Das Geheimnis liegt nicht in Atomen

Als ich 2014 mein Buch Alles ist Geist herausbrachte, war ich von einer unmittelbaren Erfahrung ausgegangen, die ich in jenen Jahren gemacht hatte. Nämlich der, dass die Dinge das sind, was wir in ihnen sehen. Ich nahm das damals ganz wörtlich, und im Buch geht es darum, diesen Gedanken weiter zu denken, und zu fragen, wo denn nun die Grenze für diese Aussage ist. Die Formulierung „Alles ist Geist“ erhält ja erst einmal von vielen, die diese Aussage hören, Zustimmung.  Alles ist Geist … was heißt denn nun: Alles? Was ist nicht Geist? Mein damaliges Resüme: Es gibt keine Grenze. Auch die ganz normalen, vor uns liegenden, anfassbaren Dinge, sind jenseits unseres Begreifens nicht als etwas Bestimmtes vorhanden. Sondern das Begreifen erschafft die Dinge.

Das hat eine große Relevanz, denn wenn man nach der Beschaffenheit der Dinge fragt, und zwar der Dinge, die man vor sich sieht und anfassen kann, dann fragt man letztlich nach der Beschaffenheit der Realität und nach dem Wesen von Materie.

Ich hatte ein Begreifen einer persönlichen Situation auf das Begreifen von Dingen übertragen, und damit etwas getan, das nach materialistischem Verständnis eigentlich nicht möglich ist, denn die Dinge sind uns ja, in ihrer objektiven Definiertheit, der Inbegriff des Nicht-Änderbaren, des Festen – eben unserer Vorstellung von Materie. Ganz anders als man gemeinhin eine Vorstellung, eine Meinung, einen Gedanken, sieht.
Jedoch war für mich nun der Blick auf die Dinge, und die Dinge selbst, nichts Verschiedenes mehr. Woraus Dinge entstehen und wie Dinge sich zerteilen lassen, halte ich seitdem für eine Frage ganz ähnlich dem Zerteilen einer Zahl in unendlich kleine Bruchstücke, oder dem Zusammenfassen von Zahlen bis ins Unendliche.

Aus diesem Grund verzierte ich irgendwann die Titelleiste dieses Blogs mit einem Fraktalbild, also einem im Computer berechneten Bild. Dessen Eigenschaft ist es nämlich, dass es sich aus einer ganz einfachen Formel, die der Rechner immer wieder auf sich selbst anwendet, ergibt. Und, ebenso wie unsere Wirklichkeit, haben solche Fraktale die Eigenschaft, dass sie bis ins unendlich Kleinste berechenbar sind, und in diesen Mikrokosmen immer andere, wenn auch ähnliche, Muster ergeben (das erinnert an die chinesische Spruchweisheit der zufolge die Zukunft so werden wird, wie die Gegenwart ist, nur anders). Und, so wie ein Fraktal, kann man auch das Universum sehen: Die Wahrnehmung erschafft Raum. So wie ein Fraktal, das, wenn man weiterrechnet und weiterrechnet, neue Räume erschafft – das heißt, die digitale „Leinwand“ eines Fraktalbildes vergrößert sich mit zunehmender Rechentiefe.

Das Geheimnis unserer Welt liegt nicht in kleinsten Einheiten, auch nicht in einem „großen Ganzen“, sondern das Geheimnis liegt in unserem Begreifen. Man könnte auch sagen, dass Fragen der Wahrnehmung, wenn man so will psychologische Fragen, für das Begreifen in der Wissenschaft ebenso relevant sind, wie für das Begreifen persönlicher Situationen. Nehmen wir wieder die Fraktale. Viele fasziniert, dass sie diese unendliche Tiefe haben, was an grundlegende philosophische Fragen rührt … Was ist das Kleinste?

Aber, wie „tief“ kann ein Fraktal in der Realität sein? So tief, wie man es berechnet. Nicht tiefer. Eine Frage der Wahrnehmung.

Neue Dinge werden erschaffen, so wie man neue Begriffe erschafft. Ebenso wie im Beispiel der zerteilbaren Zahlen können wir neue Begriffe erschaffen, in dem wir vorhandene Begriffe kategorisieren, betrachten, neu ordnen. Alles ist Geist – Erschaffen ist Konzentration. Das eigentliche Geheimnis des Seins findet sich nicht in Atomen, und ich glaube, dass wir von der Welt, die uns eher durchdringt als dass sie uns umgibt, noch wenig verstehen, wenn wir wie hypnotisiert auf die Geheimnisse schauen, die wir in eindeutiger Weise in Dingen vermuten.

Das Geheimnis liegt nicht in Atomen was last modified: November 17th, 2017 by Henrik Geyer