Das Einzelne – es gibt nichts, das einzeln sein kann. Es gibt nichts, das allein existiert.

Das Einzelne. Ein einzelner Stuhl [SPID 4425]

Eine der grundlegenden Aussagen des Spirealismus ist, dass die Welten, die Ich-Universen, jeweils eine Relation sind.

Da in einer Relation alles nur durch die Verbindung entsteht, lautet eine der Folgerungen des Spirealismus, dass es nichts geben kann, was ganz „für sich“ existiert. Es gib nicht „das Einzelne“, es gibt überhaupt nichts, das einzeln sein kann.

We are accustomed to take everything separately. Here there was nothing separate, and it was extraordinarily strange to feel oneself in a world in which all things were connected one with another and all things followed one from another. Nothing existed separately. I felt that the separate existence of anything—including myself—was a fiction, something non-existent, impossible. The sensation of absence of separateness and the sensation of connectedness and oneness united with the emotional part of my conceptions. At the beginning the combined sensation was felt as something terrifying, oppressive and hopeless; but later, without changing its nature, it began to be felt as the most joyous and radiant sensation that could exist.

Aus den Visionen des P. D. Ouspensky, Buch:  A New Model of the Universe

Mir ist dieser Grundsatz selbstverständlich geworden, aber anfangs grübelte ich darüber sehr nach. Denn, wenn das stimmt, dann hat alles mit allem auch zu tun. Wie kommt es dann, dass man, ausgestattet mit dem materialistischen Weltbild, ganz verschiedene Dinge sieht, die miteinander scheinbar rein gar nichts zu tun haben?

Es ist innerhalb des materialistischen Weltbildes nicht üblich zu denken, es könne das Einzelne nicht geben. Ich will daher ein praktisches Anschauungsbeispiel geben.

Das Einzelne gibt es nicht – ein Beispiel

Wir alle kennen den Grundsatz, dass Druck Gegendruck erzeugt. In der Physik wie auch im Leben. Ebenso kann es keine Liebe ohne Hass geben, es kann keinen Krieg ohne Frieden geben, und umgekehrt. Glaubt man, man könne das Eine ohne das Andere haben, wird man verleitet sein, sich für die Einseitigkeit einzusetzen, für sie zu kämpfen. Man fördert so die Polarisierung und ruft an anderer Stelle das hervor, was man bei sich nicht sehen möchte.

Ein für mich schönes Beispiel ist die politische Situation der Gegenwart. Eine politische Gruppierung hat die Ausmerzung einer anderen politischen Gruppierung zum Ziel. Je umfassender diese andere politische Gruppierung aufgefasst und bekämpft wird, desto stärker wird sie auch. Die Linke hat die Ausmerzung des Faschismus, des Nazitums, zum Ziel. Je stärker die Linke wird, in einer zunächst ausgewogenen Situation, umso weiter fasst sie den Begriff Nazi, bis schließlich jedermann dazugehört, der nur ein bestimmtes Wort in den Mund nimmt. Der Effekt dieser Bemühungen ist, dass so ziemlich jeder, der das Wort benutzt, als Feind gesehen wird … Das wiederum ruft (dessen) Widerstand hervor – die Dynamik gewinnt Fahrt. Während sich die Linke als die Kämpferin für das Gute sieht, erschafft sie das sie bekämpfende Element, von ihr wahrgenommen als das Böse.

Je größer der Kampf, sagen wir, für „das Gute“, desto größer auch die Polarisierung. Umso stärker kann „das Böse“ sein.

In diesem konkreten Fall: Je größer die Polarisierung, desto stärker der Effekt auf die Gesellschaft, was schließlich im Erstarken extremer Kräfte münden kann, oft in Bürgerkrieg oder Krieg. Es gibt nichts Einzelnes – alles hängt zusammen.

Das Einzelne gibt es nicht – ein weiteres Beispiel

Die Kirche verfolgt heute häufig den Gedanken, alles sei „in Wirklichkeit“ Eins. Das jetzige Verständnis des Spirituellen, auch der Bibel, muss in der Enttäuschung enden. Denn die Welt auf Erden ist nicht Eins. Eins zu sein mit dem Göttlichen ist dem Menschen auf Erden nicht möglich, denn hier ist „die Welt“ synonym mit „Getrenntheit“. Das Einzelne, hier verstanden als Alles, gibt es nicht.

Die Polarität ist zwar in ihren starken Auswirkungen oft unerwünscht, doch die Natur der Welt ist es, aus Gegensätzen zu bestehen. Aus Dingen, die scheinbar völlig getrennt voneinander sind, und doch könnten sie ohne einander nicht sein. Aus diesem Prinzip kann man sich nicht lösen. Während z.B. die Kirche das Prinzip der allumfassenden Liebe und des Einsseins propagiert, entfernt und entzweit sie sich von jenen, die ihr in die scheinbar so glänzende Zukunft nicht folgen wollen.

Eher ist es eine Frage der Ausgewogenheit zu sagen, man dürfe in allen Dingen nicht nur das Trennende sehen, sondern auch das Gemeinsame. Die Getrenntheit nicht zu stark werden zu lassen, das wäre ein sinnvolles Ziel, das richtig und willkommen wäre. Maß halten.

Jedoch den Menschen einreden zu wollen, sie müssten eins mit allem sein, es gäbe nur noch die Liebe, das bedeutet zu verabsolutieren. Und das ist wiederum ist eine starke Polarisierung. Eine Polarisierung, die eine Gegenbewegung zur Folge haben muss. Eine Gegenbewegung, die umso stärker sein wird, je stärker die Polarisierung ist.

Das Einzelne gibt es nicht – als Denkübung

Man kann die Vorstellung, dass es das Einzelne nicht geben kann, an einem beliebigen Gegenstand erklären. Denken wir an einen Stuhl. Den Stuhl kann es nur geben, wenn wir uns einen Menschen denken, der sich setzen will. Daher auch denken wir, wenn wir an einen Stuhl denken, an eine spezifische Form. Eine Form, die geeignet sein muss, damit ein Mensch sich setzen kann.

Wenn wir an einen Stuhl denken, denken wir an ein Material, beispielsweise Holz oder Metall. Wenn wir an einen Stuhl denken, denken wir an einem Raum, in dem er stehen muss, denn ohne Raum kann er nicht sein. Wir denken an einen Zweck, den der Stuhl in diesem Raum erfüllen muss.

Ohne all diese Nebenbedingungen kann der Stuhl nicht sein.

Die semantische Natur der Welt

Dies bringt uns übrigens auf die „semantische Natur der Dinge“, von der der Spirealismus spricht.

Alles ist nur im Zusammenhang denkbar, und nur im Zusammenhang existent. Das Einzelne gibt es nicht – alles hängt zusammen.

Das Einzelne – es gibt nichts, das einzeln sein kann. Es gibt nichts, das allein existiert. was last modified: Dezember 14th, 2016 by Henrik Geyer