Der Vorteil des Älterwerdens – die Dinge werden klarer, tiefer, anders


Freitag, 22. Dezember 2017

Es gibt sicher einige Nachteile des Älterwerdens. Aber es gibt doch auch mindestens einen entscheidenden Vorteil: Das Denken schärft sich.

Wissen um Relativität

Allein die Tatsache, dass man im Leben so viel Gegensätzliches erlebt, schärft doch die Sinne für einen Tatbestand: Alles ist relativ! Man hat glücklich gelebt und unglücklich, war krank und gesund, war arm und reich, hat geliebt und gehasst. Schließlich und endlich kommt man dazu, das Leben nicht als einen Zustand zu sehen, also „ich bin …“ oder „der / die / das ist …“, sondern, dass man alle Zustände als den Gedanken eines Augenblicks begreift. Als etwas, das im nächsten Moment schon wieder anders sein kann. Das kann man jungen Leuten im Grunde kaum vermitteln, denn es ist etwas anderes, ob man Dinge gesagt bekommt, oder ob man sie am eigenen Leib erfährt.

Dieses Wissen um Relativität allein, ist, so denke ich, die Quintessenz dessen, was man Lebensweisheit nennt. Lebensweisheit ist nicht die Anhäufung von Wissen irgendeines wissenschaftlichen Spezialgebietes, sondern Wissen um das Leben. Und was könnte „das Leben“ besser beschreiben, als dessen Relativität, Wechselhaftigkeit, die Unendlichkeit seiner Möglichkeiten? Nur junge Leute glauben mit einer gewissen Inbrunst an das Statische, an die Unverwechselbarkeit der Dinge …  womit nicht gesagt sein soll, dass es keine weisen jungen Menschen gäbe, oder nicht-weise Alte.

Die Tiefe des Raums

Womit wir bereits beim nächsten Aspekt wären – die Dinge gewinnen im Alter an Tiefe, werden klarer und anders. Doch, wie soll man sich darüber mit Jüngeren unterhalten, auch sie haben eine Vorstellung von Dingen, sprechen die Worte in klarer Weise aus, aber, unterhält man sich über dasselbe?

Ich will das an einem unverfänglichen Beispiel deutlich machen. Bereits früh in der Jungen lernt man ein Wort. Beispielsweise das Wort „Europa“. Im Grunde kann man sich sofort ganz vernünftig über Europa unterhalten. Aber, es ist doch ein riesiger Unterschied, ob man ein Leben in diesem Europa gelebt hat, ob man alle möglichen politischen, topographischen, urbanen, erotischen, kulinarischen und wer weiß was für Aspekte erlebt, gehört, durchdacht hat. Oder ob man nur ein paar Jahre damit zugebracht hat. Die millionenfachen Aspekte und Nuancen, die sich aus den vielen Erfahrungen der Jahre ergeben, erzeugen im Älteren ein schillerndes, tiefes, räumliches Bild. Während der Jüngere, das ist nicht zu ändern, noch ein eher flaches, undifferenziertes Bild vor Augen hat. Was ein Bild ein anderer vor Augen hat, wenn er über eine bestimmte Sache spricht, kann niemand wissen … daher kommt der oft zutreffende Eindruck zu Stande, dass Junge und Ältere zwar dieselben Worte benutzen, aber doch nicht dieselbe Sprache sprechen ( .. was natürlich auf verschiedene Personen der gleichen Altersgruppe ebenso zutreffen kann).

Zugespitz: Bei einem sehr kleinen Kind ist es oft so, dass es viele Worte sagen kann, so dass man staunt, was es alles schon weiß. Manchmal, Wochen nachdem man ein Wort von ihm hörte, erfährt man, dass es nicht die leiseste Ahnung hat, wovon es gerade spricht. Und dieser Prozess setzt sich ein ganzes Leben lang fort. Er hört nie auf, auch im Älteren nicht. Es gibt immer unendlich viele Aspekte einer Sache, von denen man nichts weiß. Wichtig aber ist die unleugbare Tatsache: Im Alter kennt man mehr Aspekte an jeder Sache als in der Jugend. Und, man kennt viele Verbindungen zwischen den Dingen, die man in der Jugend nicht kannte, was dazu führt, dass man die jugendliche Sicht, durch die die Dinge statisch wirken, verliert, und sie im Alter eher als  fließend erlebt.

Das führt auf den zuerst genannten Gedanken zurück: Lebensweisheit als „Wissen um Relativität“. Die Dinge als Relationen zu sehen bedeutet: Was wäre beispielsweise Europa, wenn man es nicht in einem Zusammenhang, oder auch einem Gegensatz sehen würde, mit Amerika, mit Asien, mit Afrika, etc.?

Wie soll man darüber mit jungen Leuten sprechen? Ihnen kommt ihr Ich-Universum wie voll erschlossen, wie ausreichend bemessen, eben völlig rund vor – genau wie dem Älteren. Dem einen erschließt sich beim anderen nicht, welche Tiefe dessen Universum hat, welche Unterschiedlichkeit … Nur, dass der Ältere sich an sein eigenes Ich der Jugend erinnern kann. Und er kann sich sicherlich an so viele Gelegenheiten erinnern, in denen er sich fühlte wie ein neuer Mensch, wie ausgewechselt.

 

Wer das Denken für das Wichtige im Leben hält, wie es dieser Blog zweifellos tut, der wird es nicht gering schätzen, wenn die Dinge im Alter klarer, tiefer, eben anders werden. Wenn sich das Ich-Universum weitet, reicher wird. Was anderes können uns die Dinge sein, als die Gedanken, mit denen wir an sie denken? Diese Tiefe ist ein Geschenk. Ein Unterschied, als ginge man in einen sehr guten und interessanten Film, anstatt in einen schlechten.

