Lerne zu schweigen, wenn du nichts Rechtes zu sagen weißt

Unsere Welt ist, was wir darüber denken. Daher ist jeder Gedanke an die Welt .. die Welt selbst.

Es ist eine alte Weisheit, sich in seinen Gedanken zu zügeln. Was man denkt, wird zum eigenen Schicksal. Denn, so wie man denkt, so wird man handeln. Man kann es auch so sehen: Was man denkt, das ist bereits das Schicksal. Denn, so wie man denkt, gibt man die Welt wieder, so, wie man sie erlebt. So, wie sie sich schicksalhaft für das Ich geformt hat.

Mehr noch als unsere Gedanken ist, was wir reden, unser Schicksal. Denn der Gedanke ist schnell im Vergleich zum Wort. Was wir reden, haben wir in vielen schnellen Gedanken geformt.

Und, bedenke: Was du redest, das wird auch gehört. Mindestens von dir selbst. Du kennst das, dass dich jemand zu etwas überredete. Dass du von etwas überzeugt wurdest, durch die starke Kraft von Worten. Doch wer wäre überzeugender, als du, dir selbst gegenüber? Daher: Achte auf deine Worte, ob sie sich im Geist bilden, oder ob sie dir über die Lippen kommen; ob du nun allein bist, oder in Gesellschaft.

Bevor wir uns noch unseren Gedanken zuwenden können, und versuchen können, durch sie unsere Welt zu formen, müssen wir auf unser Reden Acht geben. Der erste Schritt ist, dass wir schweigen, wenn uns nichts Rechtes einfällt. Wenn wir nicht zielführend reden können, sondern nur so daher. Wenn wir defätistisch reden – welchen Sinn soll das haben? Wenn wir nur reden, um auch einmal etwas zu sagen, oder um klug zu erscheinen. Wenn wir werten, urteilen, schlecht reden – so zum Smalltalk, oder, weil wir Klatsch lieben.

Mehr nützt es dir, die Dinge offen zu lassen. Nicht werten, so lange die Dinge oder Menschen keine Bewertung benötigen. Dann werden dort, wo du durch Reden Verschlossenheit erzeugen würdest, viele Möglichkeiten bleiben. Möglichkeiten, die Chancen sein können. Möglichkeiten … Dinge, die noch nicht ausgeformt sind und die der Bewertung, des Fest-Werdens, harren. Dann vielleicht in einem von dir gewünschten Sinn.

Lerne zu schweigen, wenn du nichts Rechtes zu sagen weißt was last modified: Januar 19th, 2018 by Henrik Geyer

das Nichts – Raum der unbegrenzten Möglichkeiten

Stell dir vor …

Stell dir vor, deine Gedanken hingen nicht ab von einem materiellen Außen, das du beobachten und bedenken musst, um richtig denken zu können. Verbinde das mit Übungen der Stille und Kontemplation, und beobachte deine Gedanken, wenn sie allein gelassen werden. Wenn du dich bemühst, nicht zu denken. Schließe die Augen.

Du wirst bemerken, dass deine Gedanken aus sich heraus Vorstellungen erzeugen. Ganz ohne Objekte, die die Augen sehen, werden Objekte des Denkens erzeugt. Der neue Gedanke, zusammen mit dem noch neueren, bringt den allerneuesten hervor. Die Gedanken nehmen, setzt man diese Übung fort, die phantastischsten Formen an.

Das ist die Welt der Imagination und Phantasie. Losgelassen kann sie dir alles mögliche zeigen. Welten über Welten. Wie ein Kaleidoskop erzeugt das Denken neue Ideen, Assoziationen, Vorstellungen.

Manche davon denkst du immer wieder, sie fließen in deine Realität ein. Es sind deine (guten) Ideen, deine Lösungen, deine Pläne. Deine Hoffnungen und deine Furcht.

Spruchbild, Bildspruch: Es denkt


Es denkt. Ganz willenlos. Woher kommt das?

Es kommt aus dem Raum des Unendlich-Möglichen. In dir wird das Mögliche fest. Als Element der Schöpfung vertrittst du es. Du trägst deine individuelle Wahrheit in dir und bringst sie ein in das, was man gemeinhin Welt nennt.

Den Raum des Unendlich-Möglichen kann man auch als das Nichts bezeichnen – warum? Weil kein Mensch dort hinein Zutritt hat. Als Existenz erschließt sich dieser Raum nicht. Es gibt eine unsichtbare Grenze. Warum ist sie unsichtbar? Weil man gemeinhin glaubt, in Gedanken alles fassen zu können. Die Gedanken wabern hinaus, doch, überschreiten sie die Grenze zum Nichtgedachten? Nein, wie könnten sie.

Der Mensch ist begrenzt auf die Gedanken, die er in sich findet. Wie viele Gedanken jedoch sind möglich, vor allem, wenn man die Augen schließt? Unendlich viele? Es ist nicht möglich, die Unendlichkeit zu denken, sie ist uns das Un-Konkrete, das Un-Feste. Das Feste, gedacht als die Festigkeit der Materie hingegen, ist die Existenz im materialistischen Sinn.

Das Nicht-Feste, die unendlichen Welten der Phantasie, das Nichts aus dem alles werden könnte – das ist die Nichtexistenz des Nichts.

 

 

das Nichts – Raum der unbegrenzten Möglichkeiten was last modified: Januar 19th, 2018 by Henrik Geyer

Werde deiner Endlichkeit bewusst

Wozu sich der eigenen Endlichkeit bewusst werden? Wozu sich des eigenen Todes bewusst werden? Ist das nicht recht deprimierend? Sollte man daher überhaupt über Endlichkeit und Tod nachdenken?

Ja, man sollte. Um den Augenblick wertschätzen zu können.

Deprimierend kann das nur sein, wenn du es nicht akzeptieren kannst. Und du kannst es nicht akzeptieren, wenn du das kosmische Wesen nicht verstehst.

Das Wesen des Kosmos ist der Wandel. Du bist ein Teil der Welt, so wie alles. Du bist kein abseits stehender Beobachter.

Denk dir, dass alles was du liebst, alles was dir nahe ist und dich umgibt, bald nicht mehr da sein wird. Dann erhältst du eine Vorstellung von der eigenen Endlichkeit. Eine Vorstellung davon, dass du teilnimmst am immerwährenden Wandel. Dass du keine Sonderstellung einnimmst – als singuläre Konstante innerhalb eines sich stets im Wandel befindlichen Kosmos.

Sich der Endlichkeit von allem bewusst zu werden, des stetigen Wandels, ist eine gute Übung der Bewusstwerdung.

Denk dir …

Also denk dir: Deine Lieblingstasse, aus der du jeden Morgen deinen Kaffee trinkst, wird bald zerbrechen. Deine Uhr wird stehenbleiben. Die Kleidung die du liebst, und die an dir so gut aussieht, wird bald schon überlebt und unförmig wirken, und bald darauf zu Staub zerfallen. Dein Haus wird den zukünftigen Menschen weit weniger wohnlich erscheinen als dir, sie werden es abbrechen. Dein geliebtes Auto, für das du so manches opfertest, wird bald verschrottet werden. Deine Freunde werden sterben, deine Verwandten ebenfalls, und alle Menschen, die dir die Allerliebsten sind. Auch die Personen, die du hasst und die du bekämpfst, werden bald tot sein.

All das wird in einer Zeitspanne geschehen, die so kurz ist, dass sie gegenüber der Ewigkeit des Kosmos wie ein Zwinkern der Augen wirkt. Man sagt auch Blick der Augen dazu, oder Augen-Blick. Aber nicht nur der Ewigkeit des Kosmos gegenüber wird dein Leben wie Jota wirken. Auch schon für die Generation nach dir wirkt dein Leben wie verkürzt. Prüfe dich: Dir selbst erscheint deine eigene Vergangenheit wie sehr kurz – ist es nicht so? Und je älter du wirst, umso kürzer erscheint dir das ganze Leben, von dem du zuerst glaubtest, es würde fast ewig währen.

Auch du wirst bald tot sein. Mit den Personen deiner Zeit, mit deinen Freunden und mit deinen Feinden, wirst du Seite an Seite ruhen. Und die Orte und Dinge, die du liebst, werden vergessen sein, zusammen mit dir.

Die Erinnerung an dich wird in Dingen, in anderen Menschen, in deinen Kindern, eine Zeit lang weiter getragen werden. Die Erinnerung an dich, an deinen Namen, wird sich mehr und mehr vermischen mit anderen Erinnerungen, so dass schließlich niemand mehr an deinen Namen denken wird. Weil andere Namen in den Vordergrund treten; so, wie dein Name sich auflöst, entstehen sie. Es ist eine Welt der Namen.

Du bist, auch wenn du tot bist, immer noch in dieser Welt, als die Dinge und die Menschen, die du berührt hast. Aber du transformierst dich, und dein Ich – ein Name – löst sich auf, verdünnt sich mehr und mehr. In dieser Welt sehen wir das als ein Ende, jedoch ist es eigentlich eine Wandlung.

Ähnlich erinnert man sich bald nicht mehr an den Baumeister eines Hauses, selbst wenn das Haus noch lange steht. Der Baumeister ist im Haus verewigt, als seine Gedanken, seine Baukunst, sein Geschmack. Aber das Haus wird neu assoziiert, neu gedacht werden. Es wird assoziiert werden mit den Menschen, die im Augenblick darin leben, mit ihren Gedanken, ihren Künsten, ihrem Geschmack.

 

So wandelt sich alles – von Staub zu Dingen und wieder zurück. Und natürlich wirst auch du dich verwandeln. Und wirst wieder entstehen, in anderer Form.

Wirst du dich selbst, in dieser anderen Form wiedererkennen?

Kannst du dich in diesem Moment wiedererkennen, als eine andere Form, die bereits vergangen ist?

Sieh, wie sich alles wandelt. Und lerne den Augenblick zu schätzen. Lerne zu schätzen, dass du mit den Dingen, und mit den Menschen, die dich im Augenblick umgeben, auf dieser Welt sein darfst. Lerne den Gedanken zu schätzen, als das bewusste Sein, das dich sagen lässt: „Ich bin!“. Lerne zu schätzen, dass du diesen Augenblick erleben kannst. Lerne deine Endlichkeit zu schätzen, denn nur sie lässt dich sagen „Ich bin hier“. Denn, wo wärst du, wenn dieses Hier nicht ein abgegrenzter Ort wäre? Was wäre ein Ich, wäre es nicht endlich? Was wäre dein Sein, wäre es nicht etwas Begrenztes?

Sage „Danke für diesen Augenblick“. Im nächsten Moment ist er vergangen. Jedes Leben ist so ein Augenblick.

 

 

Werde deiner Endlichkeit bewusst was last modified: Januar 18th, 2018 by Henrik Geyer

Lass andere anders sein

Bleib bei dir selbst. Und lass andere anders sein.

Bedenke, dass Andere anders sein müssen. Das ist die Definition unserer Welt – sie muss Vieles enthalten. Sie kann nie Eins werden.

Dass man andere beeindrucken möchte, dass man andere von den eigenen Konzepten überzeugen möchte, dass man andere anziehen möchte, das ist so natürlich, wie eine Masse eine andere anzieht. Durch die Massenanziehung entsteht die Erdenschwere, auch Gravitation genannt. Ebenso entsteht aus der Sucht, überzeugen und beeindrucken zu wollen, eine Schwere des Lebens.

Im Persönlichen ist es oft besser, zu schweigen und zuzuhören. Denn in anderen ist genau dieselbe Suche nach Zustimmung wie in dir. Schweigst du, wird der Eindruck von Einfühlsamkeit und Zuhören entstehen. Zuhören ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen. Weil sie so selten ist, ist sie ist sehr gesucht; der Bedarf ist nahezu unerschöpflich.

Und, sofern der Eindruck von Einfühlsamkeit täuscht, weil dein Zuhören zuerst lediglich auf der eben beschriebenen Technik beruht: Dein Einfühlungsvermögen wird wachsen, mit der Zeit, und zwar durch die Technik.

