Ist die Auflösung Deutschlands die Lösung eines Problems?

Im Zusammenhang mit der Unterstützung der Merkel-Flüchtlingspolitik hört man des Öfteren die Meinung, es sei um Deutschland nicht schade, es solle sich am besten auflösen. Es sei ohnehin reaktionär, in Begriffen wie „deutsch“, „Werte“, „Grenzen“ etc. zu denken, vielmehr sei es zu begrüßen, wenn statt dieses ungeliebten Deutschlands ein Europa der Regionen entstünde.

Ich halte dies für eine Meinung, die, wenn sie auch meist nicht offen vorgetragen wird, doch in den Köpfen sehr Vieler residiert, und dort ebenso radikal haust, wie die Gegenpositionen der ganz Rechten, der sie wohl auch Kontrapunkt sein möchte. Da sie selten ganz offen ausgesprochen wird, darf man annehmen, dass sie viel verbreiteter ist, als man ahnt.

Doch … wäre die Auflösung Deutschlands tatsächlich die Lösung irgendeines Problems? Wäre es der Beginn von Friede und allumfassender Freundschaft? Wenn das so wäre, dann würde sich die Abschaffung Deutschlands vielleicht wirklich lohnen…

Doch aus meiner Sicht ist das nicht so.

In diesem Blog habe ich öfters vorgetragen, dass es im Wesen jedes Dinges liegt, einerseits Gemeinsamkeiten zum Anderen zu haben – das wäre der Gedanke des Alles-Verbindenden. Aber andererseits liegt es auch im Wesen jedes Dinges, sich abzugrenzen – es ist sozusagen das Wesen der Natur, aus der wir uns nie und nimmer lösen können.

Man ahnt es – die Realität eines „Europas der Regionen“ wäre wiederum ein Kampf von Gruppen untereinander. Es ist eben naiv zu glauben, dass, selbst wenn man den Sitz der eigentlichen Grenzen im Denken vermutet (wie es ja auch der Spirealismus tut), anzunehmen, dass diese Grenzen nicht recht real seien, oder zu vernachlässigen seien, oder zu umgehen seien. Nein, die Grenzen sind eben dort, im Denken, existent und real – und sie sind mit Notwendigkeit existent.

Sie zu achten und zu beachten wäre weise. Sie zu missachten führt zu Kampf und Krieg – der Kampf beginnt bereits damit, dass diejenigen, die so tapfer das Verschwinden von Grenzen betreiben, sich über die Grenzen jener hinwegsetzen, die diese Grenzen nicht verschwinden lassen wollen. Auch jene sind existent – auch mit jenen muss ein Ausgleich gefunden werden.

Sich selbst nehmen die Weltverbesserer selbstverständlich von Denkbegrenzungen aus. Sie sehen nicht, dass gerade sie sich sehr stark abgrenzen, und sich geradezu in den äußersten Gegensatz begeben zu jenen anderen, die meinen, aus ganz vernünftigen Gründen eine Abgrenzung zu brauchen (so, wie man auch seine Haustür abschließt; so, wie jede Definition auch eine Abgrenzung ist; so, wie Individuation eine Notwendigkeit für jedes Wesen ist).

Eine solche Aufhebung aller Grenzen zu fordern oder zu betreiben nenne ich pharisäerhaft – denn in der Realität geschieht es oft in der scheinheiligen Anmutung der grenzenlosen Menschenliebe, in der (durchaus berechtigten) Annahme, dass dieser Menschenliebe erst einmal kaum widersprochen werden würde, denn sie verbindet sich mit geachteten Begriffen wie Göttlichkeit und Güte .. Eben daher sei alles gerechtfertigt,  was im Namen dieser Menschenliebe proklamiert wird, und sei es noch so dumm. Jeder, der nicht so denkt, sei das verachtenswerte Gegenteil des Gütigen.

Dieses Weltverbessern mit ganz „neuen“ Ideen erinnert mich an sehr altes. Auch an etwas, das ich selbst erlebte, und zwar im Sozialismus. Dort hieß es ebenfalls immer, der Sozialismus sei eine so wunderbare Idee, etwas so Menschliches und immer dem Frieden Dienendes, dass man dem einfach nicht widersprechen dürfe! – aus moralischen Gründen! (und natürlich, weil die STASI hinter jedem her war, der dennoch widersprach). Dass der Sozialismus nicht funktionierte, wurde immer (auch nach Jahrzehnten der Repressionen) so begründet: Der Mensch sei einfach noch nicht reif für dieses hohe Ideal – wodurch sich übrigens die dümmsten und brutalsten Machthaber von dem Verdacht reinwuschen, sie selbst seien die Betreiber eines unmenschlichen Regimes. Nein, sie waren klug und rein, während umgekehrt die (dumme) Bevölkerung noch nicht reif sei …  und im Denken eben beschränkt (begrenzt).

 

Die Grenzen (die ja eigentlich abgeschafft werden sollen), finden sich natürlich auch im Denken der Migranten. Auch sie haben Grenzen, was in der Diktion der Linken oft vergessen wird; so als sei grenzenlose Willkommenskultur nur auf hiesiger Seite herzustellen, alles weitere füge sich dann schon. Die Willkommenskultur solle ganz ohne Beachtung der kulturellen Denkbegrenzungen  sein – es sei sozusagen ungebührlich danach zu fragen, wer zu Deutschland passt und wer nicht. Man nimmt zwar diverse Ungeheuerlichkeiten als Folge der Migration wahr – eine Konsequenz daraus zu ziehen gehöre sich jedoch nicht – alle Menschen sind doch gleich! Auch dies ist natürlich wieder eine Denkgrenze – diesmal in der Gestalt von Political Correctness.

 

Ich halte es für eine Dummheit und Fahrlässigkeit, die Grenzen des Denkens zu ignorieren und zu meinen, sie würden verschwinden, wenn man nur die Grenzen „im Außen“ entfernte. Nein, sie müssen geradezu neu entstehen, und sie werden, in ihrem Umbrechen und ihrem Sich-neu-Ordnen Kampf und Krieg mit sich bringen. Wir erleben es bereits.

Das einfache Auflösen der „äußerlichen“ Grenzen (die ja letztlich auch Denkgrenzen sind) ist keine Lösung. Von klugen Menschen wurde innerhalb Europas eine Zone der Homogenität geschaffen (die EU), wodurch ein Wegfall von Grenzkontrollen ermöglicht wurde. Und das ist etwas, das erstaunlich genug ist – es ist das, was wir tatsächlich erreichen konnten. Es wurde möglich durch kluges Abwägen, durch vorsichtiges Sich-Annähern. Das ebenso schlichte wie dumme „Aufheben der Grenzen“ jedoch, wie wir es in der gegenwärtigen Realität erleben, macht diese Errungenschaften zunichte. Für die Weltverbesserer mag das paradox sein, aber es spaltet die Union der Staaten, die Staaten führen die Grenzkontrollen schlicht und einfach wieder ein. Die Folge ist nicht Einigkeit, sondern Uneinigkeit.

Kurz gesagt wäre die Auflösung Deutschlands, einmal angenommen es wäre überhaupt wert einen Gedanken daran zu verschwenden, nicht die Lösung eines Problems, sondern das Erschaffen von tausend neuen.

 

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Ist die Auflösung Deutschlands die Lösung eines Problems? was last modified: Mai 17th, 2016 by Henrik Geyer