Herz der Finsternis – mein Review

Neulich las ich „Herz der Finsternis“ – ein sehr bekanntes Buch von Joseph Conrad. Ich wollte es schon immer einmal lesen; es ist ja bekannt, fast schon legendär, vielleicht auch durch den Film „Apocalypse Now“, der sich des Stoffs annimmt und in einen (Anti-)Kriegsfilm verwandelt. Der Film „Apocalypse Now“ ist mir zwar ikonenhaft in Erinnerung geblieben, mit seinen angreifenden Hubschraubern zu den Klängen des Walkürenrittes, dem gegen den Dschungel kämpfenden kleinen Militärboot, den bombastischen Feuersbrünsten etc.. Aber ich habe mich auch immer gefragt, was uns der Film eigentlich sagen will, mit seinem vom Marlon Brando gespielten Colonel Kurtz, der im Dschungel eine Art Königreich von eigenen Gnaden errichtet und nun fernab und quasi unabhängig von der Militäradministration, lebt. Er philosophiert am Ende des Films wirr-langweilig. Ist er verrückt geworden?

Insofern war ich gespannt auf das Büchlein (Büchlein: Viel mehr als ein schmales Bändchen ist es eigentlich nicht, ich war nach zwei Abenden des Lesens „durch“). Es hat auch einen mich sehr ansprechenden Titel – das Herz der Finsternis interessiert mich, denn die Finsternis ist mysteriös und spannend, als der Herkunftsort jeder Phantasie …

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Ich halte das Buch für eine philosophische Betrachtung in Form einer Erzählung. Es geht ihr im Wesentlichen um die Frage, was den Menschen ausmacht, und ob nicht die menschliche Kultur mit all ihren „Errungenschaften“, als recht dünner und brüchiger Firnis über einem unveränderlichen Wesenskern des Menschen aufgetragen ist. Dieser Wesenskern findet sich im Gentleman englischer Prägung ebenso gut, wie im Eingeborenen Afrikas. DAS ist das eigentliche Herz der Finsternis: Alles ist möglich, der Mensch ist nicht als höheres Wesen an irgendwelche kategorischen Imperative gebunden, seine hochentwickelte Gesellschaft beruht letztlich auf den selben Prinzipien von Gier, Macht und Gleichgültigkeit, die auch überall dort zu finden sind, wo diese Gesellschaft nicht ist – beispielsweise im Dschungel Afrikas.

Es war des Öfteren zu lesen, in „Herz der Finsternis“ gehe es um eine Kritik am Kolonialsystem, und der daraus folgenden Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung Afrikas. Aber das, finde ich, trifft es einfach nicht, denn die Schwarzen werden im Buch nicht als irgendwie besser dargestellt (der edle Wilde), sondern eigentlich eher als ein Abbild der Weißen, nur eben natürlicher handelnd, sich ihrer selbst weniger bewusst und damit unverfälschter seiend; sie sind sozusagen das die Finsternis im Herzen des Gentleman; ihre Urgesellschaft ist der unveränderte Wesenskern der modernen Gesellschaft.

Die Dunkelheit – wenn man so will, ist auch: Das Unbewusste. Es ist überall. Die Dunkelheit ist in uns und begleitet uns! Das Buch geht gleich los mit einer sehr phantasievollen Vision. Die Rahmenhandlung ist ja, dass vier Personen auf einem Themseschiff von London aus in Richtung Themsemündung fahren, um das offene Meer zu erreichen, und von dort aus noch weitere Fernziele. Während sie also Richtung Atlantik unterwegs sind, spricht einer davon, wie es wohl für die römischen Eroberer Englands vor 2000 Jahren gewesen sein muss, in die Region des heutigen London vorzustoßen. Und, bevor noch das Buch seine Bilder entfaltet, erahnt man, dass die Reise der Legionen auf der Themse in Richtung des wilden Kerns des für sie unentdeckten Britanniens, eine ebensolche Reise in die Finsternis gewesen sein muss, wie jene Reise ins Herz Afrikas, von der im Buch dann später die Rede ist.

