Sinn und Sinnlosigkeit

Sinn gibt es nicht außerhalb des Denkens

Goethe-Zitat:

Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst.

Johann Wolfgang von Goethe
der wohl größte deutsche Dichter
geb. 28. August 1749 in Frankfurt am Main als Johann Wolfgang Goethe; gest. 22. März 1832 in Weimar, geadelt 1782

Ouroboros, Oroboro [SPID 3981]Das klingt wie nichtssagend, wie ein in sich geschlossener Kreis, wie eine Tautologie, bei der sich die Schlussfolgerung bereits in der Ausgangsfrage findet. Und doch ist es die tiefste findbare Wahrheit.

Außerhalb des Kreises, außerhalb der Tautologie, ist kein Sinn, den wir kennen können. Sinn ist der Bezug auf den Bedeutungsraum den wir kennen. Es ist der Bezug auf uns selbst.

Das erinnert an die sich in den Schwanz beißende Schlange, den Ouroboros, ein uraltes Symbol für die Welt. Die Schlange frisst, um zu sein. Was frisst sie? Sich selbst. Anders gesagt: Um zu sein muss sie sich selbst Nahrung sein. Der Sinn des Seins kommt aus dem Sein. Existenz aus der Existenz. Mehr Grund, mehr Vernunft, mehr Sinn für das Sein kann und muss es nicht geben, als eben das Sein!

Unbefriedigende Rätselhaftigkeit

Warum erscheint uns diese Weisheit als unbefriedigende Rätselhaftigkeit?

Das erscheint uns so, weil es in der materialistischen Sichtweise die Eigenschaft von Rätseln ist, dass sie gelöst werden. Denn alles, so glauben wir, habe einen Grund. Und dass es Gründe geben könnte, die dem Menschen nicht ermittelbar sind, können wir uns nicht vorstellen. Das ist ähnlich der Unendlichkeit des Weltalls – wie kann es ein Ding geben, zum Beispiel das Weltall, das zwar einen definierten Inhalt hat, aber keine Grenzen? Jedes Ding definiert sich in seiner Gesamtheit doch durch eine Grenze! Und ganz ähnlich ist uns ein Rätsel, das in sich Beginn und Ende trägt, dessen Antwort die Frage wiederholt, ein Rätsel also, das offensichtlich nicht lösbar ist, unbefriedigend. Wenn der Sinn des Lebens das Leben selbst ist, und wenn hier Ursache und Folge unauflösbar miteinander verwoben sind, erscheint uns dies nicht wie eine gültige Antwort auf eine Frage. Und dennoch ist es so.

Wir glauben eben an das Prinzip des eindeutigen Grundes, der außerhalb von uns liegen soll – so, wie wir auch an die Existenz von Objekten außerhalb von Geist glauben. Das glauben wir so sehr, dass sich der Materialismus, dessen Grundannahme eben dies ist, sich schmeichelt, die Welt erkannt zu haben, und zwar so gründlich, dass sie ihm bereits als geradezu langweilig erscheint.

Für den Spirealismus gilt das nicht, und die oben angeführte Rätselhaftigkeit versteht er als seine Grundaussage, und verweist immer wieder auf die Aussage, dass alle Rätsel ja aus uns selbst kommen. Wir selbst sind Quell und Element der Schöpfung, nicht deren Beobachter. Wir sind nicht die Beobachter und Ergründer von Sinn, sondern Sinn Wie können wir „die Rätsel“ lösen, wenn wir selbst sie generieren? Unser Denken steckt in unseren Worten. Wenn wir von „den Rätseln“ sprechen, so klingt das wie eine abzählbare Gesamtheit. Doch wie können die Rätsel eine abzählbare Gesamtheit sein, wenn wir selbst sie hervorbringen. So lange wir da sind, müssen demnach immer neue Rätsel entstehen.

Das gleiche gilt für Sinn. Solange wir da sind, wird immer neuer Sinn generiert, immer anderer Sinn. Ganz wie das Spiel der Farben und Dinge in einem Kaleidoskop. Die Frage wie viele Male kann ein Kaleidoskop Muster erzeugen kann wird zu der Frage, wie oft ein Mensch daran zu schütteln vermag.

Während der Materialismus glaubt Rätsel seien zu nichts gut, als nur dazu, gelöst zu werden, sieht der Spirealismus sehr wohl Nutzen im Wahrnehmen der Rätselhaftigkeit. Warum? Um der Selbstentfremdung des Menschen zu begegnen. Damit sich der Mensch seiner Quelle nähern kann. Um spirituelle Macht in sich selbst zu finden. Um die Existenz Gottes wahrzunehmen – Gott als die Rätselhaftigkeit, das Irrationale. Gott als die Unendlichkeit des Nichts. Gott als unbeschreiblich und jenseits der menschlichen Vorstellung. Wer Gott wahrnehmen kann, wird umso weniger dazu neigen sich selbst zu überhöhen. Der Mensch wird im Materialismus zwar sein eigener Gott, ist aber eben dadurch umso weniger Herr seiner selbst.

Die entscheidende Frage für den Menschen ist: Bist du auf Unendliches bezogen oder nicht? Das ist das Kriterium seines Lebens.

Carl Gustav Jung
Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker
* 26. Juli 1875 in Kesswil; † 6. Juni 1961 in Küsnacht

Und … Selbstfindung ist für den Spirealismus nicht lediglich etwas, das nur den einzelnen Menschen angeht, denn auch die Gesellschaft lässt sich als ein Organismus verstehen.


Kurioserweise fiel mir noch folgendes Zitat in die Hände; es tauchte auf, als ich nach dem Goethe-Zitat suchte:

Der Sinn des Lebens ist mehr als das Leben selbst.

Stefan Zweig
österreichischer Schriftsteller
geb. 28. November 1881 in Wien; gest. 23. Februar[1] 1942 in Petrópolis, Bundesstaat Rio de Janeiro, Brasilien

Mir gefällt das Goethe-Zitat besser. Wenn da mehr Sinn wäre, als das Leben, dann wäre zu klären, was das sein soll, dieses „Mehr“. Können wir das? Natürlich nicht.

Wenn wir ein Mehr definierten, wäre es wieder Produkt unseres Selbst. Es war nicht „vorher da“, denn ohne Leben kann es keinen auf das Leben bezogenen Sinn geben. Was über das Leben zu sagen ist, ist eben nicht sagbar ohne das Leben.

Der Satz Zweigs ist für mich ein typisches Produkt der Vermischung materialistischer Weltanschauung (die Dinge existieren außerhalb des Denkens) mit spirituellem Denken.

 

 

Sinn und Sinnlosigkeit was last modified: Mai 22nd, 2018 by Henrik Geyer

Hilfe, ich höre Stimmen! Die innere Stimme und die Vielschichtigkeit des Selbst

Es ist eine Kuriosität, dass die Menschen sich als Individuen sehen, ohne die vielfältigen Verbindungen zu bemerken, die in ihnen sind.

Was genau meine ich? Woran können wir das sehen?

Nun, an uns, zum Beispiel.

Hilfe, ich höre Stimmen!

In uns sind Stimmen – viele Menschen hören sie gar nicht. Die sogenannte „innere Stimme“ ist ihnen fremd. Daher gibt es Trainer, die den Menschen erklären, dass sie innere Stimmen haben und lernen können, auf sie zu hören.

Ich erinnere mich, dass es auch mir einmal fremd war, von einer „inneren Stimme“ zu sprechen, und die Vorstellung Stimmen im Kopf zu haben, erschreckte mich und erschien mir bedrohlich wie eine Erkrankung. Ich lernte erst, diese Dinge als normal anzusehen und die innere Stimme als etwas ganz Alltägliches und Hilfreiches wahrzunehmen. Als etwas, das einfach da ist – es ist niemandes Verdienst … Es ist aber auch eine bedauernswerte Selbstentfremdung, wenn man diese innere Stimme nicht hören kann. Es lohnt sich, auf sie zu achten.

Ich weiß noch, wie kurios es mir schließlich vorkam zu erfahren, dass viele Psychologen mit dieser inneren Stimme wenig anzufangen wissen, sie nicht kennen. Sie wollen also Patienten davon heilen (böse) Stimmen zu hören, und haben nicht die mindeste Vorstellung davon, wie das ist, so eine innere Stimme. (Ich war, wie ich in Alles ist Geist schrieb, eine Zeit lang recht involviert mit Psychiatrie und Psychologen, denn mein Sohn hatte eine psychische Erkrankung)

Schweigen über das Selbst

Da übrigens die Menschen über ihre innersten Vorstellungen kaum reden, ist es fast ein geheimes Wissen, wie selbstentfremdet die Menschen heutzutage sind. Sie beurteilen sich und andere demgemäß, was sie sich in einer Art unehrlichem Smalltalk gegenseitig über „vernünftiges Denken“ erzählen. Auch Allernächsten wird nur ganz selten das Innerste offenbart; meist jedoch wollen die Menschen als irgendetwas erscheinen.

Insofern ist das Unwissen über die Mächte des Inneren sehr groß, obwohl doch der Mensch stets meint, sich in sich selbst sehr gut auszukennen. So entsteht das Bild des unheimlichen „Es“, eines Gedanken-Ungeheuers, das im Keller des Ich einer geheimnisvollen Denk-Tätigkeit nachgeht, und sich erfrecht Gedanken zu denken, die einerseits ganz tierisch und grob sind, uns andererseits nicht gerade unbekannt. Wir haben einige Mühe, sie in unser Selbstbild, das vom oben genannten unehrlichen Smalltalk geprägt ist, zu integrieren.

Statt offen zu sein für das, was sie in sich finden, haben die Menschen ein eher heiliges Bild von sich selbst, das sie nach Außen transportieren wollen. Andere sollen ja nicht (über sie) denken, dass …

Der Smalltalk erleichtert die illusorische Integrität des Selbstbildes; man führt tagein tagaus seltsam seichte Konversationen, um nur ja nicht das zu berühren, das man doch mit Fug und Recht eigentlich als das Wichtigste sehen könnte – die Art und Weise wie man Dinge sieht; und wie man schließlich und endlich sich selbst und andere wahrnimmt …

Nur einmal angenommen, die Menschen würden mit dem Smalltalk aufhören und anfangen offene Gespräche zu führen, so würden sie sich ihres Scheins entblößen; sie stünden sie da wie der Kaiser ohne Kleider. Man könnte das Lächerlichste sehen. Die geheimen Gedanken, die Dummheiten, die oft unanständige innere Stimme …

Man stelle sich das vor … auch bei den Mächtigen, den Regierenden, die, entkleidet ihres Pompes, nur als das erscheinen könnten was in ihnen ist. Dann ginge es um kluge Gedanken, so aber geht es um Floskeln.

Es wäre es eine große Erleichterung, zu erfahren, wie alltäglich all die inneren Welten sind, wie normal. Was im Außen geschieht käme uns weit weniger unvorhersehbar vor, gäbe es eine Kultur der Ehrlichkeit. Andererseits hätten Moral-Scharlatane, wie sie heutzutage Konjunktur haben, geringe Chancen.

Aber, eine solche Offenheit ist natürlich reine Theorie.

Ich glaube jedoch, dass hierin die Chance der Menschheit liegt, sich weiterzuentwickeln. Sie fände, was sie angeblich so lange sucht: die Möglichkeit eins zu werden, bis zu einem gewissen Grad. Denn die Chance der Menschheit auf Frieden muss in Selbsterkenntnis liegen … worin sonst? Schließlich liegt alles (beeinflussbare) Ungemach des Menschen seiner Quelle nach in ihm selbst.

Wahre Selbsterkenntnis aber ist dem Wesen nach nicht angenehm. Selbsterkenntnis ent – täuscht – d.h.: Ihr Wesen ist, Täuschungen über das Selbst aufzuheben. Die dafür nötige Offenheit erzeugt unangenehm-angreifbare Nacktheit. Die Täuschung des geliebten heiligen Selbstbildes wird zerstört. Wer glaubt, so etwas sei ein Fest, der irrt. Jedoch befreit es.

Spruchbild Bildspruch Spruchbild Bildspruch Indem wir etwas beim Namen nennen, verliert es an Macht

Indem wir etwas beim Namen nennen,
verliert es an Macht über uns.

Hermann Bahr
österreichischer Schriftsteller und Kritiker
geb. 19. Juli 1863 in Linz; gest. 15. Januar 1934 in München, lebte 71 Jahre.

Wessen Stimme ist das?

