Interview mit Autor Dr. phil. Christian Hardinghaus

Christian Hardinghaus

Herr Dr. Hardinghaus hat das Buch „Mindfuck Stories“ vorgestellt, ein Buch voller überraschender Wendungen, die uns auf psychologischer Ebene fragen lassen: „was ist unsere Realität?“ Hierzu einige Fragen an Dr. Hardinghaus: 

 

Mindfuck Stories
Mindfuck Stories

Können Sie zu Beginn des Interviews bitte noch einmal erklären, was ein Mindfuck ist?

Natürlich, es wäre schlecht, könnte ich es nicht. Der Begriff stammt aus dem Filmbereich und beschreibt eine völlig unerwartete Wendung in der Handlung einer Geschichte, die den Zuschauer verblüfft, fasziniert und noch lange nachdenken lässt. Zugegeben, der Begriff klingt vulgär, aber eine geeignete deutsche Übersetzung gibt es nicht und das Wort hat sich bereits etabliert. Sprachlich kann man es vom umgangssprachlichen Englischen „to fuck with somebody´s mind“ ableiten, was so viel bedeutet wie jemanden den Kopf verdrehen.

 Sie sind Medienwissenschaftler und Journalist. Wie kamen Sie dazu, auch Belletristik zu schreiben?

Ein Autor wird immer danach gefragt und fast jeder gibt an, dass das Schreiben schon immer seine Leidenschaft gewesen sei. Das klingt irgendwie abgedroschen. War es bei mir anders! Nein, genauso! Auf das Projekt Mindfuck Stories bin ich gekommen, nachdem ich in meiner Doktorarbeit Manipulationstechniken in Film und Internet untersucht habe. In meinen Stories geht es auch darum, den Leser zu manipulieren. Allerdings auf eine ungefährliche und unterhaltsame Weise.

Als was sehen Sie sich denn vorrangig, als Schriftsteller, Wissenschaftler oder Journalist?

Als alles in einer Person und Berufung. Wenn man Affinität und Übung im Schreiben hat, dann kann man alles schreiben, das ist meine Meinung. Ich könnte wohl auch eine Bedienungsanleitung für eine Waschmaschine verfassen, doch das wäre langweilig. Als Wissenschaftler liebe ich es, investigativ zu forschen, als Journalist schreibe ich zu psychologischen und historischen Themen.

Was ist das Resümee des Schriftstellerseins? In welcher Hinsicht lohnt es sich? Auch persönlich?

Ich habe als Autor schon eine Reihe Sachbücher veröffentlicht. Doch am meisten Freude bringt mir die erzählende, fiktionale Literatur. Das bedeutet für mich, die absolute Freiheit zu haben. In den Geschichten läuft alles zusammen: eigene Erlebnisse, von anderen gehörte Erlebnisse und die individuelle Fantasie. Alles kombiniert mit einer Menge Recherche. Sicher muss sich jeder Newcomer von der Illusion befreien, sofort einen Bestseller landen zu können. Das gelingt wirklich nur ganz Wenigen. Aber das ist auch mein Traum. Und da ich gerade erst angefangen habe und schon ein unglaublich positives Feedback bekommen habe, bleibe ich dran.

Haben Sie als Schriftsteller neue Erkenntnisse gewonnen? Welche?

Ich habe mich darin bestätigt gefühlt, dass ich Menschen mit meinen Worten unterhalten und faszinieren kann. Die Leser leben mit meinen Figuren, so wie ich es tue. Oft kommt es vor, dass Leser wissen wollen, wie die Geschichten der Charaktere weitergehen und sie entwickeln dabei selbst Fantasie. Schriftsteller und Leser, beides gehört symbiotisch zusammen. Daher ist mir die Kommunikation mit Lesern besonders wichtig geworden.

Sie greifen viele psychologische Themen auf. Beschreiben eindringlich Ängste, Zwänge und Trauer. Ihre Protagonisten sind schizophren oder hypochondrisch. Stecken Teile davon in Ihnen selbst?

