Martin Eden – die negative Seite der Erkenntnis

Henrik Geyer Martin Eden - die negative Seite der Erkenntnis. Martin Eden - Roman von Jack London. In Jack Londons Roman "Martin Eden" will ein einfacher Mann Schriftsteller werden. Sein Werdegang ist ein Weg der Erkenntnis, der ihn verzweifeln lässt..

Jack Londons Roman „Martin Eden“ beschreibt den Werdegang eines jungen Matrosen, der Schriftsteller werden möchte.

Gekonnt wie fast immer beschreibt London diesen Werde-Gang als einen Erkenntnisprozess, getrieben von dem unstillbaren Hunger des jungen Mannes, alles zu lernen was nötig ist, jede Bürde und jede Mühe auf sich zu nehmen, um schließlich als Schriftsteller erfolgreich zu werden.

Der Roman hat autobiografische Züge – es ist durchaus Londons eigene Geschichte.

Martin Eden und die Phase der Unschuld

Am Anfang ist Martin Eden fasziniert von der Welt der Intellektualität, der Worte, der Wahrheit wie er glaubt. Er muss viel lernen, damit aus dem unbeholfenen Slang des Seemanns Sätze werden, die gelesen werden.

Dann ist da der Zwang, ein Einkommen zu haben, der  ihn immer wieder vom Schreiben abbringt, hin zu einer Beschäftigung, die zwar Geld, aber keine geistige Erneuerung bringt.

Für sein Schreiben setzt Martin Eden alles ein und alles aufs Spiel – auch sein Liebesglück mit der Frau seines Herzens. Die fordert von ihm, endlich eine Stellung anzunehmen. Doch Eden ist starrköpfig. Eine Stellung anzunehmen würde die Aufgabe seines Planes, Schriftsteller zu werden, bedeuten. Er allein glaubt an sich – und scheinbar niemand sonst.

Martin Eden – „ausgeschrieben“ & Erfolg bahnt sich an

Er schreibt und schreibt. Seine Manuskripte kommen aus den Redaktionen der Magazine zurück. Man will sie nicht.

Seine Manuskripte werden von Freunden und Verwandten gelesen. Man findet ganz gut, was er schreibt. Man findet es manchmal aber auch verstörend, ungehörig, zu direkt. Eden schreibt zu „straight“ für viele seiner Angehörigen und Bekannten – etwa so, wie es die Art und Weise von Jack London selbst war.

Und sie fragen sich insgeheim: Kann wirklich gut sein, was niemand liest? Den Vertrauten seines Umfeldes bleibt das das Wichtigste. Alle müssen gut finden, was er schreibt, denn nur das, was alle gut finden, das kann dann auch gut sein. Daher ist ihr wichtigster Maßstab das Äußerliche, der Ruhm, das Geld in der Kasse, und nichts anderes.

 

Irgendwann ist Martin Eden „ausgeschrieben“. Er ist fertig, in ihm ist nichts mehr.

Zitat:

„I have done— Put by the lute.

Song and singing soon are over

As the airy shades that hover

In among the purple clover.

I have done— Put by the lute.

Once I sang as early thrushes

Sing among the dewy bushes;

Now I’m mute.

I am like a weary linnet,

For my throat has no song in it;

I have had my singing minute.

I have done. Put by the lute.“

 

Jetzt kann Martin Eden seine Manuskripte nur noch vermarkten.

Die Erkenntnis

In diesem Augenblick kommt der Erfolg. Ein Buch, das er verkaufen kann, wird von den Lesern angenommen. Plötzlich kommt er in die Magazine. Was er über Jahre schrieb, ist plötzlich begehrt. Er kann alle Manuskripte verkaufen – zu seinen eigenen Bedingungen verkaufen.

Von einem Tag auf den anderen ist Martin Eden beliebt, erhält Zustimmung, ist wohlhabend, wird bei seinen Feinden eingeladen, ist jetzt ihr Freund. Er erkennt, dass man in ihm, dem Schriftsteller, zuallererst den Erfolg sieht, nicht das, was in ihm ist. Denn der erfolglose Eden ist mit dem erfolgreichen Eden völlig identisch – lediglich in den Augen seines Umfeldes hat er sich komplett gewandelt.

Eden erkennt, dass er in den Augen der Menge etwas ganz anderes ist, als der wirkliche Eden. Etwas Erfolgreiches, aber auch etwas sehr Triviales und Durchsschnittliches. Das lässt ihn verzweifeln. Denn diese Erkenntnis löst seine Ideale auf, derenthalben er das Schreiben überhaupt angefangen hatte.

Auch sein Ideal von der Liebe ist zerstört. Seine Geliebte hat sich kurz vor seinem Erfolg von ihm getrennt. Jetzt, da er erfolgreich ist, möchte sie zu ihm zurück. Auch sie sieht nichts anderes in ihm, als das Äußerliche …

Der Roman endet in einer Tragödie – Martin Eden nimmt sich das Leben.

Es führt kein Weg zurück

Ich hatte an anderer Stelle über Erkenntnis geschrieben, über Platos Höhlengleichnis, und die darin zum Ausdruck kommende Tatsache, dass der Weg der Erkenntnis unumkehrbar ist. Der Roman „Martin Eden“ illustriert sehr schön diese Unumkehrbarkeit, und er macht auch deutlich, aus welchem Grund  sich mancher, der Erkenntnis erlangt, wünscht, die alte heile Welt möge sich wieder herstellen lassen.

 

 

Martin Eden – die negative Seite der Erkenntnis was last modified: Januar 10th, 2016 by Henrik Geyer