Bedenke, dass du schweben kannst – du kannst dich der Gravitation entziehen, wenn du verstehst,  dass die Suche nach der Gemeinsamkeit in allen Menschen ist, als ihr Grundgesetz. Und dass sie trotzdem niemals völlig zusammenkommen können. Daher ist es ein ganz zweckloser und aussichtsloser Kampf, eine Sucht sogar, andere stets von den eigenen Überzeugungen unterrichten zu wollen, andere bereden zu wollen, sie über-reden zu wollen.

Lass andere anders sein was last modified: Januar 17th, 2018 by Henrik Geyer

Was ist „verrückt“? Gedanken, die krank machen.

Ich hatte im vorigen Beitrag mit dem Titel Was ist „verrückt“? gesagt, dass man gegenüber „Verrückten“ („verrückt“ im Sinne von: Von der Realität abge-rückt) eine Haltung einnehmen kann, die hilft. Und ich hatte auch gesagt, dass dieselbe Haltung im ganz normalen Alltag weiterhilft.

Ich will ein wenig illustrieren, wie ich das meine.

Mit meinem Sohn, der eine psychische Erkrankung hat, habe ich manches Mal sogenannte „Mindfuck-Filme“ gesehen. Das war sein Wunsch, er interessierte sich sehr dafür. Mindfuck-Filme (diesen Begriff hat er mir erklärt), das sind Filme, die die Realität aus einer ganz bestimmten, als normal empfundenen, Perspektive schildern, und diese dann, meist gegen Ende des Films, umdrehen. Zum Beispiel wird ein Verbrechen aus der Perspektive eines Detektives geschildert; minutiös wird dargestellt, wie der Detektiv dem Verbrecher immer auf der Spur ist, ihn stets nur knapp verpassend .. und am Ende stellt sich heraus, dass Verbrecher und Detektiv ein- und dieselbe Person sind!

Natürlich lässt das den Zuschauer zutiefst verblüfft zurück. Beispiele für solche Plots gibt es viele – zum Beispiel den Film „Shutter Island“, wie überhaupt viele Filme heutzutage, ich erinnere mich so etwas von Patricia Highsmith gelesen zu haben, oder vielleicht „Die Verwandlung“ von Kafka, oder die Geschichte von Jeckyll und Hyde von R.L.Stevenson, oder auch „Ubik“ von Philip K. Dick. Oder „Die Maske“ von Stanislaw Lem. Plots dieser Art sind jedenfalls keine Seltenheit, und nach meiner Auffassung machen sich die jeweiligen Autoren eine Tatsache zu Nutze, die zwar jeder beobachten kann, aber doch ganz unverstanden ist, und daher jedesmal aufs Neue verblüfft. Nämlich, dass „die Realität“ in jedem Individuum verschieden ist, und es überhaupt nicht klar ist, was denn nun „die Realität“ (in der Einzahl) sein soll.

Nun interessierte sich wie gesagt mein Sohn ausgerechnet für solche Filme, und wir haben uns den einen oder anderen angesehen. Hinterher war mein Sohn oft wie demoralisiert, einmal flossen Tränen, und wir haben einige recht tiefschürfende Gespräche geführt, weitergehende Gespräche, als sonst je möglich waren. Daher betrachte ich im Nachhinein die Auseinandersetzung mit diesem Thema als überaus hilfreich für ihn.

Meinem Sohn machte, wie sich herausstellte, die Vorstellung Angst, selbst so zu sein, wie der Protagonist in einem dieser Filme. Also jemand, der unter „Bewusstseinsspaltung“ leidet, und nicht weiß, welcher Realität er angehört. Angenommen man erlebt etwas (genau in diesem Moment), und weiß nun nicht: Ist das ein „krankhafter“ Traum, oder ist das die Wirklichkeit?

In dieser Situation war es, wie ich es heute empfinde, sehr gut, ihm sagen zu können, dass niemand weiß, was „die Realität“ (in der Einzahl) ist, dass uns allen dies rätselhaft ist, dass Zweifel an der Realität, wie sie in diesen Filmen ja dargestellt werden, in uns allen ruhen. Und dass deshalb seine Zweifel und sein Grübeln letztlich nichts „krankes“ sind, sondern völlig normal.

Sehr leicht hingegen, und ebenso falsch, wäre es gewesen, wie aus der Pistole geschossen zu antworten: dass die Realität eindeutig sei, dass sie für jeden Normalen jederzeit erkennbar sei, dass die Realität mit ewigen Wahrheiten verbunden sei, dass die Realität dass sei, was jedermann mit den Augen sehen könne, etc..

Denn man muss einmal eines feststellen: Der „Verrückte“ leidet natürlich an bestimmten Denkgewohnheiten, und begibt sich im Ergebnis in eine Realität, die leicht erkennbar abweicht von dem, was andere „normal“ nennen und als „die Realität“ bezeichnen. Aber, er leidet natürlich sehr darunter, dass er scheinbar so abwegige Gedanken haben soll – ist er doch meist intelligent, und nicht dement, was bedeutet, dass auch er durchaus die Unterschiede zwischen den Welten sehen kann! Und er leidet mindestens zusätzlich an diesen Unterschieden (wenn nicht hauptsächlich), wenn man ihm diese Unterschiede deutlich macht und ihn, quasi schuldig, auf die andere Seite der Realität stellt – die nicht reale. Weil er natürlich, wie wir alle, nicht krank sein möchte, nicht verrückt sein möchte, sondern eine ganz normale Realität erleben möchte, so, wie er meint, dass es sich auch gehört! Es könnte sogar sein, dass Psychiatrien oder auch Krankensäle jeder Art (man denke allein an psychosomatische Krankheiten) vor allem von jenen bevölkert werden, die ursprünglich besonders treue und ergebene Anhänger der materialistischen Weltanschauung mit ihrer Enge und Strenge waren. Man könnte auch sagen: verbissene Kinnmuskelspanner, die auf Biegen und Brechen (Brechen der eigenen Gesundheit) „der Welt“ gerecht werden möchten.

Und, wenn man nun, zumindest in diesem einen Punkt, einmal Klarheit schaffen kann, dass man ehrlich und zutiefst überzeugend sagen kann, dass es „die Realität“ nicht gibt, dass wir alle unseren eigenen Realitäten anhängen und in einem permanenten Bäumchen-wechsle-dich-Spiel befangen sind, was die vermeintlich „eine“ Realität betrifft, so ist das etwas, was den psychisch Kranken entlastet. Diese Normalität einzugestehen, verbunden vielleicht mit der Vorstellung, höheren Mächten unterworfen zu sein, die wir nicht verstehen – das hat etwas Heilendes. Während die Vorstellung, man habe es mit jener einen und einzigen Realität zu tun, und man sei nur nicht in der Lage zu erkennen, welche das ist .. DAS hat etwas Beängstigendes und Krankmachendes! Unter dieser Schizophrenie (ich nenne das „normale Denken“ schizophren – die Spaltung des Denkens liegt darin, dass man meint, alles müsse ganz eindeutig sein, man stellt aber ständig fest, dass das nicht so ist) leiden nicht nur die sogenannten Verrückten, sondern sehr viele, ganz „normale“ Leute.

Man kann dasselbe auch an der manchmal ungenügenden Funktionsweise der Psychiatrie zeigen. Ich nehme Bezug auf den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“, den vielleicht jeder kennt, und der eigentlich ein recht treffendes Bild liefert.

Die Verrückten in der Psychiatrie, in die der Sträfling Murphy gerät, werden betreut von ganz normalen, rechtschaffenden, wohlmeinenden Menschen, die allerdings den kleinen Makel haben, dass sie über keinerlei Vorstellung verfügen, was wohl im Kopf eines Psychiatriepatienten vor sich geht. Und die sich auch in keiner Weise dafür interessieren. Sie sind Gläubige der einen Realität, und, da die Patienten von dieser einen Realität sichtbar abweichen, sei, meinen sie, jede Mühe überflüssig, nach deren Realität zu fragen. Sie sind Gefangene einer merkwürdigen Eindimensionalität, die aus ihrer Sicht „die Realität“ ist. Und diese Realität nun, meinen sie, müsse jedermann erkennen, dazu seien sie da, das ist ihre Ausbildung – alles andere sei sinnlos und eben verrückt.

Man denke an den bemüht-sachlichen Ton der Oberschwester Ratched im Film, die sich zwar formal nach den Ansichten der Patienten erkundigt, aber sich erkennbar nicht dafür interessiert – sie ist ganz mit ihrer eigenen strengen Welt beschäftigt, die keine Kompromisse jenseits des – aus ihrer Sicht – Vernünftigen kennt. Sie macht aus dem, was man als die Komödie des Lebens bezeichnen könnte, eine Tragödie. Sie sieht alles ganz eng, möchte mit ihrer sachlichen, aber jede Freude tötenden Art, der einen Wirklichkeit gerecht werden, die, wenn sie darüber redet, eine traurige Farbe annimmt. Und sie ist auf diese Weise eigentlich ungeeignet, den Verrückten helfen zu können.

Ausgerechnet Murphy aber, der weiß Gott kein Waisenknabe ist, der das „volle Leben“ verkörpert, der sicher kein Genie ist und dessen Gedanken sich um Schnaps, Frauen und Freiheit drehen, dringt in die Welt der Patienten ein, weiß zu faszinieren, und heilt die Verrückten ein wenig. Er sieht „die Dinge“ nicht eng, und das sind sie ja auch nicht – wenn man bedenkt, dass jeder einen eigenen Blick auf die Dinge hat, dann weiten sie sich; müssen denn die Dinge nicht in der Vorstellung von jedermann Platz haben? Also müssen sie weit sein! Er ist politisch unkorrekt und gerade deshalb realistisch. Er trifft die Realität der Verrückten dort, wo sie ganz normal ist, nämlich bei Schnaps, Frauen und Freiheit (im Film).

Der Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ ist in der Psychiatrie angesiedelt, aber man bezeichnet ihn nicht umsonst auch als eine Kritik an der Gesellschaft. Denn, was die Patienten in der Psychiatrie kränker macht, manchmal tötet (wie im Film), das hat auch außerhalb der Psychiatrie seinen Platz, und macht in der „ganz normalen“ Alltagswelt Leute krank.

Derselbe Anspruch wie der im Film bei der Stationsleitung gezeigte, nämlich der, dass man Dinge nur auf eine einzige Art und Weise sehen könne, brachte und bringt in der normalen Welt Leute in Gefängnisse, und manchmal zu Tode. Eben wie im Film.

So lacht doch!

Ich sagte, man müsse „die Dinge“ nicht so eng sehen, denn wenn die Dinge in der Vorstellungswelt jedes Individuums etwas anderes sind, dann sind sie auch weit. Man könnte es auch umgekehrt erklären: Wenn die Dinge in jedem Menschen etwas anderes sind, dann haben sie nur einen ganz kleinen „wirklichen“ Kern. Wie groß ist dieser Kern? Das ist nicht bestimmbar.

Der Spirealismus sagt: Es gibt keinen Kern. Denn, je nachdem, innerhalb welcher Gruppe man ein Objekt betrachtet, scheint der „reale Kern“ größer oder kleiner zu sein. Wenn man sich aber vorstellt, man würde mit beliebigen kosmischen Beobachtern in Kontakt treten können, muss sich der Kern auflösen. Denn das, was wir Menschen als das Wesen der Dinge ansehen, sind menschliche Vorstellungen vom Wesen der Dinge, die wir im anderen Beobachter nicht antreffen würden.

Dieses Verständnis der Welt, die Sichtweise des Spirealismus, sehe ich als heilend an. Denn sie fragt nicht, was die richtige Realität ist, sondern setzt als erste Prämisse voraus, dass es „die“ Realität (in der Einzahl) nicht gibt. Und Spirealismus ist, so gesehen, der Erlebniswelt von Psychiatriepatienten sehr viel näher, als der Materialismus, der jedermann aufzufordern scheint, man müsse die eine Realität doch einmal zur Kenntnis nehmen, man müsse die einzige Alternative sehen (was zu einer Sichtweise der Enge und Alternativlosigkeit führt), man müsse doch die Wahrheit erkennen, und so weiter. Spirealismus ist natürlich auch der Erlebniswelt ganz normaler Menschen viel näher als der Materialismus, sofern diese denn die sogenannte Realität einmal unter dem vorgenannten Aspekt zu sehen beginnen.

