die Schwere und die Leichtigkeit des Spirealismus

philosophische Probleme des Spirealismus - Schwere und die Leichtigkeit des Spirealismus

Man hört öfters, wenn es in Diskussionen um philosophische Probleme geht, die aus spirituellen Perspektiven gesehen werden, dies alles sei ganz einfach!! Sinngemäß versteht man das so: Alles ist eins. Keine Gedanken haben – das ist die Lösung! Durch Stille und Gedankenlosigkeit erreicht man die Verbindung mit dem Schöpfer. Das Ich sei einfach das Ich. Und so weiter.

Ich habe daraufhin geantwortet, dass, wenn alles ganz einfach ist, man wohl getrost die Denker der Vergangenheit (wie Plato, Descartes, Einstein, Wittgenstein, Heisenberg, und viele viele andere), die sich ebenso mit wissenschaftlichen wie spirituellen Problemen beschäftigten, in die Mülltonne der Geschichte werfen könne. Dann redet man einfach nicht so viel. Man „knipst die Denke aus“, wie das jemand formulierte. Und das Ich ist einfach das Ich.

Spirealismus ist nicht einfach

Zumindest für den Spirealismus gilt, dass dieser sich zwar spiritueller Sichtweisen bedient, diese „wahr“ nennt und unterstützt, aber er will nicht in einen Topf geworfen werden mit dem gedankenlosen „Alles ist Eins“- Gerede.

Für die Interpretation von „Alles ist eins“ gibt es eine dumme Variante, nämlich die, dass man das, was man gerade für wahr hält, für eine allumfassende Wahrheit hält. Das könnte man auch schlicht mit Überheblichkeit oder Pharisäertum übersetzen. Aber es gibt auch eine durchdachte und sinnvolle Variante von „Alles ist eins“, nämlich die, dass man sagt: „Das Eine ist ein Teil des Alles, ohne sich vom Alles prinzipiell zu unterscheiden – und ohne das Alles gibt es das Eine nicht. Und: Die Prinzipien des Einen finden sich im Alles und umgekehrt.“ Ich habe allzu oft erstere Interpretation angetroffen. Die zweite Interpretation erfordert ja auch ein völlig anderes Weltverständnis als die Erste.

Kurz gesagt: Für den Spirealismus sind weder Religion noch Wissenschaft dumm; Dummheit und Arroganz sind generell nicht erstrebenswert. Gedankenlosigkeit und Spiritualität sind Gegensätze.

Ich habe ein Buch geschrieben, das heißt „Alles ist Geist“. Der Titel soll aber nicht ausdrücken, dass alles eins ist, damit vielleicht das Nachdenken beruhigt wegfallen könne … denn es sei ja sowieso alles eins. Der Titel meint vielmehr, dass, während der Materialist davon ausgeht, dass Geist Materie beobachtet, der Spirealist hier einen einheitlichen Prozess sieht, in dem alles relativ ist, weil alles geistig ist.Und ich denke, so ist es von den Vätern der Hermetik auch gemeint. Nur so macht der hermetische Grundsatz „Alles ist Geist“ überhaupt Sinn.

Wissensschaft ist nicht leicht, aber spirituelles Verständnis ebenso wenig

„Alles ist Geist“ – und viele andere grundlegende Gedanken der Spiritualität zu verstehen, ist nicht einfach. Ich würde sogar sagen, unter Umständen schwieriger als Wissenschaft, denn man hat sich auf sein intuitives Verständnis zu verlassen. Ein Denk-Käfig ist nicht vorhanden. Wenn Jesus sagt, das Reich Gottes sei gekommen, wenn man wisse, es sei da – wem, der mit materialistischem Verständnis ausgestattet ist, sagt das etwas?

Wenn man den Satz „Alles ist Geist“ für richtig hält, dann fragt sich beispielsweise umso mehr – was ist das Eine im Gegensatz zum Alles? Was ist der Teil im Gegensatz zum Ganzen?

Und ganz genauso verhält es sich mit den Fragen der Wissenschaft. Die philosophischen Fragen die die Quantenphysik aufwirft sind alles andere als leicht.

 

Ist es ein Vorteil, wenn ich sage, Spirealismus (und überhaupt auch Spiritualität) sei schwer zu denken?

Nein. Ich halte es nicht für einen Vorteil, wenn etwas schwierig zu denken ist. Es ist nur meine persönliche Erfahrung, dass es so ist.

Gerade, wenn man einen Gedanken verbreiten möchte, ist es kein „Vorteil“, wenn sich dieser schwer denken lässt. Nur Wenige können oder wollen sich auf das Schwierige einlassen. Der „Markt“ für das Einfache ist viel größer. So groß, dass man auf „Alles ist eins!“ etc überall trifft.

Aber, auch wenn es schwierig ist, ist Spirealismus doch notwendig. Für mich ist es eine sehr wichtige und interessante Frage, warum und wie Wissenschaft und auch spirituelles Denken gemeinsam Wahrheit haben können.

nicht einfacher als es geht

Es würde dem Gedanken des Spirealismus nicht dienen, würde man ihn als einfach bezeichnen, oder als ganz einfach darstellen wollen. Albert Einstein sagte einmal, man solle alles so einfach wie möglich machen, aber nicht einfacher.

