Trost

Vor einiger Zeit lernte ich in einem anderen Land einen Mann kennen, der auf einem Zeltplatz ganz allein in einem vollgekramten, sehr großen Zelt lebte. Es war in Großbritannien, in Wales, um genauer zu sein; der Mann war ein einfacher und herzlicher Kelte. Wie ich später erfuhr, unterscheidet sich die Mentalität der Engländer und jener, die sich als Kelten verstehen, also der Waliser, Schotten, Iren, doch erheblich – während die Engländer oft eher zurückhaltend, distanziert und verschlossen wirken, sind die Kelten im Innersten herzlich, und das spürt man auch.

Der Mann, er hieß Richard, lebte bereits seit 7 Monaten auf dem Zeltplatz, seit dem Tag nämlich, als seine Frau ihn aus dem Haus geworfen hatte, dem gemeinsamen Haus, in dem sie bis dahin mit zwei Kindern gelebt hatten. Er habe sich mit anderen Frauen abgegeben, so der Vorwurf der Ehefrau; aus seiner Sicht (natürlich) ein Missverständnis.

Das war ein sehr netter, höflicher und menschlicher Typ; ein Mann, der wohl seine Meinung sagt, aber das zurückhaltend tut, dabei sehr die Meinung des Anderen achtend. Er bot mir seine Hilfe an, als ich Schwierigkeiten mit dem Aufbau des neuen Zeltes hatte, und auch ich half ihm, als er ein technisches Problem mit seinem alten Auto hatte. Wir führten an zwei Abenden, an denen ich auf diesem Zeltplatz verweilte, lange Gespräche, und blickten dabei über die in der Abenddämmerung verschwindende, riesige Bucht von Swansea.

Später, wieder in Deutschland, erhielt ich manchmal Nachricht von ihm, es waren größtenteils Botschaften, die er über das Internet an seine Bekannten sendete, Fotos, kurze Sätze. Teils drehte sich, was er sendete, um seine Familie, teils waren es Rock-Musikvideos, die eine erschreckende Hoffnungslosigkeit in ihrer Lyrik ausdrückten. Teils waren es kaum erkennbare Nacht-Bilder, die er, vielleicht betrunken, aufgenommen hatte. Einmal war es ein Bild: er selbst im Dunkel, eine Träne unter dem Auge. Er schrieb: „Gebrochen. Ich kann (das) nicht mehr.“ Er schien verzweifelt, hatte er mir doch erzählt, wie sehr er seine Frau und seine Kinder vermisst, wie sehr er versucht sie zurückzugewinnen, wie er hofft, einen billigen Caravan kaufend, seinen Kindern auch einmal etwas bieten zu können, etwa eine Übernachtung bei sich, und vieles mehr. Ich hatte mir damals gedacht, dass ich ihm bei diesem Vorhaben alles Glück dieser Welt wünsche, gleichzeitig hatte ich die Sorge, dass sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen könnte. Zu wacklig erschien mir dieses fragile Gespinst aus Planungen, die oft auf Annahmen zu beruhen schienen, aber vielleicht nicht genug die vielfältigen Möglichkeiten eines ungünstigen Geschicks in die Rechnung einbezogen.

War meine Befürchtung eingetroffen? War irgendetwas fundamental schief gelaufen? Hatte er seinen Caravan bekommen, aber seine Frau hatte vielleicht dennoch ihren Unwillen bekundet wieder mit ihm zusammen zu ziehen, auch auf lange Sicht? Ich wusste es nicht.

Auf die Gefahr hin, dass ich vielleicht an anderen Sorgen und Nöten, die ich nicht kennen konnte,  vorbeiredete, wollte ich ihm dennoch einige Zeilen des Trostes zukommen lassen. Was ich ihm schrieb würde ich jedem Menschen zu jeder Zeit raten – im Grunde geht es um das Finden dieser merkwürdigen inneren Kraft, ohne die wir wie Marionetten wirken, die schlaff in den Schnüren hängen. Eine Kraft jedoch, die, wenn wir sie finden, uns aufrichtet und Dinge tun lässt, über die wir schließlich selbst erstaunt sind. Eine Kraft, die uns erfreut, die das Leben lebenswert macht, und die uns Sinn gibt. Viele Menschen, denen man täglich auf der Straße begegnet und denen man äußerlich nichts ansieht, schleppen diverse gewichtige Probleme mit sich herum oder befinden sich in Lebenskrisen, und könnten ein wenig Rückbesinnung auf diese mysteriöse Kraft, auf diese „Verbindung mit dem Universum“, wie sie manchmal genannt wird, gut gebrauchen. Mancher nennt es auch die Verbindung zu Gott.

