Ist der Nationalstaat veraltet?

In einem Artikel in Die Welt äußert Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann die Ansicht, der Nationalstaat sei veraltet, und es sei ein Ding der Unmöglichkeit zu dieser Form zurückzukehren.

Es mag aber erlaubt sein zu fragen, warum man zu etwas zurückkehren soll, das man ja gar nicht verlassen hat – der Nationalstaat steht ja nach wie vor in vollem Saft und voller Kraft. Nur weil Deutschland in der EU ist, hat es sich nicht aufgelöst, ist es als Konzept nicht veraltet. Nach wie vor gibt es den deutschen Staat mit seinen Eigenschaften, denn die Bürger hören nicht auf, sich über die Dinge, die sie erlernt haben und kennen, zu definieren; wie ihre Sprache, ihre Werte, kurz ihre Kultur.

Ähnlicher Unsinn wäre es zu behaupten, das Ich löse sich auf, sobald man in eine WG zieht, und es sei dann ein Ding der Unmöglichkeit, zum Ich zurückzukehren…

 

Meint Kretschmann, der Nationalstaat sei veraltet, weil er sich automatisch von anderen Nationalstaaten abgrenzt und unterscheidet? Ist das die alte (sozialistische) Denkweise, der zufolge sich alles in allem auflösen muss, damit die ewige Glückseligkeit eintreten kann? Wir wissen dass das immer scheitern muss.

Vielmehr ist die Denkweise des Ausgleichs, die zwar eigene Interessen definiert, aber fremde Interessen (be-)achtet, jederzeit ratsam und möglich, auch wenn man die eigene (nationale) Identität sehr klar definiert, und mithin auch abgrenzt. Um das zu verdeutlichen: das gilt wiederum für den Nationalstaat ebenso wie für das Ich. Nur weil das Ich die Kristallisationsform unserer Existenz auf Erden ist, und sich das Ich notwendigerweise von anderem unterscheidet und abgrenzt, bedeutet das nicht, es sei böse oder veraltet. Nein, es ist einfach unsere Form der Identität; Identitäten sind unabdingbar.

Vielmehr ist die Qualität des Denkens entscheidend, die Nuance innerhalb des Gegebenen. Den Nationalstaat, die Stadt, die Familie, das Ich einfach wegdefinieren zu wollen, für ungültig und veraltet zu erklären, löst kein Problem, sondern schafft Probleme.

So tut Deutschland in seiner gegenwärtigen Außenpolitik so, als könne es die Interessen jedes anderen Landes in der EU definieren, und, folgten diese nicht dem unbedingt anzunehmenden Beispiel Deutschlands, seien sie nicht recht integrationswillig. Diese fatale Politik, die spaltet anstatt Ausgleich zu schaffen, geht wohl von dem verhängnisvollen Missverständnis aus, der Nationalstaat sei quasi „überwunden“, was dann ja wohl bedeutet, wir hätten eine den Nationalstaat ersetzende stabile Identifikations-Struktur für 300 Millionen EU-Bürger, was aber eine völlige Verkennung der Realität ist.

Wenn man möchte, dass die EU eines Tages die EU-Nationalstaaten ersetzt, nach einer langen Zeit der Verlässlichkeit und Integration wohlgemerkt, dann müsste man die EU auch stärken, und nicht die Interessen der EU wiederum gleichzeitig auflösen wollen und vermengen mit den Interessen von Nicht-EU-Ländern. Wenn man kein Verständnis für die eigene Identität hat, kann man auch kein Verständnis für fremde Identitäten haben.

Beispielsweise soll (unter maßgeblicher Führung des deutschen Kanzleramtes) die Türkei elementare Aufgaben der EU übernehmen, und das, obwohl die Türkei gar nicht Mitglied der EU ist, und viele Länder aus sehr guten Gründen schlicht gegen eine enge Assoziation der Türkei sind. Die Länder innerhalb der EU zu einen, darin sollte Deutschland seine vornehmste Aufgabe sehen. Statt dessen bedient man sich eines unerträglichen, schulmeisterlichen Tons, um anderen Ländern den „einzig richtigen“ (deutschen) Weg zu weisen.

Spätestens seitdem sich zeigte, dass die Segnungen des Sozialismus den Menschen nicht gerecht werden können, weil diese nun einmal immer in Identitäten (Ich BIN) denken müssen, sich selbst als eigenständig sehen, darf man dieses linke Denken als veraltet ansehen – aber veraltet ist nicht der Nationalstaat.

Ähnliches Thema: Artikel Unwort „deutsch“

Siehe auch: Artikel Auf das Sitzfleisch kommt es an

Ist der Nationalstaat veraltet? was last modified: Mai 23rd, 2016 by Henrik Geyer