Auf jeden Fall. Bei mir genauso wie bei allen anderen Menschen. Erst, wenn Symptome sehr ausgeprägt sind und das Leben einschränken, kann man von Erkrankungen sprechen. Ich glaube, dass es in einem Menschen eine Grundsensibilität gibt, die bei jedem unterschiedlich ausgeprägt ist. Als Schriftsteller muss man aber auf jeden Fall sehr sensibel sein. Genauso wie im realen Leben muss sich der Schriftsteller genau in die Gefühle seiner Figuren hineinversetzen können. Das ist vergleichbar mit der Kunst eines Schauspielers.

Braucht man nicht auch psychologisches Fachwissen, um über solche Dinge zu schreiben?

Möglicherweise geht das auch ohne. Da muss man aber auch vorsichtig sein, schließlich gibt es die Fachleser, und da möchte man auch nichts Falsches schreiben. Das Internet hält aber ja genug Wissen parat, um sich zu informieren. Ich selbst habe mich viel mit Psychologie beschäftigt, habe eine Weiterbildung in Allgemeiner Psychologie gemacht und auch mein Promotionsthema wurde sozialpsychologisch behandelt.

Ihre Mindfuck Stories erinnerten mich an Roald Dahl – sind Sie von Roald Dahl inspiriert?

Das ist schön, dass Sie das ansprechen. Die Zahl der Leser häuft sich, die meine Stories mit den Geschichten von Roald Dahl vergleichen. Und wissen Sie was? Ich habe noch keine einzige Geschichte von ihm gelesen, aber über ihn und werde das wohl nun nachholen müssen. Ich bin ein Fan von Edgar Allen Poe. Für mich der Star unter den Kurzgeschichtenschreibern und ein Mitbegründer der Schauerromantik. Literatur inspiriert mich. Was den Mindfuck betrifft, so bin ich aber doch sehr stark von Filmen beeinflusst. Mein großes Idol ist David Lynch. Sein Film Mulholland Drive ist ein Meisterwerk. Darüber habe ich ein Sachbuch geschrieben und den Film analysiert. Er steckt voller Mindfuck Effekte. Lynch gerät leider zunehmend in Kritik durch seine Leidenschaft zur Transzendentalen Meditation. Der Bewegung wird von einigen Wissenschaftlern sektenähnliche Strukturen vorgeworfen. Ich halte mich da mit meiner Meinung zurück. Für mich ist und bleibt er der größte Regisseur unserer Zeit.

Sie bauen in Ihren Geschichten Rätselbilder auf, die in den letzten Zeilen entschlüsselt werden. Ist Mindfuck ein sehr starkes Wort für Rätselbilder?

Nein, das Rätseln setzt erst nach dem Mindfuck ein. Die Leser fragen sich, wie sie so in die Irre geführt werden konnten, hinterfragen sich selbst und lesen die Geschichten noch mal. Kaum eine Story wird aber zum Schluss vollständig entschlüsselt. Beim Mindfuck ist es wichtig, dass dem Leser Platz für eigene Deutungen bleibt. Was nicht bedeutet, dass man am Ende ratlos da sitzt. Die Geschichten werden nur unterschiedlich verstanden. Es kommt vor, dass Leser etwas in den Mindfuck Stories finden, auf das ich selbst so nicht gekommen bin, wo ich aber sagen muss: tatsächlich, das könnte so auch passiert sein!

Wie wichtig ist Kreativität?

Kreativität ist mit die wichtigste Eigenschaft eines Schriftstellers, ebenso eines jeden Künstlers. Darauf bauen Geschichten auf und Kreativität ist ein sich stetig erweiternder Prozess. Doch allein Kreativität reicht nicht, um ein guter Schriftsteller zu sein. Man muss die Technik des Schreibens beherrschen, fit in der Rechtschreibung sein, strukturiert arbeiten können. Eine Anekdote zum Thema Kreativität: Ich habe Deutschlands Vorzeigeautor Sebastian Fitzek mal zu diesem Thema interviewt. Ich bewundere seine Art zu schreiben. Auch er hat Mindfucks in seinen Geschichten. Die Therapie ist das beste Beispiel. Ich glaube, er ist einfach auch wahnsinnig sensibel und hat auch deswegen ein Gespür für gute Geschichten. Auf jeden Fall hat er mich während des Interviews motiviert, es auch mal mit einem Buch zu versuchen. Das hab eich nun gemacht und es ihm letzte Woche zugeschickt. Ich bin gespannt, ob er es liest.

