Ist Blues nun traurig oder fröhlich?

Blues Interpreten - Diverse [SPID 3974]

Ich mag Blues-Musik und fragte mich, was denn eigentlich so besonders ist an dieser Musikrichtung. Blues ist doch recht einfach, fast spröde … und ist Blues nicht auch sehr traurig?

Blues ist nachdenklich

Blues hat jedenfalls einiges, das man als tiefsinnig oder spirituell charakterisieren kann. Blues hat Soul und Gospel inspiriert, kommt letztlich aus denselben Quellen, und hat oft umgekehrt viele Elemente von diesen – Gospel-Blues etc.. Es sind beispielsweise übersinnlich klingende Backgroundchöre, Bläsersätze, oder der stampfende und eingängige Sound von Gospel. Die lebensnahen Themen des Blues regen zu tiefem Nachdenken an.

Wurzeln im Leben

Vielleicht könnte man Blues als eine der natürlichsten Musikrichtungen sehen – von einfachen Menschen gemacht und fortentwickelt. Im Ursprung kommt er aus dem Süden der USA. Es ist die abendliche Unterhaltung der Menschen dort, wenn man so will ein Lebensgefühl. Blues könnte in seiner ursprünglichsten Form eine Erzählung über das Alltägliche sein, die von einfachen Gitarrenriffs begleitet wird, und ohne spektakuläre Wendungen vor sich hinplätschert. Ohne Strophen und Refrain, ohne Bridge.

Das wandelt sich natürlich, beim komplizierter und anspruchsvoller werdenden Blues, in den alle möglichen Stile einfließen man denke an Muddy Mississippi Waters, Eric Clapton, Stevie Ray Vaughan …. u.v.m., die eine Progression verkörpern.

Was das Wesen des Blues ausmacht, finde ich in diesem Titel eines jungen Musikers namens Justin Johnson gut wiedergegeben. Er handhabt seine Shackup Bluesguitar so virtuos, als würden 3 Personen spielen, statt einer.

 

Ist Blues-Musik traurige Musik?

Blues ist synonym geworden mit einer nachdenklichen Traurigkeit – aber ist Blues-Musik nun wirklich traurig?

Ich denke nicht. Blues-Musik ist so universell wie das Leben, und gerade die einfachen Momente haben immer beides, das Element der Traurigkeit, wie auch des Humors. Vielleicht auch manchmal des unfreiwilligen Humors.

Blues ist geerdet, ist im Jetzt. Die Themen des Blues sind so simpel wie sinnfällig. Zum Beispiel Lüg mich nicht an!, eine Fahrt auf einem Alabama Highway oder die eigene Freundin. Blues findet das Poetische im Einfachen.

Blues ist einfach, eingängig, der Rhythmus des Lebens. Er hat die kleinen Kicks bzw. Licks, die das Leben schön machen, macht aber auch aus Traurigkeit keinen Hehl. Traurigkeit gehört zum Leben. Der größte denkbare Gegensatz zu Blues-Musik sind vielleicht die „lustigen Musikanten der Volksmusik“, die das Potential haben so manchen eher traurig zu stimmen.

In „I’ll play the Blues for you“ gibt Albert King ein Gespräch mit einem Mädchen wieder, das Mädchen ist traurig, hat den Blues. Er macht dem Mädchen Mut, erklärt einfache Dinge. Albert King spielt ihr den Blues, und dieser Blues ist nicht traurig.

 

 

Blues ist bitter – sweet

Townes van Zandt, ein Country & Blues-Interpret der Siebziger, wurde einmal gefragt, warum die meisten seiner Songs so traurig seien. Und er sagte, die seien gar nicht so traurig, nur hoffnungslos. Sie drehen sich um total hoffnungslose Situationen, aber so sei eben das Leben. Vom Erkennen des Traurigen komme das Fröhliche, und man könne, das Traurige erkennend, sich dem Fröhlichen zuwenden. „Wissen Sie“, sagte er, „Blues ist fröhliche Musik.“

Ich finde, das ist schön ausgedrückt. Hoffnungslosigkeit hält man normalerweise für sehr negativ. Es mag als eine merkwürdige Sichtweise erscheinen, aber Hoffnung hat auch einen negativen, polaren Aspekt – anders gesagt: wo viel Licht ist, muss notwendigerweise Schatten sein. Hoffnung bedeutet ja auch: die Gegenwart für nicht gut halten, auf das Bessere der Zukunft zu hoffen. Man möchte aus dem Jetzt weg.

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Blues ist im Jetzt

Blues ist geerdet und kennt den Moment als den höchsten Sinn. Fröhlichkeit, auch Traurigkeit, Genuss eben, liegen nur im Augenblick des Lebens, man findet sie nicht in einem abstrakten Sinn – das ist Blues.

Blues ist bitter-sweet: süß-sauer.

Im Blues wiederholt sich alles, es ist ein langer, manchmal sehr lang ausgespielter Rhythmus. Das, die Variationen, sind der Genuss. So wie das Leben ein Rhythmus ist – der Rhythmus, der in einem selbst ist. Die endlosen Variationen des Lebens werden von erfindungsreichen Gitarren-Improvisationen repräsentiert, die für Blues-Musik typisch sind. Unter Bluesmusikern finden sich, das muss man sagen, die besten und kreativsten Gitarrenvirtuosen.

Ist Blues nun traurig oder fröhlich? was last modified: September 26th, 2016 by Henrik Geyer