Auch an den Terror kann man sich natürlich gewöhnen

Auch an den Terror kann man sich natürlich gewöhnen … das war ein Satz des bekannten französischen Schriftstellers und Philosophen Houellebecq in einem Interview etwa zur Zeit des Anschlages auf das Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo durch muslimische Extremisten. Er äußerte sich damals kritisch zur Zuwanderungspolitik, die er verrückt und unverantwortlich nannte.

Das klingt prophetisch – ja, man gewöhnt sich wirklich an alles. Bei jedem neuen Anschlag laufen reflexhaft und gewohnheitsmäßig dieselben Diskussionen ab. Damals wie heute hieß es in Politik und Presse, man weine mit den Betroffenen, das sei ein Angriff auf die Freiheit, man wolle sich nicht unterkriegen lassen, etc.. Das nützt natürlich wenig, wenn den Worten keine Taten folgen. Was will man tun, wie will man den Angriff abwehren?

Man könnte das Nächstliegende tun – sichere Grenzen schaffen, die Zuwanderung regulieren und einschränken. Die eigenen Sicherheitsinteressen in den Vordergrund stellen, weil sich sonst die Sicherheitslage in den kommenden Jahren und Jahrzehnten immer weiter verschlechtern wird. Man könnte den Rat und die Erfahrungen anderer Länder aufnehmen und beachten, statt diese zu belehren – das könnte man tun. Man könnte es jetzt tun, und nicht erst dann, wenn es zu spät ist.

Doch in Schritt zwei nach jedem Anschlag wird sogleich relativiert, man solle ja nicht die einfachen Lösungen denken, man solle differenzieren. Wie genau differenziert werden soll, das bleibt ungesagt. Ehrlicherweise müsste man sagen: Wir können nicht differenzieren – wie soll man den Leuten an der Nasenspitze ansehen, was sie im Kopf haben? Zumal das Beurteilen geistiger Inhalte genau das ist, was die zuständigen Behörden ja ausdrücklich gar nicht tun sollen – auch das einer dieser Gehirnknoten. Die geistige Freiheit der Zuwanderer ist als allerhöchstes Rechtsgut anzusehen – es darf also keinerlei Unterschied gemacht werden, wer da kommt, mit welcher Auffassung von der Welt, ob nun Salafist oder Christ, mit welcher Bildung, etc.. Und gleichzeitig will man differenzieren. Wie soll das gehen?

So lautet denn also der kluge Ratschluss der Politiker und der Rat der das Volk erziehenden Presse im Klartext, man könne nichts machen, denn, auseinanderhalten zu wollen, was nicht auseinanderzuhalten ist – das bedeutet Hilflosigkeit, Nichtstun.  Was klug und differenziert klingt, das ist undifferenziert und dumm, denn es erfordert keine besondere Klugheit zu formulieren, alles habe mit allem zu tun, und verwirrt zu sein. Es erfordert in der Konsequenz auch kein Handeln. Dass Vorsicht die Mutter der Porzellankiste ist, das erscheint den Welterklärern stets zu einfach gedacht. Lieber gibt man den reichlich verfügbaren Rat, man solle jetzt ja keine Angst haben, denn das sei es ja, was die Attentäter nur wollen. Statt Schiss lieber Augen zu und durch! Zähne zusammenbeißen, man gewöhnt sich schon daran.

Aber … Schiss zu haben, wann immer und wo immer es einem gefällt, auch das ist ja vermutlich ein Bürgerrecht. Man darf also. Angst kann übrigens ein guter Ratgeber sein, wenn man gewohnt ist, sie sich unbefangen anzuschauen, sich nach den Gründen fragt und sich angewöhnt zu handeln. Angst zu verdrängen, das verstetigt Angst hingegen nur, macht sie zur Normalität. Die feine Dialektik der Relativierer, man dürfe nun erst Recht keine Angst haben, ist völlig überflüssig – die Angst wird einfach größer, je öfter solche Anschläge auftreten. Und sie wächst umso schneller, je mehr man im gleichen Maße beobachtet, dass die Politik außer wohlfeilen Reden gar nichts unternimmt. Wenn man die viel beschworene Freiheit Europas als Grenzenlosigkeit versteht, dann ist Freiheit letztlich die Freiheit der Terroristen, nicht die der Bevölkerung.

Man gewöhnt sich an alles, auch an den Terror. Vielleicht werden die Bürger irgendwann wie Soldaten im Krieg, die abgestumpft jede Härte hinnehmen – es geht ja angeblich nicht anders. Die Polizei erhält dann standardmäßig Kriegswaffen und Panzerfahrzeuge, so wie das in manchen Ländern völlig normal ist. Dann wird eben das zu unserer freiheitlichen Kultur. Alles ist im Fluss.

 

Auch an den Terror kann man sich natürlich gewöhnen was last modified: Juli 16th, 2016 by Henrik Geyer

2 Kommentare auf “Auch an den Terror kann man sich natürlich gewöhnen

  1. Zur Abwechslung werfe ich die Frage auf, was Journalisten und Medien in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie gegen Taten wie die von Nizza tun können. Meines Erachtens dürfen sie keine Bilder von Mördern zeigen, keine Namen von Mördern nennen und auch nicht die selbstgewählten Markennamen von Mörder-Organisationen. Und sie müssen die Mörder stets Mörder nennen. Also nicht „Name X“, sondern „der Mörder von Oslo“. Nicht „der ABC“, sondern „die Zwickauer Mörderzelle“. Darauf sollten sie sich per Selbstverpflichtung festlegen. Warum? Damit Mörder nicht mehr länger durch ihre Taten berühmt werden, also für ihre Taten von den Medien mit Ruhm und Aufmerksamkeit belohnt werden. Dass Ruhm ein wichtiges Tatmotiv von Verbrechern ist, ist schon seit dem Brandstifter von Ephesos bekannt. Ist es nicht an der Zeit, Konsequenzen aus dieser Erkenntnis zu ziehen?
    Ich jedenfalls halte mich schon seit 2011 an diese Regeln.

    • Ich glaube eher, wir haben eine Presse, die zu sehr das (Lese-)Volk erziehen will und bereits streckenweise als Lügenpresse wahrgenommen wird. Der Fragenkatalog für jeden Artikel lautet: was, wer, wann, wo, warum? Und nicht: was will ich mit meinem Artikel erreichen? Was darf damit nicht geschehen?
      Wer glaubt, die Leserschaft wolle erzogen statt informiert werden, meint sicherlich auch, im Besitz einer überlegenen Wahrheit zu sein und diese verbreiten zu müssen. Die anderen seien demnach ein bisschen dumm.
      Ich wüsste außerdem nicht, wie es ausgerechnet der Presse, deren Aufgabe die Publikation ist, möglich sein soll, Publizität zu vermeiden, ohne sich selbst überflüssig zu machen. Jüngstes unrühmliches Beispiel: ZDF-Berichterstattung über den Türkei-Putsch

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