Die Zahl Eins

die Zahl Eins

Die Zahl Eins ist die geheimnisvollste Zahl – sie scheint völlig offensichtlich und durchschaubar. Und doch verbindet sich mit ihr der Grund-Gedanke der gar nicht so offensichtlichen Weltsicht, nämlich der, dass wir Menschen Objekte beobachten. Objekte, die jeweils immer eins sind.

So verbindet sich mit der Zahl Eins die Frage, was ein Ding „an sich“ ist (Kant), was ein Noumenon ist, was das Verhältnis von „etwas“ zur Unendlichkeit ist.

Die Zahl Eins wurzelt im Unendlichen

Das Nicht-Abgrenzbare an den Dingen habe ich auf diesem Blog bereits des Öfteren thematisiert.

Siehe auch: Artikel Mengenlehre, Worte, Zahlen. Sind Zahlen objektiver als Worte?

In der materialistischen Sichtweise ist es uns zwar wie selbstverständlich, dass die Dinge die Eigenschaft der Objektivität an sich haben, und damit die Eigenschaft der genauen Abgrenzbarkeit, und dennoch ist es nicht so.

Man denke nur einmal daran, wie man sich selbst definiert. Das Ich – das ist eins. Aber wo beginnt, und wo endet dieses Ich? Ist das Ich auch die Luft, die beim Atmen in mich einströmt, sich in meinem Blut löst und die die Organe versorgt? Luft, die mich gleichzeitig im Außen mit allem verbindet?  Gehören zu diesem Ich auch die Kleinstlebewesen in mir, die mein Dasein ermöglichen, dadurch, dass sie selbst da sind, die aber nicht durch mein Denken gesteuert werden? Die also mein Leben ermöglichen, einfach, indem sie sich um sich selbst kümmern? Was unterscheidet diese Lebewesen in mir von jenen außerhalb von mir, die genau dasselbe tun – sie leben ihr Leben und ermöglichen nebenbei meines?

Oder man denke an die Abmessung der  Küste Englands, in der Literatur häufig bezeichnet als mathematisches Problem, doch meiner Ansicht nach ein ebenso weltanschauliches. Je genauer man die Küstenlänge zu bestimmen sucht, desto länger wird sie. Ist England demzufolge ein Problem der Integralrechnung? Ein Mittelwert? Eine Wahrscheinlichkeit? Es scheint doch so, nicht wahr?

Siehe auch: Beitrag Wahr – Schein. Wahrschein. Wahrscheinlichkeit

England ist eine Wahrscheinlichkeit, genau wie alle Dinge. Etwas, das in der Unendlichkeit wurzelt, und durch eine geheimnisvolle geistige Kraft eins wird. Wir rechnen mit der Zahl Eins, halten sie für selbstverständlich – doch sie ist es nicht.

Das ist für mich das eigentliche Wunder der Zahl Eins. Es ist das hermetische Prinzip, dass alles immer wieder eins ist, und dass sich alles in allem immer wieder findet. Als eins. Als eins im Geiste, wohlgemerkt. Ein Geist, der die grundlegende Naturkraft ist, und nicht identisch ist mit unserer Vorstellung von „der Klugheit des Menschen“.

 

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Gott - das ist die unzerstörbare Kraft, die den Geist zu Materie erstarren lässt,die aus der Unendlichkeit die Dinge erschafft, und die aus Allem das Eine macht.

 

Mit der Eins kommen die Dinge in die Welt

Aus: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland von Dschuang Dsi

Gibt es einen Anfang, so gibt es auch eine Zeit, da dieser Anfang noch nicht war, und weiterhin eine Zeit, die der Zeit, da dieser Anfang noch nicht war, vorangeht. Gibt es Sein, so geht ihm das Nicht-Sein voran, und diesem Nicht-Sein geht eine Zeit voran, da auch das Nicht-Sein noch nicht angefangen hatte, und weiterhin eine Zeit, da der Nicht-Anfang des Nicht-Seins noch nicht angefangen hatte. Unvermittelt tritt nun das Nicht-Sein in die Existenz, ohne dass man sagen könnte, ob dieses Sein des Nicht-Seins dem Sein zuzurechnen ist oder dem Nicht-Sein. Nun habe ich aber einen Ausdruck dafür, ohne dass man sagen könnte, ob das, was ich damit ausdrücke, in Wahrheit einen Sinn hat oder keinen Sinn hat. Hierher gehören jene Aussprüche wie: »Auf der ganzen Welt gibt es nichts Größeres als die Spitze eines Flaumhaares« und: »Der Große Berg ist klein«. »Es gibt nichts, das ein höheres Alter hätte als ein totgeborenes Kind« und: »Der alte Großvater Pong, der seine sechshundert Jahre gelebt hat, ist in frühester Jugend gestorben«. Himmel und Erde entstehen mit mir zugleich, und alle Dinge sind mit mir eins. Da sie nun eins sind, kann es nicht noch außerdem ein Wort dafür geben; da sie aber andererseits als eins bezeichnet werden, so muss es noch außerdem ein Wort dafür geben.

Das Eine und das Wort sind zwei; zwei und eins sind drei. Von da kann man fortmachen, dass auch der geschickteste Rechner nicht folgen kann, wie viel weniger die Masse der Menschen! Wenn man nun schon vom Nicht-Sein aus das Sein erreicht bis zu drei, wohin kommt man dann erst, wenn man vom Sein aus das Sein erreichen will! Man erreicht nichts damit. Darum genug davon!

Die Zahl Eins und die Zwei: das Eine bedingt das Andere

Da sich das Eine von dem unterscheidet, was das Eine nicht ist, kommt mit der Zahl Eins auch die Zahl Zwei in die Welt.

 

 

Siehe auch: Artikel Die Zahl Zwei

Weiterlesen: Artikel Die Zahl Drei

Weiterlesen: Beitrag Die Metapher – wozu ist es gut, in Metaphern zu denken?

Die Zahl Eins was last modified: Mai 19th, 2016 by Henrik Geyer