Die Welt (die Welten) sind ernst, aber auch lustig. Es hat etwas Komisches, wie wir uns gegenseitig die Realitäten erklären, und sie so zu einer werden lassen. Und das Erkennen der Nicht-Eindeutigkeit, und damit das Ablassen von dem Sich-Abarbeiten an den Dingen, die man ganz genau zu wissen glaubt, hat etwas Heilendes.

Sie möchten gern lachen – aber so tun Sie es doch. Die Welt ist durchaus nicht zu ernst dazu. Sie ist weder ernst noch lächerlich, sondern in jeder Sekunde anders, anders, anders.

Sie lieben zu vereinfachen und meinen dadurch den Dingen „auf den Grund“ zu kommen. Aber dieser Grund existiert gar nicht, und nur wer ohne Ende auflöst, verunendlichfacht: wen die ganze maßlose Fülle des Lebendigen nah und fern schließlich seines vermeinten Verantwortungsgefühls – als ob auf ihm just alle Pflicht und Schwere läge – lächeln macht -, er wird in seinem und in allem Leben einigermaßen gerecht werden können. Alles Vereinfachen tötet, (denn es führt zum Buchstaben, zur Ruhe, zur Starrheit), der Schmetterling Welt steckt ausgespannt im Glaskasten; was lebendig macht, ist allein der Geist des Allumfassens, Alldurchdringens, des Glaubens an nichts und alles, und zwar zugleich an restlos nichts und restlos alles.

Christian Morgenstern
deutscher Dichter und Schriftsteller
geb. 6. Mai 1871 in München; gest. 31. März 1914 in Untermais, Tirol, Österreich-Ungarn

 

 

Was heißt „verrückt“?

 

 

 

 

 

 

Was ist „verrückt“? Gedanken, die krank machen. was last modified: Dezember 15th, 2017 by Henrik Geyer

Was heißt „verrückt“?

Wie ich in „Alles ist Geist“ schilderte, war ich vor einigen Jahren konfrontiert mit der psychischen Erkrankung eines mir nahe stehenden Menschen. Mein geliebter, damals kleiner Sohn .. Wenn so etwas eintritt, dass man in seinem nächsten Umfeld einen psychisch kranken Menschen hat, den man liebt, dem man gern helfen möchte, den man verstehen möchte, dann macht man sich viele Gedanken über dessen geistige Welt. Man möchte begreifen um zu helfen, man möchte erfahren, warum es so schwierig ist, mit dem scheinbar Offensichtlichsten durchzudringen, zu diesem fremden Verstand. Dessen Eigenschaft, ein eigenes Universum zu sein, ein Ich-Universum, wird einem erst in diesem Prozess wirklich begreiflich. Man lernt übrigens mindestens so viel über sich selbst, wie über den Anderen, denke ich.

Zum Beispiel möchte man das oft gebrauchte Wort „verrückt“ besser verstehen. Dem Normalmenschen schein es offensichtlich, was es bedeutet. Demjenigen, der damit zu tun hat, nicht. Es bedeutet ja, umgangssprachlich, eine geradezu hoffnungslose Fremdheit gegenüber allem normalen Verstehen, daher wird es häufig als Schimpfwort verwendet. Als Schimpfwort beinhaltet es den Anklang von Dummheit (zu dumm das Einfachste zu verstehen), vielleicht Demenz (ein hoffnungsloser Fall geistiger Vernebelung), etc. Ist der geliebte Mensch nun „verrückt“? Ist er grundsätzlich dumm, ist er unrettbar einer anderen Welt verfallen? Oder hat er „nur“ eine Neurose, oder „nur“ eine Psychose, was wissenschaftlich und nach Lösungen klingt? Was ist das Wesen von Verrücktheit? Worin unterscheidet sich Verrücktheit grundsätzlich vom gesunden Denken, so dass man hier etwas Griffiges hat, es einzugrenzen…

Verrücktheit einzugrenzen ist nicht einfach, schließlich kann man sich mit psychisch Kranken oft ganz normal unterhalten, man denke auch, wie oft man sagt, man sei selbst ein wenig verrückt, etc.. Was „verrückt“ ist, ist jedenfalls keine einfache Frage. Schließlich kann ja niemand in den Kopf eines anderen hineinsehen, auch kein Psychiater kann das. Und nach meiner Erfahrung interessieren sich viele Psychiater auch nicht sonderlich dafür, wie die geistige Welt ihrer Patienten aussieht. Sondern, sie sind oft zufrieden mit der Feststellung eines Krankheitsnamens, mit dem Ausprobieren einer Behandlung (die in ihrer theoretischen Definition mit soundso vielen Krankheitsnamen verknüpft ist, was wiederum zu einer Diagnose führt). Natürlich auch mit der Aufnahme von Symptomen, die oft genug die direkte Folge des Handelns des Patienten sind. Woraus sich eigentlich die Frage ergeben würde, aus welcher Logik heraus der Patient so handelt wie er handelt – oft selbstzerstörerisch. Würde man glauben, dass hier Logik ist, wäre man vielleicht interessierter zu erfahren, worin diese Logik besteht… So jedoch tut man so, als sei das Geistige einerseits abhängig vom Willen (beim Gesunden), oder aber abhängig von einem Krankheitsbegriff (krank), der, indem er genannt wird, erkläre, dass hier andere, quasi „organische Kräfte“ am Werke wären.

Gute Psychiater hingegen interessieren sich sehr dafür, was ihre „Verrückten“ denken, und finden in der Psyche der Patienten, aber auch durchaus der eigenen, ein Feld für geradezu unendliche Entdeckungen. Man denke an Freud und Jung, und natürlich viele heute lebende Fachleute.

Zur Frage „was ist verrückt?“ gibt es beispielsweise das interessante Buch „What is madness?“ von Darian Leader, der die Frage in etwa so beantwortet (ich zitiere aus der Erinnerung, daher vielleicht ein wenig ungenau): „Der neurotische Patient fragt sich Dinge, und möchte (noch) Antworten erhalten. Der psychotische Patient hingegen fragt sich nichts mehr, da er sich im sicheren Besitz der Antworten glaubt.“ (eine Neurose ist eine leichtere „Verschiebung“ der Wahrnehmung, eine Psychose ist eine ‚Wahnstörung‘, man kann also sagen, dass Psychosen mit Wahnvorstellungen einhergehen, also mit dem Sehen von Dingen oder Situationen, die ’nicht da‘ sind. Daher trägt die Psychose am ehesten jene Merkmale, die der Volksmund wenig feinfühlig als ‚verrückt‘ bezeichnet. „Verrückt“ wiederum meint natürlich eigentlich ein Abgerückt-Sein von der sogenannten Realität, ein Ver-rückt-Sein von der Wirklichkeit.)

Ich las das Buch von Darian Leader mit großem Interesse, besonders, da sich mir die Frage „was ist verrückt?“ aufdrängte, jedoch in der Psychiatrie, stellt man diese Frage, oft so getan wird, als sei die Antwort simpel und überflüssig, denn man sehe doch wohl, was verrückt sei: eben das völlig Sinnlose, vielmehr käme es darauf an, Worte wie „verrückt“ nicht zu gebrauchen, sondern zu verklausulieren, so als ob sich dadurch etwas klarer machen ließe. Dass der Befragte oft genug gar keine Antworten hat, bleibt so unsichtbar.

Die Definition Leaders hat sich in meinem Gedächtnis erhalten. Leader fragt im Titel seines Buches ganz direkt: „Was ist verrückt?“ – man sieht also, dass die Frage interessant ist, und keineswegs obsolet – auch und gerade für gute Fachleute. Letztlich ist jede Wissenschaft, und sei sie noch so fortgeschritten, mit den einfachsten Grundvorstellungen des Menschen verknüpft, beispielsweise wie die Kernphysik verknüpft ist mit der Vorstellung, dass jedes Ding einen Kern haben müsse, wie jede Kirsche einen Kern hat.

Leader definiert Verrücktheit als eine Art von Kommunikationsstörung (siehe Zitat), was aus meiner Sicht völlig zutrifft. SO gesehen wiederum, ist Verrücktheit eben keineswegs sinnlos, sondern der Verrückte handelt seiner inneren Logik entsprechend – also ganz vernünftig und nachvollziehbar, das Defizit besteht nicht in einem dummen Denken (statisch gesehen), sondern in Kommunikation (fließend gesehen). Und, hat man das erst einmal begriffen, fängt man an, über so Vieles andere nachzudenken. Zum Beispiel über freien Willen – wieso kann Derjenige, der einer Logik entsprechend handelt, nicht einsehen, dass diese Logik zerstörerisch ist, und daher falsch? Warum kann er nicht „einfach“ anders handeln … logischer? Hat er etwa keinen richtigen Willen? (Nebenfrage: Ist, keinen richtigen Willen zu haben, in diesem Zusammenhang ein neues Problem? Oder ist es quasi dasselbe, wenn ich sage, er handelt seiner inneren Logik entsprechend? Ist Wille und innere Logik dasselbe?). Was hat eine Kommunikationsstörung mit Willen zu tun, und umgekehrt? Und man kommt, wie ich glaube zwangsläufig wenn man tiefer darüber nachdenkt, zu der Frage, wie der eigene Wille und die eigenen Mechanismen der Wahrnehmung beschaffen sind, wenn man die scheinbare Dysfunktionalität der Wahrnehmung des Kranken sieht, und wenn man sie unter dem Aspekt eines eigentlich normalen und allgegenwärtigen Vorganges betrachtet. Man findet, dass hier sehr offensichtliche Parallelen sind. Auch der „Gesunde“ ist nicht offen für alles, auch der „Gesunde“ hat Grenzen des Denkens, über die er nicht hinaus kann, auch der „Gesunde“ glaubt überall Antworten zu sehen, wo eigentlich Fragen wären.

Man fragt sich: Wenn der Kranke einer inneren Logik folgt … wie sieht dann wohl die Welt aus, die er „vor sich hat“? Ganz anders als die meinige? Wie muss man sich das vorstellen? Überhaupt: Wie sind Realität und Wahrnehmung miteinander verknüpft, so dass es möglich ist, dass jemand, der gesunde Augen hat, deutsch versteht und auch sonst durchaus im Besitz intellektueller Fähigkeiten ist, eine offenbar andere Welt vor sich zu sehen glaubt, als die „richtige“?

Übergang ins Philosophische

Wer in diesem Blog ab und zu liest, der wird vielleicht feststellen, dass diese Fragen genau auf die Themen zulaufen, die ich gewöhnlich ohnehin behandele, und in meiner Philosophie namens Spirealismus einer eingehenden Betrachtung unterziehe, also: was ist Realität? Gibt es nur eine Realität? Was ist Wille? Was ist Wahrnehmung? Etc..

Der Spirealimus beantwortet die Fragen, die sich zumindest AUCH aus der Kenntnis und Beobachtung einer psychischen Erkrankung ableiten lassen, in einer grundlegend anderen Weise, als sie sich mit Hilfe des materialistischen Weltbildes beantworten lassen (wesentlich zutreffender). Zum Beispiel fragt der Spirealismus nicht, ob es nur eine Realität gibt, sondern er stellt fest, dass es viele Realitäten gibt – mindestens ist jedes Individuum mit einer eigenen Realität verknüpft (Ich-Universum). So gesehen ist die Problematik des Verrückten etwas, das durchaus eine Normalität hat, und zwar in jedermann. Denn jeder hat ja seine eigene Realität „vor sich“, nicht nur der Verrückte.

Verrücktheit als Kommunikationsstörung gesehen … Es ist dem Spirealismus auch (selbst-)verständlich, dass der Verrückte eine erkennbar andere Welt vor sich hat, als derjenige, der umfassend an Kommunikation teilnimmt. Denn der Eindruck, wir würden über eine einzige Welt sprechen, der wir uns alle „gegenüber“ sehen, entsteht ja gerade aus Kommunikation, also aus der Verbindung. Während der Verrückte, wie Leader es ausdrückte, glaubt, alles zu wissen – es gibt keine Fragen für ihn. Hingegen ist es das Wesen der „normalen“ Welt, stets und ständig im Austausch zu sein. Wir erzählen uns gegenseitig, was es gibt und was nicht.

