Was heißt „verrückt“?

Wie ich in „Alles ist Geist“ schilderte, war ich vor einigen Jahren konfrontiert mit der psychischen Erkrankung eines mir nahe stehenden Menschen. Mein geliebter, damals kleiner Sohn .. Wenn so etwas eintritt, dass man in seinem nächsten Umfeld einen psychisch kranken Menschen hat, den man liebt, dem man gern helfen möchte, den man verstehen möchte, dann macht man sich viele Gedanken über dessen geistige Welt. Man möchte begreifen um zu helfen, man möchte erfahren, warum es so schwierig ist, mit dem scheinbar Offensichtlichsten durchzudringen, zu diesem fremden Verstand. Dessen Eigenschaft, ein eigenes Universum zu sein, ein Ich-Universum, wird einem erst in diesem Prozess wirklich begreiflich. Man lernt übrigens mindestens so viel über sich selbst, wie über den Anderen, denke ich.

Zum Beispiel möchte man das oft gebrauchte Wort „verrückt“ besser verstehen. Dem Normalmenschen schein es offensichtlich, was es bedeutet. Demjenigen, der damit zu tun hat, nicht. Es bedeutet ja, umgangssprachlich, eine geradezu hoffnungslose Fremdheit gegenüber allem normalen Verstehen, daher wird es häufig als Schimpfwort verwendet. Als Schimpfwort beinhaltet es den Anklang von Dummheit (zu dumm das Einfachste zu verstehen), vielleicht Demenz (ein hoffnungsloser Fall geistiger Vernebelung), etc. Ist der geliebte Mensch nun „verrückt“? Ist er grundsätzlich dumm, ist er unrettbar einer anderen Welt verfallen? Oder hat er „nur“ eine Neurose, oder „nur“ eine Psychose, was wissenschaftlich und nach Lösungen klingt? Was ist das Wesen von Verrücktheit? Worin unterscheidet sich Verrücktheit grundsätzlich vom gesunden Denken, so dass man hier etwas Griffiges hat, es einzugrenzen…

Verrücktheit einzugrenzen ist nicht einfach, schließlich kann man sich mit psychisch Kranken oft ganz normal unterhalten, man denke auch, wie oft man sagt, man sei selbst ein wenig verrückt, etc.. Was „verrückt“ ist, ist jedenfalls keine einfache Frage. Schließlich kann ja niemand in den Kopf eines anderen hineinsehen, auch kein Psychiater kann das. Und nach meiner Erfahrung interessieren sich viele Psychiater auch nicht sonderlich dafür, wie die geistige Welt ihrer Patienten aussieht. Sondern, sie sind oft zufrieden mit der Feststellung eines Krankheitsnamens, mit dem Ausprobieren einer Behandlung (die in ihrer theoretischen Definition mit soundso vielen Krankheitsnamen verknüpft ist, was wiederum zu einer Diagnose führt). Natürlich auch mit der Aufnahme von Symptomen, die oft genug die direkte Folge des Handelns des Patienten sind. Woraus sich eigentlich die Frage ergeben würde, aus welcher Logik heraus der Patient so handelt wie er handelt – oft selbstzerstörerisch. Würde man glauben, dass hier Logik ist, wäre man vielleicht interessierter zu erfahren, worin diese Logik besteht… So jedoch tut man so, als sei das Geistige einerseits abhängig vom Willen (beim Gesunden), oder aber abhängig von einem Krankheitsbegriff (krank), der, indem er genannt wird, erkläre, dass hier andere, quasi „organische Kräfte“ am Werke wären.

Gute Psychiater hingegen interessieren sich sehr dafür, was ihre „Verrückten“ denken, und finden in der Psyche der Patienten, aber auch durchaus der eigenen, ein Feld für geradezu unendliche Entdeckungen. Man denke an Freud und Jung, und natürlich viele heute lebende Fachleute.

