Gesinnungskontroll-Republik Deutschland

Herr Oettinger muss sich verantworten, weil er Chinesen schlitzohrige Schlitzaugen nannte. Umgekehrt nennt man uns Deutsche dort übrigens Langnasen, was nicht unbedingt böse gemeint ist, eher als eine zutreffende Verballhornung. Würde jetzt jedenfalls Oettinger nicht schnellstens drei heuchlerische Bücklinge vor der selbsternannten Moraljunta machen, wäre er sehr schnell weg vom Fenster der politischen Repräsentantenschaft, was, wie man weiß, leicht 10.000 € im Monat, und mehr, bedeutet. Wer wollte nun davon sprechen, ein Wort habe wenig Bedeutung?

Auch wenn der deutsche Menschenverstand zehntausend mal weiß, dass chinesische Geschäftsleute alles andere als Einfallspinsel sind …  sondern tatsächlich verflixt clever, man denke nur an die zahllosen Plagiate chinesischer Bauart, an das Fälschen europäischer Gütesiegel, was in Fernost leicht von den Hand geht, etc.. Mich, das will ich deutlich machen, stört weniger die Schlitzohrigkeit der Chinesen, mit der einfach zu rechnen ist, als diese immer bräsiger werdende Hackordnung, mit der Deutsche Deutschen (am liebsten auch anderen Nationen!) vorschreiben wollen, was zu denken alleinig möglich sei. Das stinkt mich direkt an, denn solche moralische „Überlegenheit“ kenne ich noch bestens aus DDR-Zeiten.

Auch damals hieß es nicht etwa, es gäbe irgendwelche Denkverbote, oder Verbote des Aussprechens (was genau dasselbe ist), nein! Sondern, es gäbe vieles, das zu denken einfach unmöglich sei. Demzufolge stand jeder, der doch dachte wie man nicht zu denken habe, schnell als untierhafte Scheußlichkeit da. Da musste man sehr vorsichtig sein, genau wie heute. Denn über jeden als abartig Identifizierten wurde allgemein die Nase gerümpft (irgendetwas blieb einfach immer hängen), so war das damals. Da musste zum Beispiel nur jemand sagen „Jener dort ist ein Antikommunist“, schon hatte er die ungeteilte Aufmerksamkeit der STASI, aber auch die der ansonsten stets reichlich vorhandenen Gesinnungsinquisitoren, damals wie heute. Damals, als bildhaftes Beispiel sei das erwähnt, galt es als undenkbar, dass die Staatsorgane irgendetwas anderes als nur immer das Allerbeste mit den Bürgern vorhätten. Oder, dass die Presse irgendetwas anderes drucke, als nur die reine Wahrheit.

Der herbeigesehnte Kommunismus mit seiner völligen Gleichheit und der dann endgültig erreichten Glückseligkeit und Liebe musste das Paradies auf Erden sein, da war ein Schuft, wer anders dachte! Aus diesem Traum von Liebe wird jedoch regelmäßig ein Trauma, ob er nun religiös geträumt wird, oder politisch. „Ich liebe euch doch alle!“ – wer kennt nicht den letztüberlieferten Heuchelsatz von Stasichef Mielke? Als er erklang, klang er nicht ungewohnt.

Nun, hier und heute, erfolgt dasselbe, nur mit anderen Mitteln. An Stelle der polizeilichen Gewalt gibt es subtilere, ökonomische Mittel, die mindestens genauso wirksam sind. Wie schön vernetzt sind doch die staatstragenden Medien mit den staatstragenden Parteien. Wer sich abseits der erlaubten Linie äußert, wird vom vielgeliebten Futtertrog verbannt, wie zum Beispiel eine sächsische Abgeordnete, die das Wort „Entvolkung“ in den Mund nahm, und nun ihren gut dotierten Posten los ist. Man wird sagen, das sei nicht schlimm, weder für den Futtertrog, noch für die Abgeordnete, sie lebt ja noch …  Schlimm jedoch ist es allerdings für die Meinungsfreiheit. Denn das bleibt den Abgeordneten in Erinnerung – wer möchte schon sein persönliches Glück an ein Wort hängen? Da wäre man doch dumm, wenn man nicht lieber ordnungsgemäß heuchelte. Aber um Worte geht es nun einmal im demokratischen Streit. Den muss man ertragen und froh sein, dass es ihn gibt, solange es ihn gibt. Ansonsten soll man sich nicht Demokrat nennen.