Wenn die Kommunikation unterbrochen ist, gibt es partiell keine Verbindung zu dem, was der „Vernünftige“ über seine eigene Welt mitzuteilen hat. Anders gesagt: Auch der Verrückte hat den Eindruck, es gäbe nur eine Welt, nämlich diejenige, die er vor Augen hat. Es ist die Welt seiner eigenen Vernunft. Und vernünftigerweise kann er diese nicht verlassen. Oder soll man sagen, er will nicht – was ist der Unterschied?

Die Verrücktheit des psychisch Kranken aus der Sicht des Normalen ist umgekehrt die Verrücktheit der normalen Welt aus der Sicht des Kranken – das ist die schlichte Umkehrrelation, der man im Umgang mit einer solchen Krankheit gewahr wird. Einen absoluten Bezugspunkt gibt es nicht. Es gibt nicht „die normale Welt“ als eindeutige Definintion, es gibt nicht „die“ Realität.

Es ist eine manchmal entmutigende und auch bedrückende Erfahrung, wenn man mit einem Verrückten, dem man gern helfen möchte, zwar sprechen kann, sogar, wie man meint, ganz vernünftig sprechen kann, aber dennoch gibt es keine richtige Verbindung der Welten. So als sei die Kommunikation (das Reden) lediglich in einer verballhornten Form vorhanden, jedoch im eigentlichen Sinn nicht vorhanden, sondern unterbrochen.

Der Spirealismus sieht die Kommunikation mit Worten noch unter einem anderen Aspekt, wie ich finde, einem erhellenden. Denn für den Spirealismus gibt er ja keine materiellen Dinge, für die wir Worte finden, es gibt keine Dinge des Außen, von denen wir Informationen abrufen. Sondern es gibt Vorstellungen von Dingen – man könnte auch sagen: Die Dinge, und die Vorstellungen von Dingen, sind ein- und dasselbe. Daher sind die Worte, die wir verwenden, nicht Beschreibungen von etwas Äußerlichem, sondern sie sind verbunden mit den uns eigenen Vorstellungen. Daher versteht jeder, dieselben Worte verwendend, doch eigentlich etwas anderes. Die Worte und die (eigenen) Vorstellungen sind verknüpft –  aus dieser Sichtweise wird klarer, dass Worte in jedem Ich als etwas anderes aufgefasst werden müssen. Es gibt keine Notwendigkeit, mit der Verrückte durch Worte „eines Besseren belehrt“ werden könnten. Und, bei genauerer Betrachtung, gibt es eine solche Notwendigkeit auch nicht in der Welt der „Gesunden“ ..

Aus der Sicht des Spirealismus ist Kommunikation ein umfassender Begriff. Schauen, anfassen, essen, gehören dazu. Jeder Gedanke ist Kommunikation – geboren aus der Verbindung. Jeder Gedanke ist auch eine Wahrnehmung. Eine Wahrnehmung lässt sich nicht abgrenzen in etwas, das man „richtig wahrnehmen“ kann und etwas, das man „nur denkt“. Beispielsweise ist eine Wahrnehmung, die wir mit den Augen machen, nicht grundsätzlich verschieden von einer Wahrnehmung die ein anderer macht, und von der er uns erzählt. Beispielsweise auch sind die gedachten Konklusionen aus dem, was wir als „real wahrgenommen“ bezeichnen, ebenso Teil unserer individuellen Realität, wie die „reale Wahrnehmung“ selbst. Unsere Phantasien sind ganz normaler Teil der Realität. Es gibt keine feste Trennlinie zwischen Vorstellung und Realität.

… es gibt keine feste Linie? Oder gibt es gar keine Linie? Nein, da ist keine Trennung! Die Realität IST eine Vorstellung, die Realität IST eine Annahme. Die Realität IST, wenn man so will, Phantasie. Der Spirealismus sagt das mit Entschiedenheit, weil eine Trennlinie, die nicht ansatzweise definiert werden kann, keine Notwendigkeit der Existenz hat. Sie macht keinen Sinn. Eine solche herbei-phantasierte Trennlinie ist eben genau das, wovon der Spirealismus spricht: Eine mögliche Vorstellung. (Und der Einwand, es gäbe dennoch eine Trennlinie zwischen Realität und Phantasie, denn jeder definiere diese Trennlinie ja, und zwar jeder mit Leichtigkeit und jeder anders, führt lediglich auf sich selbst zurück – auf eine schlichte Annahme, man kann auch sagen, auf einen Glauben)

Es ist die Reibung der Welten …

Es war für mich damals eine wichtige Frage, wie denn der „Kraftschluss“ zwischen den verschiedenen Realitäten (wieder-) hergestellt werden könnte, so dass es möglich wäre, den Kranken zu heilen. Ich sah es als selbstverständliche Pflicht des „Normalen“ an, sich in die Welt des „Verrückten“ so weit hinein zu begeben, dass eine Verständigung möglich wird, somit also der gewünschte Kraftschluss.

Dies ist, wie die Praxis aber zeigt, und wie jeder der sich damit auskennt, vielleicht bestätigt, erstens nahezu unmöglich – d.h., Dinge zu tun und zu denken, die man selbst für unvernünftig hält, wäre, wenn es denn überhaupt ginge, eine Tortur. Zweitens würde man dem Patienten damit auch nicht unbedingt helfen, denn die Hilfe müsste ja in einem „Zurückholen“ des Patienten bestehen, nicht dem „Hinübergehen“ des „Normalen“ in die Welt des Abnormen. Die Notwendigkeit, das eigene Verhalten anzupassen, kann der Patient bestenfalls (ein-)sehen, wenn er die Unterschiede der Welten wahrnimmt. Es MUSS also sozusagen Reibung und Konflikte geben. Sicherlich nicht im Übermaß, sonst wird der Kraftschluss sehr schnell unterbrochen.

Aus spirealistischer Sicht lässt sich das noch einmal klarer formulieren: Da wir ja ohnehin alle eine eigene Realität „vor uns“ haben, gibt es also keine eine und einzige Realität, auf die wir uns beziehen können. „Die Welt“ ist ein fließendes Konzept, dessen Einheitlichkeit eigentlich Illusion ist. Eine Illusion, die aus Kommunikation resultiert.  (Womit wir wieder bei dem weiter oben verwendeten Wort Kommunikationsstörung sind.)

Um besten Kraftschluss herzustellen müssen die Welten sehr nahe sein. Entfernte Welten mit ganz verschiedenen Begriffen (Vorstellungen) bedeuten eben auch wenig Kraftschluss – das lässt sich nicht ändern. Das heißt, zwischen einer „verrückten Welt“ und einer „normalen Welt“ ist der Kraftschluss ohnehin gering. Die Begriffe des Verrückten weichen per Definition ab, wie will man also mit Worten, die in seiner Welt mit fremden Begriffen verknüpft sind, die Begriffe „dieser“ Welt übermitteln? Das ist auf jeden Fall schwer. Und manchmal unmöglich.

(Man denke in diesem Zusammenhang übrigens einmal an die kosmologische Wissenschaft, die davon ausgeht, man müsse mit jeder „vernünftigen“ Lebensform auch in eine Kommunikation eintreten können …)

Vorhin formulierte ich, dass der Psychotiker Dinge sieht, die „nicht da“ sind. Der Spirealismus würde das so ausdrücken: „Die Welt“ ist eine Vorstellung. Im materialistischen Sinn „da“ sind die Dinge sowie nicht. Sondern, der Eindruck der „einen Welt“ kommt durch Kommunikation zu Stande. Eben auf diese Weise kommt die Information von materiell vorhandenen Dingen zu Stande. Die Information wird nicht abgerufen von Dingen, die „da“ sind.

Etwas anders sehen bedeutet, anders handeln zu können

Aus dieser Sicht wird noch einmal verständlicher, dass in jeder Welt auch ganz verschiedene Dinge sind, und die als selbstverständlich vorausgesetzte Einheitlichkeit in keinem Fall gegeben ist, auch nicht unter „Gesunden“. So denkend kann man den Patienten, den „Verrückten“, noch einmal auf eine andere und menschlichere, auch selbstverständlichere Art und Weise wahrnehmen, als es mit der materialistischen Sichtweise möglich ist. Und, nach meiner Erfahrung kommt es sehr darauf an, WIE man DEN ANDEREN sieht, wenn es darum geht, wie man mit ihm umgeht. Auch hier wieder gilt: Auch „DER ANDERE“ ist ein fließendes Konzept, eine Vorstellung – man kann die Vorstellung formen, man kann eine andere Perspektive einnehmen, und gelangt zu einer anderen inneren Logik, und damit zu anderen Handlungsmöglichkeiten. Genau, wie man es für den Verrückten sagen konnte: Seiner inneren Logik folgend hat er eine ganz bestimmte Anzahl von Handlungsmöglichkeiten. Nur diese, nicht mehr – das ist eine sehr unflexible, redundante Welt, an die schwer heranzukommen ist, denn die Kommunikation ist gestört. Sind wir Gesunden grundsätzlich anders? Ich denke nein! Oder kennen wir vielleicht keine Redundanz, keine Denk-Wiederholung?

Um zu verstehen wie ein Verrückter „tickt“ kann man sich selbst ansehen, und das eigene redundante Verhalten in der Vorstellung um das Hundertfache verstärken. Wie der Verrückte ist jedermann immer wieder in ähnlichen Situationen, handelt gleich. Man könnte die „lieb gewordenen Gewohnheiten“ unter diesem Aspekt sehen, oder auch jede Art von Sucht. Oder, man kann auch einfach darauf achten, was einem wiederholt passiert.

Wird das zu stark, wird das Redundante übermächtig, werden die Gedanken immer wieder im Kreis geführt, ist das verbunden mit einem weitgehenden Abriss der Kommunikation, denn, was den Geist erreichen könnte, ist, wie gesagt, nur aus dessen Verständnis heraus erklärbar. Nicht aus dem Verständnis des Erklärenden (etwa der Gesellschaft). Und das ist es, was man erlebt: Gegenüber einem psychisch Kranken kann man „reden wie ein Buch“, es bringt wenig, und man lernt, anders zu reden, anders zu sein. Sachlicher, positiver, im Ergebnis mitfühlender. Und, die am Beispiel einer psychischen Krankheit gelernten Lektionen kann man ebenso im ganz normalen Leben, in der ganz normalen Welt, im Umgang mit „normalen Menschen“, wiedererkennen und anwenden.

Die Welt des Anderen begreifen

Ich hatte nun einige Male formuliert, dass die Welten IN den Menschen immer verschieden sind, nie im völligen Gleichklang, etc.. Man könnte auch sagen: Völlig verständlich ist immer nur das, was man selbst versteht. Man sieht nur die Bilder des eigenen geistigen Auges, niemals die eines anderen.

Dies meine ich nicht als defätistische Auffassung, dass Verständigung unmöglich sei. Sondern vielmehr soll damit gesagt sein, dass eben diese (spirealistische) Auffassung ein wichtiger Schlüssel für ein besseres Verständnis DES ANDEREN ist. Der Andere ist immer anders, nie gleich. Man begreift so besser, und hat immer vor Augen, dass auch der Andere aus eigener Sicht handelt. Nie „unvernünftig“ ..  „unvernünftig“ – ist unsere Sicht, das ist die Beurteilung einer fremden Welt aus der eigenen Sicht. Man bedenke: Völlige Übereinstimmung ist unmöglich. Unsere Individualität als Menschen ist auch und vor allem die Unterschiedlichkeit im Denken. Und das wiederum bedeutet, dass man nicht anderes Denken vereinnahmen kann, dass man es nicht immer verstehen kann oder muss. Ganz im Gegenteil: diese Auffassung schärft die Sinne für das Unverständliche, für das Rätselhafte. Diese Auffassung schärft die Akzeptanz für den Unterschied, schärft die Entscheidungsfähigkeit für Dinge, die man will, und andere, die man ablehnt. Ja, das Abzulehnende ist auch im Anderen!

