Als es Karfreitag morgen und grabesstille war

Sie kamen von der Tränke,
Sie wankten aus der Schenke
Mit einer Zecherschar,
Als es Karfreitag morgen
Und grabesstille war.

Von heissen Stirnen nicken
Und stäuben die Perücken
Wie Wolke birgt den Blitz;
Die spitze Kling‘ am Degen
Zuckt wie geschliffner Witz.

Sie taumelten und sangen,
Vom Mund wie Stöpsel sprangen
Die Verse, Schlag auf Schlag;
Da schrie Panard: »O fühlet
Den furchtbar grossen Tag!

Das Universum trauert,
Die dunkle Sonne schauert,
Die Erde wankt und bebt,
Dass unter unsern Füssen
Der hohle Boden schwebt!

Unsicher ist’s, zu stehen,
Und ratsam nicht, zu gehen!
Kehrt um zu unsrem Wirt!« –
Und alsbald kroch die Herde
Zurück zu ihrem Hirt.

Dort blieben sie verborgen
Bis an den dritten Morgen
Tief und geheimnisvoll,
Bis in der goldnen Frühe
Die Osterglocke scholl.

Als die verjüngte Sonne
In Auferstehungswonne
Durchschritt des Frühlings Tor,
Da stiegen aus der Höhle
Weinselig sie hervor.

 

 

Gottfried Keller

Als es Karfreitag morgen und grabesstille war was last modified: März 25th, 2016 by Henrik Geyer