Der Vorteil des Älterwerdens – die Dinge werden klarer, tiefer, anders

Es gibt sicher einige Nachteile des Älterwerdens. Aber es gibt doch auch mindestens einen entscheidenden Vorteil: Das Denken schärft sich.

Wissen um Relativität

Allein die Tatsache, dass man im Leben so viel Gegensätzliches erlebt, schärft doch die Sinne für einen Tatbestand: Alles ist relativ! Man hat glücklich gelebt und unglücklich, war krank und gesund, war arm und reich, hat geliebt und gehasst. Schließlich und endlich kommt man dazu, das Leben nicht als einen Zustand zu sehen, also „ich bin …“ oder „der / die / das ist …“, sondern, dass man alle Zustände als den Gedanken eines Augenblicks begreift. Als etwas, das im nächsten Moment schon wieder anders sein kann. Das kann man jungen Leuten im Grunde kaum vermitteln, denn es ist etwas anderes, ob man Dinge gesagt bekommt, oder ob man sie am eigenen Leib erfährt.

Dieses Wissen um Relativität allein, ist, so denke ich, die Quintessenz dessen, was man Lebensweisheit nennt. Lebensweisheit ist nicht die Anhäufung von Wissen irgendeines wissenschaftlichen Spezialgebietes, sondern Wissen um das Leben. Und was könnte „das Leben“ besser beschreiben, als dessen Relativität, Wechselhaftigkeit, die Unendlichkeit seiner Möglichkeiten? Nur junge Leute glauben mit einer gewissen Inbrunst an das Statische, an die Unverwechselbarkeit der Dinge …  womit nicht gesagt sein soll, dass es keine weisen jungen Menschen gäbe, oder nicht-weise Alte.

Die Tiefe des Raums

Womit wir bereits beim nächsten Aspekt wären – die Dinge gewinnen im Alter an Tiefe, werden klarer und anders. Doch, wie soll man sich darüber mit Jüngeren unterhalten, auch sie haben eine Vorstellung von Dingen, sprechen die Worte in klarer Weise aus, aber, unterhält man sich über dasselbe?

Ich will das an einem unverfänglichen Beispiel deutlich machen. Bereits früh in der Jungen lernt man ein Wort. Beispielsweise das Wort „Europa“. Im Grunde kann man sich sofort ganz vernünftig über Europa unterhalten. Aber, es ist doch ein riesiger Unterschied, ob man ein Leben in diesem Europa gelebt hat, ob man alle möglichen politischen, topographischen, urbanen, erotischen, kulinarischen und wer weiß was für Aspekte erlebt, gehört, durchdacht hat. Oder ob man nur ein paar Jahre damit zugebracht hat. Die millionenfachen Aspekte und Nuancen, die sich aus den vielen Erfahrungen der Jahre ergeben, erzeugen im Älteren ein schillerndes, tiefes, räumliches Bild. Während der Jüngere, das ist nicht zu ändern, noch ein eher flaches, undifferenziertes Bild vor Augen hat. Was ein Bild ein anderer vor Augen hat, wenn er über eine bestimmte Sache spricht, kann niemand wissen … daher kommt der oft zutreffende Eindruck zu Stande, dass Junge und Ältere zwar dieselben Worte benutzen, aber doch nicht dieselbe Sprache sprechen ( .. was natürlich auf verschiedene Personen der gleichen Altersgruppe ebenso zutreffen kann).

Zugespitz: Bei einem sehr kleinen Kind ist es oft so, dass es viele Worte sagen kann, so dass man staunt, was es alles schon weiß. Manchmal, Wochen nachdem man ein Wort von ihm hörte, erfährt man, dass es nicht die leiseste Ahnung hat, wovon es gerade spricht. Und dieser Prozess setzt sich ein ganzes Leben lang fort. Er hört nie auf, auch im Älteren nicht. Es gibt immer unendlich viele Aspekte einer Sache, von denen man nichts weiß. Wichtig aber ist die unleugbare Tatsache: Im Alter kennt man mehr Aspekte an jeder Sache als in der Jugend. Und, man kennt viele Verbindungen zwischen den Dingen, die man in der Jugend nicht kannte, was dazu führt, dass man die jugendliche Sicht, durch die die Dinge statisch wirken, verliert, und sie im Alter eher als  fließend erlebt.

Das führt auf den zuerst genannten Gedanken zurück: Lebensweisheit als „Wissen um Relativität“. Die Dinge als Relationen zu sehen bedeutet: Was wäre beispielsweise Europa, wenn man es nicht in einem Zusammenhang, oder auch einem Gegensatz sehen würde, mit Amerika, mit Asien, mit Afrika, etc.?

Wie soll man darüber mit jungen Leuten sprechen? Ihnen kommt ihr Ich-Universum wie voll erschlossen, wie ausreichend bemessen, eben völlig rund vor – genau wie dem Älteren. Dem einen erschließt sich beim anderen nicht, welche Tiefe dessen Universum hat, welche Unterschiedlichkeit … Nur, dass der Ältere sich an sein eigenes Ich der Jugend erinnern kann. Und er kann sich sicherlich an so viele Gelegenheiten erinnern, in denen er sich fühlte wie ein neuer Mensch, wie ausgewechselt.

 

Wer das Denken für das Wichtige im Leben hält, wie es dieser Blog zweifellos tut, der wird es nicht gering schätzen, wenn die Dinge im Alter klarer, tiefer, eben anders werden. Wenn sich das Ich-Universum weitet, reicher wird. Was anderes können uns die Dinge sein, als die Gedanken, mit denen wir an sie denken? Diese Tiefe ist ein Geschenk. Ein Unterschied, als ginge man in einen sehr guten und interessanten Film, anstatt in einen schlechten.

Im Rückblick erscheint das eigene Ich, das Ich von vor 10 Jahren etwa, stets wie naiv und unerfahren – ein Eindruck der zweifellos zutrifft. Das ist ein Prozess, der sich fortsetzt, und der einen in jedem Lebensabschnitt aufs Neue erstaunt. Manchmal übrigens beneidet man das eigene Ich um eine Naivität und die damit einhergehende Unbeschwertheit, die vor Jahren noch da war. Dann wieder wird einem klarer, dass das Gute, wie auch das nicht zu vermeidende Schlechte, notwendige Stationen auf dem Weg der Erkenntnis sind und bleiben.

Und es gibt kein Zurück. Man kann, älter geworden, die Dinge nicht mehr so denken, wie vor Jahren, selbst wenn man möchte. Das Denken ändert sich, die Welt ändert sich. Was (hoffentlich) ein Leben lang bleibt, das ist einzig die Neugierde. Neugierde, gemeint als Interesse an der Vertiefung des Raums.

 

Der Vorteil des Älterwerdens – die Dinge werden klarer, tiefer, anders was last modified: Januar 15th, 2018 by Henrik Geyer