Zur Frage „was ist verrückt?“ gibt es beispielsweise das interessante Buch „What is madness?“ von Darian Leader, der die Frage in etwa so beantwortet (ich zitiere aus der Erinnerung, daher vielleicht ein wenig ungenau): „Der neurotische Patient fragt sich Dinge, und möchte (noch) Antworten erhalten. Der psychotische Patient hingegen fragt sich nichts mehr, da er sich im sicheren Besitz der Antworten glaubt.“ (eine Neurose ist eine leichtere „Verschiebung“ der Wahrnehmung, eine Psychose ist eine ‚Wahnstörung‘, man kann also sagen, dass Psychosen mit Wahnvorstellungen einhergehen, also mit dem Sehen von Dingen oder Situationen, die ’nicht da‘ sind. Daher trägt die Psychose am ehesten jene Merkmale, die der Volksmund wenig feinfühlig als ‚verrückt‘ bezeichnet. „Verrückt“ wiederum meint natürlich eigentlich ein Abgerückt-Sein von der sogenannten Realität, ein Ver-rückt-Sein von der Wirklichkeit.)

Ich las das Buch von Darian Leader mit großem Interesse, besonders, da sich mir die Frage „was ist verrückt?“ aufdrängte, jedoch in der Psychiatrie, stellt man diese Frage, oft so getan wird, als sei die Antwort simpel und überflüssig, denn man sehe doch wohl, was verrückt sei: eben das völlig Sinnlose, vielmehr käme es darauf an, Worte wie „verrückt“ nicht zu gebrauchen, sondern zu verklausulieren, so als ob sich dadurch etwas klarer machen ließe. Dass der Befragte oft genug gar keine Antworten hat, bleibt so unsichtbar.

Die Definition Leaders hat sich in meinem Gedächtnis erhalten. Leader fragt im Titel seines Buches ganz direkt: „Was ist verrückt?“ – man sieht also, dass die Frage interessant ist, und keineswegs obsolet – auch und gerade für gute Fachleute. Letztlich ist jede Wissenschaft, und sei sie noch so fortgeschritten, mit den einfachsten Grundvorstellungen des Menschen verknüpft, beispielsweise wie die Kernphysik verknüpft ist mit der Vorstellung, dass jedes Ding einen Kern haben müsse, wie jede Kirsche einen Kern hat.

Zweitens lässt seine Definition sehr interessante gedankliche Assoziationen zu. Zum Beispiel die, Verrücktheit als eine Kommunikationsstörung zu sehen – was aus meiner Sicht ganz zutrifft. SO gesehen wiederum, ist Verrücktheit eben keineswegs sinnlos, sondern der Verrückte handelt seiner inneren Logik entsprechend – also ganz vernünftig und nachvollziehbar, das Defizit besteht nicht in einem dummen Denken (statisch gesehen), sondern in Kommunikation (fließend gesehen). Und, hat man das erst einmal begriffen, fängt man an über so Vieles andere nachzudenken. Zum Beispiel über freien Willen – wieso kann Derjenige, der einer Logik entsprechend handelt, nicht einsehen, dass diese Logik zerstörerisch ist, und daher falsch? Warum kann er nicht „einfach“ anders handeln … logischer? Hat er etwa keinen richtigen Willen? (Nebenfrage: Ist, keinen richtigen Willen zu haben, in diesem Zusammenhang ein neues Problem? Oder ist es quasi dasselbe, wenn ich sage, er handelt seiner inneren Logik entsprechend? Ist Wille und innere Logik dasselbe?). Was hat eine Kommunikationsstörung mit Willen zu tun, und umgekehrt?

Oder: Wenn derjenige einer inneren Logik folgt … wie wohl sieht die Welt aus, die er „vor sich hat“? Ganz anders als die meinige? Wie muss man sich das vorstellen? Überhaupt: Wie sind Realität und Wahrnehmung miteinander verknüpft, so dass es möglich ist, dass jemand, der gesunde Augen hat, deutsch versteht und auch sonst durchaus im Besitz intellektueller Fähigkeiten ist, eine offenbar andere Welt vor sich zu sehen glaubt, als die „richtige“?

