Ist das Jenseits für das Diesseits wichtig ?

Der Geist ist alles, so die Übersetzung von Spireo. Doch erst der Glaube an einen Gott jenseits meines Geistes ermöglicht mir die Begegnung mit dem Du.

Spiritualität, wie sie heute verstanden wird, geht davon aus, das die Außenwelt durch meinen Geist bestimmt wird. Die Außenwelt ist sozusagen das Abbild meines Geistes, weil ich von ihr nur das wahrnehmen kann, was mein Geist wahrnehmen will oder kann. Ich befinde mich sozusagen in einem Spiegelkabinett. Wenn ich lächle, lächelt mir die Welt aus ihren Spiegeln zu. Wenn ich dagegen zornig bin, springt mich die ganze Umwelt an.

Viele heutige Ratgeber zu Krankheit und anderen seelischen Leiden der Gegenwart funktionieren nach diesem Muster. Sie versuchen mich zu überzeugen, dass es außer meinem Geist nichts gibt, oder nichts für mich Wahrnehmbares gibt. Sie versuchen mich zu überzeugen, dass ich über mein Bewusstsein auch meine ganze Welt ändern kann und wenn ich nur lächle, begegnet mir eine lächelnde Welt.

Da ist viel dran. Vieles in der Welt funktioniert tatsächlich wie ein Spiegel. Ich begegne in allem auch immer mir selbst. Ich habe das im Zuge einer neurologischen Krise  ganz eindrücklich feststellen können: Dem Depressiven begegnet eine depressive Welt, der Euphorische trifft auf eine spannende und aufregende Welt.  Der Gelangweilte langweilt sich, weil ihm die Welt langweilig erscheint. Dem Unzufriedenen stellt sich die Welt quer. Wenn ich dies erstmal durchschaut habe, kann ich meine Stimmung mit Leichtigkeit an der Welt, wie sie mir begegnet und erscheint, ablesen.

Viele heute sehen diese Erkenntnis als einen Trost  an. Weil es mir ein leichtes Mittel an die Hand zu geben scheint, meine Welt in ein rosarotes Lächeln zu verwandeln: Ich brauche die Welt nur anzuznehmen und ihr zuzulächeln, dann lächelt sie mir auch zurück.

Aber so leicht ist das nicht: Sagen Sie einem schwer Deprressiven, dass er lächeln soll, wird er Sie still anblicken und es nicht können. Seine Welt ist so gekippt, dass sie seinen Geist beherrscht und er daraus nicht ohne fremde Hilfe entfliehen kann. Hier helfen in den meisten Fällen nur Antidpressiva, selbst wenn  die Spirituellen dieser Welt dies nicht wahrhaben wollen.

Das was vielen als Trost erscheint – mein Geist kann meine Welt beeinflussen – erscheint mir als ein tückisches Gefängnis. Wenn das was ich tue, sich immer tausendfach im Spiegelkabinett des Universums spiegelt, habe nicht ich Macht über das Spiegelkabinett, sondern das Spiegelkabinett hat Macht über mich: Eimal genkurrt und das Spiegelkabinett knurrt tausendfach zurück. Wer könnte angesichts eines solchen Knurrens noch mit Lächeln antworten? Das wird doch ein sehr hilfloses schauerliches Grinsen, dass mir da nun tausendfach entgegengrinst und mich schreckt.

Es ist wahr, so ist es. Aber das ist kein Trost, sondern ein Schrecken. Und ich kann in dieser Spiegelkabinettwelt nur leben, weil ich die Hoffnung habe es da eine Tür gibt, die wirklich ein Durchgang ist und kein Spiegel. „Ich bin die Tür“ sagt Jesus übrigens in Joh 10,9, „wer durch mich hineingeht, wird selig werden“.

Es ist die Tür zum Jenseits gemeint, die Tür in die jenseitige Welt. Die jenseitige Welt, die außerhalb meiner selbst liegt und aus dem Spiegelkabinett meiner Welt hinausführt zum Du. Zum Du meines Nächsten. Das Jenseits ist das Du. Der Glaube an einen jenseitigen Gott außerhalb meiner engen Welt, macht es erst möglich, dass ich den Käfig meiner Welt durchbrechen kann, dass ich im Spiegelkabinett eine Tür finde.

Und so ist die Hoffnung auf ein ewiges Leben nach dem Tod, die Hoffnung, dass der Tod, der endgültige Ausgang aus dem Spiegelkabinett meiner Welt ist, und der Tod die Tür zum Jenseits zum Du endgültig und weit öffnet.

Der Glaube an einen jenseitigen ganz anderen Gott außerhalb meiner selbst, ist also der archimedische Punkt, mit dem ich meine enge Welt aus den Angeln heben und in das Antlitz meiner Schwester und meines Bruders schauen kann.

Der Sinn menschlichen Lebens ist die Begegnung mit dem anderen Menschen und nicht ein Lächeln in einem Spiegelkabinett.

(Die Bilder zeigen den ungläubigen Thomas, dem Jesus die Tür weist, und einen Drohengel)

 

Ist das Jenseits für das Diesseits wichtig ? was last modified: Mai 17th, 2014 by Margarita Siebke

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