Das, was gleich richtig für alle wäre, gibt es nicht, das hat man dann von Herzen gelernt. Man entwickelt einen selbstverständlicheren Blick für das Zugehörige und Fremde, für das Anzustrebende und zu Vermeidende.  Die Welt ist nicht eins, die Welt ist auch nicht alternativlos!

Eine Lebenshilfe

Man kann, wie gesagt, mit dieser Sichtweise besser auf den Patienten in der Psychiatrie eingehen, aber eigentlich ist das eine insgesamt sehr hilfreiche Sichtweise, die im ganz normalen Leben sehr weiterhilft. Denn viele Probleme des Lebens drehen sich doch darum, dass man immer meint, andere müssten verstehen, was man selbst denkt. Oder es ergeben sich Neurosen aus der Ansicht, man müsse mit einem bestimmten Menschen oder einer bestimmten Menschengruppe völlige Übereinstimmung finden. Oder vielleicht religiös formuliert: man wolle mit Gott eins sein. Man bemüht sich, und man zweifelt, und manchmal verzweifelt man auch. Das sind die Nöte der Welt.

Aber man kann, mit Hilfe dieser Sichtweise, zu mehr Verständnis kommen, für sich und andere. Sich selbst wird man nicht mehr überfordern mit Ansprüchen von Absolutheit, oder Wünschen und Zielen, wie sie von der Gesellschaft im Minutentakt generiert werden, und die eigentlich mit einem selbst, wie man oft feststellt, gar nichts zu tun haben. Man wird sich sozusagen weniger „in Not“ begeben. Und ebenso wird man verständnisvoller für die Nöte anderer – eine wichtige und für andere spürbare charakterliche Qualität.

Die Illusion des Materialismus ist es, dass man als „ganz vernünftiger Mensch“ auch bestimmten, „ganz vernünftigen“ Ansichten anhängen müsse. Es ist die Illusion, es gäbe ganz eindeutige Determinanten des menschlichen Seins und Glücks, und diesen müsse man vernünftigerweise gerecht werden.

So gesehen bedeutet Spirealismus für mich die wichtige Erkenntnis, dass der Unterschied das eigentliche kosmische Grundprinzip ist, aus dem heraus sich der Eindruck der Einheitlichkeit erst entwickelt. Und nicht umgekehrt: die Einheitlichkeit sei in Form von jeweils einmal vorhandenen Materieobjekten bereits gegeben, diese Materieobjekte würden von allen beobachtet, so dass nun alle Beobachter auch eigentlich die gleichen Ansichten über die Welt und die Dinge darin haben müssten 

Geisteskrank (verrückt), so meint daher die materialistische Sicht auf die Psyche, sei derjenige, der eine von der „Realität“ genannten Einheitssicht, abweichende Vorstellung hat. Dabei gibt es diese Einheitssicht gar nicht.

 

Was ist „verrückt“? Gedanken, die krank machen.

Was heißt „verrückt“? was last modified: Januar 4th, 2018 by Henrik Geyer

Die Entdeckung der Unendlichkeit in allen Dingen

Die Entdeckung der Unendlichkeit - die Unendlichkeit ist in den Dingen - 2 [SPID 4673]

Die Unendlichkeit – sie ist in den Dingen, die uns umgeben. Sie ist im Ich. Wie entdeckt man die Unendlichkeit, wie kann man sie sehen?

Die Unendlichkeit des Alls

Das All ist unendlich. Es ist das Alles. Das Weltall ist nicht „dort“, man muss nicht durch ein Teleskop sehen, um es betrachten zu können, sondern das All umgibt uns, ist in uns, durchdringt uns. Wir sind selbst das All.

Das All ist nur scheinbar die Summe seiner Teile. Wäre es einfach die Summe von irgendetwas, wäre es uns nicht paradox, denn es würde nicht im Widerspruch zu unserer Weltsicht stehen, dass alles erfassbar ist. Nein, das Wort unendlich bedeutet, dass niemand die Summe bilden kann, denn die Teile kommen, wie aus einer nie versiegenden Quelle, nie endend, zu uns. Aus uns.

Die Unendlichkeit des Kreises

Wir alle kennen das Symbol für Unendlichkeit, den Kreis. Wir könnten genauso gut die liegende Acht betrachten. Doch wir betrachten den Kreis. In der Symbolistik ist der Kreis das Zeichen für Unendlichkeit, ebenso für Gott.

Der Kreis ist ein sich intuitiv erschließendes Symbol für Unendlichkeit, denn man kann mit dem Finger um den Kreis herumfahren – er hat keinen Anfang und kein Ende. Ewig könnte dieses Herumfahren mit dem Finger fortgehen, wenn nicht wir selbst begrenzt wären.

die Unendlichkeit in der geometrischen Figur

Man kann die Unendlichkeit des Kreises auch erklären, wenn man den Kreis als eine geometrische Figur betrachtet. Die Definition eines Kreises in der Geometrie ist, dass ein Kreis sich aus einer Unendlichkeit von Punkten bildet, die sich in immer gleichem Abstand vom Mittelpunkt befinden.

Warum Unendlichkeit? Weil man, egal wie weit zwei Punkte voneinander entfernt sind, wie groß die Entfernung zwischen diesen zwei Punkten ist, diese Strecke immer teilen kann. Man kann in Gedanken einen Punkt zwischen zwei vorhandene Punkte setzen.

Das erfordert übrigens sich vorzustellen, dass die Punkte selbst immer weniger Raum einnehmen. Sie müssen selbst immer kleiner werden, um zwischen die vorhandenen Punkte zu passen. Bis sie – nur scheinbar – Null werden. Doch die Unendlichkeit des Infinitesimalen geht weiter, jenseits der Null sind Welten!

Die Unendlichkeit des Kreises als spirituelles Symbol

Wie schon gesagt ist der Kreis ebenso ein Symbol für Gott. Denn Gott und diese uns rätselhafte Unendlichkeit aus der alles kommt, dieser Raum der unbegrenzten Möglichkeiten, ist ein-und dasselbe.

Oft wird dieses Symbol dargestellt mit einem Punkt in der Mitte. Der Punkt in der Mitte ist der Mensch. Er ist das Element, das innerhalb der Unendlichkeit als ein Teil existiert. Der Mensch kann nicht ohne Unendlichkeit sein, sie umgibt ihn, durchdringt ihn. Und die Unendlichkeit kommt auf rätselhafte Weise aus dem Menschen.

Der Punkt in der Mitte ist raumlos. Warum raumlos? Weil sonst eine begrenzte Zahl an Punkten den Kreis völlig ausfüllen würde – er wäre nicht mehr unendlich in seinem Flächeninhalt, und als Symbol für Unendlichkeit untauglich.

Die Unendlichkeit jedes Objektes

Was wir über den Kreis sagten, lässt sich über jedes Objekt sagen. Um jedes Objekt herum können wir unseren Finger kreisen lassen, solange es uns nur möglich ist, und wir werden nur eins erfahren: die eigene Endlichkeit.

Jedes Objekt, sei es nun eine Kaffeetasse, ein anderer Mensch, ein Planet oder ein Sandkorn, können wir uns als eine nicht zu begrenzende Anzahl von Punkten, von Unterobjekten, von „kleinsten Teilchen“ (Atomen) vorstellen, die es ausmachen, die es wie eine Hülle umgeben, oder die es ausfüllen. Genau so, wie wir uns das Universum vorstellen: Als eine Summe von Teilen – von der wir schließlich doch begreifen, dass es keine Summe ist.

Die Unendlichkeit des Ich

Die Unendlichkeit findet man natürlich auch in sich selbst – vielleicht ist das sogar am allereinfachsten. Im Ich. Was ist das Ich? Beginnen Sie, es zu beschreiben, und Sie werden nie fertig, die Aspekte, die zu dem Ich gehören, aufzuzählen. Das Ich ist scheinbar nur ein kleines Wort, ein einzelnes Wort. So wie das All. Aber wie viel gehört dazu? Wie viele Dinge braucht es, das Ich zu beschreiben; Dinge, die das Ich formen, die das Ich umgeben, die das Ich tut, die das Ich sagt?

Ich sagte, in der Betrachtung des Kreissymbols, dass der Punkt in der Mitte, der in der Symbolistik den Menschen darstellt, raumlos ist. Warum raumlos?

Weil das Ich, weil der Mensch, nur scheinbar ein abgeschlossenes Objekt ist, das sich mit einem einfachen und eindeutigen Namen benennen lässt. Denn im Grunde ist er ebenso wenig fassbar, wie irgendein Ding, irgendein Objekt. Wenn man ihm einen eindeutigen Platz, einen endgültig definierten Raum zuwiese, hätte man bereits etwas falsch gemacht. Das Ich, der Mensch, lässt sich in einem wohlverstanden spirituellen Sinn nicht denken, wenn man ihn völlig abgrenzen will. Sondern in ihm ist die Unendlichkeit Gottes, so wie in jedem Ding Gottes Unendlichkeit ist.

Die Unendlichkeit des Lebens

Die Entdeckung der Unendlichkeit - die Unendlichkeit des Lebens [SPID 4669]Können Sie die Unendlichkeit der Ideen und Gedanken sehen? Der Dinge, die das Leben sind – und des Lebens, das dinghaft ist?

Der alte Baum, der nun tot ist, endete scheinbar. Doch seine Existenz ist jetzt in einer Fülle anderer Existenzen, anderer Ideen. Seine Stoffe werden zu den Stoffen der Erde, aus denen wieder andere Ideen wachsen – andere Pflanzen, andere Dinge. Andere Dinge, die wir „tot“ nennen – doch was ist tot in Gottes Welt der Ideen? Ideen sind niemals tot.

Die Existenz des Baumes ist jetzt die Existenz eines Ameisenheeres. Auch eine Existenz als Pilz, der nur scheinbar ein ganz eigenes Leben hat – doch es ist ein kontinuierlicher Strom, der aus dem Baum hervorgeht – und man bedenke: aus dem auch der Baum selbst hervorging. Nichts endet wirklich; die Fülle der Formen ist unbegrenzt, sie gehen nahtlos ineinander über. Und, nicht vergessen: wir sind ein Teil davon – wir betrachten es nicht „von außen“! Jede Idee, auch wir selbst, ist der Ausgangspunkt und Bedingung für weitere Ideen, in einem unendlichen Zirkelschluss.

Die Unendlichkeit der Sichtweisen

Denken wir an irgendeinen Begriff – denken wir an einen Tisch, zum Beispiel. Der Tisch, wenn wir ihn stehen sehen, kommt uns wie ein ganz eigenes, eindeutiges Objekt vor, das man nicht anders sehen könne.

Doch aus jeder anderen Sicht muss der Tisch ein wenig anders erscheinen, es gibt in der Raumzeit keine zwei völlig gleichen Perspektiven. Der Inbegriff der Mehrzahl – das ist die Unterschiedlichkeit, die wir in der materialistischen Weltsicht als die „Verschiedenheit der Perspektive in der Sicht auf dasselbe“ ansehen.

Wem das nun nicht als besonders gelungenes Beispiel erscheint, weil die Geringfügigkeit der Verschiedenheit nicht wirklich begründet, wo hier die Unendlichkeit sei … es sei ja doch immer noch dasselbe Objekt …. Die Perspektiven auf ein Objekt kann man sich als drastisch abweichender vorstellen, man muss sich allerdings die Mühe machen, auch wirklich abweichende Sichtweisen zu imaginieren.

Das ist dem Materialisten gemeinhin nicht gegeben, denn seiner (eigentlich unbegreiflichen) Auffassung zufolge, hat „der Mensch“ die einzig gültige Weltsicht. Denn er sei so klug.

Stellen wir uns dennoch einen Holzwurm vor – er würde den Tisch als eine Behausung begreifen. An dem Tisch, den wir kennen, müsste ihm nichts bekannt vorkommen. Weder unsere Auffassung von der stofflichen Art, noch der räumlichen Beschaffenheit des Tisches, müsste er teilen. Damit wir die Auffassung des Holzwurmes als relevant für unseren hohen Geist ansehen können, stellen wir uns vor, es handele sich um einen außerirdischen, sehr vernunftbegabten Holzwurm. (Doch … wozu in die Ferne schweifen? Ersatzweise können wir auch annehmen, der irdische Holzwurm habe irgendeine Art Vernunft – nur eben keine Vernunft menschlichen Zuschnitts, weshalb wir ja über dessen Vernunft auch keinerlei Aussage treffen können. Denken wir einfach, im Holzwurm sei die Vernunft Gottes – so wie in jedem Ding und jedem Geschöpf.)