Übergang ins Philosophische

Wer in diesem Blog ab und zu liest, der wird vielleicht feststellen, dass diese Fragen genau auf die Themen zulaufen, die ich gewöhnlich ohnehin behandele, und in meiner Philosophie namens Spirealismus einer eingehenden Betrachtung unterziehe, also: was ist Realität? Gibt es nur eine Realität? Was ist Wille? Was ist Wahrnehmung? Etc..

Der Spirealimus beantwortet die Fragen, die sich zumindest AUCH aus der Kenntnis und Beobachtung einer psychischen Erkrankung ableiten lassen, in einer grundlegend anderen Weise, als sie sich mit Hilfe des materialistischen Weltbildes beantworten lassen (wesentlich zutreffender). Zum Beispiel fragt der Spirealismus nicht, ob es nur eine Realität gibt, sondern er stellt fest, dass es viele Realitäten gibt – mindestens ist jedes Individuum mit einer eigenen Realität verknüpft (Ich-Universum). So gesehen ist die Problematik des Verrückten etwas, das durchaus eine Normalität hat, in jedermann. Denn jeder hat ja seine eigene Realität „vor sich“, nicht nur der Verrückte.

Verrücktheit als Kommunikationsstörung gesehen … Es ist dem Spirealismus auch (selbst-)verständlich, dass der Verrückte eine erkennbar andere Welt vor sich hat, als derjenige, der umfassend an Kommunikation teilnimmt. Denn der Eindruck, wir würden über eine einzige Welt sprechen, der wir uns alle gegenübersehen, entsteht ja gerade aus Kommunikation, also aus der Verbindung. Während der Verrückte, wie Leader es ausdrückte, glaubt, alles zu wissen – es gibt keine Fragen für ihn. Hingegen ist es das Wesen der „normalen“ Welt, stets und ständig im Austausch zu sein. Wir erzählen uns gegenseitig, was es gibt und was nicht. Und eine Wahrnehmung, die wir mit den Augen machen, unterscheidet sich nicht grundsätzlich von einer Wahrnehmung die ein anderer macht, und von der er uns erzählt. Wenn die Kommunikation unterbrochen ist, gibt es keine Verbindung zu dem, was der „Vernünftige“ über seine eigene Welt mitzuteilen hat. Anders gesagt: Auch der Verrückte hat den Eindruck, es gäbe nur eine Welt, nämlich diejenige, die er vor Augen hat. Es ist die Welt seiner eigenen Vernunft. Und vernünftigerweise kann er diese nicht verlassen. Oder soll man sagen, er will nicht – was ist der Unterschied?

Die Verrücktheit des psychisch Kranken aus der Sicht des Normalen ist umgekehrt die Verrücktheit der normalen Welt aus der Sicht des Kranken – das ist die schlichte Umkehrrelation, der man im Umgang mit einer solchen Krankheit gewahr wird. Einen absoluten Bezugspunkt gibt es nicht. Es gibt nicht „die normale Welt“ als eindeutige Definintion, es gibt nicht „die“ Realität.

Es ist eine manchmal entmutigende und auch bedrückende Erfahrung, wenn man mit einem Verrückten, dem man gern helfen möchte, zwar sprechen kann, sogar, wie man meint, ganz vernünftig sprechen kann, aber dennoch gibt es keine richtige Verbindung der Welten. So als sei die Kommunikation (das Reden) lediglich in einer verballhornten Form vorhanden, jedoch im eigentlichen Sinn nicht vorhanden, sondern unterbrochen.