Im Rückblick erscheint das eigene Ich, das Ich von vor 10 Jahren etwa, stets wie naiv und unerfahren – ein Eindruck der zweifellos zutrifft. Das ist ein Prozess, der sich fortsetzt, und der einen in jedem Lebensabschnitt aufs Neue erstaunt. Manchmal übrigens beneidet man das eigene Ich um eine Naivität und die damit einhergehende Unbeschwertheit, die vor Jahren noch da war. Dann wieder wird einem klarer, dass das Gute, wie auch das nicht zu vermeidende Schlechte, notwendige Stationen auf dem Weg der Erkenntnis sind und bleiben.

Und es gibt kein Zurück. Man kann, älter geworden, die Dinge nicht mehr so denken, wie vor Jahren, selbst wenn man möchte. Das Denken ändert sich, die Welt ändert sich. Was (hoffentlich) ein Leben lang bleibt, das ist einzig die Neugierde. Neugierde, gemeint als Interesse an der Vertiefung des Raums.

 


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Was ist schon ein für allemal?


Samstag, 16. Dezember 2017

Zitat …

Der Ethiker muß immer von neuem zur Welt kommen. Der Künstler ein für allemal.

Karl Krauss
österreichischer Schriftsteller
geb. 28. April 1874 in Jicín (Böhmen); gest. 12. Juni 1936 in Wien

aber .. was ist schon ein für allemal? Alles fließt, alles ist in der Entwicklung. Nichts ist ein für allemal. Nicht einmal die Vergangenheit.


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Neulich sah ich einen Engel.


Donnerstag, 14. Dezember 2017

Gibt es Engel? Alles ist eine Frage der Sichtweise. Die Welt ist eine Vorstellung.

Die Leute wollen immer wissen, was wirklich ist. Aber wirklich ist eben genau jenes, was wir uns denken. Erzählt man eine Geschichte von einem Engel, dann sagen die Leute, das sei Unsinn. Erzählt man eine alltägliche Geschichte, die nur das beinhaltet, was die Leute glauben wollen, dann sagen die Leute, das sei nicht interessant. Wer glaubt, Engel sehen zu können, sieht sie. Wer glaubt, Engel könne es nicht geben, für den sind sie nicht da. Ob man nun von Engeln berichtet, oder von Leuten, die uneigennützig gut handeln – es ist eigentlich dasselbe.

Und Himmel und Hölle sind jederzeit in uns, beides entsteht wie absichtslos; oft gleichzeitig. Wenn wir das Selbstverständlich-Übernatürliche suchen, werden wir es nirgendwo anders finden, als in unserem Blick.

 

Neulich sah ich einen Engel.

Ich ging über ein grünes Feld. Die Büsche rauschten, und die Pappeln neigten sich. Da stand eine Person, mir zugewandt. Ich senkte den Kopf und wollte schnell vorüber gehen. Doch der Andere sah mich an. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, dass sich hinter seinem Rücken etwas bewegte. Ich blieb zögernd stehen. Hinter seinem Rücken – das waren weiße Flügel!

Seine tiefblauen Augen waren unverwandt auf mich gerichtet. Sein Haar wurde von dem heftigen Wind kaum bewegt. Ich fragte:

„Was machst du hier?“

„Nichts. Ich passe auf.“

„Auf mich?“

„Nein. Auch. Ich schaue, dass es seine Ordnung hat.“

„Eine Ordnung? Warum machst du das? Bist du von Gott gesandt?“

„Es ist meine Natur.“

Ich sah ihn noch eine Weile an, wie er dort im Wind stand. Sein Blick ging nun an mir vorbei. In seinen dunklen Augen leuchteten viele kleine Punkte.

Der Wind drehte die helle Unterseite der Blätter nach oben. Als ich weitergegangen war und mich umschaute, war er verschwunden.

Die Büsche rauschten, und die Pappeln wogten im Wind, so als würden sie sich verneigen.

 

War es so? Oder war es vielleicht so:

 

Ich ging mit dem großen Familienhund spazieren, es war ein Sonntag Vormittag, glaube ich. Die Feldwege waren schlammig und es war ein wenig windig. Über den Himmel zogen graue Wolken.

Mir kam ein Mann entgegen, der zwei weiße Plastiktüten in der Hand hatte. Er hatte zwei kleinere Hunde dabei, die um seine Beine herumwuselten. Für mich ein kleines Ärgernis, denn ich habe oft Mühe, den eigenen Hund zu halten, wenn uns andere Hunde begegnen.

Ich sagte, dass sei schwierig mit den Hunden, wenn die so heftig an der Leine reißen – so zum Smalltalk. Der Fremde sagte ja, besonders wenn man noch Plastiktüten dabei hat. Ich nickte anerkennend, und ein wenig fragend.

Er sagte, er sammele immer den Müll auf, wenn er so spazieren gehe. Die Leute schmeißen ja so viel weg, direkt in die Natur. Jetzt, hier, habe er schon wieder zwei Beutel voll.

Ich wunderte mich, dass er das machte. Ich dankte ihm auch, im eigenen Namen, aber auch im Namen all der Menschen, die so etwas sicherlich zu schätzen wüssten, würden sie es nur bemerken. Wenn man jemanden mit Plastiktüten über Feldwege gehen sieht, dann kommt man nicht darauf, dass hier jemand Ordnung schaffen will.

Ich musste seither oft daran denken. Was würde wohl aus diesem Land und seinen Menschen, wenn es nicht sehr viele Leute gäbe, wie ihn?


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Vincent van Gogh war ein Zyniker


Sonntag, 10. Dezember 2017

Was vielleicht manchem bis jetzt noch nicht so recht klar war (mir auch nicht): Vincent van Gogh war ein Zyniker im besten Wortsinn.

Ich wähle bewußt den Hundeweg, ich bleibe Hund, ich werde arm, ich werde Maler, ich will Mensch bleiben – in der Natur.