Merkwürdig genug ist so eine innere Stimme ja, denkt man sich den Menschen als Eines. Mit wem spricht man da? Mit sich selbst, natürlich, aber zu welchem Zweck? Welche zwei Meinungen will man da einholen, wenn es doch nur einer ist, der spricht? Wie kann Eins zu Zwei werden?

Die Antwort ist: Es ist von Anfang an nicht Einer. Das ist nur, wie wir uns sehen – im Großen als voneinander völlig getrennte Individuen, und das Individuum wiederum als einen Geist, der getrennt von einem vielgliedrigen Körper ist.

Allein schon die vorausgesetze Trennung von Geist und Körper ist ein kaum nachvollziehbarer Kunstgriff der materialistischen Weltsicht – sie muss wohl sein, wenn man einmal Geist und Materie als voneinander strikt getrennt definiert. Heben wir diese Trennung einmal gedanklich auf, denken wir also spirealistisch, dann haben wir den ganzheitlichen Menschen vor uns. Ein Körper, der Geist ist, und dessen ganzes Sein in diesem Körper zum Ausdruck kommt. Der Körper als Bild des geistigen Seins. Sehen wir also unseren Körper an, so besteht er aus vielen Teilen, die jeder für sich auch Bedürfnisse haben, die sich wohl fühlen können, oder auch nicht; Teile, die leben wollen, es aber nicht einzeln können. Sie benötigen die Verbindung dazu, den Staat … dessen Bild der Körper ist.

Das ist der Mensch – das ist das Ganze; es besteht aus Vielem. In uns ist Vieles. Wir können es nicht im Einzelnen benennen (oder können wir es doch benennen? Neulich sagte mein kleiner Sohn, als ich ihn fragte, ob er noch Hunger habe, sein Bauch sage ihm „nein“ …), aber, das ist der Ursprung der „inneren Stimme“. Es sind eigentlich Stimmen (Mehrzahl).

Gehorchen uns (dem Ganzen) diese Stimmen? Oder ist es umgekehrt  – gehorcht das Ganze den Stimmen? Das ist wohl eine Frage der Sichtweise. Üblich ist, dass sich das Ich als Eins sieht und es den Widerstreit der Vielstimmigkeit als Ausdruck des eigenen freien Willens interpretiert. Schließlich entstammt der Vielstimmigkeit dann jeweils ein Entschluss … ein einziger. Und das Ich sieht sich als eins.

Doch es lässt sich auch anders denken: Das Ich als Sprachrohr der Vielheit, d.h. der vielen Einzelinteressen.

So gesehen macht auch Nietzsches „Es denkt“ mehr Sinn: nämlich als innere Stimme (Denken), die ohne eine Absicht, die das Ich vereinnahmend als „meine Absicht“ bezeichnen könnte, spricht.

Spruchbild Bildspruch Spruchbild Bildspruch Es denkt

Es denkt.

Friedrich Nietzsche
deutscher klassischer Philologe und Philosoph
geb. 15. Oktober 1844 in Röcken; gest. 25. August 1900 in Weimar, lebte 56 Jahre.

 

Zusatz

Der Spirealismus sieht den Menschen als Element der Schöpfung, nicht lediglich als deren Beobachter. Alles Grundsätzliche des Außen findet er in sich. Daher auch kann man die vielfältigen Verbindungen, die der Mensch gewohnt ist im Äußerlichen zu sehen oder herzustellen, auch in sich selbst finden.

Sich aber als getrennt von der Schöpfung zu sehen, als Geist innerhalb toter Materie, DAS ist die täuschende Welt der zehntausend Namen.

Als Grundsatz des Spirealismus erwähnte ich auch des Öfteren, das Eine könne nicht das Andere sein. Das ist, bezogen auf den Menschen, das Prinzip der Individualität. Das Eine könne aber auch nicht ohne das Andere sein – das ist das (uns rätselhafte) Prinzip der allgegenwärtigen Verbindung, die mindestens ebenso Wirklichkeit in unserem Sein hat, wie das Erstgenannte. In uns selbst spüren wir das. In uns sind Viele.

Aus Vielem wird immer wieder Eins – das ist, wieder bezogen auf das menschliche Subjekt, Supersubjektivität. Betrachtet sich das Eine (das Subjekt) genauer, stellt es fest, aus Vielem zu bestehen – das ist Subsubjektivität.

Subsubjektivität ist einfach ein Wort für die spirealistische Gewissheit, dass im Einzelnen, aus dem jedes Ganze (auch der Mensch) besteht, jeweils ein subjektiver Wille herrscht. Subsubjektivität ist ebensowenig „objektiv“ zu umreißen wie Supersubjektivität.

 

Hilfe, ich höre Stimmen! Die innere Stimme und die Vielschichtigkeit des Selbst was last modified: Januar 22nd, 2018 by Henrik Geyer

Endlich im Unendlichen – Verständnis für Kontingenz

Kontingenz ist ein philosophischer Begriff, der die Nicht-Notwendigkeit des Vorhandenen charakterisiert, und andererseits die Möglichkeit von Allem. Kontingenz (griech., „etwas, was möglich ist“). Wie kommen Philosophen auf so etwas – und was bewirkt es? Ist denn das Sein nicht begrenzt auf das, was wir vor uns sehen?


Kontingenz ist ein Gegenbegriff zu jenem Denken, das die Möglichkeiten der Natur als eng begrenzt sieht, als einschränkbar auf das, was das (menschliche) Denken wahrnehmen kann.

Kontingenz ist der Gegenbegriff zu Alternativlosigkeit – jenem Denken in angeblichen Unabdingbarkeiten, in Notwendigkeiten etc..

Kontingenz ist eine schwer fassbare, aber deshalb nicht weniger zutreffende Weltauffassung. Es handelt sich dabei nicht um etwas ganz Abstraktes, sondern wir begegnen dem Unterschied der Begriffs-Welten in vielen Themen der Gegenwart. Im ganz Alltäglichen ist der Unterschied zwischen jenen, die auf Grund ihrer Weltsicht alles für möglich halten, und jenen, die in der Natur enge Grenzen des Möglichen vermuten, sehr sichtbar und geht in die einfachsten Begriffe ein.

Die Vertreter der Alternativlosigkeit können es sich beispielsweise schon nicht so recht vorstellen, dass es eine vernünftige Vernunft jenseits der eigenen geben kann. Man denke an das Wort „postfaktisch“: die „Fakten“ sind im eigenen Besitz; jene aber, die eine Gegenposition zur eigenen Position einnehmen, werden als „jenseits von Fakten“ imaginiert.

Oder, dass sich ein (gesellschaftlicher) Zustand leicht wandeln kann, zum Beispiel von Reichtum zu Armut, von Frieden zu Krieg, von Freiheit zu Unterdrückung. Sie glauben im Sein stets eine sichere Bank zu haben, gleich einem unwandelbaren Objekt. Das Sein betrachten sie als starr und statisch – und sich selbst als im Besitz des besten Begriffes davon.

Während also das Denken in Unbedingtheiten stets im Objekthaften verharrt, der Mensch sei so und so, die Gesellschaft sei so und so (und nicht anders denkbar), ist Kontingenz verbunden mit der Vorstellung einer Welt, die im Flusse ist; durch den menschlichen Geist letztlich als Objekt unfassbar, denn sie ist in jedem Moment des Begreifens ein wenig anders. Und – wenn sie kaum fassbar ist, so ist damit auch eine Vorstellung eines Unwissens über ihre Möglichkeiten verbunden.

Spruchbild, Bildspruch: Es ist unmöglich zweimal in denselben Fluss zu springen

Dazu im Gegensatz meint der Vertreter des Objekthaften stets, die Objekte seiner Anschauungen seien nicht anders auffassbar, als in der eigenen Perspektive. Auch auf die Zukunft projeziert er seine Überzeugungen – die Zukunft könne sich nur zwischen den Zuständen A und B abspielen, meint er.

Aus dem Wissen um das prinzipielle Wesen der Zukunft leitet der statisch Denkende beispielsweise ab, der Mensch würde sich vom Niederen zum Höheren entwickeln. Seine Zukunft, das könne nicht anders sein, sei die einer weltumspannenden Einigkeit, eines End-Glücks ohne Widersprüche. Dass der Mensch die Widersprüche, und damit Streit und Krieg, selbst generiert, wie ein ewig drehender Dynamo, will dem Vertreter der Unbedingtheiten nicht so recht einleuchten. Er sieht den Menschen als getrennt von der Welt, als geniehaften Beobachter. Die Welt, so meint er, würde vom Menschen lediglich klug analysiert und gestaltet, und betreut wie ein alter Opi.

Und, noch eins: Weil selbstverständlich keine Sekunde zu verlieren ist, die Welt ihrem glücklichen Schicksal zuzuführen, findet man im Lager der Verabsolutierer viele Revolutionäre, Heilsbringer und Weltverbesserer. Sie sehen sich als Katalysatoren des Weltglücks – einer ihrer Auffassung nach unvermeidlichen Entwicklung, wodurch sie sich auf Seiten einer natürlichen Gesetzmäßigkeit wähnen. Die Menschheit, so meinen sie, werde ihnen Dank wissen, ist erst der glückliche Endzustand erreicht.

Doch sind sie es meist selbst, die die Welt verheeren mit ihren vielversprechenden Ideen. Diese Ideen wirken verschieden, sind es aber im Wesen gar nicht. Es geht immer um die Erlösung des Menschen durch ein großes Glück in Einigkeit … ein festes und dauerhaftes Glück sozusagen – so statisch wie das Denken jener, die an es glauben.

Denken wir an den Dreißigjährigen Krieg, der um den rechten Glauben (Katholizismus an Stelle des aufkommenden Reformgedankens) geführt wurde. Und damit um die „richtige“ Erlösung. Denken wir überhaupt an sogenannte „Glaubenskriege“ (geht es denn nicht immer um Glauben?). Denken wir an die große chinesische Hungersnot, die ausbrach, weil die chinesische kommunistische Regierung die Landwirtschaft ihrem Glauben gemäß umbauen wollte; sie kostete viele Millionen das Leben. Denken wir an die Gulags Stalins – das waren Säuberungen im Namen des großen sozialistischen Gedankens, der alle Menschen als potentielle Brüder sieht. Wer wohl konnte gegen dieses Große Glück sein? Derjenige musste in den Gulag! Denken wir an den Zweiten Weltkrieg, den Hitler sich zu führen traute, denn er wollte die Deutschen ihrem dauerhaften Glück und ihrer Erlösung zuzuführen – wieder liegt die Erlösung in der uneingeschränkten Gültigkeit der Ideologie, respektive ihrer Weltherrschaft. Denken wir an die Roten Khmer, die einmal mehr die Welt mit der altbekannten Erlösungsideologie beglückten, welche natürlich wieder,  für den Moment, die „harte Hand“ nötig machte.


Der Spirealismus ist eine Philosophie, die den Menschen als endlich im Unendlichen sieht. Das Endliche seiner Gedanken, das ist das menschliche Sein. Die Unendlichkeit dessen, was nicht in seinen Gedanken ist, die Unendlichkeit des Möglichen also, ist ihm das Nichts, oder auch die „Nichtexistenz“.

Doch, was weiß er über das Nichts? Nichts. Nur innerhalb seiner paradoxen materialistischen Weltanschauung will es ihm scheinen, als verfüge er über die  Möglichkeit, das Nichts einzugrenzen, in dem er es verdinglicht, zu dem Nichts.

Aus der Sichtweise des Spirealismus folgt Kontingenz – die Möglichkeit von allem, die Nicht-Notwendigkeit alles Bestehenden, als völlig normale und logische Konsequenz. Statisches Denken ist ihm fremd.

Endlich im Unendlichen – Verständnis für Kontingenz was last modified: Januar 24th, 2018 by Henrik Geyer

Du bist nicht eins mit der Welt

Du bist nicht eins mit der Welt – und musst es auch nicht sein.

Die Welt – das sind Viele und Vieles. Vieles, das sich unterscheidet, so wie du dich unterscheidest von allem anderen. Das ist das kosmische Grundgesetz: Das Eine kann nicht das Andere sein. Das Eine kann nicht ohne das Andere sein.

Das Eine kann nicht das Andere sein bedeutet, dass es nicht zwei gäbe, wenn alles gleich wäre.

Und, das Eine kann auch nicht ohne das Andere sein, aus demselben Grund: sonst könnte es nicht zwei Dinge geben. Das Eine definiert das Andere. Ohne Zwei keine Eins, ohne Eins keine Zwei.

