Die Freiheit des einen ist die Tyrannei des anderen

Freiheit wird oft so verstanden, als sei es ein grenzenlos vorhandenes Gut. So als sei Freiheit nicht verbunden mit Grenzen. Ich will einige Aspekte aufzeigen, die verständlich machen, dass das nicht so ist. Die Freiheit des einen ist die Tyrannei des anderen.

Die Relativität der Freiheit

Es ist ein Grundverständnis des Spirealismus, dass es ganz einfache, dem Kosmos zugrunde liegende Prinzipien gibt. Das eine kann nicht das andere sein. Aber das eine kann auch nicht ohne das andere sein.

Anders gesagt: Was wäre die Freiheit ohne die Tyrannei? Was wäre der Unterdrückte ohne den Tyrannen, der ihn unterdrückt? Was wäre der Freie ohne den Tyrannen? Und so weiter.

Oder ganz alltäglich… was wäre das Bild eines Vogels, der so frei ist wie der Wind, ohne die Vorstellung eines Vogels, der eingesperrt ist, in einen Drahtkäfig?

Unsere Welten der Vorstellung beinhalten immer das eine und andere. Im Verständnis des Spirealismus entsteht das eine geradezu aus dem anderen – das eine gibt es nur mit dem anderen. Das gilt auch für Freiheit und seinen Gegenpol, die Tyrannei.

Die Grenze eines Dinges ist gleichzeitig die Grenze eines anderen
Anaximander, griechischer Philosoph

Alles ist begrenzt

Wenn auch unsere nie enden wollenden Vorstellungen uns suggerieren, es gäbe das Unendliche – und wo Unendlichkeit vorherrscht, kann es ja nicht wirklich Enge geben – muss man doch feststellen: es „gibt“ das Unendliche für uns Menschen nicht. Die Unendlichkeit ist für uns Menschen das, „womit wir nicht fertig werden“ (Plato), und somit etwas, was wir nicht im eigentlichen Sinn erleben können.

Vielmehr ist jeder Begriff, den das Denken formen kann, geprägt durch Ähnlichkeiten und Gleichheit, aber auch durch Abgrenzung. Es gibt keinen Menschen, keinen Begriff, kein Tier, keine Entfernung, die unbegrenzt sein könnte. Denn Grenzen bedeuten Definiertheit.

Man denke allein an den Begriff des Unendlichen. Auch er unterscheidet sich von anderen Begriffen, grenzt sich ab.

Weiterlesen: Beitrag Was ist von Grenzenlosigkeit zu halten?

Die FDP und die Frage nach den Grenzen

Man mag das für eine philosophische Spitzfindigkeit halten, jedoch ist diese Frage von äußerster Wichtigkeit.

Ich führe das Beispiel der FDP an, der Freien Demokratischen Partei Deutschlands. Freiheit – das klingt gut! Doch was ist das?

Die FDP war stets zerrissen von den vielfältigen, einander widersprechenden Vorstellungen. National-Liberalismus versus Freiheit, verstanden als Multikulti. Freiheit von Kriminellen vs Freiheit der Bürger, die unfreier werden, wenn sie Kriminalität fürchten müssen.

Oder ein weiteres Beispiel: die größtmögliche Freiheit der Industrie (dies war ja immer ein wichtiger parteipolitischer Schwerpunkt der FDP) steht auch in einem Gegensatz zu einer anderen Freiheit – und zwar der ökologischen Freiheit der Menschen, die nicht nur Geld verdienen wollen, sondern auch eine saubere und unverbaute Umwelt genießen möchten. Geld ist schließlich kein Selbstzweck.

Oder das grundsätzliche Verständnis: Die Freiheit einer Denkrichtung wird begrenzt durch die Freiheit einer anderen Denkrichtung. Die Freiheit des einen ist die Tyrannei des anderen.

Wenn man, wie es nach meinem Dafürhalten die FDP tat, einen attraktiven Begriff wie die Freiheit zwar im Namen führt, aber nie versucht, es (für sich) spezifisch zu definieren, und zwar unter Einbeziehung des Wortes Unfreiheit, dann führt das zu parteipolitischer Beliebigkeit und letztlich Bedeutungslosigkeit.

Soweit ich es erlebte, hat sich der Kurs der Partei immer im tagespolitischen Streit gebildet – man hat sie als Klientel-Partei bezeichnet, und sie hat eine gewisse Rolle gespielt in den machttaktischen Überlegungen der CDU für viele Jahre (sprich: als Koalitionspartner). Aber wofür die FDP eigentlich steht, weiß ich bis heute nicht so recht.

Freiheit und Tyrannei: Das ewig wechselnde Motiv

Freiheit und Tyrannei wechseln sich in einem ewigen Kreislauf ab.

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.
Sokrates

Die Jugend „von heute“ (in jedem Zeitalter) erscheint wie die Tyrannei des Althergebrachten.

Der strahlende Sieger von heute wird durch seine Siege zum Tyrannen des Morgen. Das ewig sich wechselnde Motiv von Freiheit und Tyrannei, als eine Variation von These und Antithese, die zur Synthese gelangt, kann nie enden. Denn es ist ein kosmisches Prinzip.

Ein Tyrann kann unzählige Menschen töten, nur seinen Nachfolger nicht.
Seneca

Freiheit und Tyrannei sind verbunden, bereits durch die allumfassende Kommunikation. Man stelle sich zwei Menschen vor, die durch Ketten (Kommunikation) aneinander gebunden sind. Sie können nur gemeinsam gehen, es ist nur eine gemeinsame Richtung möglich. Die Zielvorstellungen des Einen begrenzen die Ziele des Anderen. Oder können wir die Kommunikation einfach beenden? Das könnte man nur, wenn man Kommunikation als etwas eingegrenztes sieht. Der Spirealismus sieht Kommunikation hingegen als allumfassend an – sie kann nie „unterbrochen“ werden. Unser Blick auf die Welt ist bereits Kommunikation, weil alles Relation ist.

Die größtmögliche Freiheit, und damit die Überwindung von Tyrannei, ist das Übereinstimmen der Ziele; Das bewusste Herbeiführen des Kompromisses. Es ist das (harmonische) Bilden der Synthese, aus These und Antithese. Es ist das Prinzip der Demokratie. Es ist das Zulassen der Pole – ihre Verbindung im Widerspruch. Es ist Verständnis aus Bewusstheit.

 

Siehe auch: Artikel Wenn du frei sein willst, nimm dir Zeit

Siehe auch: Beitrag Genügsam Sein – zufrieden sein – frei sein

Die Freiheit des einen ist die Tyrannei des anderen was last modified: Mai 25th, 2016 by Henrik Geyer