Die Magie der Sprache

Magie der Sprache - Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Für gewöhnlich stehen nicht die Worte in der Gewalt des Menschen, sondern die Menschen in der Gewalt der Worte. Hugo von Hofmannsthal

In diesem Beitrag geht es um die Magie der Sprache, oder die Magie der Worte. Als Beispiel für magische Worte dient uns ein magischer Country-Song, nämlich Pancho and Lefty, von Townes Van Zandt. Die Magie der Worte ist hier sehr greifbar – man kann der Frage nachspüren: Wie entsteht diese Magie? Worin drückt sie sich aus? Und was bewirken die Worte konkret … in diesem speziellen Song?

Der Song Pancho and Lefty ist ein Beispiel für viele ganz wunderbar geschriebene Lieder. Der Autor des Songs, Townes Van Zandt, mit seinem Leben voller Brüche und Leiden, ist nur ein Beispiel für viele talentierte Songwriter und Künstler, die sich auf die Magie der Worte, oder überhaupt, des Ausdrucks, verstehen.

Der vollständige Songtext befindet sich am Ende dieses Artikels.

 

Willi Nelson und Merle Haggard haben in ihrer Interpretation diesen Song sehr bekannt gemacht, weitaus populärer, als er durch Van Zandt je hätte werden können:

Link: Interpretation des Songs Pancho and Lefty durch Townes Van Zandt. 

Atem, derb wie Kerosin

Der Song interessiert einfach. Der Sound frisst sich in die Träume wie ein nach Westen rumpelnder Güterzug, in dessen Frachtwagen sich ein Tramp ins Stroh legt, um am nächsten Morgen 500 Meilen entfernt aufzuwachen.
Der Text ist von der ersten Zeile an spannend, seine Metaphern lassen einen nicht los.

Livin on the road my friend, is gonna keep you free and clean
Now you wear your skin like iron
Your breath as hard as kerosene

Auf der Straße zu Leben, Freund, macht dich frei und sauber.
Jetzt trägst du deine Haut wie Eisen,
und dein Atem ist derb wie Kerosin.

 Wie schrieb Van Zandt den Song?

Van Zandt sagte selbst, dass er kaum die Autorschaft für „Pancho and Lefty“ in Anspruch nehmen könne, denn die Inspiration dafür floss in einem Moment „durch ihn hindurch“ – und er könne beim besten Willen nicht sagen, was genau ihn dazu „veranlasst“ habe, den Song zu schreiben. Er selbst habe „schließlich und endlich“, später, auch verstanden, worum es in dem Song überhaupt geht.

Es ist die Magie der Sprache Van Zandts, die uns den Song auf eine wunderbar lyrische Art und Weise erschließt. Jeder kann darin etwas anderes sehen. Und auch Van Zandt war die Deutung des Textes zunächst rätselhaft – so merkwürdig das klingen mag.

Wie man den Songtext „offiziell“ auffasst habe ich an das Ende dieses Artikels gestellt, damit jeder die Möglichkeit hat, sich das Lied ganz selbst zu erschließen. Deutung von „Pancho and Lefty“

Worin liegt die Magie der Sprache?

In diesem Song findet sich so vieles. Die Magie der Sprache, so findet man hier, liegt im Weglassen. Im Fesseln durch kraftvolle Metaphern, die die Phantasie des Zuhörers in den Bann ziehen – und dann dieses Nicht-Sagen. Es sind die Löcher in der Logik, die das Denken ausfüllt mit Sinn – und zwar dem Sinn, den der Zuhörer dem Text zu geben vermag. Dass das ganz individuell geschieht, erzeugt im Zuhörer den Eindruck, dieser Song entspreche genau seiner eigenen Erfahrung.

Wenn man einige interessante Aspekte aufzählt (natürlich nur wie ich sie sehe) , so erhält man den Eindruck, es handele bei diesen wenigen Zeilen um eine Interpretation des Shakespeare-Dramas Macbeth.