Übereinstimmung zu suchen ist eine Sache. Aber, Grenzen zu definieren ist die andere Sache – beides gehört zusammen. Die eine Seite des Prinzips ist nicht besser oder schlechter als die andere.

Viele Menschen suchen die Einheit. Sie wollen unbedingt passen, sie wollen übereinstimmen, sie wollen Gleichheit und Einheit mit der Welt. Es gibt für diese Einheit viele schöne Worte und Namen. Worte, die zu Ideologien wurden, und zum Unglück für Viele. Denn sie hörten auf, an sich zu denken und daran, dass sie immer noch ganz eigene Gedanken haben. Dass sie ganz eigene Gedanken haben dürfen, und ganz eigene Gedanken haben müssen.

Viele Menschen leiden sehr darunter, dass sie einfach nicht zu dem passen können, was sie für die eine und einzige Realität halten. Und dass, aus ihrer Sicht, umgekehrt, vieles Äußerliche einfach nicht passen will, nicht dazugehören will. Dass sich das Viele der Einheit(lichkeit) entzieht, die ihnen doch als das einzig Vernünftige erscheint. Warum ist das so? Wieder: weil es nicht anders kann – das Viele muss verschieden sein! Wo oder was wäre sonst die Welt?

Wenn du das kosmische Prinzip verstehst, dann ist der (schöne?) Traum von der Einheit der Welt dahin. Dafür aber verspürst du etwas Besseres und viel Stärkeres: Ein Verständnis für die kosmische Ordnung. Wenn du die Einheit in Gott suchst – das ist sie; sie liegt in deiner Individualität. Wenn du die Verbindung zum Unendlichen suchst – das ist sie; sie liegt in deiner Endlichkeit.

Das ist die Einheit die du wirklich suchst, sie liegt in diesem Verständnis.

Du bist nicht eins mit der Welt was last modified: Januar 27th, 2018 by Henrik Geyer

Schrödingers Katze und ein Knacken im Wald

Öfters formulierte ich, dass die Welt, ob nun im Kleinsten oder Größten, stets den gleichen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Insofern, fest an diesen Grundsatz glaubend, wunderte es mich zuerst, warum in der Quantenphysik so andere Zustände herrschen sollten, als in der Normalwelt, so dass die Quantenphysiker sich beispielsweise darüber wundern, dass sich anstelle fester Objekte im Bereich des infinitesimal Kleinsten lediglich Wahrscheinlichkeiten finden lassen.

Später begriff ich, dass in der Quantenphysik gar keine anderen Zustände herrschen, sondern dass unser Begreifen der „normalen Realität“, also, wenn man so will der „Makrowelt“, auf wundersame Weise „schräg“ ist. Beispielsweise wenn wir selbstverständlich voraussetzen, wir beobachteten feste Objekte in einem Außen, die in Zeit und Raum schweben und riefen von diesen Objekten Informationen ab. Den Unterschied zwischen der Wahrnehmung dieser Objekte, und den Objekten selbst, können wir aber beim besten Willen nicht ziehen – wie auch, die Wahrnehmung, letztlich der Gedanke, ist es schließlich, der uns überhaupt Kunde gibt von der Existenz eines Objektes.

Wir haben, in der allgegenwärtigen materialistischen Weltanschauung, ein flaches Bild des Kosmos der Wahrnehmung. Wir sehen nicht die Wunder des Geistes, der in Wirklichkeit kreativ ist, auch im Hervorbringen von Dingen. Wir glauben, wir hingen ab von einer festen Welt des Außen, und wir sehen nicht, dass unsere Untersuchungen der festen Außenwelt diese erst erschaffen.

Um das sehen zu können benötigt man andere Denkvoraussetzungen. Wir sind mit der materialistischen Weltanschauung in tausenderlei Widersprüchen gefangen, nicht nur in der Quantenphysik. Wie gesagt, das ist eigentlich auch im Alltag sichtbar, und viele meiner Beiträge drehen sich darum.

Schrödingers Katze

Ein Beispiel hierfür soll in diesem Artikel gegeben werden. Es geht mir darum darzustellen, dass ein Gedankenversuch wie „Schrödingers Katze“ eigentlich eine Normalität auch in der Makrowelt hat. Während man gemeinhin zu begründen sucht, man könne die Verhältnisse der hochkomplizierten atomphysikalischen Betrachtungen nicht nicht in die Makrowelt übertragen … frage ich umgekehrt. Warum denn, so die Frage, soll sich kein grundlegendes Schema finden lassen, das hier wie dort Gültigkeit hat, und uns ggf. mehr und Fundamentaleres klar machen kann über unser Weltverstehen, als die Beobachtung des Zeigers an einem Geigerzähler?

Der Gedankenversuch wie „Schrödingers Katze“ dreht sich um den Zustand einer Katze (lebt sie, ist sie tot?), die sich in einer Box befindet. Ihr Zustand hängt ab von dem Zustand eines kleinsten Teilchens, das, als eine Art Relais, eine Kettenreaktion auslöst (Giftgas wird freigesetzt), die zum Tod der Katze führen muss, wenn der Schalter, wenn das Relais, „betätigt“ wird. OB es zur Kettenreaktion kommt oder nicht, hängt wie gesagt von einem Atomteilchen ab, das beim Zerfall eines Atoms als radioaktive Strahlung abgegeben wird. Der Aufenthaltsort des Teilchens wird bestimmt durch einen Geigerzähler, der das Teilchen misst oder nicht misst. Teilchen vor Ort, in der Messapparatur bedeutet also: Giftgas wird freigesetzt, und das bedeutet den Tod der armen Katze.

Das Wundersame dieses Vorganges ist, und das wollte Schrödinger zeigen, dass man in der Quantenphysik voraussetzt, dass sich kleinste Teilchen in einer Art Wahrscheinlichkeitsraum „aufhalten“, der lediglich die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Zustandes (Ortes) enthält, nicht aber gleichzusetzen ist, mit einem „richtigen“, bestimmten Zustand.

Nebenbemerkung: Der Begriff Wahrscheinlichkeitsraum dehnt den Begriff Existenz, denn man würde normalerweise sagen, dass ein Objekt, dass sich an keinem bestimmten Ort befindet, auch nicht „da“ ist. Oder umgekehrt: Es ist unsere sichere Vorstellung, dass ein „richtiges“ Objekt auch an einem Ort sein müsse. Es muss durch Raum und Zeit definiert sein.

Ein bestimmter Zustand hingegen wird in der Sichtweise der Quantenphysik erst hergestellt durch die Beobachtung des Teilchens – beispielsweise, indem der Mensch irgendwann auf den Geigerzähler schaut und feststellt, ob ein Teilchen gemessen wurde oder nicht. Und dass er nun sieht, ob die Katze tot ist, oder lebt.

Und die Schrödingersche Frage ist natürlich: War die Katze nun, ebenso wie das Teilchen, Teil eines Wahrscheinlichkeitsraumes?

Die Verhältnisse der Mikrowelt werden übersetzt in die Makrowelt, und der „Übersetzer“ ist der Geigerzähler. So wird ein Paradox offenbar, ein Paradox der materialistischen Denkwelt. Dass sich ETWAS (die Katze) in einem Wahrscheinlichkeitsraum befindet, bis ein Mensch seinen Geist darauf wendet, das wird im Materialismus als unmöglich angesehen, dem Materie und Geist getrennt sind.

Die Katze kann entweder leben oder sie kann tot sein, meinen wir, nicht beides in einem Wahrscheinlichkeitsraum. Sie kann sich nicht in einem Schwebezustand befinden.

Kosmos unserer Wahrnehmung

Nun sagte ich ja, dass die Quantenwelt im Grunde nicht anders sei, als die „normale“ Welt. Um das zu verstehen, müssen wir uns die Normalwelt nur anders denken.

Die Quintessenz des Schrödinger Experimentes ist die Vorstellung, dass etwas in die Existenz kommen könnte, durch den Gedanken daran – was der Materialist sofort als Unsinn bezeichnet. Denn Gedanken, so meint er, hätten ja keine direkte Verbindung zur Materie, dem Inbegriff von Existenz. Lieber wird das verschwurbelt mit einem Wahrscheinlichkeitsraum.  Der Wahrscheinlichkeitsraum erlaubt es zu denken, dass das Objekt in irgendeiner Form bereits existierte und nun nur weiterexistiert, und dass man seine Eigenschaft nur bestimmen müsse. Diese würden sich, merkwürdigerweise, nur als ein beginnender Anschein von Wahrheit, als eine Wahrscheinlichkeit, ausdrücken, und nicht, wie es sich für ein richtiges „Ding“ gehört, als Ding mit festen Eigenschaften. Möglicherweise, sagt man sich, ist da „nur“ eine verbogene Wahrnehmung im Spiel.

Jedoch ist dieses In-die-Existenz-Kommen das, was das Schrödinger-Gedankenexperiment ausdrückt – mindestens kommt eine Information in die Existenz, die vorher nicht „da“ war. Und nun ist da wieder die alte philosophische Frage: was ist der Unterschied zwischen einem Objekt und dem Gedanken daran, zwischen einer Information „von“ einem Objekt und dem Objekt selbst? Die Frage ist nicht beantwortbar. Aber es bleiben mindestens zwei Denkmöglichkeiten offen, eine davon ist die verschwurbelte, die andere die spirealistische: Es gibt keinen Unterschied. Ein Objekt ist der Gedanke an ein Objekt. Und Informationen, können in die Existenz kommen, durch einen Gedanken. Informationen? Auch Dinge? Ja, auch Dinge. Denn, wie gesagt, Dinge und Informationen „von“ Dingen – wo ist der Unterschied?

Wie kann Geist Dinge erschaffen?

Wie kann man Dinge erschaffen, nur mit Geist? Kann ich dafür ein Beispiel nennen? Nun, ich denke, ja! Im Grunde könnte ich endlos Beispiele aufzählen, denn es ist ganz alltäglich, es ist nur eine Frage der Sichtweise ob wir das sehen können. Eine Frage der Philosophie. Denken wir einmal nicht: „Wie kann es sein, dass Beobachtung, das Bewusstsein, in die materielle Welt eingreift, und dass Bewusstsein Dinge erschafft?“ Sondern sehen wir das umgekehrt. Sehen wir es als selbstverständliches Prinzip! Natürlich kann Bewusstsein Dinge erschaffen! Tun wir es denn nicht ständig? Haben wir denn nicht das Atom erschaffen? Gäbe es das Atom, ohne Menschen? Wer sagt, alles müsse einen festen Kern haben, wenn nicht der Mensch? Wer teilt die Welt ein in Stoff (Materie) und Gedanken an Stoff (Geist)? Wer wieder unterteilt den Stoff in einhundertundXXX Elemente, macht daraus eine Tabelle und sieht die Tabelle als „die Realität“ an? Wir sind das. Und … was wiederum wäre das Teilchen eines Atoms, von dem im Schrödinger-Gedankenexperiment die Rede ist, wenn es das Atom nicht gäbe? Hängt also demzufolge denn nicht das gemessene Atomteilchen, und auch Leben und Tod der Katze, von einer Denkvoraussetzung der Antike ab (das Atom)?

Oder, sehen wir einen Entscheidungsprozess unter diesem Aspekt. Wir haben eine Unendlichkeit von Handlungsmöglichkeiten vor uns, die sich mindestens im Infinitesimalen unterscheiden. Unser flinker Geist macht daraus ein Rennen zwischen wenigen Möglichkeiten. Schon hier hat sich etwas materialisiert. Doch weiter: Unsere Entscheidung zwischen Alternative A und Alternative B ist, wenn man so will, der Wahrscheinlichkeitsraum. Keine der Alternativen kommt mit einer Notwendigkeit zu Stande. Man könnte sagen: zufällig. Wie im Schrödinger-Versuch: Erst die Beobachtung lässt die Realität gerinnen. Wir selbst sind darin der Würfel, wir selbst sind das unvorhersehbare Element, das Atomteilchen des Schrödinger-Versuchs. Unbesehen der Tatsache, dass wir natürlich immer gute Gründe anführen, warum wir dies so entschieden haben, und jenes anders – mit dem Unterton: das hätte ja vernünftigerweise nicht anders sein können. Aber, sehen wir es einmal so: Unsere Gründe sind Teil der Kreation. Denn letztlich ist uns im Vorhinein ja nicht bekannt, was wir tun werden. Oder etwa doch? Nein, weil uns ja auch nicht bekannt ist, was aus unseren Handlungen folgt. Daher die Ungewissheit, daher die Notwendigkeit einer Entscheidung. Da ist eine Zufälligkeit. Oder etwa nicht? Erst die Beobachtung macht daraus das Feste.