Ich schilderte ihm meine Sicht, wie ich ihn kennengelernt habe, dass ich ihn als Menschen und als Mann mit Familiensinn sehr mag und hoch schätze. Dass ich ihn als einen von Grund auf gütigen und herzlichen Mann sehe, ein Geschenk Gottes an diese Welt. Ich riet ihm aber auch, so wie ich es selbst erfahren hatte, sich nicht zu sehr auf die Menschen zu verlassen, also auf das, was sie tun werden, was durch sie geschehen wird… Sondern, so schrieb ich, wir müssen unsere Kraft am besten in uns selbst finden, denn hier ist sie ja auch eigentlich beheimatet. Was seine Frau hingegen tut, das könne er letztlich nur zum Teil beeinflussen. Ja, manchmal wird sogar allzu großes Drängen als Aufdringlichkeit empfunden und damit als unangenehm. Oft ist gerade unser allzu großes Wollen der Grund, dass die Dinge, die wir am dringlichsten ersehnen, sich von uns entfernen anstatt sich uns zu nähern. In unserer Verblendung und in unserer Fixierung auf diesen einen Gegenstand unserer Sehnsucht merken wir das nicht einmal.

Doch manchmal ist es gerade umgekehrt: wenn wir innerlich stark sind, dann wirken wir auch anziehend auf andere. Innerliche Stärke drückt sich aber nicht dadurch aus, dass wir uns zu sehr an etwas festklammern. Sondern, innerliche Stärke zeigt sich für andere darin, dass man ein aktives Leben führt, ein Leben, das von Mut und vielfältigen Interessen geprägt ist. Diese Stärke zeigt sich in Verlässlichkeit und Treue seinen Lieben gegenüber, aber auch in Offenheit und Freiheit ihnen gegenüber.

Diese Stärke zu finden gelingt dem Verzweifelten nicht augenblicklich, und es ist keine Aufforderung „Nun sei doch endlich glücklich!“ Sondern Trost und Stärke kann man nur finden durch das allmähliche Begreifen unseres Geworfen-Seins in diese Welt, das Verstehen, dass durch uns die Kraft des Schöpfers fließt. Eine Kraft, die uns gleichzeitig begrenzt und begrenzen muss, denn es ist uns nicht ALLES möglich, wie es so schön und so falsch in manchen spirituellen Werken oder auch im Werbefernsehen heißt – eine Sichtweise übrigens, die uns geradezu verzweifeln lässt, wenn wir sie wörtlich nehmen. Sondern, alles ist nur möglich im Kontext unseres Begreifens, im Kontext unserer speziellen Welt. Indem wir SIND, indem wir jemand Bestimmtes sind, sind wir Gottes Kreation. Die in uns liegende Welt zu entdecken, durch die die Schöpfung wie ein breiter Strom fließt, diese eine Welt in ihrer Fülle zu verstehen und in der Unendlichkeit des Erlebens – DAS eben IST die Freiheit des Schöpfers. Das ist die Verbindung zu Gott.

Wir entdecken die innerlichen Welten, indem wir uns kreativ und handelnd unseren Interessen hingeben, so weit das eben möglich ist. Fleiß und Handeln sind bei einer solchen Selbsttherapie wichtige Voraussetzungen, jedoch ist, sofern wir tatsächlich den Mut finden, uns unseren ureigensten Interessen zuzuwenden, dafür Sorge getragen. Denn wir haben Mut an der Welt und in der Welt, handeln und sind fleißig, durch Interesse. Sehen wir unsere spezifischen Interessen, durchaus auch unsere Hobbys, als Gottes Kreativität, die er durch uns leben möchte. Sein Interesse ist es zu sehen was daraus wird, wenn man den Gedanken des Interesses konsequent verfolgt. Unsere Langeweile, die schließlich in Gedanken der Überflüssigkeit mündet, in Gedanken des Unnötig-Seins, in Gedanken wie „Wozu das alles?“, langweilt ihn hingegen ebenso. Feiern wir das Interesse des Herrn an dieser Welt, indem wir selbst interessiert sind!

