Was man aus 2000 Jahren Pharisäertum lernen kann

Streitgespräche um Grenzen für Zuwanderung münden heutzutage schnell in folgender Aussage: Die Diskutanten, die für Zuwanderung ohne Obergrenze eintreten, sagen von sich, sie stünden selbst für grenzenlose Hilfsbereitschaft.  Und, ganz wichtig: Eine andere „Denke“ wolle man nicht.

Das ist natürlich ein wenig traurig, drückt doch allein schon das Wort „Denke“ die Überzeugung aus, bei dem Denken handele es sich um etwas sehr Überschaubares – da geht man offenbar von sich selbst aus, und mag insofern völlig recht haben. Noch trauriger ist die in diesem Satz zum Ausdruck kommende Überzeugung, die eigene „Denke“, so schlicht gestrickt sie auch sein mag, sei völlig wahr und richtig, weshalb jede andere „Denke“ abzulehnen sei. Und der Grund dafür sei (natürlich!): Man selbst vertrete die Interessen der Menschheit, der andere hingegen lediglich die eigenen.

 

Das führt die Gedanken zurück in die Zeiten der guten alten DDR, als die Linke, damals fest organisiert in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, mit eben jenen (denselben!) Argumenten die „Denke“ jedes Andersdenkenden in die Einheit einreihen wollte.

Denn die SED – die stand auf der Seite des Friedens, der Menschenrechte, überhaupt des Glücks. Und zwar, man beachte: aller Menschen!

Wenn damals solche Argumente gebraucht wurden, vorgetragen von SED Funktionären, Bonzen, Stasi-Mitarbeitern, dann war die Aussage natürlich die, dass im Lichte dieser umfassenden Güte der SED und des sozialistischen Gedankens, das Glück und die Sicherheit des Einzelnen wenig wog. Im konkreten Streitgespräch lief das immer so ab, dass es hieß „So ein Denken können wir hier nicht gebrauchen!“ Man fühlte sich schuldig – was war nur los mit der eigenen „Denke“? Tatsächlich, was konnte man schon erwidern, wenn sich so viel Liebe und Einfühlsamkeit äußert, … quasi im Namen der gesamten Menschheit?

Was man damals noch nicht so sehen konnte, das war, wie dann erst im Rückblick überdeutlich wurde, das ganze Ausmaß der Heuchelei. Jene, die vorgaben im Namen aller zu sprechen, sprachen im Namen ganz weniger. Jene, die vorgaben ganz viel für die Gemeinschaft zu tun, taten ganz wenig, aber redeten und denunzierten ganz viel. Jene, die vorgaben den Faschismus mit jedem Wort zu bekämpfen, nutzen mit jedem Wort faschistische Methoden. Jene, die das Glück der gesamten Menschheit im Munde führten, sprachen eigentlich nur für sich, ihre Freunde, ihre Familie. Im Gegenteil, die abstrakte Idee, „allen“ Menschen dienen zu müssen, machte Generationen zu Sklaven, brachte Millionen um (gedacht sei auch der Opfer des Stalinismus, etwa 20 Millionen an der Zahl).

 

Auch im Nationalsozialismus war der revolutionäre Gedanke, der die Volksbewegung (nein, es war nicht nur Hitler!) begründete, der einer Erlösung aller Deutschen. Um dies tun zu können bedurfte es auch hier des Ausschaltens der unbequemen „Denke“ Einzelner, denn der einzig richtige Gedanke war ja schon bei den Chefideologen vorhanden. Was also, wenn nicht Falschheit, konnte in der „Denke“ Andersdenkender vorhanden sein? In geradezu religiöser Überhöhung (und zu den Pharisäern kommen wir ja noch) gaben sich diese Menschenfreunde als Halbgötter aus, im Besitz einer unwidersprechbaren Wahrheit. Und auch hier zogen die Menschen wie Lemminge los, um den Alptraum Weniger, die vorgaben im Interesse aller Menschen zu sprechen, wahr werden zu lassen. Sie taten, was zu tun jeder Einzelne wohl für ganz unvernünftig gehalten hätte: Das eigene Glück und die Sicherheit hinter die abstrakte Idee „aller“ zu stellen.

 

Der Urtyp des Heuchlers, der im Namen einer unwidersprechlichen, geradezu göttlichen Wahrheit die „Denke“ anderer diskreditiert, eines „Rechtgläubigen“, das ist natürlich der biblische Pharisäer. Aber wir brauchen nicht in die Zeiten Jesu zurückzugehen, nicht nur in der Bibel zu lesen, um die Pharisäer (religiöser Prägung) zu entdecken – nein, auch sie sind ein stetiges Element der Geschichte. Zum Beispiel ließ man sich im mittelalterlichen Ablasshandel gut dafür bezahlen, den direkten Gottesdraht zu haben; die eine, richtige Idee zu verfolgen – gegen die die „Denke“ des Einzelnen wirken musste, wie eine Kerze im prallen Sonnenlicht. Man denke auch an die religiösen Doktrinen vielfältigster Coleur, in deren Namen sich Menschen opfern wie Lemminge, angestachelt von Heilsbringern, die eine Abkürzung ins Paradies zu kennen vorgeben.