Und nun: Eine Entscheidung erfolgt, etwas materialisiert sich. Wie im Schrödinger-Versuch: Wir beobachten (an uns) etwas. Die Würfel sind gefallen, der Zeiger des Geigerzählers hat ausgeschlagen. Aus Geist wurde Materie. Und kurioserweise wird das, was doch eigentlich eben noch in einem Schwebezustand der Ungewissheit war, nun als „fest und nicht anders denkbar“ angesehen, so als ginge die Gegenwart in einem festen Bezugssystem aus der Vergangenheit hervor. So, als hinge der Geist ab von einer festen (materiellen) Wirklichkeit, die er nur „ganz objektiv“ betrachten könne, „vernünftigerweise“ auf nur eine einzige Art. Dabei kommt diese Realität doch, wie wir gesehen haben, selbst aus Geist, und ist keineswegs mit irgendetwas Festem verknüpft! Sie kommt aus dem Zufall (denn eine Wahrscheinlichkeit ist ja auch Zufall) – und sie bleibt darin. Die Realität wabert und verflüssigt sich. In uns, im Geist, wird sie für einen Moment fest.

Man muss das sehen können. Statt dessen sehen wir die Welt als verschieden von uns, als getrennt; sehen sie als fest und ausgestattet mit einer Notwendigkeit der Existenz. Wir selbst seien unbestechliche Beobachter, meinen wir, die durch Klugheit und Brillianz die Welt auf die einzig mögliche Art betrachteten. Alles andere sei dumm. Anders als wir, meinen wir, könne man die Welt nicht sehen, und wir bemerken nicht einmal, dass „wir“ gar keinen einheitlichen Blick haben, sondern dass in jedem Einzelnen von uns, „die Welt“ etwas anderes ist.

Man beobachte, wie sich diese kuriose Sichtweise der Festigkeit im Alltag ausdrückt, wie sie von vielen Menschen ausgesprochen wird. Wir kennen das schöne Wort von einer „Alternativlosigkeit“.

Noch ein weiteres Gedankenspiel: Nachdem nun also die Entscheidung des vorigen Beispiels gefallen ist, betrachten wir „die Realität“ wie fest. Aber das ist sie nicht. Wir können den „Wahrscheinlichkeitsraum“ in Bezug auf die vermeintlich feste Realität jederzeit öffnen. Man denke sich unser Streiten um das, was denn eigentlich die Realität sei, unter diesem Aspekt. Der eine sieht „die Realität“ so, der andere sieht „die Realität“ anders. Man diskutiert, man streitet, meist, weil man zu irgendeiner Entscheidung kommen will, z.B. in der Politik. Was ist nun „die Realität“? Ist sie das, was der eine Mensch sagt, oder das, was der andere Mensch sagt? Ist sie das, was nicht gesagt wird – ist sie das, was ein Hund denkt? Ist das, was vielleicht als Streitkonsens erreicht wird, „die“ Realität? Kann man sehen, welche Zufälligkeit darin liegt, dass sich schließlich eine ganz bestimmte Sichtweise der Realität herauskristallisiert? Eine Sichtweise IN UNS? Welche Phantasie darin liegt, welche Zufälligkeit, welche Nicht-Notwendigkeit, welche Unbestimmtheit? Kann man sehen, wie die Realität immer und immer wieder erst gerinnen muss, durch den Gedanken an sie? Kann man sehen, wie wir selbst das vollbringen, nicht durch eine kluge Geistesleistung, sondern einfach, indem wir schauen? Kann man sehen wie sich die Realität, quasi „hinter unserem Rücken“, wieder auflöst, verschwimmt, und in einen Wahrscheinlichkeitsraum eintritt?

 

Spirealistisch gesehen ist der Mensch Element der Schöpfung, nicht ihr Beobachter. Das bedeutet: er erschafft, während er glaubt etwas Äußerliches, von seinem Geist Unabhängiges, zu beobachten. Denn in der Beobachtung trifft Geist auf Geist – alles ist Geist.

Existenz und Wahrnehmung

Dass Existenz durch Gedanken entsteht hält man jedenfalls in der materialistischen Weltanschauung für unmöglich. Doch das ist es nicht. Der Spirealismus setzt dies im Gegenteil voraus (SpiRealismus – der Gedanke an eine Realität ist die Realität selbst), und ich denke, dass die Wahrheit dieser Aussage im Grunde durch jeden beobachtbar ist.

Zurück zu Schrödingers Katze. Wir sind, was dieses Experiment angeht, in keinem anderen Kosmos, sondern immer noch im Kosmos unserer Wahrnehmung. Und nun, dasselbe Experiment, seines wissenschaftlichen Mantels ein wenig entkleidet (denn eigentlich muss das Schicksal der Katze ja nicht von einem Atomteilchen abhängen, ein Würfel beispielsweise täte es auch). Das Schicksal der Katze in einem normalen, makroskopischen Kontext: Nehmen wir an, die Katze befände sich im Wald, und wir wüssten nicht, ob sie noch lebt, oder von einem anderen Tier gerissen wurde. Sie befindet sich für uns in einem Schwebezustand zwischen Leben und Tod – einem Schwebezustand der Wahrscheinlichkeit könnte man in Anlehnung an die Quantenphysik sagen. Ein Wahrscheinlichkeitsraum. Die Wahrscheinlichkeit des Überlebens der Katze könnten wir vielleicht beziffern (ganz ähnlich dem Ort des Teilchens), aber nicht den aktuellen Zustand. Dieser offenbart sich uns erst, wenn wir die Katze sehen, entweder wie sie durch den Wald läuft, oder aber ihr ausgefressenes Fell. Ganz ähnlich dem Experiment. Die Realität wird scharf gestellt, wodurch? Durch die Beobachtung. Durch die Wahrnehmung.

Im Fall der Waldkatze, sprechen wir von einer Wahrscheinlichkeit, und denken uns nichts weiter. Dies sei ganz anders als in der Quantenwelt. Weil wir annehmen, dass die Katze in einem bestimmten Zustand sei. Und, weil wir glauben, wir hätten problemlosen Zugriff auf eine bereits bestehende Information, nämlich die, ob die Katze lebt oder nicht, braucht es nur noch ein Hinsehen, um die Information von dem vorhandenen Objekt abzurufen. Weil … die Kette der von uns selbst erschaffenen Weils ist endlos.

Ein Knacken im Wald: der Gedanke an Etwas

Inwiefern unterscheidet sich die Im-Wald-laufende-Katze von Schrödingers Katze? Gar nicht. Wir kennen den Zustand der Katze nicht, bis wir hinschauen. Sozusagen materialisiert sich da etwas. Etwas wird erschaffen.

Vielmehr ist, wie wir beide Ereignisse interpretieren, eine Frage der Weltanschauung.

Ich übersetze das in das alte philosophische Paradox von einem Knacken im Wald, ein Paradox der materialistischen Sichtweise. Es ist sehr sinnfällig und sehr einfach. Das Paradox geht so: Was ist ein Knacken im Wald, das niemand hört? Ist es da, oder ist es nicht da?

Das Paradox besteht in dem konkreten Bezug auf ein bestimmtes Ereignis, nämlich ein „Knacken im Wald“. Indem ich es formuliere, erhält es eine Wahrscheinlichkeit. Na klar! Es knackt eben ab und an im Wald. Wir hören es direkt ein bisschen, wie es da knackt. Und das Ereignis erhält eine gewisse Existenz. Wir sehen hier, wie etwas in die Existenz kommt, nur durch den Gedanken daran. Was wäre zum Beispiel, hätte ich überhaupt nicht an ein Knacken gedacht? Das es knackt hat doch eine gewisse Wahrscheinlichkeit! Aber – was ist eine Wahrscheinlichkeit, die niemand formuliert? Ist sie da oder nicht da? 

Was weiß ich also von einem ganz bestimmten Knacken? Eigentlich gar nichts. So herum gedacht wäre dieses Knacken geradezu unmöglich. Ein bestimmtes Knacken (welches meine ich überhaupt?) hat sicherlich nicht stattgefunden (eine gegen Null gehende Wahrscheinlichkeit).

Die Transformation der Beispiele

Die Fragestellung von Das Knacken im Wald: Was ist ein mögliches Knack-Ereignis im Wald, das niemand mitbekommt, niemand beobachtet, niemand denkt? Ist es da, oder ist es nicht da?

Das Knacken im Wald, übersetzt in die Katze im Wald: Was ist ein mögliches Todes-Ereignis im Leben einer Wald-Katze, das niemand mitbekommt (niemand denkt)? Ist es da, oder ist es nicht da?

Das Knacken im Wald, übersetzt in Schrödingers Katze: Was ist ein mögliches Todes-Ereignis im Leben der Katze in der Box, das niemand beobachtet (niemand denkt)? Ist es da, oder ist es nicht da? ODER: Was ist ein mögliches Ereignis in der Existenz eines Atomteilchens, das niemand mitbekommt, niemand von einem Geigerzähler abliest, niemand denkt? Ist es da, oder ist es nicht da?

Ziel dieses Hin-und-Her-Transformierens ist, dem Leser die Gleichartigkeit der Grundfrage in den scheinbar immer verschiedenen äußerlichen Formen der Fragestellung bewusst zu machen. „Was ist ein mögliches Ereignis in der Existenz eines ***, das niemand mitbekommt (niemand denkt)?“ – Diese Frage beinhaltet und bedeutet: Achtet auf die erschaffende Wahrnehmung!

Ich könnte es auch umgekehrt formulieren, und sagen: „Was ist ein Objekt der Gedanken? Könnt ihr sehen, dass es notwendigerweise Existenz hat?“ In der spirealistischen Weltanschauung ist diese Formulierung völlig zutreffend und logisch – den Materialisten kann man so nicht überzeugen, denn sein fester Glaube ist es ja, dass zwischen dem Gedanken an ein Objekt und dem Objekt selbst, ein Unterschied ist. Nur in der Umkehrung wird das Paradox deutlich, also in der Frage: Welche Existenz kann ein Ding haben, das nicht gedacht wird?

Damit möchte ich deutlich machen, dass es keinen grundlegenden Unterschied zwischen der Wahrnehmung von kleinsten Teilchen gibt, die sich von der „normalen“ Wahrnehmung völlig unterscheiden würde. Sondern in beiden Fällen, in Makrowelt wie Mikrowelt, gerinnt die Realität durch Gedanken. Es entsteht Existenz. Und das kann man eben auch in beiden „Welten“, in Makro- wie Mikrowelt, sehen.

Existenz ist an Geist gebunden

Man könnte es auch so sagen: Was ist der Unterschied zwischen einer Information, die in einem Augenblick „entsteht“, und einer, die schon „existiert“ und uns erst „zur Kenntnis gelangt“, d.h., wahr genommen wird, d.h. gedacht wird? Antwort: Es gibt keinen wahrnehmbaren Unterschied. Wie könnte man den Unterschied definieren? Die Wahrnehmung ist das Werkzeug des Begreifens. Der Gedanke ist die eigentliche Wahrnehmung.

Das, was wir wahrnehmen ist das, was wir denken. Und das, was wir nicht denken, ist, so unbegreiflich es uns scheint, nicht ausdrückbar. Es ist nicht „da“. Es ist nicht existent. Existenz ist an Geist gebunden.

Resüme

Warum ist, was wir nicht wissen, in der spirealistischen Weltsicht nicht „da“, nicht „existent“? Antwort: Weil der materialistische Existenzbegriff paradox ist, und offensichtlich falsch. Dem materialistischen Existenzbegriff zufolge müsste z.B. all das eine Wahrscheinlichkeit der Existenz haben, was wir uns denken. Und in einem unendlichen Raum (dem Universum) müsste es auch existieren. Das beißt sich (ist paradox) mit unserer Vorstellung einer klar umrissenen Existenz, die von Denken unabhängig sei.

Nein, umgekehrt! Wie könnte sich etwas, das nicht gedacht wird, je als existent erweisen?Vielmehr ist, und das ist viel schlüssiger, die Existenz direkt an Information geknüpft – in der Menschenwelt: an Gedanken.