Das Herz der Finsternis, es ist auch London, diese glitzernde und glänzende Stadt. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurden hier Römerschädel eingeschlagen, in der überaus einleuchtenden Überzeugung, hier komme der böse Feind, und nicht etwa der Vorbote einer Hochkultur! So ist es offenbar einfach die eigene Überzeugung, die die Wahrheit so wahr macht – Wir sind im Recht! DAS hat sich am Herzen der Finsternis auch nicht geändert! Das heutige London basiert auf demselben Prinzip – nur die äußerlichen Merkmale sind scheinbar verschieden. Aber die Geschichte schreibt der Sieger und die Wahrheit ist immer seine Wahrheit, und zwar ohne(!) dass man diese Wahrheit kritisieren könnte, als eine falsche Wahrheit. Anders gesagt ist es einfach das Wesen der Wahrheit, subjektiv zu sein.

Und so, wie die römischen Legionen in das Herz der Finsternis (das heutige London ) reisten, das sich durch sie in eine andere Art von Finsternis verwandelte, so reist der Erzähler (Mr. Marlow) dann in sein Herz der Finsternis, den Dschungel des Kongo. Alles wiederholt sich. Die Reise des Mr. Marlow ist natürlich eine äußerliche, eine geographische, aber sie ist auf den zweiten Blick auch eine psychologische, in die unentdeckten innereren Welten seines eigenen Ich.

Die Erde wirkte unirdisch. Wir mögen es gewohnt sein, die hingestreckte Gestalt eines besiegten Untiers zu betrachten – hier aber sah man einem Ding ins Auge, das ungeheuerlich und frei war. Es war unirdisch, und die Menschen waren … Nein, sie waren nicht unmenschlich. Und seht ihr, das war das Schlimmste dabei – dieser Verdacht, daß sie eben nicht unmenschlich waren. Es überkam einen ganz langsam. Sie heulten und sprangen und drehten sich und schnitten furchtbare Gesichter; was einen aber peinigte, war der Gedanke an ihre Menschlichkeit, gleich der eigenen, der Gedanke, daß man mit diesem wilden und verzweifelten Aufruhr entfernt verwandt war. Fürchterlich. Ja, es war fürchterlich genug; wenn man sich aber Manns genug fühlte, dann gestand man sich ein, daß in einem selbst der Schimmer einer Antwort auf den furchtbaren Freimut des Getöses lebte; eine dunkle Ahnung, daß ein Sinn sich dahinter berge, der einem selbst, so himmelfern man der Nacht der ersten Zeiten auch war, verständlich sein könnte. Und warum nicht; Der Menschengeist ist zu allem fähig, weil er alles umfaßt, die Vergangenheit ebenso wie die Zukunft. Was war schließlich das vor uns; Freude, Angst, Kummer, Ergebenheit, Tapferkeit, Wut – wer kann es sagen; – Aber Wahrheit, Wahrheit, des Zeitgewandes entkleidet.

Mr. Kurtz

Was nun den Mr. Kurtz angeht, das Ziel der Reise des Erzählers der Rahmenhandlung: Er ist Agent im Auftrag einer englischen Handelsgesellschaft, der jene Güter beschaffen soll, die die Daheimgebliebenen reich machen. Er hat sich im Dschungel des Kongo ein eigenes wildes Königreich erschaffen (eben ganz wie der Colonel Kurtz des Films „Apocalypse Now“). Sein Mittel zum Zweck: Er scheint die Ureinwohner einfach so zu nehmen, wie sie sind! Er ist derjenige, der die Fesseln der Zivilisation abstreifen kann, sich der Phrasen entledigt, und nun, mit den Mitteln der Moderne, also ihren Waffen und Technologien, aber auch dem Verständnis der Schwarzen entsprechend, selbstherrlich regiert. Den Staketenzaun vor seinem Dschungelanwesen schmücken abgeschlagene Köpfe der Eingeborenen – eine Tatsache, die ihm unter der einheimischen Bevölkerung viel Ehre einbringt. Er ist derjenige, der den Glauben an die Zivilisation über Bord geworfen hat. Tat er es, um im Dschungel zu überleben, was ihm recht erfolgreich gelingt? Oder ist er ein Philosoph, der ganz neue Erkenntnisse gewann, die er nun der Welt mitzuteilen hat? Kurtz spricht ja davon, er wolle seine „Ideen“ der Welt mitteilen – im Buch steht nicht, welche genau das sind. Und man ahnt schon, dass die Ideen des Mr. Kurtz der englischen Snobgesellschaft so gar nicht ins Konzept passen werden, wenn auch eben diese Snobgesellschaft im Kongo auf gar nichts anderes aus ist, als die Ausbeutung des Elfenbeins, also die Stoßzähne von Elefanten (würde das nicht jeder „Wilde“ genau so machen?). Oder ist Mr. Kurtz ob der „unmenschlichen“ Verhältnisse im Herzen der Finsternis (die ja eben gar nicht unmenschlich sind), einfach verrückt geworden?

