Was ist noch einmal ein Populist?

Der exzessive Gebrauch des Wortes Populismus, das gleichzeitig Kennzeichen des Bösen wie des Dummen wie des Abartigen wie des Widerlichen ist, lässt uns darüber nachdenken, was das eigentlich ist, Populismus.

Ich möchte hier nicht die vielfachen Deutungsmöglichkeiten wiedergeben, die die wissenschaftliche Betrachtung haben mag, sondern, rein populistisch gedacht, kommt es mir darauf an wie es klingt und wie es wirkt.

Wie es klingt und wie es wirkt

Wie es klingt: es klingt wie der Vorwurf, jemand (eine Partei, ein Politiker, ein Mensch) nähere sich der plumpen Gedankenwelt des Pöbels an, umgarne diesen Pöbel zu eigennützigen Zwecken, und lasse dabei jegliche höhere Bedenken sausen.

Wie es wirkt: Hier muss man unterscheiden.

Dem Berufspolitiker, dem der Vorwurf Populist zu sein eigentlich gemacht wird, ist der Vorwurf, sich dem Volk zu sehr anzunähern, absurd, er perlt an ihm ab. Ist denn das Suchen des gerade Populären nicht das, was alle Politiker tun und tun müssen, zumindest in der Demokratie? Wo wohl soll man das Populäre suchen, wenn nicht im Populos, dem Volk?

 

Anders kommt der Populismusvorwurf bei den ganz normalen Menschen an.

Da sich niemand dem gemeinen Pöbel zurechnen lassen möchte, nicht einmal der Pöbel, ist der Vorwurf des Populismus ein gewichtiger. Insbesondere für jene, die sich selbst für besser halten, als das „gemeine Volk“.

Da wie gesagt der Normalmensch nichts weniger mag, als als Pöbel identifiziert zu werden, sinnt er auf Auswege. Der Einzelne fragt sich: „Bin ich etwa Teil des Pöbels, der von Populisten angesprochen wird? Niemals!“ So wird der Populismusvorwurf zu einer geeigneten Waffe – nicht dem Populisten, sondern dem normalen Volk gegenüber, das einer Denkrichtung zuneigt, die dem Vorwerfenden nicht recht ist. Es erscheint dem Normalmenschen ungeraten, die ihm gewohnten Gedanken zu denken, sondern er weicht aus, auf die ihm angeratene, vermeintlich „höhere Form“ des Denkens.

Diese Form wurde oft so beschrieben: man solle „vom Ende her denken“, oder man solle „nicht die einfachen Lösungen für richtig halten“. Normalerweise sucht jeder die einfachste und vernünftigste Lösung, für ein angestrebtes Ziel (das Ende), daher weiß man nicht, was letztgenannte Aussagen überhaupt bedeuten. Ist nun alles Komplizierte richtig, wenn es nur umständlich und untauglich genug ist? Der Ausgang solch komplizierten Überlegens ist jedenfalls in Bezug auf Logik höchst ungewiss, man sieht es an der Kanzlerin.

wer möchte schon der Pöbel sein ..

Dass es allgemein verachtet ist, dem Pöbel zugerechnet zu werden, ergibt sich aus der menschlich-subjektiven Eitelkeit, die sich immer, in jedem Individuum, für ganz vernünftig und für ein wichtiges Zentralgestirn des Kosmos hält. Die Triebkraft jeder Argumentation ist eben die Überlegung, das eigene Denken sei alleinig richtig, das des anderen falsch; um dies auszugleichen ist eigentlich die Demokratie da. Die Demokratie ist ein Instrument des Interessenausgleichs zwischen einer Vielzahl von Personen. Nach einer höheren Wahrheit als der menschlichen Wahrheit fragt die Demokratie nicht.