Vincent van Gogh
niederländischer Maler
geb. 30. März 1853 in Groot-Zundert; gest. 29. Juli 1890 in Auvers-sur-Oise

Der Zyniker (von kyon – griech. für Hund) ist keineswegs, wie es das heutige Wortverständnis nahelegt, ein Verächter des Lebens und der Menschen, sondern jemand, der das Leben liebt, und ihm auf besondere Weise gerecht werden will. Was er nicht anerkennt, das sind die sonst für selbstverständlich gehaltenen Werte der Gesellschaft. Der Zyniker ist, weil das so ist, auch ein Leidender, der einen in dieser Welt schweren Weg wählt. Manchmal einen tödlichen Weg. Und das Letztgesagte erinnert doch sehr an Vincent van Gogh, während der Begriff „Zyniker“ zunächst ganz und gar nicht zu passen scheint.

War Jesus ein Zyniker?


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Die Ausbeutung DES Menschen DURCH den Menschen


Donnerstag, 7. Dezember 2017

Neulich musste ich an ein kurioses Versatzstück meiner Erinnerung an die DDR – Zeit denken. Die DDR sah sich als das Gegenmodell der Nazizeit, als gerecht und gut, als „den Menschen“ befreiend, die Ausbeutung beendend. Denn alle Menschen, namentlich das Volk, waren ja Besitzer der volkseigenen Betriebe (VEBs) – so dumm wäre „der Mensch“ doch wohl nicht, dass er sich selbst ausbeutete! Und alle, das war logisch, unterstützten den Kurs „der Partei“, zumindest 99 % (Beweis: die freie Wahl). Somit war das Volk, war „der Mensch“, quasi in der Regierung. Denn „die Partei“ war immer in der Regierung.

Diese tief empfundene, jahrzehntelange Schizophrenie war dann übrigens der Grund, warum „der Mensch“ 1989 skandierte: „Wir sind das Volk!“ Gemeint war: Ihr, „die Partei“, seid nicht das Volk, auch wenn ihr das in Zeitungen und im Fernsehen, in allen Schulen und Betrieben, rauf und runter behauptet!

Nebenbei bemerkt gab es eigentlich auch noch andere Parteien in der DDR, und mancher wird vielleicht aus heutiger Sichtweise einwenden, es sei verwirrend, wenn man nur von „der Partei“ spreche. Welche Partei man wohl damit meine?

Aber es war damals völlig klar, welche man meint. Man meinte die Haupt- und eigentliche Partei, die Machtpartei. Alle anderen Parteien unterstützten „die Partei“. Das war eine große zufriedene Koalition damals, mit „der Partei“ als Nukleus. „Die Partei“ hatte übrigens auch noch einen richtigen Namen, das sei der Vollständigkeit halber gesagt. Sie hieß: Sozialistische Einheitspartei Deutschlands. SED. Weil alle so einheitlich dachten und sich darüber hinaus auch noch völlig einig darin waren, konform und synchron „die Partei“ unterstützen zu wollen, fragte man sich manchmal, wozu es überhaupt andere Parteien gab, als „die Partei“? Das konnte aber niemand schlüssig beantworten. Es schien eine Art zufällige Belanglosigkeit zu sein.

In der Schule ging es, ob in Staatsbürgerkunde, ob in Geschichte oder sogar in Kunst, Mathe, Deutsch, stets um das Herausarbeiten der Schlechtigkeiten des Kapitalismus. Zum Beispiel um die „Ausbeutung DES Menschen DURCH den Menschen“. Das wurde auch so betont, wie es die hiesige Schreibweise nahelegt. Diese Formulierung wurde in all den Jahren so oft wiederholt, dass sie sich in meinem Gedächtnis eingegraben hat, wie ein ferner Singsang, wie ein Kinderreim.

Die „Ausbeutung DES Menschen DURCH den Menschen“. Schrecklich! Wann begann die eigentlich? Für den Sozialismus begann die „Ausbeutung DES Menschen DURCH den Menschen“ natürlich so richtig mit dem Aufkommen des Kapitalismus. Den Kapitalismus unterschied Marx (Karl Marx, geb. 1818 , gest. 1883, philosophischer Kritiker des Kapitalismus und Vordenker des Weges zum Kommunismus) streng von anderen Gesellschaftsformen, wie Feudalismus und natürlich Kommunismus. Das sollte er, glaube ich, noch einmal überdenken. Jedenfalls hatte Marx die Wirkmechanismen des Kapitalismus genau durchgerechnet und in 3 Büchern „Das Kapital I – III“ niedergelegt, die im Sozialismus zwar fast jeder im Bücherschrank hatte – wer kennt sie nicht, die blau gebundenen, abwischbaren und zugleich repräsentativen, auf dünnem Papier eng beschriebenen, Bände? – aber niemand las das. Mancher überflog es, vielleicht, um mit einem Zitat angeben zu können, beispielsweise auf einem Treffen „der Partei“.

Ja, ja, so war das damals. Und „der Mensch“ – er beutet sich eben aus. Vielleicht kann er nicht anders. Aber, wann hatte die „Ausbeutung DES Menschen DURCH den Menschen“ eigentlich wirklich begonnen? Heute, im Kapitalismus, wird vielleicht ausgebeutet, aber im Sozialismus ja auch. Das merkt man so im Rückblick. Wahrscheinlich hatte die „Ausbeutung DES Menschen DURCH den Menschen“ mit dessen Entwachsen aus dem Tierreich eingesetzt! Wahrscheinlich mit dem Entwickeln der ach so überdurchschnittlichen Vernunft „des Menschen“. Denn erst mit ein wenig Vernunft kann sich „der Mensch“ sagen: „Warum soll ich es mir schwer machen, wenn ich doch ausbeuten kann? Meine menschliche Vernunft sagt mir, dass das leichter ist!“ Für ihn, „den Menschen“, ist das so selbstverständlich wie die Ausbeutung der Welt überhaupt.

Bei Tieren würde man wohl nicht sagen, hier fände eine „Ausbeutung DES Tieres DURCH das Tier“ statt. Die fressen sich höchstens auf. Aber dann ist auch Ruhe.