Glauben Sie an eine Aufgabe in dieser Welt?

Ich glaube, man hat viele Aufgaben in dieser Welt. Eigentlich bekommt man die ja jeden Tag. Ob es eine einzige Lebensaufgabe gibt? Ich glaube nicht, aber das ist eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss, sollte und darf.

Wenn ja, wer verteilt die Aufgaben? Gibt es jemanden zentral oder macht das jeder selbst?

Die Welt steckt voller Herausforderungen. Ich glaube es gibt genug Möglichkeiten, sich daraus seine speziellen Aufgaben zu entnehmen. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass es für uns nicht bewusst wahrnehmbare Kräfte gibt, die uns lenken, zumindest in gewisser Weise. Das ist aber eine schöne Vorstellung. Und Einigen scheint es ja auch zu gelingen, diese Kräfte für sich sichtbar zu machen. Das bedeutet für mich spirituelles Erleben. Und ich spüre da auch Vieles um mich herum, dass ich mir noch nicht erklären kann. Auch das ist natürlich unfassbar faszinierend.

 Glauben Sie an Gott? Oder verbietet die wissenschaftliche Sichtweise den Glauben an Gott?

Ja, ich glaube an Gott und spreche jeden Tag zu ihm. Das Beten vermittelt mir ein Gefühl der Geborgenheit. Die Gespräche mit Gott sind ein Teil von mir und gleichzeitig auch Selbstgespräch. Ich gehe kaum in die Kirche, da ich meinen eigenen Draht zu Gott habe und mit ihm alleine sprechen möchte. Es ist schade, dass so viele Menschen den Glauben verlieren. Mir würde das wahnsinnig fehlen. Ich bin sicher, dass Glaube positive Energien freisetzt.

Und wie ist es mit dem Leben nach dem Tod?

Auch daran glaube ich fest, aber nicht daran, dass man auf dieser Erde ein neues Leben geschenkt bekommt. Ich glaube an die stetige Fortentwicklung der Seele, die mit dem Tod nicht abgeschlossen ist. Hätte es folglich aber ein Leben vor meinem jetzigen gegeben, müsste ich mich daran erinnern, und zwar nicht nur in Teilen, sondern ganz. Denn auch alle Erinnerungen und Erfahrungen sind Teil der Seele. Allgemein spielt das Thema Tod in meiner Familie eine bedeutende Rolle. Mein Vater ist Mediziner, hat eine der ersten Palliativstationen in Deutschland gegründet und koordiniert ein Netzwerk von Krankenhäusern, die diese Form, der umsorgenden, nicht mehr heilenden Praxis anbieten. Er hat tausende Patienten in den Tod begleitet. Ich war natürlich auf der Station und habe mit den sterbenden Menschen gesprochen. Da herrscht eine ganz ruhige, friedliche und würdevolle Atmosphäre. Die Patienten werden dort sehr spirituell, nehmen Farben, Formen und Symbole viel intensiver wahr und bereiten sich zusammen mit Ihren Angehörigen, Psychologen oder Seelsorgern auf den Tod vor. Der Tod spielt übrigens in den Mindfuck Stories eine ganz bedeutende und zentrale Rolle.

 

..im Gespräch mit Sat 1
..im Gespräch mit Sat 1

MINDFUCK STORIES lesen – das bedeutet, sich literarisch mal so richtig den Kopf verdrehen zu lassen. Die fünfzehn mysteriösen Kurzgeschichten in diesem Buch führen Sie geschickt in die Irre, indem sie immer wieder überraschende Haken schlagen. Christian Hardinghaus lädt Sie dazu ein, zusammen mit den Helden der Stories das gänzlich Unerwartete zu erleben. Jede Geschichte birgt ein neues Geheimnis, jede erzählt von einem anderen tragischen Schicksal. MINDFUCK STORIES – intelligent, bissig und voller Emotionen geschrieben!

(180 Seiten, ISBN 978-3-9816409-0-8) Print: 14,80 €, ebook: 6,80 €

 

Interview mit Autor Dr. phil. Christian Hardinghaus was last modified: April 28th, 2015 by Henrik Geyer