Wir können das Leben auch so sehen: Wir kommen jeden Tag neu auf die Welt. Im Grunde hätten wir jeden Tag die Chance, Neues und Erstaunliches zu tun, wären wir nicht durch unsere Gedanken so sehr an das Gestern gebunden. Unsere Möglichkeiten sind, zumal, wenn wir uns in der Mitte des Lebens befinden, eigentlich phänomenal. Im Gegensatz zu einem Kind, das wir ja auch einmal waren, und das voller Hoffnung und Zuversicht in die Welt schaute, wissen wir nun mehr, können mehr, haben mehr Wissen im Kopf, und, hoffentlich, noch viel mehr Fragezeichen. Bemerken wir, dass die Fragen nie enden? Bekommen wir das überhaupt noch mit, obwohl es uns doch, durch all unser schlaues Wissen, manchmal so scheint, als wüssten wir alles und die Welt sei auch ein wenig langweilig? Wissen kann eben auch eine ganz schöne Bürde sein. Im Grunde hätten wir dem Kind, das wir einmal waren, viel voraus, doch oft erscheint es so, als seien die Möglichkeiten, gerade in der Mitte des Lebens, verbaut und nicht offen – und an dieser Auffassung gilt es zu arbeiten.

Sagen wir uns immer: Wir sind im Jetzt, und im Jetzt ist alles gut. Das Jetzt gibt uns die Möglichkeit zu handeln, zu denken, schöpferisch zu sein. Es ist vor allem dieses Jetzt, das entscheidend ist für unsere vielfältigen Möglichkeiten, nicht so sehr irgendetwas anderes, das wir uns ausdenken, und von dem wir glauben abzuhängen. Das Sein selbst ist es, welches diese rätselhafte Kraft in sich trägt, so dass wir im Grunde alles tun können. Wir müssen uns nur erinnern und müssen gleichzeitig vergessen. Wir müssen uns unserer Stärken erinnern und wir müssen vergessen, wovon wir abzuhängen glauben.

Um das Interesse an der Welt, von dem ich sprach, zu finden, müssen wir wieder lernen neugierig zu sein, nicht so viel vorauszusetzen, sondern nur stolz und dankbar für das zu sein, was wir nun tun können. Das bedeutet dankbar zu sein für die Welt und die einfachsten Dinge, die uns in die Lage versetzen, zu SEIN.

Gerade in Zeiten der Verzweiflung wächst die Chance, dass wir vergessen können, wovon wir abzuhängen glauben – sagt man denn nicht, man habe „nichts mehr zu verlieren“? Wer nichts zu verlieren hat, der hat eigentlich auch nichts, das ihm eine Bürde auf dem weiteren Weg sein könnte. Der wandert frei in eine freie Zukunft, wenn er nicht durch Sorgen, die ihm in Wirklichkeit kein bisschen auf seinem Weg helfen, daran gehindert wird. Wer nichts zu verlieren hat, der kann Neues wagen, findet er nur den Mut dazu. Ich schrieb Richard, dass er sich vorstellen möge, wie fundamental gewandelt seine Welt aussehen mag, wenn er nur den Mut findet, weiterzugehen, und mit Interesse neue Dinge zu entdecken. In fünf Jahren ist seine Situation vielleicht grundlegend gewandelt, er hat wieder eine Wohnung, ein Haus, lebt mit seiner Familie zusammen, vielleicht auch findet er eine neue Liebe. Vielleicht ist es auch ganz anders und er findet ein Interesse und einen Weg zu leben, der in diesem Moment ganz unwahrscheinlich erscheint.

Mancher braucht diesen Anstoß, dass er „alles“ verliert, um zu verstehen, dass das Leben eigentlich wunderbar ist, denn durch das Leben hat man die Gelegenheit Dinge zu tun und Gottes Interesse und Mut an der Welt in sich zu spüren. Ich sagte Richard, dass Gott möchte, dass wir Mut haben sollen. Wir dürfen also irren, wir dürfen Interessen nachgehen, auch wenn es einfach nur unsere eigenen sind – es müssen nicht die Interessen anderer Menschen sein. Wir sind nicht gebunden. Gott ist durch uns schöpferisch, und schöpferisch zu sein bedeutet eben, Gedanken zu denken, die kein anderer Mensch hat. Gott ist interessiert an der Schöpfung, es interessiert ihn, Gedanken zu Ende gedacht zu sehen. Mut interessiert ihn, Kraft und Bewegung.

Habe Mut! Das war es, was ich meinem Freund mitteilen wollte.

 

 

 

Trost was last modified: Oktober 18th, 2017 by Henrik Geyer