Die Unendlichkeit der selbstreferenziellen Gedanken

Die Gedanken führen auf sich selbst zurück, weil das Ich nichts begreifen kann, wenn nicht mit den Begriffen, die es schon hat. Daher ist jeder Gedanke, den wir fassen können bedingt durch die Gedanken, die wir schon dachten. Wir können nichts beschreiben, wenn nicht  durch den Vergleich mit Bekanntem. Wir kommen daher auch hier wieder auf den unendlichen Selbstbezug des Kreises, bei dem man mit jedem Fingerkreisen einerseits dort ankommt, wo man begann. Andererseits ist jedes Fingerkreisen einzigartig, denn es gibt keine zwei „selben“ Punkte in der Raumzeit.

Was das Eine vom Anderen trennt ist der Unterschied – der Unterschied kann niemals „völlig gleich“ sein, denn das wäre das Ende des Einen, das sich vom Anderen unterscheiden muss, ums selbst Existenz zu erhalten.

Die Entdeckung: Englands Küste ist unendlich lang!

Mancher kennt das Paradox, demzufolge die Küste Englands immer länger wird, je genauer man misst. (Dasselbe Denkmodell lässt sich übrigens auf jeden Gegenstand anwenden … Englands Küste ist nur ein Beispiel für etwas sehr Allgemeingültiges)

Die Küste Englands ist definiert durch eine Küstenlinie, die England eingrenzt und umhüllt. Sandstrände. Doch überlegt man genauer, ist Englands Küste eigentlich definiert durch einzelne Sandstrände mit ganz unregelmäßigen Formen, durch viele kleine Buchten. Noch genauer überlegt liegen größere und kleinere Steine an den Stränden, schließlich könnte man auch sagen, es sind Sandkörner, die die Sandstrände der Küste formen …

Man kann die Küste Englands messen, indem man mit einem kilometerlangen „Zollstock“ die Länge abgeht und die große Küstenlinie abmisst. Oder, indem man jede Bucht, jeden Hafen, mit einem kleinen Zollstock genau ausmisst. Dann ist die Küstenlänge viel größer. Man kann diese Methode gedanklich immer weiter treiben. Man kann um jedes Sandkorn, das von Wasser umspült wird, mit einem ins unendlich Kleine gehenden Zollstock herum messen. Und man wird, in die Welt der immer kleiner werdenden Teilchen gelangend, eine beliebig lange Küstenlänge messen. Unendlich.

Wir sind beim selben Paradox, von dem wir auch sprachen, als wir von der Unendlichkeit des Alls redeten. Dieses Paradox lässt sich innerhalb der materialistischen Sichtweise nicht auflösen. Das All ist nicht die Summe von Teilen. Die Küste Englands ist nicht die Summe des Umfangs unendlich klein werdender Teile, nicht die Summe von Sandkörnern, die von Wasser umspült werden. Und auch nicht die Summe von Atomen und Subatomen, die die Sandkörner bilden.

Die Küste Englands ist eine Idee – ist eine Sichtweise. Eine Möglichkeit.

Infinitesimalrechnung

Mancher wird sich fragen, warum dann wohl mit der Infinitesimalrechnung der Umfang und der Flächeninhalt geometrischer Figuren sehr genau bestimmt werden kann? Die Infinitesimalrechnung geht doch ins unendlich Kleine, warum kommt dann niemals „Unendlich“ als Ergebnis der Infinitesimalrechnung zustande, wenn beispielsweise der Umfang eines Kreises, oder eine Küstenlänge, bestimmt wird?

Weil die Infinitesimalrechnung unseren Blick nachformt, der selbst bereits eine Abstraktion Gottes ist. Die Infinitesimalrechnung formt unser Denken nach – bildet nicht wirklich etwas Äußerliches ab, so wie wir uns das in der materialistischen Weltsicht vorstellten. Um auf das Beispiel von Englands Küste zurückzukommen: Das ist so ähnlich, als wenn wir mit einem Maßband, das durch seine Form und Struktur begrenzt ist, um die Küste Englands herum messen. So ein Maßband kann niemals jedes Sandkorn erfassen. Dafür bräuchten wir ein anderes Maßband. Die Infinitesimalrechnung ist so ein Maßband, das eine bestimmte Form annimmt, indem man mit ihr rechnet. Diese Form ermöglicht eine ganz bestimmte Form der Berechnung, eine bestimmte Sichtweise. Doch sie schließt eine Unendlichkeit an Sichtweisen gleichzeitig aus, begrenzt die Möglichkeiten anderer Sichtweisen. Erst wenn wir die Infinitesimalrechnung auf jedes Sandkorn anwenden würden, kämen wir zu einem anderen Ergebnis – doch das wäre verbunden mit einer anderen Weltsicht.

Was uns die Infinitesimalrechnung zeigt: Der ewige Zirkelschluss der Ideen, ihr Selbstbezug, bringt unsere Welt hervor. Die Art und Weise des Sehens bestimmt, was man sehen kann.

Der offensichtliche Widerspruch zwischen dem Paradox von Englands Küste, das ist der Widerspruch zwischen dem Sehen eines Dinges und der Feststellung, dass in diesem Ding Unendlichkeit ist. Das ist der Widerspruch zwischen unserer scheinbar so eindeutigen Sicht auf die Dinge, und der Erkenntnis, dass wir kein Ende finden können. Das ist der Widerspruch zwischen der Zahl Eins und dem Finden, dass wir die Eins bis in die Unendlichkeit aufteilen können … und erhalten immer wieder Eins. Ein Ding.

Das ist kein mathematisch auflösbarer Widerspruch! Sondern dieser Widerspruch, dieses Paradox, ist nur weltanschaulich auflösbar.

Die Entdeckung der Unendlichkeit in der Semantik

Ein sehr praktisches Beispiel ist es, wenn man sich die Welt als eine semantische Welt aus Begriffen denkt. Letztlich gibt es keinen Grund dies nicht so zu sehen, denn was wir über die Welt wissen, was wir über die Welt sagen können, drücken wir in Sprache aus, und unterliegen somit den Regeln der Semantik. Ein Wort gewinnt seine Bedeutung durch ein anderes Wort. Es gibt in dieser Kette der Bezüge kein Ende – Jedes Ding hat seine Wurzel im Unendlichen.

Denken wir an den Tisch, seine Kausalitäten, seinen Sinn, sein Ziel … Wenn uns jemand fragt, was ein Tisch ist, dann brauchen wir die Begriffe Holz, Stuhl, vielleicht Essen. Und so weiter. Jeder dieser anderen Begriffe ist wie ein Planet umgeben von weiteren Begriffen, die ihn wiederum erklären, begründen, ermöglichen. Man könnte diese Begriffe wie Objekte eines Universums sehen. Wir finden kein Ende dieses Universums. Die Objekte (Begriffe) erzeugen den Raum des Universums. Das Universum ist ein Raum, in dem universell alle Objekte sind.

Einen Raum ohne Objekte gibt es nicht. Ein Objekt, das nicht beobachtet wird, dem also nicht ein anderes Objekt gegenübersteht, gibt es nicht.

Denken wir uns den Tisch einfach als Teil des materialistischen Weltbildes … auch hier passiert das Gleiche, wenn wir den Tisch begründen wollen .. wir verlieren uns in der Unendlichkeit der Kausalitäten. Sie haben keinen Anfang und kein Ende. Letztlich geht der Tisch auf den Urknall zurück – doch der Urknall ist uns nicht wirklich ein end-gültiger Grund, sondern lediglich ein Paradox. Was war vor dem Urknall? Etwas, z.B. ein Urknall, kann doch nicht aus Nichts kommen (oder doch?)! Was löste den Urknall aus, aus welcher Notwendigkeit ergab er sich? Nichts hindert uns, außer unserer eigenen Begrenztheit, die Gründe für den Tisch weiterzudenken, über den Urknall hinaus, vor den Urknall zurück.

Die Unendlichkeit des Wortes „unendlich“

Die Unendlichkeit lässt sich auch sehr schön am Wort Unendlichkeit zeigen. Das Wort Unendlichkeit ist ein einzelnes Wort. So wie der Kreis eine scheinbar ganz einfache Figur ist. Ebenso die liegende Acht. Ebenso wie jedes Ding. Doch das Wort unendlich ist uns paradox, ist uns rätselhaft, ist uns unbegreiflich.

Es ist nur ein einfaches Wort. „Natürlich ist das Weltall unendlich.“ – wie leicht lässt sich das sagen! Wie leicht lässt sich das Wort schreiben. Wie leicht lässt sich ein  Foto des unendlichen Alls machen. Wir rechnen mit dem Unendlichen. X mal unendlich ist unendlich. Ein mögliches Ereignis in einem unendlichen Raum ist ein sicheres Ereignis. In einer unendlichen Raumzeit ist ein Affe, der Krieg und Frieden von Tolstoi aufschreibt, ein sicheres Ereignis. Eigentlich muss man sagen: eine Unendlichkeit literaturbeflissener Affen sind in einer unendlichen Raumzeit ein sicheres Ereignis.

Das Wort Unendlichkeit ist scheinbar einfach, scheinbar endlich, doch liegt darin in Wirklichkeit eine Unendlichkeit an Fragen und Sichtweisen.

Die Unendlichkeit meiner Beispiele

Schließlich und „endlich“ spüre ich die Unendlichkeit, indem ich diese Aufzählung aufschreibe. Ich könnte ewig so fortfahren, in dem ich die Unendlichkeit an jedem Ding, jeder Idee, jedem Wort, zeige. Doch was sind alle Dinge? Ich muss aufhören, denn ich selbst bin endlich, als Idee in einem nicht eingrenzbaren Kontinuum von Ideen. Als endliches Element einer Unendlichkeit.

Die Entdeckung der Unendlichkeit in allen Dingen was last modified: Februar 14th, 2017 by Henrik Geyer

Was ist Nonkonformismus? Nonkonformistische Seelenheilung

Nonkonformismus - schwarzes Schaf [SPID 4371]

Was ist Nonkonformismus? Nonkonformismus ist Unangepasstheit. Nonkonformismus ist der Gegenpol zu Konformismus, der Angepasstheit. Unangepasstheit/Angepasstheit – bezogen auf was? Bezogen auf die Gebräuche, Sitten, das „normale“ Denken der umgebenden Menschen.

 

Ist man ein Nonkonformist, wenn man heute Musik aus den 70ern hört? Mancher versteht das so. Aber Musik aus den 70ern zu hören ist im Grunde schon wieder eine Mode, zumindest in bestimmten Kreisen. Bezogen auf diese Kreise ist man kein Nonkonformist, sondern ein Konformist. Bezogen auf andere Kreise wiederum verhält es sich genau umgekehrt.

Man sieht, dass in einer unendlichen Bandbreite Nonkonformismus so ziemlich alles bedeuten kann. Doch wollen wir Nonkonformismus in seiner deutlichen Ausprägung anschauen, dort, wo er zu einer Unbequemlichkeit wird. Nonkonformismus als eine gewisse Unabhängigkeit des Denkens.

Was ist Nonkonformismus?

Mir fallen dazu einige Begriffe ein, die ich kurz besprechen will

Unbequemlichkeit

Nonkonformismus ist unbequem, denn es ist der dringendste Wunsch des Menschen, sich in Übereinstimmung zu befinden. Jedes offensichtliche Nicht-Übereinstimmen ist unbequem, versetzt in eine Opposition.

Einsamkeit

Sich in den Gegensatz zu anderen zu begeben, bedeutet, keine Zustimmung zu erhalten. Oft bedeutet es Einsamkeit.

Der Loner

Im Film ist der Nonkonformist der Einzelgänger, der unbeirrt von der Meinung der Vielen seinen Weg geht, sich nur auf sich verlässt. Das ist die Variante, in der der Nonkonformist als „gut“ erscheint – er hat den Mut zu tun, was andere nicht für möglich halten, und oft genug gelingt es ihm zu erreichen, was andere nie erreichen können, die artig auf die Zustimmung aller bauen.