Der Spirealismus sieht die Kommunikation mit Worten noch unter einem anderen Aspekt, wie ich finde, einem erhellenden. Denn für den Spirealismus gibt er ja keine materiellen Dinge, für die wir Worte finden, es gibt keine Dinge des Außen, von denen wir Informationen abrufen. Sondern es gibt Vorstellungen von Dingen – man könnte auch sagen: Die Dinge, und die Vorstellungen von Dingen, sind ein- und dasselbe. Daher sind die Worte, die wir verwenden, nicht Beschreibungen von etwas Äußerlichem, sondern sie sind verbunden mit den uns eigenen Vorstellungen. Daher versteht jeder, dieselben Worte verwendend, doch eigentlich etwas anderes. Die Worte und die (eigenen) Vorstellungen sind verknüpft –  aus dieser Sichtweise wird klarer, dass Worte in jedem Ich als etwas anderes aufgefasst werden müssen. Es gibt keine Notwendigkeit, mit der Verrückte durch Worte „eines Besseren belehrt“ werden könnten. Und, bei genauerer Betrachtung, gibt es eine solche Notwendigkeit auch nicht in der Welt der „Gesunden“ ..

Es ist die Reibung der Welten …

Es war für mich damals eine wichtige Frage, wie denn der „Kraftschluss“ zwischen den verschiedenen Realitäten (wieder-) hergestellt werden könnte, so dass es möglich wäre, den Kranken zu heilen. Ich sah es als selbstverständliche Pflicht des „Normalen“ an, sich in die Welt des „Verrückten“ so weit hinein zu begeben, dass eine Verständigung möglich wird, somit also der gewünschte Kraftschluss.

Dies ist, wie die Praxis aber zeigt, und wie jeder der sich damit auskennt, vielleicht bestätigt, erstens nahezu unmöglich – d.h., Dinge zu tun und zu denken, die man selbst für unvernünftig hält, wäre, wenn es denn überhaupt ginge, eine Tortur. Zweitens würde man dem Patienten damit auch nicht unbedingt helfen, denn die Hilfe müsste ja in einem „Zurückholen“ des Patienten bestehen, nicht dem „Hinübergehen“ des „Normalen“ in die Welt des Abnormen. Die Notwendigkeit, das eigene Verhalten anzupassen, kann der Patient bestenfalls (ein-)sehen, wenn er die Unterschiede der Welten wahrnimmt. Es MUSS also sozusagen Reibung und Konflikte geben. Sicherlich nicht im Übermaß, sonst wird der Kraftschluss sehr schnell unterbrochen.

Aus spirealistischer Sicht lässt sich das noch einmal klarer formulieren: Da wir ja ohnehin alle eine eigene Realität „vor uns“ haben, gibt es also keine eine und einzige Realität, auf die wir uns beziehen können. „Die Welt“ ist ein fließendes Konzept, dessen Einheitlichkeit eigentlich Illusion ist. Eine Illusion, die aus Kommunikation resultiert.  (Womit wir wieder bei dem weiter oben verwendeten Wort Kommunikationsstörung sind.)

Um besten Kraftschluss herzustellen müssen die Welten sehr nahe sein. Entfernte Welten mit ganz verschiedenen Begriffen (Vorstellungen) bedeuten eben auch wenig Kraftschluss – das lässt sich nicht ändern. Das heißt, zwischen einer „verrückten Welt“ und einer „normalen Welt“ ist der Kraftschluss ohnehin gering. Die Begriffe des Verrückten weichen per Definition ab, wie will man also mit Worten, die in seiner Welt mit fremden Begriffen verknüpft sind, die Begriffe „dieser“ Welt übermitteln? Das ist auf jeden Fall schwer. Und manchmal unmöglich.

(Man denke in diesem Zusammenhang übrigens einmal an die kosmologische Wissenschaft, die davon ausgeht, man müsse mit jeder „vernünftigen“ Lebensform auch in eine Kommunikation eintreten können …)

Vorhin formulierte ich, dass der Psychotiker Dinge sieht, die „nicht da“ sind. Der Spirealismus würde das so ausdrücken: „Die Welt“ ist eine Vorstellung. Im materialistischen Sinn „da“ sind die Dinge sowie nicht. Sondern, der Eindruck der „einen Welt“ kommt durch Kommunikation zu Stande. Eben auf diese Weise kommt die Information von materiell vorhandenen Dingen zu Stande. Die Information wird nicht abgerufen von Dingen, die „da“ sind.