Dreimal „ja“, würde ich sagen. Die Verrücktheit liegt ganz im Auge des Betrachters – zweifellos ist Kurtz, wenn er auch der englischen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten hätte, vom äußerlichen Glauben abgerückt, und somit verrückt – aus der Sicht dieser Gesellschaft nicht erkennbar. Aber natürlich auf sehr funktionale Art – sein kleines Königreich funktioniert und prosperiert, und zwar auf die in England gewünschte Weise. Er ist verrückt, weil die Gesellschaft Englands an etwas anderes glaubt, als er, der den Dingen im Herzen der Finsternis auf den Grund ging. In England glaubt man, ganz anders zu sein, kultiviert natürlich – er jedoch weiß es besser.

Um Glauben geht es nun einmal, denn wie gesagt, die Wahrheit ist relativ; die Finsternis ist überall, man muss sie nur sehen können. Die Wahrheit ist das, woran man glaubt. Das allein ist ein sehr unheimlicher, finsterer Gedanke.

Grundsätze? Grundsätze genügen nicht. Die sind äußerlich angehängt wie Kleider – bunte Fetzen, die beim ersten Zupacken davonfliegen. Nein – man braucht einen ehrlichen Glauben.

Die Finsternis, das ist im Buch eine oft wiederholte Paraphrase für das Unentdeckte, das Unheimliche, das aber wohlgemerkt, eigentlich nicht in tausenden Kilometern Entfernung „lauert“, nicht nur im Herzen Afrikas. Sondern, sie ist hier, in uns, bei uns, mit uns. Eine Verbindung zur Finsternis entsteht sofort, wo die Ideen des Mr. Kurtz in den Köpfen der Menschen bewegt werden, beispielsweise wird es bei einem Gespräch des Erzählers mit der Verlobten des Mr. Kurtz finster im Zimmer, als die Rede auf den inzwischen verblichenen Kurtz kommt.

Die Finsternis ist dem Autor durchaus unheimlich, das merkt man, und auch die Metapher des Finsteren hat ja etwas Bedrückendes. Es ist fürchterlich, wenn der Mensch entdeckt, dass er dem Tierischen kaum entrückt ist, wo er doch bisher glaubte, von der Natur völlig verschieden zu sein! Die Finsternis – das sind die im Dunkeln lauernden Dämonen, die, wenn wir es recht bedenken, uns zu steuern scheinen, und die immer wieder das aus uns hervorrufen, was wir doch als „zivilisierte Menschen“ an uns partout nicht sehen wollen, und was wir strikt verleugnen!

Die Finsternis ist, so könnte man sagen, das durchaus in diese Zeit fallende Unbewusste Freuds. Diese unheimliche Entität, die uns einerseits begleitet, uns aber dennoch nicht bekannt ist – hier ist ein irrationales Paradoxon (schon wieder unheimlich): Das Unbewusste, von dem wir wissen, ist ja schon nicht mehr unbewusst!

Und die Finsternis ist überall! Sie zu sehen ist eher eine Frage der Phantasie, eine Frage der Erkenntnis auch. Das Buch endet, als die Reisenden der Rahmenhandlung die Themsemündung erreichen.