Der Böse

Oft ist im Film der Nonkonformist auch der Böse, der sich in den Gegensatz zur großen Mehrheit begibt. Die Mehrheit empfindet das eigene Denken als richtig, daher erscheint das gegensätzliche Denken wie falsch, und auch als böse.

Mut

Es gehört Mut dazu, nicht Teil der Menge sein zu wollen. Die Menge sieht das nicht gern. Die Menge beurteilt richtig oder falsch nach der Maßgabe des eigenen Denkens. Das tut der Nonkonformist natürlich im Prinzip auch, doch verlässt er sich weniger darauf, was alle anderen für richtig halten, sondern befragt vor allem sich selbst.

Das Denken der Menge erscheint der Menge selbst als überaus richtig. In einem endlosen Zirkelschluss prüft die Menge „die Wahrheit“ an der Wahrheit der Menge – und kann so beim besten Willen zu keiner anderen Wahrheit kommen, als der der Menge.

 

Gleichgültigkeit

Es gehört wohl Mut zu nonkonformistischem Denken – man könnte das auch Gleichgültigkeit nennen. Wenn man einmal bestimmte Wahrheiten der Masse als falsch erkannt hat, wird es einem gleichgültig, was dieser oder jener dazu sagt.

Genaues Überlegen

Die Voraussetzung, seine eigene Wahrheit über die der Menge zu stellen, ist Arbeit und genaues Überlegen.

Umgekehrt bemerkt man, selbst arbeitend, fragend, eruierend, wie viele Menschen gewöhnlich damit zufrieden sind, dass irgendjemand zu ihnen sagt, eine Sache verhalte sich soundso. Auf ebendiese Weise wollen sie dieses „Wissen“ auch weitergeben.

Denken können sehr Wenige, aber Meinungen wollen Alle haben: was bleibt da anderes übrig, als daß sie solche, statt sie sich selber zu machen, ganz fertig von Andern aufnehmen? – Da es so zugeht, was gilt noch die Stimme von hundert Millionen Menschen? – So viel wie etwa ein historisches Faktum, das man in hundert Geschichtsschreibern findet, dann aber nachweist, daß sie alle einer den andern ausgeschrieben haben, wodurch zuletzt alles auf die Aussage eines Einzigen zurückläuft.
Arthur Schopenhauer

Ignoranz, Zynismus

Zynismus ist eine Denkrichtung, die die Ablehnung der Werte der Menge beinhaltet. Nicht etwa, wie diese Menge glaubt, weil der Zyniker das Leben ablehnt (das ist ja der heutige Wortsinn von „zynisch“: ablehnend sein, die Werte missachtend etc.). Nein, ganz im Gegenteil. Sondern, weil er die Werte der Menge für falsch hält, und das Leben zu sehr schätzt, als sich falschen Werten hinzugeben.

Der Eremit

Der Eremit, der sich in eine Klause abseits der menschlichen Gesellschaft zurückzieht, ist ein Nonkonformist. Er koppelt sich weitgehend vom Denken der Gesellschaft ab, um die eigene, innere Wahrheit zu ergründen. Er nimmt dafür die Unbequemlichkeit des Einzelgängertums auf sich.

Geistige Gesundheit

Nonkonformismus ist ein guter Ansatz für Gesundheit, auch geistige Gesundheit.

Die Annahme, man müsse dem Denken der Masse immer gerecht werden, führt zu vielerlei Überforderungen. Erstens sind die Anforderungen oft unpassend, zweitens ist man selbst oft nicht in der Lage, bestimmte Leistungen zu erbringen.

Dabei spielt es keine Rolle, ob man nun „Nicht-Können“ als körperliche Unfähigkeit, oder als ein Nicht-Wollen definiert. Meist läuft das auf ein- und dasselbe hinaus.

Im Grunde muss man sich darüber klar werden, dass es keine genaue Deckungsgleichheit geben kann, zwischen der Wahrheit der Masse und der eigenen Wahrheit. Die Lücke wird immer bestehen. Was es braucht, ist Mut zur Lücke.

Wer nicht akzeptieren kann, dass das eigene Denken stets auch in einem graduellen Widerspruch zum Denken aller anderen stehen muss, wer angepasst sein muss auf Biegen und Brechen, riskiert sein Glück und seine Gesundheit, nicht zuletzt seine geistige Gesundheit. Auch Burn-Out ist ein Phänomen, das von einem Angepasst-sein-Wollen ausgeht .. was es hier zur Heilung braucht, ist Nonkonformismus.

Was ist zu tun?

Keine „Macht des Guten“ sein wollen

Für den Normalmenschen hört es sich paradox an, aber, Nonkonformist zu sein bedeutet, nicht dauernd „der Gute“ sein zu wollen. Mut zum Bösen, wenn man so will.

Das Gute ist für die Menschen das, was sie als richtig sehen. „Richtig“  ist für jeden Menschen das, was er selbst für wahr hält, was er selbst tut, was er selbst denkt. Was er selbst denkt ist dem Konformisten gleich dem, was alle denken – sein wichtigstes Kriterium für Wahrheit ist, dass sie sich in Übereinstimmung befindet.

Daher bedeutet Nonkonformismus der Mut zum Bösen. Stimmt man nicht mit seinen Mitmenschen überein, macht man aus deren Sicht Dinge falsch, denkt falsch, und ist in der extremen Konsequenz auch der Böse.

Seinen Weg gehen

Man sollte einfach seinen Weg gehen, und versuchen, die eigene Position zumindest nicht immer davon abhängig zu machen, was irgendjemand sagt. Das ist Nonkonformismus.

Wichtig ist, was einem selbst gut tut. Dass das nicht jedem passt, ist selbstverständlich.

Freiheit

In seinem Wesen ist Nonkonformismus Freiheit. Geistige Freiheit ist Freiheit schlechthin. Für manchen ist es Freiheit, in einem Auto mit offenem Verdeck zu fahren. Aber da alles, was erlebt wird, gedacht werden muss, ist das entscheidende Kriterium für Freiheit die Freiheit der Gedanken. Und Freiheit der Gedanken ist viel mehr als die Fahrt in einem offenen Auto.

Konfrontation …

… sollte man dennoch meiden.

Was den Nonkonformisten von der Masse unterscheidbar macht, ist, was er tut und was er sagt. Nur wenn er selbst will, wird er unterscheidbar. Wer sich in die Konfrontation begibt muss kämpfen, leidet auch. In der Konfrontation des Nonkonformisten mit der konformistischen Mehrheit hat er wenig Aussicht auf irgendeinen Gewinn.

Ein Nonkonformist in diesem Sinne war der oben zitierte Schopenhauer. Man hielt ihn im zeitgenössischen Frankfurt (seinem Wohnort) für einen verkannten Niemand. Das ist nicht gerade sehr schmeichelhaft für einen der größten deutschen Denker.

Es hat für den Nonkonformisten wenig Sinn, sich der konformistischen Mehrheit anzudienen, auf die Zustimmung, gar das Lob jener zu hoffen.

Kannst du nicht allen gefallen durch deine Tat und dein Kunstwerk, Mach es wenigen recht; vielen gefallen ist schlimm.

Friedrich von Schiller

 

Was ist Nonkonformismus? Nonkonformistische Seelenheilung was last modified: November 24th, 2016 by Henrik Geyer

Menschlichkeit – was ist menschlich?

Über Menschlichkeit - Donner Gruppe - gefällte Baumstämme, Höhe des Schnees [SPID 4372]

Neulich las ich ein Buch, das mich über den Begriff Menschlichkeit nachdenken ließ.

1846, zur Zeit der Besiedlung des amerikanischen Westens

Es ist die historisch verbürgte Geschichte der Donner-Gruppe, eines Wagentrecks von ca 90 Emigranten, die, 1846 über die Rocky Mountains ziehend, Californien erreichen wollten um dort zu siedeln. Durch Verzögerungen geriet man in die früh beginnenden Winterstürme in den Bergen. Der Wagenzug schneite ein, es kam durch den während der Wintermonate sich immer verschärfenden Hunger zu Kannibalismus unter den Siedlern. Ich möchte eine kurze Textpassage aus dem Buch History of the Donner Party, a Tragedy of the Sierra anfügen.

Relativität der Moralbegriffe – Menschlichkeit

Ich möchte nicht, auf Grund des Textes, irgendeine Wertung abgeben. In philosophischer Weise möchte ich lediglich die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass das, was man menschlich nennt, letztendlich sehr abhängig ist von Umständen, in denen sich Menschen befinden. Ob nun „Du sollst nicht töten!“ universelle Gültigkeit hat oder haben muss, lässt sich aus einer komfortablen Situation heraus immer leicht sagen. Doch die Moral, die Wahrheit, entsteht aus dem Erleben des Konkreten, nicht umgekehrt. Die Moral, die Menschlichkeit – das sind flexible Begriffe. Man könnte es auch so sagen: Wer nie erleben möchte, wie die menschlich-moralischen Grundbegriffe gedehnt werden und schließlich in Scherben gehen, muss darauf achten, in welche äußerliche Situation er sich begibt. Wohl wissend, dass man es ja keineswegs immer in der Hand hat, in welche Lage man gerät. Dem Text vo History of the Donner Party, a Tragedy of the Sierra folgend könnte man sagen, dass es Menschlichkeit ist, immer das Notwendige zu tun. Aber für welches Tier würde das nicht gelten?

Zum Verständnis:

Ein kleines Rettungsteam hatte dem feststeckenden Wagenzug Nahrung gebracht, noch bevor der Zugang völlig zuschneite. Zu dem Rettungsteam gehörten zwei Indianer. Diese gebrachte Nahrung war schnell verbraucht. Wieder drohten die Menschen zu verhungern.

Unter den Eingeschneiten formierte sich eine Gruppe von 16, die die nahen höchsten Gipfel der Rockys überwinden, und auf der anderen Seite um Hilfe bitten sollten. Diese Maßnahme erschien auch deshalb notwendig, um die geringen Nahrungsvorräte im Camp zu entlasten.

Als Führer dieser Menschen erboten sich die zwei Indianer, die den Weg zu den nächstgelegenen Siedlungen auf californischer Seite kannten.

Nachdem die Gruppe einige Tage unter den schwersten Bedingungen unterwegs war, die Nahrung ausgegangen war, und die Menschen nah am Verhungern waren, kam es zu Kannibalismus. Von den auf dem Weg an Kälte und Hunger Gestorbenen wurden Fleischstücke abgeschnitten und verzehrt.

Die Indianer entfernten sich von der Gruppe der Weißen, wohl auch deshalb, weil sie mitbekamen, dass die Weißen die Absicht hatten, die Indianer zu töten und zu verspeisen. Dennoch führten die beiden Indianer die Weißen weiter, diese von Ferne leitend.

Die Indianer, die selbst nichts zu essen hatten, erschöpften ihre Kräfte, legten sich schließlich auf den Schnee, unfähig noch weiter zu gehen.

Hier die gewählte Passage aus dem Buch:

Sie waren unfähig, sich zu bewegen (die Rede ist von den beiden Indiandern), als die verhungerten „Sieben“ (die verbliebene Anzahl der Weißen dieser Rettungsgruppe betrug nur noch sieben) vorbeigingen. Jawohl! Vorbeigingen, denn die hungernden Emigranten passierten die armen Burschen (die Indianer) lediglich, unfähig sie des kleinen Funkens von Leben zu berauben (was ja eigentlich ihre Absicht gewesen war), der noch in deren geschundenen Körpern war.

Sie gingen noch etwa zweihundert Yards. In wenigen Stunden, vielleicht noch in derselben Nacht, würden sie Hungers sterben. Schon begannen die entsetzlichen Phantasien des Hungerdiliriums vor ihren eingesunkenen Augen zu tanzen. Bevor noch die Indianer aufhören würden zu atmen, wären einige der Sieben rettungslos verloren. Es waren zwei Männer und fünf Frauen. William Foster sah, dass seine Frau, die ihm alles bedeutete, sich schnell dem Tode näherte. Um sein Leben zu retten hatte sie, die geheiligten Instinkte der weiblichen Natur überwindend, ihm Nahrung von Fosdicks Körper abgeschnitten und gebracht. (Fosdick war einer der auf dem Weg Gestorbenen).