Jemand wird sagen: „Das geht nicht. Dann wäre ja Materie …  und Gedanken wären … „. Ja, genau. Die Dinge des spirealistischen Kosmos sind anders als die des materialistischen Kosmos. Gedanken wären etwas anderes, das Menschenbild ist anders. Das Umdenken muss umfassend sein, denn in der materialistischen Weltanschauung baut das Eine auf dem Anderen auf, doch alles basiert auf der Annahme, wir würden eine äußerliche Welt beobachten – für den Materialismus die Existenz.

Für den Spirealismus ist die Existenz der Gedanke, und es verbinden sich mithin ganz andere Vorstellungen wichtiger Begriffe wie „Denken“, „Bewusstsein“, „Raum“, „Zeit“, „Wille“ u.v.m. damit. Und, innerhalb des spirealistischen Weltbildes hat man auch ganz andere Wahrnehmungen. Etwa so, wie man eine Schrift erst lesen kann, wenn man die Buchstaben auswendig kann. Äußerlich betrachtet wirken Buchstaben sicherlich wie ein ungeordnetes Durcheinander.

Kann erst die Kernphysik verstehen?

Und noch etwas – etwas, das zum Thema Schrödinger-Gedankenexperiment passt. Kernphysiker sind häufig auch Philosophen, die das Wesen des Seins hinterfragen. Warum? Natürlich erstens, weil das oft sehr kluge Leute sind. Zweitens, denke ich, weil man in der Kernphysik viel Phantasie braucht – man kann die Objekte der Anschauung nicht eigentlich anschauen und macht sich so seine Gedanken über ihr Wesen. Man denke an Einsteins imaginären Ritt auf einem Photon, das ihn zur Relativitätstheorie brachte. Und drittens weil sie sehen, dass sich dort, wo man seit der Antike feste Kerne vermutete, keine finden lassen. Der Atomphysiker und Philosoph Heisenberg war z.B. am Ende seines Lebens der Überzeugung, der Mensch müsse Teil eines großen und umfassenden Geistes sein. Oder vielleicht kennt man den Satz „Materie ist geronnener Geist“, Prof. Dr. Hans-Peter Dürr soll das gesagt haben.

Aber, braucht man nun die Kernphysik, um das zu verstehen? Aus meiner Sicht nicht. Dieser Artikel dreht sich eben darum, die Phänomene des Geistes unter einem anderen Gesichtspunkt zu sehen. Auch dafür braucht es viel Phantasie, und man muss sich Gedanken um das „Wesen der Dinge“ machen, ganz so wie Kernphysiker. Aber man kann die Dinge in ihrer ganz normalen, makroskopischen Welt ansehen, und kommt letztlich auf genau dieselben Fragen.

Zum Beispiel verstehe ich die Kantsche (Immanuel Kant, deutscher Philosoph (* 22. April 1724 in Königsberg, Preußen; † 12. Februar 1804 in Königsberg)) Frage nach dem Ding „an sich“ so. Die Frage lautet im Prinzip: Wie lässt sich der Unterschied zwischen einem Ding und dem Gedanken an ein Ding genau fassen? Wie ist das Ding, das wirkliche Ding, das Ding „an sich“, .. nun ja … wie ist es wirklich?

Das ist nach meiner Auffassung die entscheidende Fragestellung. Wenn man diese Frage nicht versteht, erübrigt sich eigentlich alles Weitere.

Aber wenn man sie versteht, kommt man wie Kant sicherlich zu einem: Das lässt sich nicht sagen.

Und wenn man zu diesem Schluss kommt, es ließe sich nicht sagen, dann ist der Umkehrschluss der, dass unsere Welt von Phantasien abhängt. Nun wieder die Frage: Inwiefern und wie sehr unterscheidet sich die Phantasie von den wirklichen Dingen? Noch einmal: Das kann man nicht sagen.

Und nun kommen wir zum eigentlichen Thema: Was sind denn dann die wirklichen Dinge anderes als Phantasie? Wieder: Das kann man nicht sagen. Aber, müssen sie denn etwas anderes sein? „Gibt es“ denn die wirklichen Dinge? Man könnte hier wieder antworten:  „Das kann man nicht sagen“. Aber im Grunde muss man doch genauer überlegen: Es gibt keine Notwendigkeit für eine von Geist gesonderte Existenz von „Dingen“. Das ist selbst eine Vorstellung. Eine Phantasie. Die Welt ist eine Vorstellung. Dies ist die spirealistische Sichtweise.

 

Schrödingers Katze und ein Knacken im Wald was last modified: Dezember 11th, 2017 by Henrik Geyer

Albert Camus, das Absurde und Gott. Ist Gott absurd?

In Albert Camus‘ Werk kommt dem Absurden eine besondere Bedeutung zu. Die Welt IST absurd! Als Existenzialist verneint Camus zugleich die Existenz Gottes. In diesem Artikel geht es um die Frage, was das Absurde und Gott miteinander zu tun haben, und inwiefern sich beides nicht ausschließt, sondern genau dasselbe ist.

zu Albert Camus

Camus verneint, dass es einen begreifbaren Sinn des Lebens geben kann, denn die Welt, so wie er sie versteht, ist zufällig, irrational, entzieht sich der logischen Durchdringung – kurz, sie ist absurd. Das ist, im Kern, seine Philosophie des Absurden. Gleichzeitig war Albert Camus Existenzialist, d.h., das Begreifen des Menschen seiner selbst und an sich selbst ist die einzige und wahre Form des Verständnisses des Seins – insofern schließt Existenzialismus den Glauben an einen Gott aus, der den Menschen erschafft und lenkt. Dem Existenzialisten geht es um die Selbstbestimmung des Menschen, die zu erfahren und zu gestalten dessen Aufgabe ist. Worauf es dem Materialisten ankommt, was ihm im Zentrum aller Fragen steht, ist das konkrete Sein des Menschen als Individuum.

Für Camus sind Gott und das Chaos, bzw. das Absurde, zweierlei. Für mich ist es ganz ähnlich, eigentlich gleich. Das Chaos, das Absurde, sind für mich synonym mit: unbegreiflich. Und im Umkehrschluss: Gott als nachvollziehbar sehen zu wollen, unserer menschlichen Logik folgend, finde ich … unbegreiflich. Was wäre dann wohl göttlich an Gott?

die spirealistische Sicht

Im Spirealismus geht und ging es mir immer um das Wahrnehmen der Existenz Gottes. Gemeint ist Gott nicht als der gute und liebe Onkel, der, personifiziert verstanden, uns den Hammer reicht, wenn wir gerade auf der Leiter stehen, mit Nägeln im Mund, und um Unterstützung bitten. Oder der, in der Art eines Buchhalters, die Welt plant, durchrechnet und steuert. Sondern Gott als das Höhere. Höher bedeutet – uns übergeordnet, so dass diese Existenz uns unbegreiflich ist. Sie ist aus Menschensicht nicht logisch durchdringbar, vielmehr ist es ihre Logik, eine uns fremde Logik, die den Menschen erschafft.  Der Spirealismus sieht die Existenz als die Existenz von Gedanken im ewigen Jetzt – insofern sind die Gedanken des Menschen denen Gottes untergeordnet, und können nicht dessen Gedanken durchdringen.

Im Materialismus und durchaus auch in den vielfältigsten idealistischen Weltanschauungen werden die Gedanken stets als etwas von der Wirklichkeit Verschiedenes gesehen, so dass es scheint, als wäre es doch möglich, dieses äußerliche Wirken Gottes durch kluges Denken irgendwie zu erfassen.

Der Spirealismus hingegen sieht die dem Menschen eigenen Gedanken als nicht verschieden von den Gedanken Gottes – wenn sie den Gedanken Gottes untergeordnet sind dann deshalb, weil sie stets nur ein kleiner Teil von etwas sehr Großem sind. Die Gedanken sind die Elemente, die dem formlosen Alles (Gott) Form geben. Wenn man sich also nur als einen kleinen Teil der Schöpfung ansieht, ein Teil, aus dem es sozusagen Schöpfung sprudelt, und nicht etwa als Beobachter der Schöpfung, dann wird völlig klar, dass sich Gott, und damit die Urgründe des Seins, nicht erforschen lassen, und zwar aus systemischen Gründen (die sich nicht durchbrechen lassen). Etwa aus demselben Grund, wie ein Puzzle-Teil nicht das gesamte Bild des Puzzles sehen kann.

Parallele zu Albert Camus

Und hier nun ergeben sich die Parallelen zum Denken Albert Camus‘, im Grunde variiert lediglich die Formulierung … Wenn Albert Camus das Absurde beschreibt, und dafür Beispiele nennt, so ist das durchaus nachvollziehbar; es ist die Erfahrung, die im Christentum etwa so beschrieben wird: „Gottes Wege sind unergründlich.“, was im Umkehrschluss bedeutet, dass der Mensch sich bemühen kann wie er will, das gesamte Bild kann er nicht sehen. Der Mensch denkt, Gott lenkt – dem Menschen erscheinen die Wirkbeziehungen dessen, in das er geworfen ist, chaotisch, zufällig und irrational, und nicht, wie er es am liebsten hätte, durch ihn, den Menschen, im Ganzen zu ordnen. Ordnen kann der Mensch scheinbar nur seine kleinen, privaten Dinge, dennoch bleibt er einer Macht untergeordnet, die er nicht versteht, und oft genug, weil sie durch ihn hindurch wirkt, nicht einmal sieht („Der Mensch kann tun was er will, er kann aber nicht wollen was er will„).

Der Mensch glaubt ein außerhalb seines Selbst liegendes Bild wahrzunehmen, er glaubt es drehen und betrachten zu können, aber stattdessen ist er selbst eines jener Elemente, die das Bild hervorbringen (er ist das Puzzleteil im Puzzle), so dass er schon aus diesem Grund das Gesamtbild niemals sehen kann. Im Moment des Betrachtens entsteht etwas … es ist nicht schon da und nicht fertig, um sich in aller Ruhe betrachten zu lassen. Sondern, im Moment des Gedankens entsteht ein Bild, und wird im Moment eines weiteren betrachtenden Gedankens zu einem anderen Bild. Der Gedanke des Jetzt relativiert den vorhergehenden Gedanken, macht ihn ein Stück weit falsch.

Was immer der Mensch denkt das Gott sei, das ist er gerade nicht.

Meister Eckhart

Man könnte das Absurde, von dem Camus spricht, in sehr vielen Lebenserfahrungen finden, so dass sich der scheinbare Sonderweg Camus‘ als eine weitere Variante von etwas Wohlbekanntem entpuppt. Beispielsweise Kafkas Absurditäten, aufgeschrieben in „Das Schloss“ oder „Der Prozess“. Hierfür hat sich das Wort kafkaesk verbreitet, aber es handelt sich nicht im Grunde um nichts anderes als die Erfahrung der Camusschen Absurdität: Um die Beschreibung des Menschen als geworfen in eine Welt, die sich ihm nicht logisch erschließen kann. Und nicht umsonst nennt Max Brodt, der Verleger und Freund Kafkas, das Schloss im gleichnamigen Roman ein Sinnbild für das Wirken Gottes, denn das Schloss ist jene merkwürdige und rätselhafte Institution, der sich der Held des Stücks erfolglos zu nähern versucht – er schafft es nie. Noch nicht einmal die Barrieren, die ihn hindern in das Schloss zu gelangen, werden ihm ersichtlich.

Nein, das Absurde ist wahrhaftig keine seltene Erfahrung. Im Gegenteil, im Grunde dreht sich alles Wirken in Kunst und Kultur stets um diesen nie erfahrbaren Teil der Realität, der uns als „absurd“ „überaus bekannt ist – es ist das nie Greifbare, nie Be-Greifbare, man könnte auch sagen das Zufällige, das der Motor für alles ist; es ist das dem Menschen Interessanteste. Interessant ist ihm nicht das Berechenbare, nicht das scheinbar so „völlig Verstandene“. Eben deshalb erscheint so vielen unsere heutige Welt der Wissenschaften, der Pläne und der Rätsellosigkeit so uninteressant: Sie haben nur nie gelernt das Rätsel zu sehen.

Gott … absurd?

Nun wird man vielleicht sagen: Gott mag vieles sein, aber „absurd“ ist er nicht.

Nun, hier sollte man sich nicht an dem Wort absurd stoßen, denn das Absurde ist für Camus eine ganz alltägliche, normale Erfahrung. Das Absurde ist nichts anderes als das Irrationale, das nicht Erfassbare.

Die Erfahrung des Absurden ist nicht widersinnig, sondern im Grunde sehr normal, mit sehr viel Sinn verbunden, wenn man nur ein Auge dafür hat. Folgerichtig plädiert Camus dafür, diese Absurdität zu leben … wie? Indem man sie zuallererst einmal wahrnimmt.