Die Mündung war von einer schwarzen Wolkenbank umlagert, und die ruhige Wasserstraße, die zu den letzten Enden der Welt führte, strömte düster, unter bedecktem Himmel dahin, wie in das Herz einer ungeheueren Finsternis.

Herz der Finsternis – mein Review was last modified: Februar 10th, 2019 by Henrik Geyer

Was hat die Ausdehnung des Universums mit Zufriedenheit zu tun?

Zunächst zum Wortverständnis: Was ist ein Universum? Das Universum ist universell alles, was man kennt. Ein anderes Wort dafür ist „das All“. Das All ist ebenfalls universell „alles“.

In einer etwas erweiterten Bedeutung kann man auch sagen: Das Universum ist alles, was es geben könnte. Und über das, „was es geben könnte“, also das Mögliche, kann man sich sehr streiten; Der Spirealismus würde keine Quantifizierung für sinnvoll halten – das, was es geben kann ist in jeder Hinsicht unendlich. Und damit nicht erkennbar. Dem Spirealismus ist das Wahrnehmen gleichzeitig ein „Erschaffen“, wodurch die Quelle der Dinge unerschöpflich ist.

Der Materialismus würde aber enge Grenzen ziehen – und hält damit das nicht Bekannte für irgendwie eingrenzbar. Ich verwende bewusst das ungenaue „irgendwie“, denn es ist eine Idee, die in den materialistischen Köpfen spukt, ohne dass das näher erklärt werden kann.

Das Mögliche ist dem Materialismus eingrenzbar, weil die Dinge seiner Systematik zufolge ja erst einmal „da sein“ (existieren) müssen, bevor man sie wahrnehmen kann. In einem begrenzten Raum können nur begrenzt viele Dinge vorhanden sein, so die Logik. Und insofern ist das Universum dem Materialismus völlig in Ordnung, solange es begrenzt ist. Es ist ihm aber suspekt wenn es unendlich ist, denn, wie viele Dinge könnten in einem unbegrenzten Universum existieren? Unendlich viele, nicht wahr? Dann wäre ja das Mögliche …. unendlich! Und das wiederum bedeutete, dass unsere für so universell gehaltenen Naturgesetze nur eine sehr begrenzte Geltung hätten: für uns! So will, oder besser kann, der Materialismus nicht denken.

Nein, der Materialismus hält nur für möglich, was mit unserer Auffassung von den Naturgesetzen konform geht. Weiterhin ist ihm nur das Beobachtbare „möglich“; d.h., als Schema für das Mögliche sieht er grundsätzlich das bereits Wahrgenommene an. Und hat dabei keinerlei Gewissensbisse, das so zu sehen, und übergeht jede tiefergehende Frage geflissentlich!

Jedenfalls erscheint dem Materialismus das, was es geben kann, das Mögliche, als sehr eingrenzbar.

Doch kommen wir zurück zur ersten Aussage: Das Universum ist universell alles, was man kennt. Mit dieser Aussage ausgerüstet, kann man folgende Aussagen treffen:

  1. Das, was jemand kennt, ist von Person zu Person unterschiedlich. Also reden wir eigentlich von vielen Universen.
  2. Das, was jemand kennt, ist sehr viel irdisches Wissen, und sehr wenig außerirdisches Wissen. Daher ist das „All“ vor allem ein irdisches All, und nicht, wie der Begriff gemeinhin umgekehrt gebraucht wird, ein außerirdisches All.

Genau so versteht der Spirealismus den Begriff des Universums: Ein Universum ist letztlich ein individuelles Ich-Universum, in denen alle Dinge vorkommen, die ein Subjekt in seiner Welt wahrnimmt. Ein Universum ist somit die Gesamtheit der Erfahrungs- und Wahrnehmungswelt eines Individuums, eines Subjektes.

Ein Subjekt im spirealistischen Sinn kann übrigens ebenso ein einzelner Mensch sein, wie ein Volk, wie auch eine „Menschheit“. Bleiben wir aber, der Einfachheit halber, beim einzelnen Menschen.