Der Spirealismus zeichnet sich dadurch aus, dass er die Wahrheit der Wissenschaft und die Wahrheit spirituellen Denkens in Einklang bringt. Die eigentliche Schwierigkeit des Spirealismus wiederum liegt in einem Neusehen der elementaren Grundbegriffe, mit denen wir gewohnt sind, umzugehen. Nicht so sehr darin, dass der Spirealismus komplizierte Formeln bereit hielte, wie die Mathematik zum Beispiel.

Diese nur vermeintliche Einfachheit („Was könnte mich daran hindern etwas neu zu sehen?“) ist in Wirklichkeit eine kaum zu überwindende Hürde. Wie der Spirealismus feststellt, unterliegt der Mensch Grenzen des Denkens, die sich auch und gerade aus Wissen formen.

Dieses Wissen besagt z.B. im materialistischen Weltbild, dass Worte lediglich Widerspiegelungen der eigentlichen Realität seien. Daher macht es für den Materialisten wenig Sinn, wenn man ihm sagt, dass seine geistige Festlegung bereits in den Worten bestehen, die er verwendet.

Aus diesem Grund ist es die Schwierigkeit des Spirealismus, klar zu machen, dass ein grundlegend anderes Weltbild grundlegend andere Worte erfordert, und ein grundlegend anderes Begreifen. Wenn man die grundlegendsten Worte nicht neu definiert, kann man das hergebrachte Weltbild nicht verlassen, ein anderes Weltbild nicht verstehen.

Worte anders zu verstehen wiederum ist sehr schwer – ganz ähnlich, als möchte man eine komplizierte mathematische Formel verstehen, die man noch nicht kannte. Man muss, um eine komplizierte mathematische Formel zu verstehen, diverse mathematische Grundbegriffe kennen und verstehen, angefangen bei den Zahlen.  Und auch jedes uns ganz einfach erscheinende Wort ist an hundertfache Bedeutungen und Bedingungen gebunden, die „mitgedacht“ werden, wenn man es verwendet.

Die Sprache ist insofern mathematischen Formeln sehr ähnlich – und ähnlich kompliziert sind ihre Bedeutungs-Verbindungen, die ein grundlegendes Welt-Bild ergeben.  Zitat WittgensteinDie Arithmetik ist die Grammatik der Zahlen.

Und ich füge dem hinzu: Die Grammatik ist die Arithmetik der Zahlen.

die Leichtigkeit des Spirealismus

Die Grundbegriffe des Spirealismus, wie „Es gibt nichts Objektives“, „Das Denken ist die Realität“, „Denken umschließt uns, es ist nicht nur ‚in‘ uns“, „alles ist Geist“, und „wir können nichts von uns Unabhängiges beobachten“ – das ist unter materialistischen Denkvoraussetzungen unverständlich.

Ich habe selbst lange gebraucht, um das zu verstehen, da ja auch ich annahm, mit den in mir vorhandenen Begriffen alles denken zu können! Dem ist aber nicht so.

Doch – hat man die spirealistischen Grundsätze mit innerem Verständnis durchdrungen, sind sie also Denkvoraussetzung (wie ja auch materialistische Denkvoraussetzungen eigene Welten formen), dann ist Spirealismus nicht schwer. Sondern in ihm liegt ein Frieden und eine Akzeptanz der sonst so widersprüchlichen und rätselhaften Begriffe, über die ich in diesem Blog ja auch des Öfteren schreibe (wie z.B. was ist das Nichts?, Kausalität, das Unbewusste, das Unendliche, die Seele, das Ich). Verändert man die Voraussetzungen des Denkens, ergibt sich eine neue Form des Verstehens.

Und, wie ich denke, in Spirealismus liegt eine riesige Chance. Denn, zu verstehen, dass wir mit unserem Denken Dinge in die Existenz bringen, kann ein Werkzeug sein, wenn es begriffen wird.

ein Weg

Somit sehe ich es als die Hauptschwierigkeit des Spirealismus an, die geistige Gravitation des Materialismus zu verlassen.

Die „Gravitation“ des Materialismus bildet sich durch die Selbstverständlichkeit der materialistischen Denkvoraussetzungen, durch die Omnipräsenz der materialistischen Worte und des materialistischen Verstehens. Materialismus liegt in jedem Wort unserer Sprache. Die Sprache, zusammen mit der Kausalität ihrer Begriffe, hat jeder Einzelne in Jahren und Jahrzehnten mühsam erlernt. In der Sprache liegt das Denken vieler vieler Generationen – sie ist nicht unsere Erfindung und sie spiegelt auch nicht nur etwas Äußerliches wieder. Wir können uns nicht „einfach“ davon lösen.

Es ist eher ein Weg, den man mit Nachhaltigkeit gehen muss.

 

die Schwere und die Leichtigkeit des Spirealismus was last modified: Januar 11th, 2016 by Henrik Geyer