Wofür steht der Begriff Karma?

Der Begriff Karma steht für zwei Denkvoraussetzungen:

  1. Alles ist miteinander verbunden. Man könnte auch sagen: alles ist Geist (erstes hermetisches Gesetz) – es gibt nicht den absoluten Unterschied, den wir (uns im materialistischen Weltbild befindend) sehen. Und so gibt es auch keine Objekte, die nur für sich stehen. Und es gibt auch keine Zusammenhänge, die von anderen Zusammenhängen völlig getrennt wären. Das wird immer wieder, auf unterschiedlichste Weise, von den unterschiedlichsten Denkrichtungen und Autoren, zum Ausdruck gebracht. Ouspensky zum Beispiel formulierte genau das in einer seiner okkult-visionären Phantasien. Man könnte Heraklits „Alles fließt“ als eine Variante dieser Sichtweise ansehen. Oder man denke an C.G. Jungs Synchronizität. Oder an das biblische „Gottes Wege sind unergründlich.“ Philosophisch ausgedrückt: das Einzelne gibt es nicht. Alles steht im Zusammenhang. So wie jedes Wort nur im Zusammenhang mit vielen Worten Sinn ergibt, so ist auch jedes Ding der Welt beschaffen. Daher wird die Welt nicht mit Worten beschrieben (Worte, die in einem Sinnzusammenhang stehen = Semantik), sondern die Welt IST semantischer Natur.
  2. Aus dem unter Punkt 1 Gesagten ergibt sich mit Notwendigkeit Punkt 2. Wenn alles im Zusammenhang steht, bis ins Unendliche, wir hingegen von einer sehr endlichen Menge an Wirkzusammenhängen sprechen, dann ist offensichtlich, dass wir nur den kleinsten Teil der Zusammenhänge kennen. Spirealistisch ausgedrückt: Es ist unser Wesen, selbst Teil zu sein, und eben auch nur dieser Teil, dieses Wenige, kann durch uns zum Ausdruck kommen. Als Element der Schöpfung (nicht ihr Beobachter) erschaffen wir Zusammenhänge. Die durch uns zum Ausdruck kommenden Zusammenhänge können nur ein winziger Teil der möglichen Zusammenhänge sein. Ich beschrieb das oft als „Denkgrenze“. Kurz: Das, was wir als „im Zusammenhang stehend“ bezeichnen, und das, was „wirklich“ im Zusammenhang steht, ist ein himmelweiter Unterschied.

Das Resultat dieser Denkvoraussetzungen ist eben das, was man immer im Kopf hat, wenn man an Karma denkt. Wenn man an Karma denkt, fragt man sich meist, ob nicht irgend etwas, das man getan hat, sich in einem Moment gerade auswirkt – etwas, das man normalerweise nicht als direkt im Zusammenhang stehend sehen würde. Aus diesem Denken ergibt sich eine gewisse Vorsicht. Vorsicht zum Beispiel, Dinge lieber zu lassen, die einem ein „schlechtes Karma bescheren.“ In anderen Worten: Dinge zu unterlassen, die eine Prädisposition für negative Ereignisse erzeugen, die einen irgendwann überraschen könnten. Einen Ausgangspunkt für Unglück, sozusagen. Andererseits natürlich möglichst vieles zu tun, das einem eine möglichst glückliche Prädisposition verschafft.

Ich würde auch sagen, das Wort Karma richtig verstanden beinhaltet ein gewisses Maß an Verständnis und Bescheidenheit gegenüber der Schöpfung.

In der materialistischen Weltsicht erscheint uns der Begriff Karma wie irrational, wie etwas, das mit der „richtigen“ Welt eigentlich nicht verbunden ist, und völlig unerklärlich. Gleichwohl würden viele durchaus sagen: „Ja, es gibt Karma“. Für den Spirealisten ist „das Irrationale“ hingegen Prinzip. Karma ist in seiner Wirkung tatsächlich unerklärlich – schon allein, weil das quasi die Definition von Karma ist. Aber dem Spirealisten steht der Begriff Karma in einer völlig natürlichen Reihe mit Begriffen wie „das Unbekannte“, „der Zufall“, etc.. Wer den Begriff Karma in diesem Zusammenhang sieht und versteht, hat im Grunde auch eine andere Vorstellung von Kausalität und Zeit.

Das Denken an Karma ist völlig folgerichtig und logisch, und keineswegs eine Form von Aberglaube.

 

Wofür steht der Begriff Karma? was last modified: November 21st, 2017 by Henrik Geyer