 


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Ist „Ich denke, also bin ich“ zu kurz gedacht?


Samstag, 2. Dezember 2017

Cogito, ergo sum – Ich denke, also bin ich. Das ist ein Prinzip des Spirealismus. Der den Satz prägte, Rene Descartes, war kein Spirealist, kein subjektiver Idealist, oder Konstruktivist, sondern letztlich Materialist. Er glaubte an eine Existenz des Materiellen jenseits des Gedankens. Wohl etwa aus dem Grund, den Oswald Spengler so formuliert:

Cogito, ergo sum. Das ist willkürlich:
auch wenn ich nicht denke, bin ich.

Oswald Spengler
politischer Schriftsteller
geb. 29. Mai 1880 in Blankenburg am Harz; gest. 8. Mai 1936 in München

 

Kann man das anders sehen?

Man kann. „Ich denke, also bin ich“ ist nicht zu kurz gedacht, vorausgesetzt, am Ende dieser Überlegung steht nicht wieder der „unvermeidliche“ Materialismus.

Nur der Gedanke gibt uns Auskunft über das Sein. Etwa, wenn wir feststellen, wir seien auch „da“ gewesen, als wir „eine Weile nicht gedacht hatten“. Wir befinden uns, wenn dieser, oder irgendein anderer Gedanke auftritt, im Jetzt. Wenn wir feststellen, wir seien „da“, oder „da gewesen“, oder etwas sei „da“ oder „da gewesen“, dann ist dies ein Gedanke des Jetzt. Die Zeit, mit ihrer Konstruktion der Vergangenheit und Zukunft, ist ein Produkt des Jetzt, der Gedanken des Jetzt. Wenn nicht der Gedanke des Jetzt da ist (und wann wohl sollte der Gedanke sonst auftreten, wenn nicht Jetzt?), dann gibt es auch kein Sein.

 

Das ist, was für das Bewußtsein ist, für das Bewußtsein Sein hat.

Richard Rothe
deutscher Theologe
geb. 28. Januar 1799 in Posen; gest. 20. August 1867 in Heidelberg


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Was man nicht wissen KANN – Grenzen des Denkens


Freitag, 24. November 2017

Im vorigen Gedanken-Reich-Beitrag hatte ich geschrieben, dass es Dinge gibt, die man nicht wissen KANN, und dies als „Grenzen des Denkens“ bezeichnet. All das im Zusammenhang mit KARMA, dessen Grundkonzept es ist, dass es Wirkbeziehungen geben muss, die aus menschlicher Sicht nicht erkennbar sind. Hier nun soll es darum gehen nach den Grenzen der Erkenntnis zu fragen. Eine Frage, die wiederum mit der ontologischen Frage zusammenhängt, als was man Realität begreift, bzw. das Zustandekommen von Realität.

 

Es ist doch eine Merkwürdigkeit, letztlich hervorgebracht durch das materialistische Weltbild, dass der Mensch glaubt, alles wissen zu können, und dass seiner Erkenntnis keine Grenzen gesetzt sind. So dass er das ultimative Wissen anstrebt – also beispielsweise, was genau das Atom ist, wie der Urknall vor sich ging, etc.. Ich will das nicht schlecht nennen, sondern nur seltsam, dass die Fragen, die sich die Menschheit stellt, immer als die letzten Fragen begriffen werden, so als würde nicht eine Frage die nächste generieren, sondern als könnten die Fragen irgendwo enden.

Aber auch jeder einzelne Mensch hält sich doch, merkwürdig genug, für informiert, und meint, alles zu wissen, oder wissen zu können, was „nötig“ sei. Das Weltwissen, also das Wissen aller Menschen, hält der Einzelne meist für ihm zur Verfügung stehend, und er hält wiederum diese imaginäre Summe allen Wissens (das Weltwissen) für eine Näherung an das, was überhaupt gewusst werden kann.

Wie gesagt ist das eine sehr merkwürdige Auffassung, und zwar aus der Sicht des „Alles fließt“, bzw. des auch des Spirealismus. Da alles fließt, da das Objekthafte eine vorübergehende Sache ist, gibt es keine absoluten Weisheiten, gibt es keine endgültigen Wahrheiten, gibt es keine feste Vergangenheit und Zukunft. ALLES ist den Begriffen des Augenblicks unterworfen, und nichts kann demzufolge getan werden, um ein „endgültiges“ Wissen zu erlangen, oder eine Weltformel.

Dass in uns selbst unüberbrückbare Denkgrenzen sind, können wir aus materialistischer Sicht nicht wahrnehmen, denn hier scheint es ja so, als sei die Welt in einer Art Starre gefangen, einer Starre, die der Starre der einzelnen Objekte gleicht, aus denen sich, nach materialistischer Sicht, die Welt bildet. Und, so die Annahme, von diesem starren Objekt WELT ließe sich Information um Information in einer zuverlässig immer gleichen Weise ABRUFEN, bis schließlich alle Informationen beisammen sind. Das wäre dann das Ziel: das Wissen um alles, die Weltformel, das höchste Wissen.

Aus spirealistischer Sicht lässt sich eher sagen, dass die höchste Weisheit darin liegt dieses „Alles fließt“ sehen zu können, und sich gerade jener Illusion zu entledigen, nämlich der, es ginge darum, „letzte Geheimnisse“ zu ergründen. Das uns bekannte Universum entströmt uns, und dieses Strömen ist unser Begriff von Existenz. Würde dieser Prozess stoppen, wäre er vollbracht indem nun alles ergründet wäre, indem alle Information gesammelt wäre, so dass keine neue entstehen könnte, so endete auch die uns bekannte Existenz. Aber, darin liegt ein Widerspruch. Das Neue IST neue Information – und Existenz bedeutet, es muss Fragen geben. Und, um zu fragen, muss es wiederum Existenz geben. Der Widerspruch liegt bereits in der irrigen materialistischen Sicht auf Information, die darin besteht anzunehmen, eine Information selbst sei etwas Absolutes, das sich in Absolutheit wiederholen könne – so als sei die Anzahl von Information eingrenzbar. Während das nicht der Fall ist. Informationen sind immer verschieden, wir selbst erzeugen sie. Weil eine Information nicht ist, wenn sie nicht aufgefasst wird, ist Information und Bewusstsein verbunden – es gibt keine 2 selben Informationen, so wie es keine zwei selben Punkte in der Raumzeit gibt.

