teils unter ganz anderen Namen, ein Revival. Man denke zum Beispiel an die vielen Filmveröffentlichungen, die einen psycholigischen, existenzphilosophischen, surrealistischen oder spirituell-wissenschaftlichen Plot haben, z.B. Blade Runner, Shutter Island, Krieg der Sterne, Minority Report. Und in den Wissenschaften denken wir an die Atomforschung, Forschungen zur Ausdehnung des Weltalls, des Entstehens von Masse, des Entstehens von Farben. Oder denken wir an den Quantencomputer, denken wir an künstliche Intelligenz.

Ich denke, die „Entdeckung des Geistigen in den Dingen der Welt“ ist der ultimative, fundamental wichtigste Schritt, den die Menschheit irgendwann tun könnte. Und ich hoffe, dass das irgendwann eintritt, denn ich glaube wiederum nicht, dass es hierfür eine absolute Notwendigkeit gibt.

Es wäre, wenn man so will, die Entdeckung der real existierenden Metaphysik.

Metaphysik – spirealistisch gesehen was last modified: März 9th, 2018 by Henrik Geyer