Etwas anders sehen bedeutet, anders handeln zu können

Aus dieser Sicht wird noch einmal verständlicher, dass in jeder Welt auch ganz verschiedene Dinge sind, und die als selbstverständlich vorausgesetzte Einheitlichkeit in keinem Fall gegeben ist, auch nicht unter „Gesunden“. So denkend kann man den Patienten, den „Verrückten“, noch einmal auf eine andere und menschlichere, auch selbstverständlichere Art und Weise wahrnehmen, als es mit der materialistischen Sichtweise möglich ist. Und, nach meiner Erfahrung kommt es sehr darauf an, WIE man DEN ANDEREN sieht, wenn es darum geht, wie man mit ihm umgeht. Auch hier wieder gilt: Auch „DER ANDERE“ ist ein fließendes Konzept, eine Vorstellung – man kann die Vorstellung formen, man kann eine andere Perspektive einnehmen, und gelangt zu einer anderen inneren Logik, und damit zu anderen Handlungsmöglichkeiten. Genau, wie man es für den Verrückten sagen konnte: Seiner inneren Logik folgend hat er eine ganz bestimmte Anzahl von Handlungsmöglichkeiten. Nur diese, nicht mehr – das ist eine sehr unflexible, redundante Welt, an die schwer heranzukommen ist, denn die Kommunikation ist gestört. Sind wir Gesunden grundsätzlich anders? Ich denke nein! Oder kennen wir vielleicht keine Redundanz, keine Denk-Wiederholung?

Um zu verstehen wie ein Verrückter „tickt“ kann man sich selbst ansehen, und das eigene redundante Verhalten in der Vorstellung um das Hundertfache verstärken. Wie der Verrückte ist jedermann immer wieder in ähnlichen Situationen, handelt gleich. Man könnte die „lieb gewordenen Gewohnheiten“ unter diesem Aspekt sehen, oder auch jede Art von Sucht. Oder, man kann auch einfach darauf achten, was einem passiert, und was sich oft ähnelt.

Wird das zu stark, wird das Redundante übermächtig, werden die Gedanken immer wieder im Kreis geführt, ist das verbunden mit einem weitgehenden Abriss der Kommunikation, denn, was den Geist erreichen könnte, ist, wie gesagt, nur aus dessen Verständnis heraus erklärbar. Nicht aus dem Verständnis des Erklärenden (etwa der Gesellschaft). Und das ist es, was man erlebt: Gegenüber einem psychisch Kranken kann man „reden wie ein Buch“, es bringt wenig, und man lernt, anders zu reden, anders zu sein. Sachlicher, positiver, im Ergebnis mitfühlender. Und, die am Beispiel einer psychischen Krankheit gelernten Lektionen kann man ebenso im ganz normalen Leben, in der ganz normalen Welt, im Umgang mit „normalen Menschen“, wiedererkennen und anwenden.

Die Welt des Anderen begreifen

Ich hatte nun einige Male formuliert, dass die Welten IN den Menschen immer verschieden sind, nie im völligen Gleichklang, etc.. Man könnte auch sagen: Völlig verständlich ist immer nur das, was man selbst versteht. Man sieht nur die Bilder des eigenen geistigen Auges, niemals die eines anderen.

