Warum spricht Gott nur zu Dummen?

„Why does god only speak to stupid people?“ – neulich las ich diese rhetorische Frage auf der Webseite eines Freundes und konnte mich eines kleinen Kommentars nicht enthalten, der etwa folgenden Wortlaut hatte: Erstens tut Gott das nicht – er spricht nicht nur mit oder zu Dummen. Denn viele waren Gott so nah, dass man von ihnen sagt, oder sie von sich, sie wären im Dialog mit Gott. Denken wir an Luther, oder Meister Eckhart, oder Eckhart Tolle, und viele mehr. Das waren und sind nicht die Dümmsten. Oder Jesus selbst … war er vielleicht dumm oder vielleicht naiv, weil er ja am Kreuz endete? Also ich glaube das nicht.

Wenn man aber zweitens Materialismus mit Klugheit gleichsetzt, und Idealismus der sagt „alles ist Geist“ (es gibt auch einen Idealismus der das nicht tut) mit Dummheit, dann allerdings ist eine gewisse Unwissenheit, eine gewisse Naivität, für den Dialog mit Gott durchaus förderlich. Und hier liegt das wahre Verständnis des „Selig sind die geistig Armen, denn ihrer ist das Himmelreich“. Man muss die materialistischen Schlauheiten dieser armen Welt vergessen, um die Wunder sehen zu können. Es ist genau dasselbe, das Gustav Meyrink so ausdrückt:

Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, man müsse die äußere Natur studieren, um künstlerisch schaffen zu können, stumpfsinnig nachgebetet und befolgt; erst, seit Hillel mich in jener Nacht erweckt, war mir das innere Schauen aufgegangen: das wahre Sehenkönnen hinter geschlossenen Lidern, das sofort erlischt, wenn man die Augen aufschlägt, – die Gabe, die sie alle zu haben glauben und die doch unter Millionen keiner wirklich besitzt.

Gustav Meyrink
österreichischer Schriftsteller
geb. 19. Januar 1868 in Wien; gest. 4. Dezember 1932 in Starnberg

In meinem Buch Gespräche mit dem Schöpfer habe ich versucht diesen Dialog zu zeigen. Mein Ziel war dabei, den Dialog wiederzugeben, nicht so sehr die philosophische Frage zu stellen, wie man in einem Dialog mit jemandem sein kann, der überall ist, der keine Person ist, dessen Vorstellung in jedem Moment zugleich dinglich und falsch ist.

Alles, was man von Gott aussagen kann, das ist Gott nicht.

Meister Eckhart
spätmittelalterlicher Theologe und Philosoph
geb. um 1260, gest. 30. April 1328 in Avignon

Ich musste dafür einen Brückenschlag machen. Ich habe den Dialog so dargestellt wie ein Gespräch zwischen zwei Personen. Denn das entspricht der Vorstelllung der meisten Menschen, ein Dialog könne immer nur zwischen zwei Menschen stattfinden, zwei Personen. Das benötigt die im allgemeinen gängige Vorstellung, Gott wäre ein alter weiser Mann, der zwischen den Wolken wohnt, oder eine ähnliche.

Doch, das ist nicht meine Vorstellung, nicht mein Glaube. Meine Vorstellung ist: Alles ist Geist. Wir sind Elemente der Schöpfung, nicht deren Beobachter. Während wir glauben eine Schöpfung zu beobachten, erschaffen wir, in unseren Phantasien, unseren Gedanken, unseren Vorstellungen.

Gott spricht nicht zu uns, oder mit uns, sondern durch uns!

Das ist etwas, das jenen unbegreiflich ist, die nie gelernt haben, den ständigen inneren Dialog in sich wahrzunehmen. Als etwas wahrzunehmen zudem, das ganz willenlos und selbstverständlich vor sich geht. Ein Dialog, oder Multilog, aus dem wir entstehen, und unsere Vorstellung von der Welt, und schließlich von uns selbst.

Warum spricht Gott nur zu Dummen? was last modified: September 18th, 2017 by Henrik Geyer