 

Zurück zu der Auffassung des Menschen, er könne alles wissen. Die Schwierigkeit: Was kann man Menschen über Dinge sagen, die sie nicht wissen? Oder sogar nicht wissen können? Ehrlicherweise muss man sagen: gar nichts – jedermann kann das ausprobieren, und jemanden darüber befragen, was derjenige nicht weiß. Wenn man auf diese Frage eine Antwort erhält, dann vielleicht eine wie die: „Ich weiß nichts über Chinesisch, kann es nicht.“ Aber Chinesisch ist ja etwas demjenigen Bekanntes. Es wäre somit die falsche Antwort auf die Frage … Die richtige Antwort wäre: Niemand kann wissen, was er nicht weiß.

Und, noch etwas: Üblicherweise wird das „Weltwissen“, also jenes Wissen, das andere Menschen haben, mit allem vorhandenen Wissen gleichgesetzt, und wiederum der Zugang zu diesem Wissen dem Einzelnen als prinzipiell gegeben angesehen. Aber die Schwierigkeit beginnt bereits hier: Kann der Einzelne wissen, welchen Zugang zu einem vielleicht vorhandenen Wissen er haben könnte? Natürlich nicht! Von dem meisten Wissen, selbst innerhalb der Menschheit, ahnt man nicht einmal dessen  Existenz – angefangen bei einem Gedanken im Kopf des nächsten Mitmenschen. Somit ist auch ausgeschlossen, dass man sich, in Unkenntnis allen „vorhandenen“ Wissens, einen Zugang zu diesem verschaffen könnte.

Aber, noch offensichtlicher, zweitens: Kann die Menschheit alles wissen? Sofort muss man sagen „Nein!“, denn die Annahme, die Menschen seien die einzigen Lebewesen, die etwas wissen, wirkt in einem unendlichen Raum absurd. Was ist mit jenen Außerirdischen, mit deren Existenz wir in diesem Jahrhundert fest rechnen? Aber, letztlich lässt sich auch die Frage, ob „die Menschheit“ alles wissen könne, in die Frage rückübersetzen, ob ein einzelner Mensch alles wissen kann. Aus spirealistischer Sicht bereits deshalb, weil die Menschheit ebenso subjektiv denkt und urteilt wie der Einzelne (supersubjektiv). In der materialistischen Denkweise könnte man argumentieren: Das Wissen der Menschheit mag zwar quantitativ mehr sein als das eines einzelnen Menschen, aber, welche Aussage kann so getroffen werden, über die Menge des nicht vorhandenen Wissens der Menschheit, also jenes Wissens, das die Menschheit nicht hat? Wieder: Keine.

Und .. rückgeführt auf das Wissen eines Einzelnen: bei ihm würde man die Frage, ob er, der Einzelne, alles wissen könne, sofort mit „Nein!“ beantworten.

Aus spirealistischer Sicht wirkt die Vermutung, die Menschheit könne alles wissen und sich den „letzten Geheimnisse“ nähern und diese ergründen, absurd. Der Spirealismus sieht den Menschen als eine Punkt in einem unendlichen Ozean; der Mensch selbst ist die Information des Augenblicks. Und nun wäre die Menschheit, dieses Bild fortgesetzt, eine Punktwolke in einem unendlichen Ozean. Warum unendlich? Weil alles fließt, und die Summe aller möglichen Konstellationen unendlich ist. Es gibt keine zwei selben Informationen, die Realität entsteht in immer neuer Form durch uns. Und, gegenüber der Unendlichkeit gibt es keinen prinzipiellen Unterschied, ob ich nun sage, ich kann eine Information erlangen, oder eine Milliarde Informationen. Gegenüber der Unendlichkeit ist beides so gut wie gleich, ist beides so gut wie nichts.

Und .. diese selbe Absurdität in noch einem anderen Aspekt: Wenn man formuliert, man wolle sich den „letzten Geheimnissen“ nähern, so ist dies ein Paradox, denn „Geheimnisse“, also etwas, das man nicht weiß, werden quantifiziert und wirken in der Formulierung wie abzählbar und sogar wie wenige! Jedoch ist, was wir nicht wissen, nicht quantifizierbar, schon gar nicht in der Weise, dass man das für wenig hält, was man nicht sehen kann.

Wozu das alles?

Wozu das alles? Schließlich erscheinen Erörterungen der Frage, „was der Mensch nicht wissen kann“ dem Materialismus unerfreulich und unkonstruktiv, vielleicht sogar unheilig, denn es droht das geliebte Menschenbild des Allwissenden, des Supermenschen, für den sich der Mensch nach der Aufklärung im Grunde hält, zu stören, oder gar zu zerstören. Aber, um diesen Superman ist es nicht schade, es ist ohnehin nur ein falsches Zerrbild. Und „der Mensch“ wäre umso mehr im Besitz einer großen Weisheit (die dann auch sehr nützlich wäre), je mehr er das begriffe. Je mehr er das „Alles fließt“, dieses nicht-materialistische Begreifen des Seins, verstünde.

Hier einige Antworten auf die Frage „Wozu diese Fragestellung, wozu diese Argumentation?“

Erstens zeigen sich (hoffentlich!) einige Argumente, die auch dem Materialisten verständlich und schlüssig wirken und ihn zum Nachdenken bringen, was ja nicht schaden kann.

