Die Grenzenlosigkeit kommt, die Freiheit geht

In letzter Zeit war viel von Grenzenlosigkeit die Rede. Grenzenlos („ohne Obergrenze“) der Zuzug ausländischer Staatsbürger. Grenzenlos die Trauer, wenn sich Terrorakte ereignen, wie bei Charlie Hebdo, als eine ganze satirische Redaktion in die Luft gesprengt wurde, weil deren Witze nicht recht waren („Je suis Charlie“ hieß es damals, „Ich bin Charlie“). Grenzenlos verständlicherweise das Mitgefühl bei den Terrorakten von Paris, und dann wieder in Brüssel.

In den Politiker-Reden war die Wut und die Tatkraft natürlich auch wieder nichts anderes als „grenzenlos“, sich sofort in den Kampf gegen die unbekannten Bösewichte zu stürzen. Obwohl man ja weiß, wie begrenzt die Möglichkeiten der Polizeibehörden in Wirklichkeit sind – wenn man z.B. bedenkt, dass dort gar nicht gewusst wird, wer da eigentlich nach Europa eingereist ist, wo sich die Personen aufhalten, etc.. Man wolle dieses Wissen irgendwann in Form einer Datenbank erheben, heißt es.

Statt nun politisch Taten folgen zu lassen, innerhalb der engen Grenzen des Möglichen, und vielleicht das einfache aber sofortige Handeln dem Komplizierten vorzuziehen, wurde wieder in den politischen Sonntagsreden von „grenzenloser Entschlossenheit“ gesprochen, sich die gewohnte Freiheit nicht kaputt machen zu lassen. Konkret gesagt: Der Normalbürger, der nicht über Bodyguards verfügt wie die politische Elite, sollte einfach die Kinnmuskeln anspannen.

Bei so viel Grenzenlosigkeit – was wird da aus der Freiheit?

Die hat sich klammheimlich aus dem Staub gemacht – ist nicht mehr die gewohnte. Wenn ein Satiriker wie Böhmermann mit seiner Satire über das vom Kanzleramt gewünschte Maß hinausschießt, dann ist mit der Grenzenlosigkeit schnell Schluss. Das ist dann „nicht schrankenlos“, wie der Focus das Kanzleramt zitiert. Um die Wahrung dieser Schranken kümmert sich die Kanzlerin auch selbst, wie die FAZ analysiert. Armer Böhmermann, armes Deutschland!

Was ist eine Freiheit wert, bei der man ständig Angst vor Attentaten haben muss und bei der die Kriminalität extrem wächst? Bei der Satire wieder bestraft wird, weil die Politik darüber den Stab bricht? Bei der türkische Grundwerte Einzug in unseren Wertekatalog halten? Was soll das für eine „grenzenlose Entschlossenheit“ sein, die Freiheit zu wahren, sich nicht Angst machen zu lassen, wenn man doch spürt, dass genau das Gegenteil passiert?

Wir waren recht glücklich mit den eigenen, mitteleuropäischen Werten – wie sehr, merkt man vielleicht erst jetzt richtig. Zufrieden und frei, und zwar vor diesen ganzen Grenzenlosigkeiten. Die Deutschen wollen in der Mehrheit ihre Freiheit behalten, und verzichten dafür gern auf die sogenannte Grenzenlosigkeit – von der man doch weiß, dass es sie nur als Wort gibt, nicht aber in der Natur. Insofern sollten sich Politiker jedes Gedankens an Grenzenlosigkeit enthalten; vielmehr müssen von ihnen Grenzen gezogen werden, und zwar zum Nutzen des Volkes, das sie wählt.

Ausländische Staatschefs sollten es aushalten, wenn man sie satirisch aufs Korn nimmt. So wie Deutschland es aushielt, als während der letzten Finanzkrise griechische Bürger Hitlerbärtchen auf das Konterfei Minister Schäubles malten. Das war die gewohnte Freiheit innerhalb Europas – sie sollte erhalten werden. Aber das geht eben nur durch Abgrenzung zu denjenigen, die Grundrechte ganz anders sehen. Zum Beispiel zur Türkei.

Ich kenne den Beitrag Jan Böhmermanns nicht, er wurde ja schnellstens gelöscht. Das kommt mir vor wie in der DDR, da gab es solches Löschen dauernd. Weil bestimmte Filme oder Beiträge eine Zumutung für die Zuschauer seien, hieß es damals. Denn man ging ja davon aus, dass alle dieselbe Meinung hatten – die „der Partei“ – und es nicht aushalten würden, etwas anderes im Fernsehen oder Kino zu sehen. Und es gab auch eine Menge Leute damals (wie heute), die das Verbieten gut fanden, es argumentativ unterstützten, es durchführten.

Letzten Endes ist es auch eine Form des Verschwindens, ob nun eine Redaktion von Terroristen in die Luft gesprengt wird, oder ob Satiriker aus vorauseilendem Gehorsam ihrer Redaktion nicht mehr satirisch sein dürfen. Nur dass Letzteres von den „Freunden der Freiheit“ durchgeführt wird, die vorgeben, erstere zu bekämpfen. Man sollte beides nicht zulassen. Solange man das überhaupt noch darf, sollte man vielleicht sagen: Je suis Jan! Der Freiheit zuliebe.

 

Siehe auch: Beitrag Was ist von Grenzenlosigkeit zu halten?

 

Die Grenzenlosigkeit kommt, die Freiheit geht was last modified: April 8th, 2016 by Henrik Geyer