Die Bremer Stadtmusikanten – philosophisch durchleuchtet

Neulich, als ich meinem kleinen Sohn das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten vorlas, fiel mir wieder einmal auf, was für ein schönes Märchen das doch ist. Es erinnerte mich an das Buch „Der Apotheker“ von Paulo Coelho (einen Bestsellerautor, der in seinen Romanen spirituelle Weisheiten mit flüssiger Erzählweise verbindet), in dem ein Mann loszieht sein Glück zu finden, und dann das Hauptelement seines Glückes bei sich zu Hause findet, als er nach Jahren des Suchens aus der Fremde zurückkehrt.

Die Bremer Stadtmusikanten im philosophischen Sinn kurz erzählt: Vier Geschöpfe in einer existenziellen Lebenskrise suchen nach einem Ausweg ihrer misslichen Lage. Was an sich als die verteufelt schlechteste Idee erscheinen mag, zieht man ihr jeweiliges stimmliches Vermögen in Betracht, erscheint ihnen angesichts der verzweifelten Situation in der sie stecken als erstrebenswertes Ziel; als, in ihrer Vorstellung, geradezu göttliche Verlockung: Sie wollen Musikanten werden, und mit ihren holden Sangeskünsten die geplagte Stadtbevölkerung Bremens umgarnen. So muss es sich doch gut leben lassen!  Der an sich morgentliche Hahnenschrei könnte als Dauerbeschallung dienen, der Esel machte auf wunderschöne Art „IIII AAA“ dazu, die Katze verstünde sich auf Nachtmusik und das Bellen des Hundes könnte man als Percussions gebrauchen! Man ahnt schon, auf welch spektakuläre Weise dieser Plan scheitern muss, sollten diese „Musiker“ Bremen erreichen.

Doch – keine Angst! Die Stadtmusikanten werden in Wirklichkeit niemals Musikanten und erreichten auch die Stadt Bremen nicht. Sondern, man denke an die Heldenreise des Narren im Tarot, auf ihrer wechselvollen Wanderung gen Bremen werden sie mit Räubern konfrontiert, und es gelingt ihnen durch den schrecklichen Missklang ihrer Stimmen, diese hart gesottenen Bösewichte in die Flucht jagen! So wachsen doch jedem Narren, der nur nicht aufgibt, sondern der sich versucht, auf geradezu magische Weise Kräfte und Mittel zu!

Die vier Tiere finden ihr Glück. Sie erreichen zwar das zuerst beschlossene Ziel nicht, aber sie finden auf ihrer Heldenreise etwas viel Besseres. Etwas, das sie sich niemals hätten vorher ausdenken können. Tja, der Narr ist doch zugleich auch der Magier, der das Schicksal beherrscht und die göttliche Fügung entfesselt, ganz wie in der Heldenreise, ganz wie bei Coelho.

Dass all das gar nicht so besonders ernst ist (auch dieser Artikel nicht) – die Geschichte von den Bremer Stadtmusikanten ist dennoch überaus ernst zu nehmen, und ihr Humor und die Kraft spendende spirituelle Weisheit passen gut zum Leben, denn:

Sie möchten gern lachen – aber so tun Sie es doch. Die Welt ist durchaus nicht zu ernst dazu. Sie ist weder ernst noch lächerlich, sondern in jeder Sekunde anders, anders, anders.

Christian Morgenstern

Die Bremer Stadtmusikanten – philosophisch durchleuchtet was last modified: August 15th, 2017 by Henrik Geyer