Verrat

Da ist dieser interessante Aspekt de Verrates … der Versuchung etwas Verwerfliches zu tun, um dadurch einen Vorteil zu erlangen. Sollte man? Kann man? Heiligt der Zweck die Mittel? Verrat ist ganz alltäglich…

Freundschaft

Freundschaft und Verrat hängen eng zusammen. Wer wird den Verrat stärker spüren als der verratene Freund? Wer lässt sich besser verraten als ein Freund, dessen Geheimnisse man teilt? Die Geheimnisse auszuplaudern ist ganz leicht …

Schuld

Was passiert einem dann, wenn man verrät? Was passiert dem Verratenen? Äußerlich mag nichts geschehen, das irgendwie „besonders“ wäre. Im Song:

All the Federales say, they could’ve had him any day
They only let him slip away out of kindness I suppose

Alle Polizisten sagten, sie hätten ihn jeden Tag kriegen können,
Sie ließen ihn (bis dahin) nur entkommen … aus Freundlichkeit, nehm ich an.

Übrigens hat Van Zandt diese Textzeile auch noch anders interpretiert. Er variierte sie zu:

All the Federales say, they could’ve had him any day
They only let him hang around, out of kindness I suppose

Was ebenso „herumhängen lassen“ (in Ruhe lassen) wie „aufhängen“ bedeuten kann. So dass für Van Zandt klar war, dass die „Federales“ Pancho aufhängten – und ihre „Freundlichkeit“ ist ohnehin ein Zynismus.

 

Wenn also lediglich das äußerlich scheinbar Unausweichliche eintrat – war Leftys Tod denn nicht die natürliche Folge seines Banditentums? – was passiert dann eigentlich … in einem? Was geschieht mit Lefty?

Schicksal

Pancho needs your prayers it’s true, but save a few for Lefty too
He only did what he had to do, and now he’s growing old

Pancho braucht eure Gebete, ganz klar. Aber hebt auch noch ein paar für Lefty auf.
Er tat nur, was er tun musste, und nun wird er alt.

Wenn auch scheinbar Pancho zu bedauern ist – wer ist wirklich bedauernswerter, Pancho oder Lefty? Lefty tat doch auch nur, was er tun musste! Wodurch wurde er gezwungen?

Die Magie der Sprache dieses Songs lässt diese Frage nach dem unausweichlichen Schicksal, nach Schuld und Sühne, wie völlig offen erscheinen – einfach ein Geben und Nehmen.

Karma

Man könnte das Thema des Songs auch Karma nennen. Nichts ist isoliert. Unsere Taten sammeln sich an, zu einem nicht aus der Welt zu schaffenden Reservoir von Gründen, die (an anderer Stelle) völlig folgerichtig zum Ausdruck kommen. Und umgekehrt sind wir selbst Ausdruck von Karma – handeln einer Logik folgend, die stärker ist als wir. … Lefty tat nur, was er tun musste.

ICH bin DU

Es war mein erster Eindruck, dass es sich bei Pancho und Lefty eigentlich um dieselbe Person handeln könnte, denn die Schicksale beider scheinen auf völlig folgerichtige Weise verbunden. Wer ist nun wer? Das Gras in das Pancho biss, war in Leftys Mund.

Das „offizielle“ Verständnis von Pancho and Lefty

Den eigentlich rätselhaften Songtext versteht man im Allgemeinen (offiziell) so, dass es sich um die Geschichte eines mexikanischen Banditen namens Pancho handelt, der von einem anderen (seinem Freund?) namens Lefty an die Polizei verraten wird, und stirbt.

Von nun an sind die beiden eng verbunden.

The dust that Pancho bit down south ended up in Lefty’s mouth

Das Gras, in das Pancho im Süden biss, war schließlich in Leftys Mund

Der Fluch von Panchos Tod schwebt für immer über Lefty, wohin der sich auch wendet. Während Pancho in Mexiko „tiefer gelegt“ (beerdigt) wird, zieht es Lefty möglichst weit weg, in den Norden.

Dort endet er, alt werdend, in einem billigen Hotel.

Van Zandt selbst sagte, er habe begriffen, dass es sich bei der Geschichte um die von Pancho Villa handeln könne. Pancho Villa war ein mexikanischer Revolutionär (oder Bandit), der schließlich ermordet wurde.

 

Es ist diese letztliche Unbestimmtheit, die die Magie der Sprache ausmacht. Nicht einmal der Autor kennt die endgültige Bedeutung dessen, was er schreibt. Seine Kunst besteht im vielsagenden Weglassen.

 

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Siehe auch: Die semantische Natur der Dinge

Songtext

 

 

Die Magie der Sprache was last modified: April 28th, 2016 by Henrik Geyer