Denn wir erhalten, zweitens, sehr praktische und plastische Vorstellungen von vielen (materialistischen) Problemen, die uns überall begegnen. Zum Beispiel im Zusammenhang mit Statistik … einerseits soll Statistik die Realität in ihrer fundamentalen Beschaffenheit beschreiben, indem viele Ereignisse gleichzeitig betrachtet werden. Doch hängt, was Statistik als Realität beschreibt, sehr ab von deren Ausgangserhebungen, von deren Annahmen und Berechnungsweisen. Das wissen wir alle, dieses Wissen manifestiert sich in dem spöttischen Satz: traue nur der Statistik, die du selbst fälschst. Es ist, schon was die einfachste Erhebung angeht, davon auszugehen, dass man hier nicht etwas Eindeutiges ermittelt, das nicht anders denkbar sei, sondern nur eine Möglichkeit Gestalt annehmen lässt. Alles deutet, so gesehen, auf die Möglichkeit vieler Realitäten hin, oder nicht?

Eine Statistik ist recht interessant, als es ja bereits ihr Ansatz ist, die Realität über das Viele zu bestimmen, nicht das Einzelne. Sie fragt nicht: was kann auftreten?, sondern: was tritt häufig auf? – um das dann zur Wahrheit, zur Realität quasi, werden zu lassen, und vermeint, damit besonders objektiv zu sein. Andererseits sehen wir aber wiederum, dass Statistik nichts anderes ist als subjektiv, denn ohne das Definieren und Abzählen des Einzelnen kommt sie ja nicht aus, denn sie will das Viele dem Wenigen gegenüberstellen. Und sie ist außerdem sehr stark davon abhängig, welche Theorie man ihr zu Grunde legt.

Hier fällt der Einsteinsche Satz ein, nach dem die Theorie bestimmt, was man beobachten kann. Man frage sich: Wie viele Theorien kann es geben? Etwa nur eine?

Oder, noch etwas – etwas sehr Praktisches: Wir alle kennen wohl das gesellschaftliche Phänomen einer manipulierten Presse, die eine verfremdete Realität erschafft. Woran erkennen wir das? Indem wir die eigene Realität mit der Presse-Realität vergleichen und feststellen, dass hier ein himmelweiter Unterschied besteht. Eigentlich jedoch muss man sich sagen, dass die Presse immer eine spezielle Realität erschafft. Warum? Weil Presse nicht anders funktioniert als aus sehr vielen Nachrichten sehr wenige herauszugreifen, und diese, gewichtet, auf ihre Titelseiten zu bringen. Dieser Vorgang des Aussortierens und Gewichtens ist einer, der sich nicht in absoluten Maßstäben bewerten lässt. Er ist und bleibt ganz offensichtlich der subjektiven Meinung einer Redaktion unterworfen.

Dies begreifend ist auch hier wieder die Frage, was nun die „richtige“ Realität ist? Putin sagte einmal, die Realität sei das was im Fernsehen liefe. Ist das vielleicht falsch? Ist die „richtige“ Realität vielleicht ausgerechnet die Realität des einzelnen Menschen? Der wiederum vermutet die „richtige“ Realität ja im „objektiven“ Sehen, also in der gesammelten Sichtweise der Vielen. Die Sichtweise der Vielen, die für den Einzelnen wiederum über die Presse zum Ausdruck kommt.

Nun die Frage: Kann man sich denn aus der Realität heraus begeben? Doch wohl nicht! Begreift der Manipulierte, manipuliert zu sein? Wie könnte er? Wie kann er wissen, was er nicht weiß? Wie kann er wissen, welche Information man ihm vorenthält? So gesehen ist die Manipulation der Presse (die willentliche Gestaltung von Nachrichten) etwas sehr Subtiles und wenn man schon merkt, dass eine Presse manipuliert ist, so ist das erstens nur die Spitze eines sehr großen Eisberges. Und zweitens schadet die Erkenntnis der Manipulation nicht unbedingt der Wirksamkeit der Manipulation – wenn man denn die manipulierten Nachrichten überhaupt konsumiert.

Es ist jedem erlaubt, zu sagen, was er will; aber es steht der Presse frei, davon Kenntnis zu nehmen oder nicht. Sie kann jede Wahrheit zum Tode verurteilen, indem sie ihre Vermittlung an die Welt nicht übernimmt. Es ist die furchtbare Zensur des Schweigens, die umso allmächtiger ist, als die Sklavenmasse der Zeitungsleser ihr Vorhandensein gar nicht bemerkt . . . . An die Stelle der Scheiterhaufen tritt das große Schweigen. Hier erfahren die Leserscharen nur noch, was sie wissen sollen. Das ist das Ende der Demokratie.

Oswald Spengler, politischer Schriftsteller, geb. 29. Mai 1880 in Blankenburg am Harz; gest. 8. Mai 1936 in München

Dies so (philosophisch) sehend erschließt sich die Gefahr einer manipulierten Presse, also einer, die die Wahrheit gestalten will, oder, die in eine Parteidisziplin eingebunden ist, noch einmal deutlicher und dringlicher.

Aber noch einmal ganz allgemein gefragt: Mit welcher Notwendigkeit MUSS der Mensch zu einer Wahrheit kommen? Die Antwort: Mit keiner Notwendigkeit. Die Realität ist eine Definition, die ohne eine bestimmte Notwendigkeit entsteht, die ständig wechselt und jede Form annehmen kann.

So zeigt sich, drittens, auf sehr greifbare Weise, ein Aspekt unserer Wahrnehmung, der uns in der materialistischen Sichtweise verborgen ist, und erst durch die spirealistische Sichtweise logisch und erklärlich wird. Es ist die Tatsache, dass die Quelle des menschlichen Wissens der Mensch ist, und es ist das Vorhandensein eines gewissermaßen statischen Bereiches des menschlichen Nichtwissens, auf den man trotz aller Kenntnis seiner Existenz dennoch nicht mit dem Finger zeigen kann. Weil das, was wir materialistisch unter Existenz verstehen, und das, was wir uns gegenseitig mit dem Finger zeigen können, genau dasselbe ist. Die Widersprüchlichkeit dieser materialistischen Sichtweise aufzuzeigen, mit dem Hinweis, dass Existenz mit Denken zusammenhängt, ist die Aufgabe des Spirealismus.

