Die selbstverständliche Gier

Die Süßwarenfirma Pez veranstaltete an Ostern ein kostenloses Ostereiersuchen im Bundesstaat Connecticut, USA, das zu einer Schlacht der Eltern um Ostereier wurde. Die Eltern waren so gierig auf die kostenlosen Ostereier, dass schonmal der eine oder andere Sprössling blutend und heulend aus dem Suchgebiet zurückkehrte.

Ähnliches trat jüngst beim Linzer Kinderlauf auf, einem kurzen Wettlauf. Hier zerrten übereifrige Eltern ihre Sprösslinge über das Ziel. Die Eltern waren so gierig auf den Sieg, dass ihnen jedes Mittel recht schien; die Pressefotos, die das dokumentierten, entsetzen die Betrachter. Der Veranstalter will den Lauf in dieser Form nicht wiederholen.

Beides sind Metaphern für die Gier in unserer Gesellschaft. Es ist der Glaube daran, dass es nie genug sein kann, was man hat. Es müsse immer mehr sein! Dieses „Mehr!“, so meinen wir, ist es, was uns stark macht. Gier ist ein umfassendes Phänomen dieser Gesellschaft, im Grunde ist sie in jedem. Es ist das Nicht-loslassen-Können, es ist das Siegen-Wollen, das An-sich-reißen-Wollen. Erobern, gewinnen, nicht der Dumme sein.

In seiner schlimmsten Form ist es Krieg. In seiner leichten, von uns als positiv wahrgenommenen Form, ist es Ehrgeiz. Übrigens sieht man gerade am Wort Ehrgeiz, wie leicht aus etwas Positivem Negatives wird – das verständliche und gute Streben wird zu einer negativen Form: dem Geiz.

aus positiv wird negativ – in einem Kontinuum

Es zeigt uns, wie unsere Höllen aus uns selbst entstehen, und wie leicht das geht. Wir müssen keinen Schuldigen irgendwo außerhalb von uns selbst suchen – Gott etwa. Diese genannten Beispiele zeigen uns auch, mit welcher (uns als natürlich erscheinenden) Notwendigkeit sich unsere Gier in die Zukunft projeziert – indem sie zur Gier unserer Kinder wird. Wir wollen das, wir streben das an, nennen das Erziehung. Es müsse so sein, ginge nicht anders.

Eltern machen die Hausaufgaben ihrer Kinder. Sie streiten sich mit den Lehrern herum, als seien diese Einser-Automaten; gemacht dafür, gute Noten auszuspucken für die Kinder. Eltern machen Kindern Stress, wenn sie schlechte Noten haben. Viel leichter wäre es, die Kinder selbst ehrgeizig sein zu lassen, und zwar in dem Maß, wie sie es können. Und lässt man sie, wollen sie auch. Aber das wäre ja nicht genug! Wir brauchen mehr! Die Vergangenheit wird so zum Muster der Zukunft.

Gier, die ewige Suche nach „Mehr!“, ist es, was uns kaputt macht. Sie macht den Einzelnen kaputt (man denke an Burn Out), aber auch die Welt.

 

Ohne Gier lebt sich’s besser. Man sollte sagen: mit wenig Gier, denn niemand ist völlig frei von Gier.

Wenn wir an Krieg denken, dann ist ohne Gier zu sein lebensnotwendig; es ist die Vermeidung von Krieg. Denn kein Krieg – das heißt eben auch oft genug: nicht siegen wollen. Das ist es, was wir unseren Kindern beibringen sollten, statt der (falschen) Rezepte der Vergangenheit.

 

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Siehe auch: Artikel Ist der Mensch die Krankheit der Welt? Zerstörung der Erde – Heilung der Erde.

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Die selbstverständliche Gier was last modified: April 11th, 2016 by Henrik Geyer