Das Universum als Modell unseres Denkens

Es ist ein verblüffender Gedanke, das Universum (gemeint ist jenes scheinbar äußerliche) nicht als den ultimativen Gegenstand der Forschung zu betrachten, sondern als ein Modell, das uns selbst die Funktionalität unseres Denkens aufzeigen kann. Aus spirealistischer Sicht liegt dieser Gedanke nahe, denn der Spirealismus hat als fundamentalen Grundsatz, dass es nichts Objektives gibt, mit anderen Worten: Es gibt nichts, das sich unabhängig vom Beobachter beobachten ließe. Dieser Grundsatz kommt auch immer in dem Satz zum Ausdruck, der Mensch sei nicht Beobachter der Schöpfung, sondern deren Element.

Wenn wir also das Universum ansehen, in seiner Unendlichkeit (?), dann kann und sollte man sich fragen, was uns dessen Eigenschaften über unser Denken verraten.

Wie immer werde ich nicht müde zu betonen, dass man dieselben Überlegungen auch in Bezug auf jeden Alltagsgegenstand anstellen könnte, und so, wie in Punkt 2 angedeutet, versteht man das Universum besser, wenn man davon ausgeht, dass es hier, direkt vor uns, und in uns, ist, und nicht in schwer fassbaren kosmischen Weiten. Die Eigenschaften des Universums lassen sich doch am besten ermessen, wenn wir die Kaffeetasse betrachten, die vor uns auf dem Tisch steht. Jedoch erscheint wohl manchem das Universum vielleicht einer neuen grundsätzlichen Überlegung wert, während ein Alltagsgegenstand dem materialistischen Denken nichts Neues zu bieten scheint.

Man sollte sich aber vor Augen führen, dass die Art und Weise Dinge zu erkennen immer die ist, von den ganz einfachen, alltäglichen Dingen, auf das Nächstkomplizierte zu schließen. Am Ende ergeben sich sehr lange Logikketten, die aber niemals ohne die primitivste Grundannahmen auskommen. Während die von uns zuletzt erschaffene Kausalität noch recht schwach zu sein scheint, werden die allerersten Grundannahmen zu geradezu unverrückbaren Ecksteinen – und sie erscheinen wie ein niemals bestreitbares Grundgesetz. Beispielsweise hält es die Chemie für gegeben, dass ein Atom, gesehen als Körper, einen Kern haben mussn, so wie eine Kirsche einen Kern hat.

Im Zusammenhang mit dem galaktischen Universum machen wir es uns nicht klar, dass all unser Schließen über Sterne, die Milliarden Lichtjahre weit entfernt sind, von der Erfahrung von Kaffetassen, Kirschkernen etc.. ausgeht. Jedoch, sich dies bewusst zu machen, ist umso mehr nötig, je mehr man sich darauf einlässt, das Universum als eine Frage des Bewusstseins zu sehen, getreu der spirealistischen Grundüberzeugung, dass die Welt (das Universum) ja niemals etwas anderes sein kann, als das, was man darin sieht – wir haben hier wieder die grundsätzliche Rückkopplung: was haben die äußerlichen Dinge mit uns selbst zu tun?

Also angenommen, wir würden verschiedene Universen definieren, aus dem, was verschiedene Leute an Objekten im Kopf haben (kennen). Dann wären wir im Prinzip wieder bei den Grund-Eigenschaften des Universums, so, wie wir es im Außen sehen, nämlich als die galaktischen Weiten.

Hierzu will ich einige fundamentale Aussagen treffen.

  1. Die Ausdehnung des Universums hängt von der Menge der darin enthaltenen Objekte ab
  2. ein Objekt gewinnt an Schärfe / Facettenreichtum, je mehr Objekte das Universum enthält
  3. Ein Universum erscheint gegenüber einem anderen nicht unvollständig, wenn es im Vergleich zum anderen weniger Objekte enthält
  4. Universen unterscheiden sich nicht nur durch die Zahl der darin sichtbaren Objekte, sondern auch durch deren Beschaffenheit. Die Objekte unterscheiden sich immer durch die perspektivisch wahrgenommenen Objektbeziehungen.