Denn absurderweise (das ist das eigentlich Merkwürdige!) versteht sich der Mensch, ausgestattet mit der materialistischen Weltsicht, als der Lenker seiner selbst, als Bezwinger von Raum und Zeit, als singuläres kosmisches Ereignis, als Zentrum der Bewusstheit, als im Zentrum jeder Logik und jedes Wissens stehend.

Kann man aber wahrnehmen, dass das ganze Gegenteil der Fall ist, wird man nie wieder in die Höhle der Unwissenheit zurückfinden. Die sogenannte Absurdität, von der Camus spricht, wird zu einer Normalität – einer ständigen Gotteserfahrung im Alltag. Und die Erfahrung Gottes kann man mit vielerlei Worten benennen. Man kann sie absurd nennen, oder verwirrend, oder als die Erfahrung einer gigantischen Kraft jenseits unserer Vorstellungen. Man wird aber nie sagen können, man habe sie völlig verstanden und damit unterworfen. Sondern das Ziel kann nur sein, das Göttliche in der Form zu sehen, zu verstehen und zu akzeptieren, dass es allgegenwärtig und irrational ist – sich unserem Denken entzieht.

Die Erfahrung Gottes ist im Prinzip die Erfahrung eines Wunders, und das in einer Welt, deren normale Sichtweise es ist, dass es keine Wunder gibt und geben kann. Aus dieser, uns allgegenwärtigen, Sichtweise, erscheint es so, als sei das Leben vollständig verstanden, die Welt und der Mensch darin wie ein völlig erforschlicher Gegenstand, so dass die Welt aus heutiger Sicht geradezu schon langweilig wirkt und man sich fragt, wann schon einen Countdown zu hören vermeint, an dessen Ende die Lösung der letzten Rätsel steht. Doch langweilig, erschlossen, enträtselt, ist die Welt nicht; was uns fehlt dies zu erkennen ist lediglich der richtige Blick.

Albert Camus, ebenso wie Kafka, ebenso wie so viele Denker, Philosophen und Künstler, können uns zu diesem besonderen Blick, der uns das Höhere erkennen lässt, und als die uns übergeordnete Kraft wahrhaft verstehen lässt, verhelfen.

„Wenn du schon nicht erkennen kannst, dass es ein Wunder ist zu leben … wie kannst du dann nach etwas Tieferem fragen?“

Albert Camus, das Absurde und Gott. Ist Gott absurd? was last modified: Juni 23rd, 2017 by Henrik Geyer

Alles ist Eins – bedeutet das, die Welt sei ohne Grenzen … grenzenlos?

In der spirituellen, esoterischen, religiösen Szene wird heutzutage oft „Alles ist eins“ zitiert – oft wird dieser Satz so verstanden, dass man sagt, der Mensch, insbesondere der spirituelle Mensch, habe auf einen Zustand hinzuarbeiten, hinzudenken, in dem er sich verbindet … mit allem. Dieser Satz wird häufig von Menschen gebraucht, die Alles ist eins völlig falsch verstehen und die sich durch die falsche Anwendung dieses sehr tiefsinnigen Gedankens einen spirituellen Heiligenschein überstülpen möchten.

Daher hier eine Anmerkung zum spirituellen Verständnis von alles ist eins.

Man versteht dieses Alles ist eins falsch, wenn man meint, es hieße, dass eigentlich alles dasselbe sei, oder dass es nicht wichtig sei, dass die Dinge verschieden aussehen, verschieden wirken, da sie doch im Grunde gleich seien. Man versteht es falsch, wenn man meint, es sei angeraten alle Grenzen einzureißen, denn, da alles eins sei, werden diese Grenzen in Wahrheit nicht benötigt.

Es wäre dies die äußerste Verballhornung, ein völliges Ad-Absurdum-Führen dieses Satzes, dessen Verständnis so einfach nun auch wieder nicht ist.

Nein.

Alles ist eins ist eine Weisheit, die sich auf eine metaphysische Ebene bezieht, also eine Ebene, die hinter den (trügerischen) Erscheinungen dieser Welt liegt. Alles ist eins bedeutet, dass alles auf ein Prinzip zurückgeht, nennen wir es das göttliche Prinzip.

Ein Prinzip also hinter den verschiedenen Erscheinungen der Welt. Schon an dieser Stelle sei angemerkt, dass das Entstehen der Unterschiedlichkeit aus einem einzigen Prinzip heraus nicht so verstanden werden sollte, als sei die Unterschiedlichkeit irgendwie überflüssig. Alles andere als das – sie macht ja unsere Welt erst aus!

Dieses eine Prinzip von dem ich spreche ist das geistige Prinzip – alles ist Geist. Wenn man dieses Prinzip versteht, versteht man auch, was die Dinge in ihrer Unterschiedlichkeit gemeinsam haben, wie sie einander brauchen um existieren zu können. Wie ein Ding, um ein Ding sein zu können, Grenzen braucht, und wie es (daher!) die anderen Dinge braucht, damit es Grenzen finden kann. Und (nur) in diesem Sinn hat sogar die größte Unterschiedlichkeit auch den Aspekt der Einheit! Ganz so, wie es Anaximander ausdrückte:

Die Grenzen eines Dinges sind die Grenzen eines anderen

Man versteht dann, dass das Gute das Böse bedingt, und umgekehrt. Dass ein Mensch nur existieren kann, in einer Unterschiedlichkeit von etwas anderem. Man versteht dann auch Grenzziehungen, sei es im Privaten (denken wir an einen privaten Rückzug; denken wir an einen Eremiten), oder auch im Gesellschaftlichen (beispielsweise Landesgrenzen) als Ausdruck dieses Prinzips.

Nun wäre es völlig verfehlt, wenn man alles ist eins so verstünde, als müssten wir Menschen diesem göttlichen Prinzip hier, in dieser Welt, zum Durchbruch verhelfen. Das wäre dumm, und durchaus gefährlich, denn hier würde etwas sträflich missverstanden. Nein, wir Menschen brauchen dem Prinzip nicht zum Durchbruch zu verhelfen, denn das Prinzip ist intakt – das war es immer und wird es immer sein. Wir Menschen können nicht Gott spielen und wir müssen nicht der Unterschiedlichkeit in ihrer Begrenztheit den Kampf ansagen. Wir müssen nicht Yin und Yang erfinden (das Prinzip des Yin und Yang ist das hier besprochene Prinzip in einer Variation), und müssen auch nicht Yin und Yang durchsetzen, denn das Prinzip ist bereits in uns – wir selbst sind sein Ausdruck.

Wir sollten das Prinzip verstehen, aber dann bitte richtig verstehen. Verständnis ist der Schlüssel zu verständigem Handeln, dem Vermeiden von Falschem. Verständnis ist aber nicht der Schlüssel zur Auflösung der Dinge der Welt … in Allem.

Hier, in dieser Welt, ist die Unterschiedlichkeit die Quelle der Dinge, der Grund für die Dinge. Und das dem zugrunde liegende Prinzip heißt: alles ist eins – es bedeutet: alles entstammt dem unbegrenzten Raum der Möglichkeiten, dem wahrhaftigen „All“ (das Alles), dem Nirvana, welches nur einen kleinen Makel hat: es existiert nicht im menschlichen Sinn. Das menschliche Sein hingegen kommt zu Stande in der Unterschiedlichkeit der Dinge. Denken wir ganz direkt an uns: ein Mensch muss sich von einem anderen unterscheiden, wie könnte er sonst sein?

Hier bei uns sind 1 + 1 =  2. Wäre alles eins, im plattesten Sinn, gäbe es nicht einmal die Eins, denn was wäre dieses Eine, wenn es sich nicht von etwas anderem unterschiede? Dann könnte keine Gleichung entstehen 1 + 1 …

Die Zahlen sind Ausdruck der Unterscheidbarkeit der Dinge, sind Ausdruck unserer Welt. Die erste eigentliche Zahl ist die Zwei – sie symbolisiert das Enstehen des ersten Unterschiedes zwischen einem Ding …. und etwas anderem.

 

Alles ist Eins – bedeutet das, die Welt sei ohne Grenzen … grenzenlos? was last modified: Dezember 20th, 2017 by Henrik Geyer

Kann „bodenloser“ Relativismus eine plausible Position sein?

Spirealismus - Was ist Relativismus? [SPID 4667]

Auf diesem Blog erläutere ich häufig die Grundgedanken meiner Philosophie, des Spirealismus. Der Spirealismus läuft darauf hinaus, den hermetischen Grundgedanken „Alles ist Geist“ weiter zu verfolgen, ihn zu formulieren und in seinen uns zugänglichen Aspekten zu beleuchten. Man könnte diesen Ansatz auch so formulieren: „Der Gedanke ist der Inbegriff der Existenz.“ Man findet diesen Ansatz in ganz verschiedenen Philosophien, in ganz verschiedenen Bühnenstücken, Büchern, Sichtweisen, Filmen, Worten, man findet ihn in der Geschichte. Man denke an Die Welt als Wille und Vorstellung von Schopenhauer, oder an das, was man Subjektivismus nennt. Oder an das, was man Konstruktivismus nennt.

All das ist im Grunde gar nicht sehr verschieden, sondern geht stets von der Überlegung aus, dass es nichts geben kann, das nicht gedacht wird. Und es läuft auf die, ganz auf dieser Argumentationslinie liegende, Beobachtung hinaus, dass es nichts gibt, das in einer endgültigen Weise wahrnehmbar ist. Alles hat unendliche Aspekte, alles entwickelt sich, der Gedanke des Jetzt ist der  Abglanz eines anderen Gedankens der Erinnerung, aber nie genau derselbe.

All das verbindet sich, wohldurchdacht, schließlich zu dem Extrakt: „die Welt“ gibt es nicht. Sondern es gibt, als die Urform der Existenz, viele Bilder einer Welt. In ihrer Verbindung, aber auch ihrer Verschiedenheit, entsteht das, was wir in der materialistischen Weltsicht „die Welt“ nennen, so als wäre es „in Wirklichkeit“ nur eine Welt, die, unabhängig von uns selbst, existierte. Doch ist nichts, was wir beobachten können, unabhängig von uns. Nichts können wir sagen oder sonstwie ausdrücken, was nicht den Charakter des Schöpferischen hätte. Wir selbst sind, indem wir da sind, Teil der Schöpfung und auf diese Weise schöpferisch. Nichts können wir begreifen, was eine exakte Spiegelung von etwas anderem wäre. Weil alles relativ ist. Und weil der Mensch selbst relatives Teil einer Relation ist – er ist Element der Schöpfung, nicht Beobachter der Schöpfung. Das ist Spirealismus.

Ist Relativismus möglich?

Nun findet man in der Kritik des Relativismus zunächst stets folgende Aussage: Es sei einfach nicht möglich. Denn man habe ja eine feste Außenwelt vor sich, diese könne man sehen. 

Ich möchte an dieser Stelle in nur wenigen Worten auf diese Aussage eingehen.

Erstens: Die bloße Behauptung, etwas könne nicht sein, weil es nicht vorstellbar sei, ist kaum sinnvoll zu widerlegen. Gerade der Spirealismus behauptet nicht, der individuelle Mensch könne sich alles vorstellen! Vielmehr ist dies eine durch nichts zu belegende grundsätzliche Sichtweise und Behauptung, die aus der materialistischen Weltsicht resultiert – sie geht davon aus, der Mensch beobachte eine von ihm unabhängige Außenwelt … also alle dasselbe; und, der Geist sei frei, alles zu beobachten / wahrzunehmen. Lediglich die Möglichkeiten der Materie seien begrenzt.

Nein, vielmehr sieht man (z.B. in der oben genannten Argumentation!), dass der einzelne Mensch nur das wahrnehmen kann, was die Tiefe seines Geistes, was seine Phantasie, auch zulässt.

In der materialistischen Weltsicht versteht man eine Wahrnehmung als etwas ganz Objektives … dies eben ist es gerade, was der Spirealismus bestreitet. Was also jemand nicht im Geiste beobachten kann – beispielsweise, weil das spirituelle Rüstzeug fehlt, oder nenne man es das weltanschauliche Rüstzeug, oder man sagt, dass es die eigene seelische Entfremdung unmöglich macht – das existiert für denjenigen auch nicht. Wie sollte man mit jemandem sinnvoll über etwas sprechen, das er nicht wahrnehmen kann und dessen Existenz sich ihm nicht zeigt?