Sollte nun er lediglich dabei zusehen, wie sie den schrecklichsten aller Tode stirbt? Leser, begib dich an seine Stelle! Tapfer, edel, heldenhaft, voller löwenhafter Tatkraft, war William Foster zu keiner Zögerlichkeit fähig. Man denke an seine Lage! Auf dem Schnee lag hilflos Mrs. Pike, die Frau, die er unabsichtlich zur Witwe gemacht hatte. Ihre Kinder starben in den zurückgelassenen Hütten (des Camps am Donner Lake, das die Gruppe verlassen hatte). Sein eigener Junge war in diesen Hütten. Seine Kameraden, seine Frau, waren im letzten Stadium des Verhungerns. Er selbst starb.

Eddy (der andere Mann in der Gruppe) hatte nicht genügend Nerven, die Frauen konnten nicht, so musste William Foster! War das Mord? Nein! Jedes Gesetzbuch, jedes Prinzip des höheren Rechts, Selbsterhaltung, jedes Diktat des Rechts, der Vernunft, oder der Menschlichkeit, verlangten die Tat.

Die Indianer waren jenseits aller Hoffnung auf Wiederherstellung. Sie konnten ihre Köpfe nicht von dem Bett aus Schnee heben, auf dem sie lagen. Es war nicht nur zu rechtfertigen, es war sogar Pflicht, es war eine Notwendigkeit.

Als er zu ihnen zurückkam sagte er ihnen, er würde sie töten. Sie stöhnten nicht und kämpften nicht, als sie begriffen, dass ihr schwelendes Leid nun enden würde. Man hörte zwei Schüsse. Die „verzweifelte Hoffnung“ (so nannte man die Rettungsgruppe, zu der auch Foster gehörte) würde nun diejenigen retten können, die am Donner Lake zurückgeblieben waren.

 

englisches Original:

They were unable to move when the famished „Seven“ passed. Yes, passed! for the starving emigrants went on by the poor fellows, unable to deprive them of the little spark of life left in their wasted bodies. Traveling was now slow work for the dying whites. They only went about two hundred yards. In a few more hours, perhaps that very night, they would die of starvation. Already the terrible phantasies of delirium were beginning to dance before their sunken eyes. Ere the Indians would cease breathing some of the Seven would be past relief. There were two men and five women. William Foster could see that his wife—the woman who was all the world to him—was fast yielding to the deadly grasp of the fiends of starvation. For the sake of his life she had stifled the most sacred instincts of her womanly nature, and procured him food from Fosdick’s body. Should he see her die the most terrible of deaths without attempting to rescue her? Reader, put yourself in this man’s place. Brave, generous, heroic, full of lion-like nobility, William Foster could not stoop to a base action.

Contemplate his position! Lying there prostrate upon the snow was Mrs. Pike, the woman whom, accidentally, he had rendered a widow. Her babes were dying in the cabins. His own boy was at the cabins. His comrades, his wife, were in the last stages of starvation. He, also, was dying. Eddy had not nerve enough, the women could not, and William Foster must-what! Was it murder? No! Every law book, every precept of that higher law, self-preservation, every dictate of right, reason or humanity, demanded the deed. The Indians were past all hope of aid. They could not lift their heads from their pillow of snow. It was not simply justifiable—it was duty; it was a necessity. He told them, when he got back, that he was compelled to take their lives. They did not moan or struggle, or appear to regret that their lingering pain was to cease. The five women and Eddy heard two reports of a gun. The „Forlorn Hope“ might yet save those who were dying at Donner Lake.

 

 

Noch ein paar interessante Details:

  • Durch den geschilderten Kannibalismus gelang es einigen die nächstgelegene Siedlung zu erreichen. Dies brachte auch vielen Rettung, die am Donner Lake noch der Hilfe harrten. Frauen, kleinen Kindern … Die Schilderung der Ereignisse ist sehr tragisch und bewegend.
  • Das Bild oben, Wikimedia entnommen, zeigt Bäume, die zur Brennholzgewinnung von den im Schnee Eingeschlossenen gefällt wurden. Auf der Schneefläche stehend schlugen sie mit der Axt die Stämme durch. Die Höhe, in der die Baumstämme abgetrennt wurden, geben einen Hinweis auf die Höhe des Schnees, der die Menschen umschloss.
  • Das hier zitierte Buch entstammt der Zeit, als die Überlebenden des Donner-Trecks noch lebten und selbst Zeugnis gaben.
  • Mark Twain schrieb eine Persiflage auf die hier beschriebenen Ereignisse, eine Kurzgeschichte namens „Kannibalismus auf der Eisenbahn“. Das in Twains Geschichte wirklich Makaber-Lustige ist, wie die auf einer Eisenbahnstrecke Eingeschneiten in einer Art Gerichtsverhandlung mit Anwälten und Verteidigern, und in wohl gewählten Worten, darum streiten, wer als Nächstes verspeist werden solle. Die zum Verspeisen Vorgesehenen geben dabei ihren Bedenken Ausdruck, ob wohl eine solche, sie selbst betreffende Entscheidung richtig sei. Sie tun das, indem sie völlig objektive Gründe vorbringen …  Twains Geschichte berührt die hier eingangs gestellte Frage: Was ist Menschlichkeit? Wie dünn ist die Schicht der ethischen Selbstgewissheit des Menschen, die ihn, wie er selbst meint, anderem Leben moralisch überlegen macht?
  • Das Buch History of the Donner Party, a Tragedy of the Sierra ist bei Amazon kostenlos erhältlich.

 

 

Menschlichkeit – was ist menschlich? was last modified: November 25th, 2016 by Henrik Geyer

Glück suchen … es gibt so viel Welt zu sehen

Frühstück bei Tiffanys mit Audrey Hepburn als Holly [SPID 3972]

Den Film Frühstück bei Tiffany’s kennen bestimmt viele, und viele werden ihn in’s Herz geschlossen haben, so wie ich.

Es ist eigentlich kein „spiritueller“ Film, sondern, wie man so schön sagt, eine „leichte Filmkomödie“. Aber für mich ist „spirituell“, was eine besondere, tiefere Bedeutung in den Gedanken gewinnt. Und dieser Film, den ich oft sah, und dessen Melodie ich oft hörte, hat das: eine tiefere Bedeutung.

 

Holly Golightly ist ein Callgirl, eine Prostituierte, im New York der 50er Jahre. Im Film ist Holly, gespielt von der bezaubernden Audrey Hepburn, allerdings so blütenweiß und so rein, dass man diesen Aspekt der Geschichte von Truman Capote eigentlich gar nicht bemerkt. Holly scheint lediglich etwas leichtsinnig zu sein, der Name Golightly hat auch den Anklang von Leichtlebigkeit, von Nichts-wichtig-Nehmen.

Holly ist fest entschlossen, ihr Glück durch Heirat eines reichen Mannes zu machen. Liebe, meint sie, spiele dabei keine Rolle. Sie lernt einen jungen Schriftsteller namens Paul kennen, der sich in sie verliebt, und sie verliebt sich in ihn, will es sich aber nicht eingestehen.

Paul sieht nicht gern, womit Holly ihr Geld verdient. Doch die macht ihm schnell klar, dass er gar nicht so verschieden von ihr ist – im Grunde führt er das Leben eines Gigolo. Denn er lebt von Gnaden einer reichen Frau: wohnt in ihrer Wohnung, nimmt ihr Geld. Als Schriftsteller jedenfalls verdient er (noch) nichts.

Glücks-Sucher

Die beiden, Holly und Paul, sind zwei Glücks-Sucher, jeder auf seinem eigenen, abenteuerlichen Weg.

Holly glaubt, sich nicht festlegen zu dürfen. Sie könnte alles sein, was zu sein man von ihr erwartet. Sie will im Gegenzug nur eins: reich sein.

Konsequenterweise lebt sie ein Leben auf Abruf, nichts lässt sie sich ans Herz wachsen. Der Kater, der bei ihr „nur wohnt“, und mit dem sie, wie sie sagt, ansonsten nichts zu tun hat, ist eine Metapher für ihr freies Denken. Sie hat dem Kater noch nicht einmal einen Namen gegeben, und nennt ihn nur … Kater.

Auch den Schriftsteller Paul will sie nicht in ihr Herz lassen, denn der hat ja nichts.

Moon River von Henry Mancini

Eine geniale Facette des Filmes ist die Filmmusik von Henri Mancini.  Henri Mancini war ein großer Film-Komponist, er erschuf z.B. auch das Thema des Films „Der rosarote Panther“.

Der Song „Moon River“, so befand Henry Mancini einmal, ist von Audrey Hepburn auf die bestmögliche und gelungenste Weise vorgetragen worden, obwohl es sicher tausend Interpretationen dieses Liedes gibt. „Moon River“ ist traurig-schön. Die Verse drücken den Aspekt des Suchens und der Sehnsucht aus. Sie spielen mit den Wortbildern des amerikanischen Selbstverständnisses.

Der Mondfluss ist jener geheimnisvolle Schicksalsstrom, den zu bereisen gleichsam das Abenteuer des Lebens ist. Hinter jeder Flussbiegung kann das Glück warten („waiting round the bend“) – man muss sich nur auf das Abenteuer einlassen. Ähnlich  Huckleberry Finn (my Huckleberry friend), der tausend Kilometer auf einem Floß den Mississippi hinunter fährt, um Freiheit und Glück für sich und seinen Freund Jim zu finden. Huckleberry und Jim sind zusammengeschmiedet, durch ihre Sehnsucht und ihre Suche, und ganz ähnlich sind auch Holly und Paul Schicksalsgenossen. Sie sind Herumtreiber, die sich auf den Weg gemacht haben, die Welt zu sehen … und es gibt so viel Welt zu sehen! Wozu sich festlegen? Reisen bedeutet, Dinge und Orte zu verlassen; besser man reist mit leichtem Gepäck.

Two drifters off to see the world
There’s such a lot of world to see
We’re after the same rainbow’s end
Waitin‘ round the bend
My Huckleberry friend

Eines Tages wird Holly erreichen, was sie sich vorgenommen hat, wird den Fluss in Reichtum und Glück befahren (crossing you in style, some day), da ist sich Holly sicher. Sie und Paul haben die gleichen hochfliegenden Pläne, beide wollen zum Ende des Regenbogens gelangen. Eine schöne Metapher für Glück – das Ende des Regenbogens ist ein verführerisch scheinender Ort, jedoch kann man ihn nicht erreichen … jedenfalls nicht, indem man ihm nachjagt.

Glück ist nicht Suchen

Zum Ende des Films findet Holly was sie sucht: einen reichen Mann zum Heiraten. Alles scheint perfekt, und doch ist sie unglücklich. Der reiche „Knilch“ bedeutet ihr nichts, und sie bedeutet ihm ebenso wenig. Dennoch ist sie entschlossen, ihr Vorhaben umzusetzen. Zum Zeichen ihrer Entschlossenheit überlässt sie „Kater“ seinem Schicksal – auch er soll sich umorientieren, so ist eben das Leben! Im strömenden Regen, zwischen Mülltonnen und alten Kisten soll er sich von Ratten ernähren.

Paul, der das sieht, lässt es nicht zu, und erklärt Holly, dass Glück Ankommen ist. Wertschätzen der Dinge und Menschen, aber nicht unstete Suche. Glück kann man daher in sehr einfachen Dingen finden. Wo man wertschätzt, und wo man wertgeschätzt wird, da ist man auch glücklich. Glück muss man nicht in der Welt suchen, sondern in sich.

Holly sieht das ein, und sucht Kater. Sie findet ihn völlig durchnässt zwischen Müll, nimmt ihn an sich. Im strömenden Regen bahnt sich das Happy End an – man darf vermuten, dass Holly ihren reichen „Knilch“ nicht heiratet, sondern Paul, und dass „Kater“ endlich einen richtigen Namen bekommt.

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Glück suchen … es gibt so viel Welt zu sehen was last modified: September 19th, 2016 by Henrik Geyer