Terrorangst ist begründet

Neulich las ich einen Artikel mit der Überschrift „Warum Terrorangst Unsinn ist“ im Wissenschaftsteil des Spiegel. Der Autor begründet das im Wesentlichen damit, dass es statistisch ganz unwahrscheinlich sei, dass ein bestimmter Deutscher einem Terroranschlag zum Opfer falle.

Mir fielen sofort einige Gegenargumente ein, die ich im folgenden aufzählen will:

 

Erstens haben „kleine“ Anschläge oft große Wirkungen, man denke an den Beginn des Ersten Weltkrieges, der von einem Terror-Mord auf dem Balkan ausging. Man denke an 9/11, die Terroranschläge auf das World Trade Center, die den „Krieg gegen den Terror“ auslösten, der noch immer nicht beendet ist und dessen Folgen weiter unabsehbar sind. 9/11 ist statistisch vielleicht nicht weiter tragisch, es gibt ja ca 300 Mio Amerikaner, während im World Trade Center „nur“ 3000 starben. Das wären „nur“ 0,00001 %! Die Wahrscheinlichkeit, selbst bei einem solchen (wie oft stattfindenden?) Ereignis umzukommen ist also … man weiß es gar nicht.

Jeder, der es mit Deutschland ernst und gut meint, sollte sich und der Öffentlichkeit eine platte Argumentation mit solchen Zahlenspielereien ersparen. Die ganze Rechnerei bringt nichts, wenn man die Vorgänge abteilt in einzelne, statistisch irrelevante Größen, und die Zusammenhänge nicht sehen will.

Zweitens kann die vorgestellte Statistik sehr schnell Makulatur sein, wenn beispielsweise Terroristen irgendwann Zugriff zu Massenvernichtungswaffen erhalten. Sich selbst und andere werden sie nicht schonen – das ist die besondere Dimension von Terrorismus. Was jetzt „nur“ aussieht wie ein unbeholfener Angriff mit einer Rohrbombe, einem Lastwagen oder einem Gewehr, könnte ganz schnell andere Dimensionen bekommen. Und vor so etwas haben die Leute Angst; wie ich glaube zu Recht.

Drittens geht es nicht nur um Terroranschläge, die dann auf der Weltkarte des Terrorismus als gravierend eingetragen werden. Große, weltweit Aufmerksamkeit erregende Terroranschläge sind ein Zeichen tiefer gehender Probleme, sind Zeichen für Parallelgesellschaften und Widersprüche innerhalb der Gesellschaft. Solche Widersprüche bekommt man auch ansonsten zu spüren, man denke an Banden-Kriminalität, übergriffiges Verhalten, das zum Teil niemals juristisch geahndet werden kann, etc.. Da muss man nicht unbedingt persönlich in die Luft gesprengt werden, um zu der Meinung zu gelangen, dass man dergleichen vermeiden muss.

Viertens geht es bei der gestellten Frage um das, was der Gesellschaft gut tut oder schadet – das ist nicht gleichzusetzen mit einem persönlichen Schicksal. Ein Terroranschlag, selbst wenn nur einige wenige Personen betroffen sind, ist ein Angriff auf die Gesellschaft, destabilisiert sie. Es ist quasi ein bisschen Krieg gleich vor Ort –  und das zieht unvorhersehbare Folgen nach sich. Man denke an Ausnahmezustand (siehe Frankreich), Regierungsumbildungen, Kämpfe zwischen gesellschaftlichen Gruppen (siehe auch Deutschland). Es geht dann um das Gesellschaftlich-Erreichte insgesamt. Wer das verharmlost, dem ist nicht zu helfen.

Fünftens steht die deutsche Demokratie all diesen gefährlichen Entwicklungen ziemlich unvorbereitet gegenüber. Ausrüstung und (friedliche) Attitüde der Sicherheitsorgane erinnern eher an einen Peter Alexander Film, insbesondere wenn man auf der anderen Seite sieht, womit sie es zu tun bekommen.

Natürlich kann man leicht pragmatisch sagen, dann rüsten wir eben auf! … Automatische Waffen anschaffen, Panzerfahrzeuge…  Also wer das für belanglos hält, dem ist wieder: nicht zu helfen.

Sechstens fragt die Demokratie nicht, aus welchem unverständlichen Grund die Leute Angst haben. Sondern in der Demokratie wählen die Leute einfach (und dürfen das!), was immer sie für sicher und zukunftsweisend halten. Das ganze Bemühen, die Unsicherheit der Menschen in Deutschland als unbegründet-ängstlich, gar dümmlich erscheinen zu lassen, ist überflüssig.

Man könnte, statt das Negativ-Wort „Angst“ zu benutzen, was den Autor des Spiegel-Artikels nebenbei gesagt so aussehen lässt, als sei er selbst sehr mutig, auch sagen, die Deutschen sind nicht abgestumpft und nicht instinktlos. Und sie können und wollen es auf Zuruf auch nicht werden.

Man stelle sich vor: Die meisten Leute gehen nicht in Rockerkneipen, rauchen vielleicht nicht, gehen bei Grün und nicht bei Rot über die Straße, gehen nicht so nah an das Löwengehege – das alles aus Vorsicht. Und ausgerechnet dem Terrorismus sollen sie ins Auge schauen wie Indiana Jones? Welchem krausen Denken entspringt so etwas?

 

Dass der Autor des genannten Artikels meint, auf Grund seiner statistischen Berechnungen sei nun bewiesen, dass Befürchtungen Quatsch sind, sei ihm gegönnt. Man kann wohl durch Einwände ohnehin niemanden erreichen, der es für belanglos hält, wenn mal der eine oder andere Terroranschlag geschieht. Es sterben ja sowieso alle irgendwann, meint er.

 

 

 

 

 

Terrorangst ist begründet was last modified: Oktober 2nd, 2016 by Henrik Geyer