Zweitens liegt es in der Systematik des Spirealismus (aber natürlich nicht des Materialismus!), dass es dieselbe Welt, dasselbe Universum (Ich-Universum) nicht zweimal gibt. Somit hält es der Spirealismus, und wohl auch jeder Relativismus, für ausgeschlossen, dass sich eine spezifische Welt aus jeder anderen Weltsicht betrachten ließe. Jede Welt ist von jeder anderen verschieden, und je verschiedener die Welten der Vorstellungen sind, desto unbegreiflicher erscheinen sie untereinander. Denn, das ist es ja gerade, was die Welten anders macht: der Unterschied. Im Gegenteil, die Weltsicht des einen Menschen schließt die Weltsicht eines anderen geradezu aus, kann sie nicht „inkludieren“. Materialistisch-praktisch ließe sich formulieren, dass nicht wirklich ein Mensch die Position eines anderen einnehmen kann, auch wenn es eine ganz gängige Vorstellung ist, sich „an die Stelle eines anderen zu versetzen“, etc.. Ebenso wenig gibt es wirklich zwei „selbe“ Dinge – dasselbe ist immer nur eins. Es gibt in der Mehrzahl nur Gleiches. Und, was die Mehrzahl hervorbringt, ist die Unterschiedlichkeit. Der Mensch, als Element der Schöpfung, unterliegt dieser Unterschiedlichkeit, kann sie nur partiell überwinden, durch Ähnlichkeit.

Aus der materialistischen Weltsicht heraus kann die relativistische unmöglich beobachtet werden, denn der Materialismus glaubt ja, als Grundvoraussetzung(!), man würde stets über dieselbe Welt sprechen – nur die Worte seien verschieden. Wie kann also aus materialistischer Sicht ein Relativismus wahrnehmbar und begreifbar werden? Um das noch einmal an einem anderen Beispiel bildhaft zu machen: Aus der Sichtweise eines Atheismus kann nicht über die innerlichen Phänomene religiösen Glaubens gesprochen werden – wie Jesus es ausdrückte: „Gottes Reich ist inwendig, im Außen ist es nicht sichtbar!“ Das „Außen“ ist z.B. auch der Beobachter, der die inwendige Sichtweise, von der die Rede ist, nicht einmal annäherungsweise hat.

 

Ich nannte es einmal einen Lernprozess, dass einem die Unendlichkeit in den Dingen sichtbar wird, und der Spirealismus, oder auch ein Relativismus, begreifbar wird. Es ist ein Lernprozess – wie man auch die Wissenschaft der Biologie erlernen kann. Ohne das Lernen von Biologie ist die Unterhaltung mit einem Biologen wenig sinnvoll. Doch umgekehrt besteht keine Notwendigkeit dafür, Biologe zu sein, um am Leben zu sein und ein bestimmtes Weltbild zu haben. Man muss in diesem Fall aber feststellen, dass das, worüber der Biologe spricht, für den Nichtbiologen erst einmal nicht existiert. Die Welten der Verständnisses und der möglichen Wahrnehmungen treffen sich nicht.

Ist Relativismus sinnvoll?

Ich wollte aber insbesondere eine Frage besprechen: Kann ein solcher „bodenloser“ Relativismus sinnvoll sein?

Ich möchte diese Frage in zwei Aspekte teilen.

Erstens: Was ist sinnvoll? Wie sinnvoll muss Philosophie sein?

Die Aufgabe der Philosophie ist es, möglichst fundamentale Wahrheiten über den Kosmos zu formulieren. Die Aufgabe der Philosophie ist es, Weltsichten hervorzubringen und zu begründen.

Die Aufgabe der Philosophie ist es somit, Wahrheiten allgemeinster Art zu formulieren. In einer relativistischen Weltsicht ist auch „die Wahrheit“ nichts Festes, nur eine Relation, und eine wahre Aussage kann nur wahrer (zutreffender) sein, als eine andere. So verstanden ist es die Forderung an den Relativismus, die kosmischen Erscheinungen treffender zu beschreiben, als es der Materialismus kann.

Aber: Die Aufgabe der Philosophie ist es nicht, jemandem, der ein bestimmtes Weltbild hat, sinnvoll zu erscheinen – sinnvoll im Sinne von folgerichtig oder nützlich. Denn das, was jemand für folgerichtig und nützlich hält, geht von dessen weltanschaulichen Prämissen aus. Die weltanschaulichen Prämissen wiederum werden von den Philosophen geformt – es wäre unzweckmäßig, sich in diesen Zirkelschluss zu begeben – kein brauchbares Resultat könnte dem entspringen.

 

Zweitens: Formen wir doch selbst eine Definition für die Sinnhaftigkeit von Philosophie, und prüfen den Sinn von Relativismus anhand dieser Definition! Was also wäre sinnvoll? Was wäre nützlich für das Verständnis der Menschen, in einem sehr fundamentalen Aspekt?

Wenn man sich die Welt als eine Entwicklung von etwas vorstellt (im Spirealismus wäre das die Entwicklung einer Idee), dann ist es sinnvoll, diese Entwicklung voranzubringen, die Idee auf ein neues Level zu heben, auf diese Weise weitere Entdeckungen zu ermöglichen, und die Möglichkeiten zu erweitern. Es wäre sinnvoll, die Universen des Denkens zu erweitern.

Das Gegebene ist heute der Materialismus, und, was uns veranlassen soll über den Materialismus mit seinen festen Objekten des Außen, mit seiner Materie, hinaus zu denken, das ist die Erfahrung im Alltäglichen, dass etwas an diesem Materialismus nicht stimmen kann. Der Relativismus entwickelt den Materialismus weiter, denn er bestreitet nicht dessen Möglichkeiten, schließt seine Festigkeiten mit ein.

Der Sinn des Relativismus ist gerade, dass er uns zeigen kann, dass die materialistische Vorstellung unseres Begreifens, falsch ist. Diese Vorstellung drückt sich zuallererst in dem Glauben aus, dass das, was es geben kann, das Reale, stets im Außen sichtbar sein müsse. Und eben dieser Glaube führt auf den Widerspruch zwischen Relativismus und Materialismus zurück – wieso kann ein Materialist keinen Relativismus wahrnehmen?

Natürlich lässt sich die Wahr-Nehmung des Relativismus nicht von jedem machen, sprich: nicht jeder kann es für wahr halten. Jedoch, das Kriterium der Wahrheit war noch nie, dass sie mit jeder geistigen Konstitution sichtbar sein müsse. Man denke beispielsweise an Einstein und seine hoch abstrakte Überlegung des Rittes auf einem Lichtteilchen, die ihn zu den Folgerungen der Relativitätstheorie führte. Wer kann dem geistig folgen – wer will es?

Und auch die Wahrnehmungen des Relativismus wird sich nicht mit jedem Denken machen lassen, insbesondere, wenn man sich von den Denkvoraussetzungen des Materialismus nicht lösen kann. Ich vergleiche das mit einem wissenschaftlichen Versuchsaufbau, in den einige Vorbereitung und einiger Grips einfließen muss, bevor er zu Stande kommen kann. In manche Versuche fließen Jahre an Vorbereitung, der Geist tausender Menschen, Unsummen an Geld. Nun anzunehmen, ein unvorbereiteter Geist könne jede Wahrnehmung machen, ist absurd. Wozu wohl widmen Mönche aller Konfessionen viele Jahre der Formung des Geistigen, wenn es so einfach wäre, das zu tun? Wozu wohl drücken Studenten einer Wissenschaft viele Jahre die Bänke der Hörsäle? Es gehört zu den Absurditäten der materialistischen Weltsicht, dass jeder Hans und Franz von sich meint, es könne nur das geben, was er auch wahrnehmen kann, man müsse es ihm zeigen können. Meint, er wisse über sein Denken bestens Bescheid und jenseits seiner Gedanken gäbe es kaum andere, sinnvolle.

Natürlich ist Relativismus, ist Spirealismus, denkbar und wahrnehmbar! Und viele kluge und beachtenswerte Menschen in der Geschichte und im Heute, dachten und denken so. Was man unternehmen muss, um Spirealismus zu denken, bzw. wahrzunehmen, das ist eine Schärfung der Sinne, ein Aufheben der Selbstentfremdung, ein Neudenken. Ein Überdenken des Verhältnisses der fundamentalsten Worte zueinander. Das ist zwar alles andere als einfach, das sei zugegeben, insbesondere, wenn man den Materialismus mit der Muttermilch aufgesogen hat. Doch es ist allemal machbar, sinnvoll und plausibel.

bodenloser Relativismus

Wenn die Kritiker des Relativismus, wenn Materialisten, von einem bodenlosen Relativismus sprechen, so ist dieser Ausdruck bildreich und zeigt recht gut das Problem. Während der Materialismus alle Erkenntnis an festen, außerhalb des Erkennenden liegenden, Fakten oder Objekten (Objektivität), festmachen möchte, spricht der Relativismus von Relationen, als der Basis der Existenz. Nichts Festes existiert, und kann daher auch nicht beobachtet werden. Dem Materialisten klingt dies wie: Man könne keine Aussagen treffen, weil Endgültiges in keiner Form existiert. Es klingt ihm wie Beliebigkeit, wie Wirrnis.

Und in der Tat ist es eine Folgerung des Relativismus / im Speziellen des Spirealismus, dass, je wahrer eine Aussage sein soll, je unspezifischer muss sie sein. Am Ende der Skala für alle Wahrheit, das Unspezifischste, das Allgemeinste, das in einem allgemeinsten Sinn Wahre – das ist eine nicht getroffene Aussage, das ist unser Nichtsein … zugleich die Quelle allen Seins. Das Nichtsein ist der unendliche Bereich des Möglichen, des jedoch nicht Realisierten. Es ist das Nichts, das im Spirealismus nicht die Abwesenheit von Etwas ist, sondern im ganz richtigen Sinn Nichts: nicht da, nicht denkbar, nicht erfassbar.

Insofern ist der Relativismus tatsächlich bodenlos – denn es gibt keine Ebene, auf der man sich für immer und ewig ausruhen könnte, keine letzte Wahrheit, und wie all die ungreifbaren und dennoch allgegenwärtigen materialistischen Vorstellungen heißen mögen.

Kann etwas Bodenloses Sinn haben?

Dennoch, auch wenn er bodenlos ist, hat Relativismus viel Sinn. Denn es lassen sich feste Aussagen treffen: Dass alles relativ ist, und man genau dies auch im Alltäglichsten feststellen kann, ist eine solche Aussage. Es ist eine ganz feste, und im vollumfänglichsten Sinn wahre Aussage. Eine Aussage, die nicht durch die Frage nach einem Sinn negiert werden kann.

Wenn dies also eine Wahrheit ist, dann kann man, von dieser Wahrheit ausgehend, zu vielen ganz neuen, faszinierenden, Ergebnissen gelangen, durchaus in einem wissenschaftlichen Sinn – dann nicht mehr innerhalb einer materialistischen Wissenschaft, sondern einer spirealistischen oder relativistischen Wissenschaft.

Relativismus auf die Füße gestellt

Und überhaupt sagt Relativismus, sagt Spirealismus, ja nicht, dass sich aus relativistischer Sichtweise keine Aussagen machen ließen. Natürlich lassen sich Aussagen machen. Der Spirealismus sieht nur eben den Menschen als Schöpfer von etwas Konkretem an – der Mensch liest nicht die Schöpfung von einem Außen ab. Er selbst ist Element der Schöpfung, und seine „Sicht der Dinge“ ist einzigartig und schöpferisch. Man sieht sofort, das diese Formulierung anders und besser klingt, als die defätistisch-unerfreuliche Auskunft, man könne keine gültigen Aussagen treffen. Doch, man kann Aussagen treffen; diese stimmen auch und sind gültig, und zwar für denjenigen, der sie macht. Es ist geradezu die Funktion des Menschen, innerhalb des kosmischen Kontinuums, dass in ihm konkrete Welten entstehen; dass in ihm aus der Beliebigkeit Festes entsteht.