Dies meine ich nicht als defätistische Auffassung, dass Verständigung unmöglich sei. Sondern vielmehr soll damit gesagt sein, dass eben diese (spirealistische) Auffassung ein wichtiger Schlüssel für ein besseres Verständnis DES ANDEREN ist. Der Andere ist immer anders, nie gleich. Man begreift so besser, und hat immer vor Augen, dass auch der Andere aus eigener Sicht handelt. Nie „unvernünftig“ ..  „unvernünftig“ – ist unsere Sicht, das ist die Beurteilung einer fremden Welt aus der eigenen Sicht. Man bedenke: Völlige Übereinstimmung ist unmöglich. Unsere Individualität als Menschen ist auch und vor allem die Unterschiedlichkeit im Denken. Und das wiederum bedeutet, dass man nicht anderes Denken vereinnahmen kann, dass man es nicht immer verstehen kann oder muss. Ganz im Gegenteil: diese Auffassung schärft die Sinne für das Unverständliche, für das Rätselhafte. Diese Auffassung schärft die Akzeptanz für den Unterschied, schärft die Entscheidungsfähigkeit für Dinge, die man will, und andere, die man ablehnt. Ja, das Abzulehnende ist auch im Anderen!

Das, was gleich richtig für alle wäre, gibt es nicht, das hat man dann von Herzen gelernt. Man entwickelt einen selbstverständlicheren Blick für das Zugehörige und Fremde, für das Anzustrebende und zu Vermeidende.  Die Welt ist nicht eins, die Welt ist auch nicht alternativlos!

Eine Lebenshilfe

Man kann, wie gesagt, mit dieser Sichtweise besser auf den Patienten in der Psychiatrie eingehen, aber eigentlich ist das eine insgesamt sehr hilfreiche Sichtweise, die im ganz normalen Leben sehr weiterhilft. Denn viele Probleme des Lebens drehen sich doch darum, dass man immer meint, andere müssten verstehen, was man selbst denkt. Oder es ergeben sich Neurosen aus der Ansicht, man müsse mit einem bestimmten Menschen oder einer bestimmten Menschengruppe völlige Übereinstimmung finden. Oder vielleicht religiös formuliert: man wolle mit Gott eins sein. Man bemüht sich, und man zweifelt, und manchmal verzweifelt man auch. Das sind die Nöte der Welt.

Aber man kann, mit Hilfe dieser Sichtweise, zu mehr Verständnis kommen, für sich und andere. Sich selbst wird man nicht mehr überfordern mit Ansprüchen von Absolutheit, oder Wünschen und Zielen, wie sie von der Gesellschaft im Minutentakt generiert werden, und die eigentlich mit einem selbst, wie man oft feststellt, gar nichts tun haben. Man wird sich sozusagen weniger „in Not“ begeben. Und ebenso wird man verständnisvoller für die Nöte anderer – eine wichtige und für andere spürbare charakterliche Qualität.

Die Illusion des Materialismus ist es, dass man als „ganz vernünftiger Mensch“ auch bestimmten, „ganz vernünftigen“ Ansichten anhängen müsse. Es ist die Illusion, es gäbe ganz eindeutige Determinanten des menschlichen Seins und Glücks, und diesen müsse man vernünftigerweise gerecht werden.

So gesehen bedeutet Spirealismus für mich die wichtige Erkenntnis, dass der Unterschied das eigentliche kosmische Grundprinzip ist, aus dem heraus sich der Eindruck der Einheitlichkeit erst entwickelt. Und nicht umgekehrt: die Einheitlichkeit sei in Form von jeweils einmal vorhandenen Materieobjekten bereits gegeben, diese Materieobjekte würden von allen beobachtet, so dass nun alle Beobachter auch eigentlich die gleichen Ansichten über die Welt und die Dinge darin haben müssten 

Geisteskrank (verrückt), so meint daher die materialistische Sicht auf die Psyche, sei derjenige, der eine von der „Realität“ genannten Einheitssicht, abweichende Vorstellung hat. Dabei gibt es diese Einheitssicht gar nicht.

 

Was ist „verrückt“? Gedanken, die krank machen.

Was heißt „verrückt“? was last modified: Dezember 11th, 2017 by Henrik Geyer