 

Und nun stehen die Pharisäer wieder vor mir, transformiert aber erkennbar! Sie reden in einem religiösen Ton, reden von Nächstenliebe, der Rettung aller, von Grenzenlosigkeit, die das selbstverständliche Denken wiederum aller sein müsse! Die Erfahrungen der Geschichte, die Tatsachen des politischen Umfeldes, interessieren sie nicht. Und … na klar: Eine andere „Denke“ als die eigene wollen sie nicht. Denn sie reden im Interesse aller Menschen und überhaupt der Menschlichkeit.

Das Wort Nächstenliebe gebrauchen sie, als hieße es Entferntestenliebe, wie gesagt lieben sie ja angeblich alle (man hört direkt noch den Mielke: „Ich liebe euch doch alle!“). Das Glück und die Sicherheit ihrer wirklich Nächsten ist ihnen verständlicherweise Wurscht, denn sie wollen ja schon die Welt retten. Angeblich hat jeder dieser Pharisäer sein eigenes kleines Flüchtlingslager auf eigene Kosten zu Hause eingerichtet. Das dünnt sich dann auf Nachfrage sehr deutlich und sehr schnell aus.

Die Pharisäer wertschätzen nicht das Land, von dem sie leben und auf dem sie wohnen, sie meinen das sei alles austauschbar. Sie schätzen nicht die Menschen, die ihre Nächsten sind. Im Gegenteil, die hassen sie, wenn sie nicht die richtige „Denke“ haben. Sie schätzen nicht das Erreichte; bereits beim Wort „deutsch“ wird ihnen angeblich schlecht. 

Ihnen sind ihre Nächsten angeblich austauschbar mit jedem, der da kommt, denn jeder wird, so nimmt der Pharisäer an, den Pharisäer auch gut finden und zum Freund machen wollen, lernt er ihn erst einmal kennen. Und DAS heißt in der ach so stolzen „Denke“ der Pharisäer: Nächstenliebe. Familien, Stadt, Land, das opfern sie gern auf dem Altar der höheren, abstrakten Idee. Sie werfen es gern wie Perlen vor die biblischen Säue, aber keine Angst, das tun sie alles nur mit Worten! Sich selbst wollen sie ja gar nicht opfern, auch kein eigenes Geld. Wer das glaubt, der hat nicht verstanden, worum es sich bei der „Denke“ des Pharisäers handelt.

Und muss man die Pharisäer fragen, wenn es um Liebe geht? Ganz klar: Nein!

Zu DDR-Zeiten wusste ich noch nicht, was von den Reden der Pharisäer zu halten ist. Doch heute ist es mir klar. Ihr seid einfach Heuchler. Ihr lügt, und eure „Denke“ ist faschistoid, auch wenn ihr noch so sehr beteuert, gegen den Faschismus zu sein. Ihr kennt nur eure eigene Wahrheit. Eure Sprache ist die des Hasses – so werden nicht nur die Nächsten, auch die Partner in der EU in eurer „Denke“ selbstverständlich zu Fremdenfeinden, wenn sie sich nicht in euer Einheits-Denken einreihen wollen.

Wer das Glück und die Sicherheit seiner Nächsten für abstrakte Ziele aufs Spiel setzt, der ist kein Nächstenliebender, und der ist auch nicht ganz bei Trost.

Die Güte keiner Idee, keiner sozialistischen, keiner religiösen, schützt davor, von Flach-Denkern missbraucht zu werden, die sich selbst natürlich im Besitz einer höheren Weisheit glauben. Verabsolutierer, die die Demokratie „verbessern“ wollen, indem sie die Meinungsvielfalt einschränken und in Kategorien der Alternativlosigkeit denken. Im Mund führen sie natürlich immer das Glück aller Menschen, das nur sie selbst vertreten, das ist klar. Und das ist nicht neu.

Was man aus 2000 Jahren Pharisäertum lernen kann was last modified: Juni 21st, 2016 by Henrik Geyer

Ein Kommentar auf “Was man aus 2000 Jahren Pharisäertum lernen kann

  1. Volltreffer, Herr Geyer! Eine absolut passende und entlarvende Analogie.
    Mit besten Grüßen,
    Joanna Konopinska

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