Hier einige Erläuterungen zu den Punkten

Zu 1.: Die Ausdehnung des galaktischen Universums wird im Wesentlichen durch immer größere Teleskope bestimmt (gemessen), die den „Rand“ des Universums in immer weitere Entfernung rücken. Wenn man ein Objekt, also einen Stern, in 30 Milliarden Lichtjahren Entfernung wahrnehmen kann, so muss das Universum eine Ausdehnung von 60 Milliarden Lichtjahren haben – 30 Milliarden Lichtjahre in jede Richtung. Daher dehnt sich unser wahrgenommenes Universum mit der Leistungsfähigkeit der Teleskope. Den Raum hingegen kann man nicht beobachten. Raum macht überhaupt erst Sinn, wenn Objekte darin sind.

Zu 2.: Man stelle sich vor, man hätte einen Raum, der nur ein einziges Objekt enthielte. In einem solchen Raum wären Positionsangaben und das Messen einer Länge nicht möglich. Das zeigt, dass die Definition von Eigenschaften eine Relation zwischen verschiedenen Objekten ist. Stellen wir uns das Ganze als Farbe vor. Was machte es für einen Sinn davon zu sprechen, ein Objekt sei rot, wenn man nicht andere Objekte kennte, die über diese Farbe Rot verfügen?

Und, ganz allgemein gesagt, jenseits des Abstrakten: Unser Beurteilen des Universums gewinnt offenbar an „Tiefenschärfe“ und Facettenreichtum, je genauer wir das Universum betrachten. Wir nennen es unseren wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt, in der Annahme, dass die Aussagen, die wir treffen, unabhängig von unserer Beobachtung, irgendwie „vorhanden“ seien. Lassen wir das so stehen, obwohl es, aus spirealistischer Sicht, ein sehr offensichtlicher Irrtum ist.

Zu 3.: Nehmen wir einen Menschen, der sehr wenig kennt, und einen, der sehr viel kennt. Nehmen wir beispielsweise einen sehr jungen Menschen, und einen sehr alten Menschen. Hat der sehr junge Mensch den Eindruck, seine Auffassung des Alls sei irgendwie unvollständig? Keineswegs! Jeder kann bei sich selbst sehen, dass zu keinem Zeitpunkt des Lebens das, was man kennt, als „zu wenig“ erscheint, gegenüber dem, was es zu kennen gälte. Warum? Zunächst einmal, weil sich die Differenz nicht herstellen lässt. Das, was ich nicht kenne – wie soll ich es quantifizieren? Wie soll ich den Unterschied ermitteln zwischen dem, was ich kenne, und dem, was ich nicht kenne? Ganz ähnlich ergeht es uns beim galaktischen Weltall. Wer soll wissen, welche Objekte es jenseits des Ereignishorizonts gibt? Das wäre geradezu gleichbedeutend mit einem Blick in die Zukunft!

Hinzu kommen noch einige Besonderheiten des materialistischen Weltbildes. Der Materialismus fragt sich, was Unendlichkeit ist, und ob das All unendlich sei. Er stellt fest: Je tiefer man in das All hineinsieht, desto mehr erkennt man. Der Grundannahme des Materialismus, der eine objektive Welt voraussetzt, entspräche es aber, von einem „letztendlichen“ Weltall auszugehen, so, wie ihm ja jedes Ding einen Anfang und ein Ende zu  haben scheint. Doch, die Erkenntnis von etwas Letztendlichem entzieht sich dem Materialismus stets, wodurch ihm das Weltall recht paradox zu sein scheint.

Im Spirealismus wäre das anders. Der Spirealismus geht nicht davon aus, dass man Unendlichkeit beobachten könne – ihm ist Unendlichkeit gleichbedeutend mit der kreativen Unerschöpflichkeit des Geistes, und Geist ist ja überall!

Der Materialist wird also immer annehmen, dass das, was er nicht kennt, irgendwie überschaubar wäre, könnte er es nur sehen. Meist meint er sogar, er würde das allermeiste kennen, und das, was er nicht kennt, sei eher wenig … und außerdem weniger wichtig. Als das Wichtige hingegen erscheint ihm stets das, was er kennt.

