Macbeth Interpretation – die Frage nach dem Schicksal

Macbeth trifft drei Hexen [SPID 4664]

Die Tragödie Macbeth von William Shakespeare ist ein äußerst komplexes und zugleich spannendes (Bühnen-)Stück, mit vielen weltanschaulichen Aspekten.

Für mich ist die Frage nach dem Schicksal und der Ursächlichkeit des menschlichen Handelns das zentrale Thema bei Macbeth.

In Macbeth wird die Frage nach der Zwangsläufigkeit von Vergangenheit und Zukunft gestellt – und mit der Betrachtung des menschlichen Individuums, bzw. von dessen Willen, verwoben. Die Tragödie Macbeth lenkt die Gedanken auf die Frage: Ist das Ich (bin ich), ein zwangsläufiges Produkt meiner Vergangenheit? Und wird nun, ebenso zwangsläufig, aus diesem SEIN, auf einer vielleicht unbeeinflussbaren „Schiene“, (meine) Zukunft?

Macbeth – zur Handlung

Macbeth, ein junger und aufstrebender schottischer Adliger, von einer siegreich geführten Schlacht kommend, begegnet drei Hexen. Sie prophezeien ihm, dass er bald König sein werde.

Macbeth reitet sinnend davon. Das kommt für ihn überraschend, er schwankt zwischen Freude und Furcht, zwischen Glauben und Unglauben. Wie viel ist die Prophezeiung von Hexen wert? Und … es kann nur einen König geben – was wird aus dem jetzigen König, der der Freund Macbeths ist?

Letztlich setzt sich der Gedanke bei Macbeth fest: Er kann König sein. Seine Frau (Lady Macbeth), als sie von der Prophezeiung erfährt, bestärkt und ermutigt ihn. Macbeth soll das tun, was nötig ist um König zu werden – und Lady Macbeth wird seine Königin. Der Weisheit letzter Schluss ist, den jetzigen König zu ermorden – das sei der einzige Weg, damit das Schicksal seinen Lauf nehmen kann, glauben beide.

Und das Schicksal nimmt tatsächlich seinen Lauf – es wendet sich. Zwar erfüllen sich die Prophezeiungen der Hexen nach und nach, Macbeth wird König, nachdem er den Herrscher, seinen Freund, ermordete. Doch aus einem beliebten, in der Schlacht erfolgreichen und bewunderten jungen Macbeth, wird ein allseits gefürchteter Feind der Gesellschaft; ein Mann, den seine Dämonen verfolgen und der des Nachts aus dem Schlaf auffährt, denn die Schreckensbilder seiner ermordeten Freunde, die, wenn sie dem alten König treu waren, nun seine Feinde sind, lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Die Hofschranzen, die er um sich versammelt, sind verachtenswerte Kreaturen, die niemandem treu sind – wären sie es, könnten sie nicht am Hof des Verräters dienen. Macbeths Psyche wird zunehmend zerfahren, er fühlt sich verfolgt. Seine bösen Geister lassen ihn nicht mehr zur Ruhe kommen und bringen ihn an den Rand des Wahnsinns. Macbeths Welt – das sind nun Verrat, Mord und Hass.

Doch auch über das persönliche Schicksal Macbeths hinaus reicht die Prophezeiung der drei Hexen, welche sich als eine schlimme Zukunftsvision entpuppt – einem Fluch viel ähnlicher denn einem Segen, wie Macbeth zuerst dachte. Der Verrat und der Unfriede im Inneren hat Unfrieden im gesellschaftlichen Außen zur Folge. Die Armee Englands rückt nach Schottland vor, um den geschwächten König zu entthronen. Die Armeen treffen aufeinander … und auch das Schicksal der Länder nimmt seinen Lauf.

Die weltanschauliche Fragen

Die Prophezeiung der Hexen stimmt also, wie die Tragödie uns zeigt. Die Worte der Hexen werden zur Realität. Aus Worten wird Sein – und Nomen est Omen. War DER GRUND für die Prophezeiung der Hexen nun die Vision einer festen Zukunft? Oder war die Prophezeiung DER GRUND für die Realisierung der Zukunft … in dieser spezifischen Form?

Ist die Zukunft fest oder verschwommen? Man könnte auch sagen, dass es bei Macbeth letztlich um die Frage nach Kausalität ganz allgemein geht. Was wäre geschehen, wenn Macbeth den Hexen nicht begegnet wäre?

  1. Das Wesen einer Prophezeiung ist es ja eigentlich, mit einer gewissen Zwangsläufigkeit einzutreten – eintreten zu müssen. Ist Macbeth nun Werkzeug des Schicksals und glaubt nur, nach seinem eigenen Willen zu handeln? Was ist Wille? Kommt die Zukunft durch unabänderliche Umstände zu Stande, die sich dem Menschen auf trügerische Art als dessen freier Wille im Jetzt darstellen? Oder hat der Einzelne tatsächlich die Macht, sein Schicksal zu bestimmen?
  2. Welche Rolle haben die Verkünder des Schicksals, die Hexen, für das Schicksal? ERZEUGEN die Worte der Hexen eine Chance auf Realisierung? Was ist Wahrscheinlichkeit? Wird eine Wahrscheinlichkeit erzeugt, indem man Worte sagt? Zitat Einstein: „Erst die Theorie bestimmt, welche Beobachtung sich machen lässt.“
  3. Und noch weitergehende Fragen lassen sich formulieren: Wenn nun das Gespräch Macbeths mit den Hexen stattgefunden hätte, ohne dass der Zuschauer des Stücks davon Kenntnis erhalten hätte – wie hätte sich die Handlung dann für ihn, für den Zuschauer, dargestellt? Anders gesagt: Ein Phänomen, für das man den Grund nicht kennt, nennt man Zufall. So wäre also Macbeths Schicksal Zufall – aus der Sicht des Zuschauers, vorausgesetzt, dieser würde das Gespräch mit den Hexen nicht kennen. Hat er aber Kenntnis von dem Gespräch, dann glaubt er im Besitz eines Grundes zu sein. Und nun die große Frage: Ist, was Macbeth widerfährt, Zufall … denn, ob der Zuschauer vom Zusammentreffen Macbeths Kenntnis hat oder nicht, dürfte doch in der Sache gar keine Rolle spielen! Oder etwa doch? Ist Zufall vielleicht nur eine Sichtweise und es „gibt“ den Zufall eigentlich gar nicht?

 

Die Tragödie Macbeth wirft diese Fragen auf intelligente und höchst spannende Art und Weise auf, beantwortet sie aber nicht. Im Grunde ist die Geschichte von Verrat und Mord am Königshof ein Krimi, der sich in ungezählten Varianten in der Geschichte zutrug, und der sich, auf weniger spektakuläre Weise, täglich in unser aller Leben abspielt. Wir können uns selbst genauso gut fragen: Was ist der Grund für die Dinge, die wir tun? Was ist unser Schicksal? Wie hängt unser Schicksal mit den Gedanken zusammen, die wir jetzt, in diesem Augenblick, denken? Können  wir unser Schicksal durch Gedanken ändern? Wie?

 
Siehe auch: Artikel Spirealismus

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Macbeth Interpretation – die Frage nach dem Schicksal was last modified: Februar 7th, 2017 by Henrik Geyer