Schließlich also leitet sich viertens aus dem Vorgenannten ab, dass der Begriff EXISTENZ in der materialistischen Sichtweise widersprüchlich und paradox ist – immer soll die Existenz etwas Bestimmtes sein, was nur auf eine Weise gesehen werden könne. Andererseits ist genau das in sich völlig widersprüchlich und nicht zu zeigen. Das sollte zu einem tiefen Nachdenken darüber führen, wie man den Begriff Existenz anders sehen kann. Vorschlag: spirealistisch.

 

 

 

 

 

 


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Die Einfachheit des Komplizierten


Der Gedanke fasziniert immer wieder aufs Neue, wie simpel doch unsere Vorstellungen von der Welt in ihren grundlegenden Begriffen sind. Beispielsweise das Wort Materie, das, aus dem Lateinischen kommend, nichts anderes als „Stoff“ bedeutet.

„Stoff“ könnte in seiner Bedeutung nicht fließender sein, jedoch baut auf seiner genauen Unterscheidung, beispielsweise von Geist, die gesamte materialistische Weltsicht auf.

Wer den Begriff „Materie“ hört, glaubt, es handele sich um ein hoch wissenschaftliches  Konstrukt, mit Nachweisen, objektivem Wissen, etc..

Und, ja, natürlich gehört zum Begriff Materie ganz viel: die Elemente, bestimmte Sichtweisen, wissenschaftliche Bibliotheken zu Physik und Chemie …

Aber all das sind Ableitungen der n-ten Instanz in nur „einer Richtung“, während in der Gegenrichtung, hin ins Fundamentale, die Klärung kaum dürftiger sein könnte (eben daher ist das die Fragestellung des Spirealismus). Im Grunde versucht der Materialismus stets den Unterschied zwischen Materie und Gedanken an Materie zu erklären, und setzt, weil er damit natürlich nicht sehr weit kommt, einfach ein Ausrufezeichen hinter die Annahme, es könne nicht anders sein, als dass es diesen Unterschied gäbe.

Der eigentliche Begriff, „Stoff“, bleibt rätselhaft – und muss eben deshalb der philosophischen Untersuchung unterliegen.


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Alles fließt und Karma …


Mittwoch, 22. November 2017

Ich hatte im vorigen Post der Gedanken-Reich-Rubrik frech behauptet, „Alles fließt“ (des Heraklit), und auch der Begriff Synchronizität (C.G. Jung) stünden im Zusammenhang mit dem Begriff Karma. Ich will in wenigen Sätzen sagen, wo ich den Zusammenhang sehe.

Bei der Aussage „Alles fließt“ des Heraklit handelt es sich um eine Sichtweise auf die Realität, die normalerweise nicht die Sichtweise unserer materialistischen Weltanschauung ist. Denn, weil das „Objekt“, der Fluss, sich in jedem Moment neu konstituiert, kann man nicht sagen, dass man in einem Moment in denselben Fluss steigen kann, in dem man schon einmal badete. Daher auch der bekannte Heraklitsche Satz „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“. (Eigentlich müsste man sagen, dass man überhaupt nicht, auch nicht einmal, in denselben Fluss steigen kann. Denn der Begriff „derselbe“ beinhaltet bereits eine Dualität, es sei derselbe im Vergleich zu einem anderen Mal. Und gleichzeitig sagt der Begriff „derselbe“ aus, es handele sich um genau dasselbe… Ähnliche Widersprüche gibt es in der materialistischen Anschauung zuhauf.)

Und so ist, in der Heraklitschen Weltsicht, die gesamte Wirklichkeit beschaffen. Alles fließt, also nicht nur der Fluss, sondern auch der Baum, der Stein, der Stern, etc..

So gesehen, aus dieser Weltsicht, mutet es einigermaßen merkwürdig an, dass wir von Moment zu Moment Objekte zu sehen glauben, die fest zu sein scheinen, obwohl uns doch unser genaues Nachdenken sagt, dass das nicht so sein kann. Im Spirealismus habe ich dafür den Begriff objekthaftes Denken. Er benennt diese Merkwürdigkeit: es „gibt“ keine in einem Außen fest definierten Objekte, und dennoch sehen wir sie. Und je mehr wir in der materialistischen Weltanschauung sind, desto ausschließlicher sehen wir sie.

Aus der Heraklitschen Anschauung (ebenso wie aus der spirealistischen) sehen wir, nun wiederum aus dem Vorgenannten, dass es keine festen Wirkzusammenhänge geben kann, die ja zwischen festen Objekten hergestellt werden müssten – also ist das, was wir als Kausalität bezeichnen, der Eindruck des Augenblicks, während unserer Aufmerksamkeit offenbar soundso viele kausale Zusammenhänge im selben Augenblick entgehen. Der Materialismus würde sagen: Zusammenhänge, die es gibt. Der Spirealismus würde sagen, Zusammenhänge, die es jederzeit geben könnte (man muss sie nur denken).

Man könnte es auch so formulieren: Kann man die Welt als fließend sehen, also nicht als fest, ist es selbstverständlich, dass auch alle kausalen Beziehungen fließen. Demzufolge können sie jede Konstellation einnehmen, und es gibt nichts, was nicht in einem Zusammenhang mit etwas anderem steht, oder stehen kann.

Jedenfalls ist das die Brücke: wir sehen die diversen Zusammenhänge nicht, sondern immer nur einzelne, wenn man so will sehen wir unvollständig. Und sind dann überrascht, wenn sich Wirkzusammenhänge darstellen oder denken lassen, die scheinbar völlig Verschiedenes zusammenführen, und uns einen Blick auf unser Schicksal aus einer ganz ungewohnten Perspektive werfen lassen – der karmischen Perspektive.