Sinn des Relativismus – im Bereich der Wissenschaft

Zu welchen Ergebnissen die spirealistische Wissenschaft kommen kann, kann von der Position des Jetzt, kann von einem Einzelnen (mir), nicht gesagt werden, ebenso wenig, wie aus der Perspektive der griechischen Antike ermessbar ist, zu welchen Höhen (und Tiefen) es die materialistische Sichtweise einmal bringen würde. Ich würde aber erwarten, dass der Spirealismus, oder eine andere Form relativistischer Weltsicht, fundamentale und großartige Entdeckungen und Entwicklungen möglich machen würden, jenseits dessen, was im Moment möglich erscheint. Meine Erwartung ginge in die Richtung, dass Intuition, dass Phantasie und Zufall, dass Suggestion und Telepathie, zu festen Größen der wissenschaftlichen Weiterentwicklung werden.

Die Wissenschaft der Psychologie könnte mit anderen Wissenschaften verschmelzen, und würde neue und ungeahnte Möglichkeiten hervorbringen.

Sinn des Relativismus – im Bereich des Persönlichen, der Gesundheit, der Selbstfindung

Es gibt aber auch einen Bereich relativistischen Denkens, der, auch in der heutigen Zeit, aus gutem Grund gegangen wird, weil es ein nützlicher und heilender Weg ist. Und das ist der Weg der Spiritualität, der Esoterik, des religiösen Glaubens, etc..

Die Qualität dieser Denkrichtungen möchte ich im Einzelnen nicht beurteilen, ich denke, es hängt sehr davon ab, welche konkrete Person sich einer dieser Denkrichtungen zuneigt. Man muss auch beachten, dass viele Vertreter ganz populärer spiritueller Sichtweisen eine Art materialistische Spiritualität propagieren, die, weil sie sich ganz dem materialistischen Gedankengut widmet, gar nicht mehr im eigentlichen Sinn spirituell genannt werden kann.

Denken wir an spirituelle Praktiken, die den Namen verdienen: das Gemeinsame solcher Denkrichtungen ist stets, sie dem Menschen sagen: „Was du glaubst ist deine Welt! Dies wissend, kannst du deinen Glauben formen. Und du gelangst in eine andere Welt.“ Wer also sagt, dass sich die individuelle Welt wirkungsvoll durch Arbeit am Glauben manipulieren ließe, der verfolgt einen relativistischen Gedanken – denn es ist zutiefst relativistisch, besser spirealistisch, die Welt(en) als durch das Geistige entstehend, als eine Funktion des Geistigen, anzusehen.

 

Und wenn nun jemand fragt, was bei Materialisten häufig der Fall ist, welchen Nutzen es hat spirituell zu sein, welchen Sinn ein Klosterleben hat, oder, was es konkret bringt, an Gott zu glauben, dann würde ich sagen, der Sinn und der Nutzen, den jeder erst begreift, wenn er sich diesen Wegen hingibt, ist: geistige Gesundung, Kraft finden, zu sich selbst finden. Der große Nutzen liegt im Begreifen der Relativität – bei manch eingefleischtem Materialisten führt das z.B. dazu, dass er nicht mehr die Überwindung seiner materialistischen Probleme erhofft, sondern dass diese für ihn überwunden sind, indem sie sich ihm nicht mehr als Problem darstellen.

Sinn des Relativismus – Überwindung der materialistischen Paradoxien

Die materialistischen Paradoxien, unsere Vorstellung einer endgültigen Wahrheit, einer Fortentwicklung des Universums auf einen Endpunkt hin, unsere materialistische Vorstellung von Unendlichkeit könnte überwunden werden und in eine weitaus treffendere, und sicher auch nutzbringendere, Vorstellung überführt werden.

Sinn des Relativismus – für die Gesellschaft

So wie man das menschliche Individuum als existent in einer Relation begreifen würde, könnte man den Staat als existent in seinen Relationen ansehen – und käme zu einer weitaus dynamischeren, psychologischen Sichtweise auf den Staat. Der Nutzen läge hier z.B. in einer Revolution der Wirtschaftswissenschaften, oder auch der Diplomatie – letztlich eine Frage von Krieg und Frieden.

 

Resüme

Dieser kurze Text soll eher ein Plädoyer sein, die gedanklichen Schlüsse relativistischer Sichtweisen für möglich zu halten, zu verstehen, dass sie Sinn haben, auch wenn der Nutzen nicht unmittelbar begreifbar ist, vor allem aus einer materialistischen Sichtweise heraus.

Der aus der materialistischen Sichtweise begreifbare Sinn beginnt jedenfalls mit der Feststellung, dass alles relativ ist, und dass in dieser Aussage Wahrheit liegt.

 

Kann „bodenloser“ Relativismus eine plausible Position sein? was last modified: Februar 9th, 2017 by Henrik Geyer

Gurdjieff und die Mysterien des geheimen Wissens, des verlorenen Wissens

Gurdjieff und die Mysterien des geheimen Wissens [SPID 4496]

In diesem Artikel geht es darum aufzuzeigen, warum manche Menschen darauf kommen, die Welt sei voller Rätsel,während es dem Materialisten doch eher so scheint, als habe die Welt keinen geheimnisvollen Aspekt – denn die Dinge der Welt erscheinen so vollständig beschrieben, so rund in ihrem Sein, so erfasst. Er glaubt, alles wäre im Grunde schon entdeckt, und das Unentdeckte sei etwas, das er benennen könnte.

Ein schönes Beispiel hierfür ist Gurdjeff (bei der Nennung dieses Namens fällt so manchem sofort Ouspensky ein, der Schüler Gurdjeffs, der sich explizit auf die Suche nach dem Rätselhaften machte, und ein Buch gleichen Namens schrieb: In Search of the Miraculous).

 

Der Auffassung, die Welt sei entdeckt und in ihrer Offensichtlichkeit geradezu langweilig, waren Gurdjieff und Ouspensky jedenfalls nicht. Aus Gurdjieffs Leben berichtet dieser selbst, sein Vater sei eine Art Dorfbarde (in Georgien) gewesen, ein uralter Berufsstand mit hohem Ansehen. Um die Dorfbevölkerung mit Liedern zu unterhalten und zu unterrichten, kannte er viele uralte Weisen.

One day, Gurdjieff read in a magazine that archaeologists had discovered ancient tablets of the Epic in Babylonia, and he speaks of experiencing ’such an inner excitement that it was as if my future destiny depended on all this.‘ He was impressed that the verses of the epic, as printed in the magazine, were almost identical to those his father had recited; yet they had been passed on by word of mouth for thousands of years. What matters here is the unstated implication: that in that case, other kinds of ancient knowledge may have also survived in the same way.

Eines Tages entdeckte Gurdjieff in einem Magazin, dass Archäologen eine uralte Tafel mit Heldensagen in Babylon entdeckt hatten, und er (Gurdjieff) spricht von einer unvergleichlichen Freude …
Er war beeindruckt, dass die Verse der Sage, wie sie im Magazin abgedruckt waren, fast identisch waren mit jenen, die sein Vater immer rezitiert hatte (der Vater hatte den uralten Beruf des Sängers ausgeübt, und war mit alten Liedern und Texten vertraut). Sie waren also mündlich weitergegeben worden, in tausenden Jahren. Was hier wichtig ist, ist das Verständnis, dass ähnlich diesem Fall, uraltes Wissen die Zeiten überdauert haben kann.

G.I. Gurdjieff: The War Against Sleep and The Strange Life of P.D. Ouspensky von Colin Wilson

Wir verfügen, so lehrte es dieses Vorkommnis Gurdjieff, über uraltes Wissen, haben aber keinen Bezug mehr zu  seinen Ursprüngen. Uns sieht die Welt ganz modern aus, doch wir bauen in jedem Detail auf einem uralten Wissen, auf uralten Bildern in unseren Köpfen auf. Wir bemerken das nicht, denn uns fehlen die Bezüge, die Querverbindungen.

Das zu verstehen hat mindestens zwei Aspekte.

Erstens denken wir an Jungs kollektives Unterbewusstsein. Im kollektiven Unterbewusstsein werden Dinge erhalten und gewusst, deren Ursprung wir nicht kennen. Etwas wird gewusst, das man nicht erlernen muss. Denken wir jetzt an die Erkenntnis Gurdjieff, dass Wissen, das verloren scheint, sich erhält, in alltäglichen Dingen und Worten, jedoch anders aussieht, und uns in nichts an das erinnert, was es den Menschen einmal war … Und umgekehrt? Haben wir denn ein Gefühl dafür, aus welchen Sinn-Atomen sich jedes Faktum, das wir wissen, zusammensetzt? Ich glaube nein. Wenn wir uns das aber vorstellen, dann bekommen wir ein Gefühl für das Geheimnis, das in allem ist, das aber auch erkannt und geahnt werden kann … Die Dinge bleiben unerkannt, weil uns die Bezüge fehlen. Was ist ein Geheimnis anderes als etwas, das man nicht weiß? Und was wiederum weiß man über Dinge, die man nicht kennt? Was kann uns besser ein Gefühl für diese ungeahnten Geheimnisse geben, als zu verstehen, dass das, was wir nicht wissen, unbegrenzt und ungeahnt ist?

Ähnliches Thema: Gibt es das Nichts? Wie kann man sich das Nichts vorstellen?

Zweitens: Einmal mehr zeigt sich die Eigenart des objekthaften Denkens – des Glaubens, etwas, eine Sache etwa, eine logische Schlussfolgerung, sei vollständig beschrieben, indem man sie benennt. Doch in Wirklichkeit abstrahiert man von tausenderlei Querverbindungen, die in die Unendlichkeit reichen – man kappt die Information, man abstrahiert, und dem menschlichen Geist erscheint trotzdem, oder vielleicht eben deshalb das Objekt seiner Anschauung wie völlig rund und vollständig beschrieben. Ebenso nehmen wir die Informationen des Jetzt so wahr, als wären sie im Jetzt vollständig beschrieben. Dass sie das nicht sind, erfahren wir dann ab und zu zufällig – und merken: Wir wären ganz ohne diese Information ausgekommen, und hätten immer angenommen, wir wären vollständig informiert und „weise“ – ein Gefühl, das den Materialisten immer umgibt, nicht jedoch den Suchenden.
Weiterlesen: Beitrag Was ist paradox am Wort „das Alles“ / „alles“ / „das All“?

Um ein kleines Beispiel dafür zu geben, wie allgegenwärtig und keineswegs selten die Geheimnisse sind, will ich etwas schildern, was mich neulich wunderte.

Ich las ein englisches Buch, in dem das Wort „hag“ vorkam. Ich ahnte, dass das Wort „Hexe“ bedeutet, denn mein Vater hatte mir einmal gesagt, das Wort Hexe leite sich von dem Wort Hag-Sesse ab. Hagsesse ist eine Person (Frau), die in einem Hag (Wald) ansässig ist. Hag ist Wald, so wie wir das Wort oft in Ortsnamen finden, wie z.B. Steinhagen, Friedrichshagen, Petershagen, etc..

Die Idee einer Hagsesse wiederum, die in der Vorstellung von Dorfbewohnern unheimlich ist, verleiht dem Wort Hexe eine ganz neue, tiefere Bedeutung. So wie ein Eremit, der die Kommunikation mit der Gesellschaft kappt, wird die Hagsesse den Dörflern unheimlich, genauso vermutlich, wie umgekehrt, und das Wesen und der innere Sinn des Wortes Hexe erscheint umso klarer und verständlicher. Eine Hagsesse ist jemand, der einen unkommunikativen Lebensstil pflegt, dadurch zu einer unheimlichen Person mit merkwürdigen Gebräuchen und unbekannten, und dadurch umso unheimlicheren, Ressourcen wird.

Hier noch, was das englische Wörterbuch zur Herkunft des Wortes hag sagt:

The term appears in Middle English, and was a shortening of hægtesse, an Old English term for witch, similarly the Dutch heks and German Hexe are also shortenings, of the Middle Dutch haghetisse and Old High German hagzusa respectively.

Was damit gesagt sein soll: Die Geheimnisse umgeben uns. Wir müssen sie nur sehen. Sie zu sehen ist nicht etwa unnütz, sondern eine Bewusstseinserweiterung. So, wie uns der Begriff Hagsesse einen anderen Zugang zum Wort Hexe gewährt, als es das Wort Hexe allein kann. Wir erweitern unser Bewusstsein durch diese Art von Wissen, durch die Querverbindungen, ganz ähnlich einem Raumschiff, das unbekannte Weiten des Universums durchstreift, und dadurch auf Ungesehenes, Unerhörtes, Wunderbares stößt. So erweitern wir auch unser uns unendliches Ich-Universum, durch die Entdeckungen im Geistigen.

 

Gurdjieff und die Mysterien des geheimen Wissens, des verlorenen Wissens was last modified: Dezember 19th, 2016 by Henrik Geyer