Zu 4.: Es darf als unbestreitbar gelten, dass ein bestimmter Blick in das Universum eine bestimmte Wahrnehmung bedingt. Etwa führt die Radioastronomie (jene, die Signale aus dem Weltraum mit Hilfe riesiger „Satellitenschüsseln“ auffängt und zu Bildern von Sternen verarbeitet) zu anderen Sichtweisen auf das galaktische Universum, als die Himmels-Beobachtung mit Teleskopen.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Wahrnehmung. Unsere Erfahrungen, unser Wissen, ist gewissermaßen das Werkzeug der Beobachtung, also das Fernrohr; und dieses ist vom Ergebnis der Beobachtung nie und nimmer zu trennen. „Unsere Annahmen bedingen, was wir beobachten können.“ (Einstein).

Also können wir sagen (und verwenden hier die Semantik materialistischer Vorstellungen, der zufolge zwei Objekte dann identisch sind, wenn sie in allen Eigenschaften völlig übereinstimmen), dass die Universen verschiedener Menschen nicht nur in der Zahl der darin enthaltenen Objekte verschieden sind, sondern auch in deren Beschaffenheit – daher handel es sich eigentlich um (im materialistischen Sinn) ganz verschiedene Universen!

Zufriedenheit und das innere „All“

Um den Zusammenhang des einzelnen Menschen, bzw. dessen Denkens, mit dem All zu erörtern, bedurfte es dieser Vorrede. Versteht man das Weltall als etwas von Menschen völlig Verschiedenes, wird dieser gesamte Text wenig Sinn machen.

Ich will nun etwas als gegeben deklarieren: Gemeinhin ist man der Auffassung, dass Zufriedenheit und Glück davon abhängen, wie man die Fülle der Welt wahrnimmt.

Meist führt diese Weltauffassung / Glücksauffassung zu einer hektischen Reisetätigkeit, damit man ja nichts verpasse.

Zur Klarstellung: Auch ich empfinde es als großes Glück, die Welt in all ihren verschiedenen Facetten wahrnehmen zu können und schillern zu sehen. Allerdings möchte ich hier die Einschränkung machen, dass es, bedenkt man das oben Genannte, sehr auf das Universum der Auffassungen ankommen, mit Hilfe dessen man neue Erfahrungen macht.

Hierzu ein Beispiel: Beobachtet man das All mit einem Erfahrungshorizont, der dem unserer Vorfahren gleichkommt, die mit unbewaffnetem Auge das Firmament wahrnahmen, werden die Auffassungen von den Dingen des Alls insgesamt wenig plastisch und sehr eindimensional erscheinen. Um in dem Bild zu bleiben: Wie eine Bühne, über die die Götter mit ihren Wagen fahren …

Noch anders gesagt: Was nützt die schönste Reise, wenn man von der Geschichte eines Landes und den vielfältigen kulturellen Querverbindungen keine Ahnung hat? Dann wird das Taj Mahal zu einem ganz schönen, weißen Gebäude. Hübsch! Der Tower of London wird zu einer eher kleinen Festung neben der Tower Bridge, u.s.w..

Der eigentliche Spaß am Leben, die Freude, ist aber ja, wie gesagt, dieses Schillernde; das Erkennen! Es sind die unendlichen Weiten der Gedanken, auch der Tagträume, des Mystischen, der Ahnungen, der Erinnerungen und Phantasien!

Insofern ist es aus spirealistischer Sicht das Ziel, durch Strebsamkeit, Lernen und Phantasien, das eigene Universum recht umfangreich und vielgestaltig zu machen. Nicht nur als Vielreiser an vielen Orten zu sein, sondern vielleicht sogar an wenigen Orten zu sein, jedoch diese Orte mit Erinnerungen, Gedankenverbindungen, Träumen, anzureichern und so zu etwas besonders Wertvollem zu machen. Und dabei immer wieder die Erfahrung zu machen: Man kann ebenso in die Weiten des galaktischen Universums hinauszoomen, wie man in den Mikrokosmos der Dinge hineinzoomen kann – Kenntnisreichtum macht es möglich. Die Erfahrung dieser Unendlichkeiten ist jeweils überwältigend, und, die Wurzeln jedes Dinges liegen in ja der Unendlichkeit!