 

Synchronizität ist ein Begriff, den Jung etwa so meinte: Man beschäftigt sich mit etwas, vielleicht einem Buch oder einer Thematik, etwas gelangt in das Bewusstsein. Und plötzlich begegnet einem diese Sache im Außen. Vielleicht eine Sache von größter Seltenheit, die man so im eigenen Leben noch nie, oder nur ganz selten, beobachtete. Der Gedanke liegt nahe, dass hier mehr als Zufall am Werke ist – dieses zeitnahe Auftreten offensichtlich verwandter Ereignisse, die doch (nach herkömmlichem Verständnis) keinerlei kausalen Zusammenhang haben können! (Man denke auch an den Begriff Deja Vu) Jung wollte mit dem Begriff der Synchronizität nichts erklären, sondern er gab einer Sache einen Namen, die er, zumindest in seinem Leben, öfters beobachtete. Ich würde sagen, so wie es jeder spirituelle Mensch wohl ab und an erlebt.

Und da ist wieder die Brücke zu Karma. Es gibt Zusammenhänge, die wir nicht sehen können. Und zwar aus wohlerwogenen, völlig klaren Gründen. Diese Gründe sind uns, ausgestattet mit unserem materialistischen, objekthaften Denken, unsichtbar. Innerhalb dieser Weltsicht vermögen wir nicht zu sehen, dass alles fließt, dass es jenseits unseres Wissens Wissen gibt, und dass es Dinge gibt, die der Mensch nicht wissen kann. Und dann sind wir überrascht, eben das anzutreffen – als „das Unerklärliche“.


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Wofür steht der Begriff Karma?


Dienstag, 21. November 2017

Der Begriff Karma steht für zwei Denkvoraussetzungen:

  1. Alles ist miteinander verbunden. Man könnte auch sagen: alles ist Geist (erstes hermetisches Gesetz) – es gibt nicht den absoluten Unterschied, den wir (uns im materialistischen Weltbild befindend) sehen. Und so gibt es auch keine Objekte, die nur für sich stehen. Und es gibt auch keine Zusammenhänge, die von anderen Zusammenhängen völlig getrennt wären. Das wird immer wieder, auf unterschiedlichste Weise, von den unterschiedlichsten Denkrichtungen und Autoren, zum Ausdruck gebracht. Ouspensky zum Beispiel formulierte genau das in einer seiner okkult-visionären Phantasien. Man könnte Heraklits „Alles fließt“ als eine Variante dieser Sichtweise ansehen. Oder man denke an C.G. Jungs Synchronizität. Oder an das biblische „Gottes Wege sind unergründlich.“ Philosophisch ausgedrückt: das Einzelne gibt es nicht. Alles steht im Zusammenhang. So wie jedes Wort nur im Zusammenhang mit vielen Worten Sinn ergibt, so ist auch jedes Ding der Welt beschaffen. Daher wird die Welt nicht mit Worten beschrieben (Worte, die in einem Sinnzusammenhang stehen = Semantik), sondern die Welt IST semantischer Natur.
  2. Aus dem unter Punkt 1 Gesagten ergibt sich mit Notwendigkeit Punkt 2. Wenn alles im Zusammenhang steht, bis ins Unendliche, wir hingegen von einer sehr endlichen Menge an Wirkzusammenhängen sprechen, dann ist offensichtlich, dass wir nur den kleinsten Teil der Zusammenhänge kennen. Spirealistisch ausgedrückt: Es ist unser Wesen, selbst Teil zu sein, und eben auch nur dieser Teil, dieses Wenige, kann durch uns zum Ausdruck kommen. Als Element der Schöpfung (nicht ihr Beobachter) erschaffen wir Zusammenhänge. Die durch uns zum Ausdruck kommenden Zusammenhänge können nur ein winziger Teil der möglichen Zusammenhänge sein. Ich beschrieb das oft als „Denkgrenze“. Kurz: Das, was wir als „im Zusammenhang stehend“ bezeichnen, und das, was „wirklich“ im Zusammenhang steht, ist ein himmelweiter Unterschied.

Das Resultat dieser Denkvoraussetzungen ist eben das, was man immer im Kopf hat, wenn man an Karma denkt. Wenn man an Karma denkt, fragt man sich meist, ob nicht irgend etwas, das man getan hat, sich in einem Moment gerade auswirkt – etwas, das man normalerweise nicht als direkt im Zusammenhang stehend sehen würde. Aus diesem Denken ergibt sich eine gewisse Vorsicht. Vorsicht zum Beispiel, Dinge lieber zu lassen, die einem ein „schlechtes Karma bescheren.“ In anderen Worten: Dinge zu unterlassen, die eine Prädisposition für negative Ereignisse erzeugen, die einen irgendwann überraschen könnten. Einen Ausgangspunkt für Unglück, sozusagen. Andererseits natürlich möglichst vieles zu tun, das einem eine möglichst glückliche Prädisposition verschafft.

Ich würde auch sagen, das Wort Karma richtig verstanden beinhaltet ein gewisses Maß an Verständnis und Bescheidenheit gegenüber der Schöpfung.

In der materialistischen Weltsicht erscheint uns der Begriff Karma wie irrational, wie etwas, das mit der „richtigen“ Welt eigentlich nicht verbunden ist, und völlig unerklärlich. Gleichwohl würden viele durchaus sagen: „Ja, es gibt Karma“. Für den Spirealisten ist „das Irrationale“ hingegen Prinzip. Karma ist in seiner Wirkung tatsächlich unerklärlich – schon allein, weil das quasi die Definition von Karma ist. Aber dem Spirealisten steht der Begriff Karma in einer völlig natürlichen Reihe mit Begriffen wie „das Unbekannte“, „der Zufall“, etc.. Wer den Begriff Karma in diesem Zusammenhang sieht und versteht, hat im Grunde auch eine andere Vorstellung von Kausalität und Zeit.

Das Denken an Karma ist völlig folgerichtig und logisch, und keineswegs eine Form von Aberglaube.

 


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