Wenn übrigens hier die DDR mit der Bundesrepublik in einem Zusammenhang genannt wird, was auf den ersten Blick unzulässig scheint, bedenke man, dass die DDR-Willkür das Mittel der ökonomischen Gefügigmachung kaum hatte, denn die DDR hatte ökonomisch nichts zu bieten. Das Attraktivste an der DDR waren eher ihre Ausreisegenehmigungen. Jenseits dessen gab es also nur die Justiz-Willkür als Druckmittel, und selbige war eigentlich gar nicht so schrecklich, verglichen z.B. mit der  russisch-stalinistischen. Aber die durch sie erzeugte Verunsicherung reichte völlig aus, um die ungeliebten Gedanken der Bevölkerung weitgehend im Zaum zu halten. Insofern wäre es falsch davon auszugehen, dass sich das Wesen der Gedanken(selbst)kontrolle in der DDR damals, und in der Bundesrepublik heute, grundlegend unterscheiden würde.

Mit großer Achtung denke ich an den hellsichtigen Manfred Krug zurück, der im Gespräch mit dem Journalisten Günther Gauss, der ihm nach der geglückten Ausreise aus der DDR moralisch vorwurfsvoll kommen wollte, sagte, dass, wenn man die 17 Millionen DDR-Bürger nähme, und in den Westen verpflanzte, und wenn man umgekehrt 17 Millionen Wessis in den Osten transportieren würde, sich gar nicht so viel ändern würde. Die Wessis würden die DDR Ordnung alsbald begreifen und akzeptieren, denn ihm, Krug, der beide Systeme kannte, deutete nichts darauf hin, dass die West-Bundesbürger irgendwie heldenhafter oder politisch moralischer seien als die Bewohner Ostdeutschlands. Eher, so glaubte er, sei man hüben wie drüben auf ähnliche Art menschlich-verbohrt, wie z.B. eben auch der moralisierende Gauss. Umgekehrt würden die Ossis die Segnungen des Westens sehr schnell begreifen und für sich adaptieren, auch hier hätte es wenige Anpassungsschwierigkeiten gegeben. (Manfred Krug ließ sich weder von den falschen ostdeutschen, noch von den ebenso falschen westdeutschen Moralaposteln den Schneid abkaufen, darin lag ein Großteil seiner Popularität, seiner immer als angenehm empfundenen Authentizität und seines Mutes. Sein aufrechtes Wesen lag gerade darin, dass er die Schwächen in sich und anderen erkannte und akzeptierte, und oft genug geradeheraus ansprach.)

Es ist schon sehr merkwürdig, und für mich erschreckend und traurig, dass ausgerechnet Frau Merkel, eine Frau aus dem Osten, diese schrecklich pharisäerhafte Attitüde und die Gesinnungskontrolle wieder in die Gesellschaft zurückbringt – noch dazu aus der Partei der Konservativen heraus, die sie, das hat sie als historische Leistung vollbracht, gründlich in Ausrichtung und Erkennbarkeit gedreht hat. Sie hat in bisher unbekanntem Maß polarisiert, natürlich immer im Namen des Guten. Ich kann mich nicht entsinnen, dass in den letzten 20 Jahren das Aufkommen an Denunzierungen so hoch war. Es ist auch meine Wahrnehmung, dass das insbesondere in Deutschland auftritt, und nicht in diesem Maß in anderen, benachbarten Ländern. Da ist schon etwas „Besonderes“ im Gange.

Braucht die Gesellschaft vielleicht keine Moral? Natürlich braucht sie die. Aber sie braucht keine selbsternannte Denkinquisition, die sich auf die gestrenge Suche nach Abweichlern macht. Sie braucht keine Moralgurus, auch wenn die sich, fast muss man sagen Gott sei Dank, von Zeit zu Zeit selbst durch orgiastische Porno-Partys, Rauschgiftsucht oder Griffe in die Staats-Kasse outen. Oder einfach, von moralisierenden Vorträgen kommend, besoffen gegen den Baum fahren.

 

Gesinnungskontroll-Republik Deutschland was last modified: November 5th, 2016 by Henrik Geyer