Der Vorwurf des Populismus kann von jedem ausgehen und jedem gemacht werden; das wechselt … wodurch Wikipedia zu der unbestreitbaren Aussage kommt, Populismus sei „in der politischen Debatte … ein häufiger Vorwurf, den sich Vertreter unterschiedlicher Richtungen gegenseitig machen, wenn sie die Aussagen der Gegenrichtung für populär, aber nachteilig halten.“ Man spreche auch „von einem politischen Schlagwort … “

Man hörte den Vorwurf des Populismus jüngst der CSU gegenüber, früher wurde er Linksparteien gemacht. Momentan ist der Vorwurf des Populismus eine Konstante der öffentlichen Äußerungen, wenn es um die AfD geht. Da es sich um eine Vokabel des politischen Streites handelt, muss man fragen, warum die Medien fast ausnahmslos die immerhin demokratisch legitime Partei AfD mit diesem Wort bedenken, so als wäre das eine völlig natürliche Bezeichnung. Obwohl doch die Medien, wie sie selbst meinen, ganz frei und unparteiisch sind. Sind sie es vielleicht nicht? Bedeutet das, die Medien sind parteiisch, verfolgen politische Ziele, und halten das für ganz normal? In der DDR, das weiß ich noch, war das tatsächlich völlig normal. Aber heute?

Parteien sind populistisch

Noch ein letzter Gedanke. Nicht die klugen Politiker aus sich heraus erschaffen die politischen Themen und die politischen Meinungen. Sondern das Atom der politischen Partei ist das Mitglied oder der Wähler. Ohne die Atome nicht das Ganze. Aus dem Wähler, seinen Interessen und Absichten, erschaffen sich Themen und politische Richtungen. Das ist die Funktionalität der Demokratie.

Also müssen die Parteien nicht aufpassen, sich dem Wähler zu sehr anzunähern, zu populistisch zu sein, sondern sie müssen umgekehrt darauf achten, dem Wählerwillen genügend gerecht zu werden. Ansonsten hätten sie jegliche Legitimation verwirkt. Eigentlich kann man allen Parteien insofern den Persilschein ausstellen: „Ja, ihr seid auch sehr populistisch, denn für euch sind die Themen eures Wahl-Volkes die wichtigsten – unabhängig von dessen ‚Vernunft‘. Würdet ihr anders handeln, gäbe es euch schon nicht mehr!“

Es ist den Parteien also nicht vorzuwerfen, wenn sie sich am normalen Volk orientieren … an jenen Normalmenschen also, die sich dann untereinander streiten mögen, wer nun Pöbel ist, und wer „höhere Lebensform“. Die politischen Parteien jedenfalls leben nicht von einer solchen Unterscheidung. Das wäre nicht der Sinn der Demokratie wie wir sie in Deutschland kennen, deren Wirkprinzip es ist, die Stimmen aller im Staat lebenden Bürger gleich zu gewichten.

Alle Bürger … alle … damit ist in der Demokratie eben auch und gerade der Pöbel gemeint, denn, dass das Establishment sich Gehör verschafft, davon kann man mit Gewissheit ausgehen; dafür braucht es die Demokratie nicht im Besonderen. Dennoch ist vielen dieser Tatbestand irgendwie unbegreiflich, es erscheint ihnen wie Mindfuck … soll denn nun jeder mitreden dürfen?

Der Pöbel hat in der Demokratie die gleichen Rechte wie der Nicht-Pöbel, ob man das nun mag oder nicht. Zumal nie genau klar ist, wer was ist. Wer der Pöbel ist, und wer dem höheren Denken angehört, hat letztendlich eher etwas mit Mehrheiten zu tun, als mit objektiven Überlegungen; man könnte auch sagen, es ist Ansichtssache; es wechselt einfach von Zeit zu Zeit.

Der Vorwurf des Populismus ist in der Demokratie irrsinnig und wirft ein bezeichnendes Licht auf denjenigen, der ihn ausspricht. Um das Volk geht es ja gerade. Im Grunde klingt der Vorwurf wie der Streit innerhalb einer Nomenklatura, die sich untereinander mahnen, die eigenen Interessen, und nicht die des geringwertigen Pöbels, im Auge zu behalten.

 

 

Was ist noch einmal ein Populist? was last modified: November 16th, 2016 by Henrik Geyer