Was hat die Ausdehnung des Universums mit Zufriedenheit zu tun? was last modified: Februar 1st, 2019 by Henrik Geyer

Frohe Weihnachten 2018!

Frohe Weihnachten 2018, euch allen!

Manchmal denke ich mit Wehmut an die Zeiten, als man sich noch über kleinere Dinge freute! Als Weihnachten noch ein einfaches Fest mit halb so vielen Geschenken und Chinaplastik war. Damals war ein Weihnachtsgeschenk doppelt so schön wie heute, denn alles ist ja relativ … Damals, als man die Weihnachtsutensilien fein säuberlich von Jahr zu Jahr aufhob und sogar vererbte, und nicht den ganzen Plunder wegschmiss und für jedes Weihnachten neu beschaffte. All diese „Traditionen“ leben in vielen von uns weiter – für uns selbst ist das wichtig. Und natürlich auch für die Kinder, die vorgelebt bekommen müssen, dass es gut ist, Werte wie Zusammenhalt und Fleiß und Phantasie nach vorn zu stellen, dass Liebe etwas sehr Konkretes ist – nicht etwa etwas Abstraktes, das mit dem Wort „alle“ oder „alles“ zusammenpassen könnte. Für die Kinder, die so etwas nicht etwa nur gesagt bekommen sollen(!), bei dissonanter Begleitung durch eine Orgie des Materiellen, durch Wegwerfen und Achtlosigkeit, was ja eigentlich eine Absage an all die vorgenannten Werte ist. Sondern, die das spüren müssen, um es glauben zu können. 

Die dunkle, stille Zeit … wie viel herrliche Vorstellungskraft und Zu-sich-Kommen in diesen längsten Tagen des Jahres liegt! Dunkelheit und Stille sind mir Synonyme für Phantasie, denn die Dunkelheit lässt das Denken frei sein von äußerlichen Eindrücken. Statt nun mit dem Bilden von Gestalt aufzuhören, als sei Denken an das Widerspiegeln äußerlicher Dinge gebunden, macht es einfach weiter, und bringt die wunderlichsten Formen hervor. Man muss nur wieder lernen, daran zu glauben, so wie in Kindertagen. Wozu? Weil ansonsten das Leben recht arm ist, und man nur das sehen kann, was in unser aller kollektivem Bewusstsein ist.

Frohe Weihnachten 2018, euch allen!

 

Dezember

Das Jahr ward alt. Hat dünnes Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.

Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, dass man’s versteht.

Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.

Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
„Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.“

(Erich Kästner)

 

Frohe Weihnachten 2018! was last modified: Dezember 24th, 2018 by Henrik Geyer

Materialismus vs Spirealismus – als Vorstellung

Materialismus ist die Vorstellung, dass die Menschen einzelne Individuen sind, die Materie außerhalb des eigenen Geistes beobachten. Damit einher geht die feste Annahme, diese Materie, diese außerhalb des Geistes liegende Welt, ließe sich auf eine endgültige Weise beschreiben, trage unverrückbare Naturgesetze in sich, etc..

Materialismus ist eine Grundannahme, die wir wohl alle kennen, und die 99 % der Menschen in sich tragen. Die Menschen befestigen sich gegenseitig in ihrem Glauben, denn das, was „alle“ für richtig halten, müsse wohl auch stimmen, meint jeder. DAS zu hinterfragen gilt als unnütz und dumm.


Spirealismus ist die Vorstellung, dass es jenseits des Geistes kein Element gibt, das von Geist wesentlich unterscheidbar ist. Alles ist Geist. Sollte der Spirealist Materie erklären müssen, würde er von einer quantitativen Unterscheidung sprechen – etwa so, wie man sagen kann, dass auch ein Apfel die Erde anzieht, und dass das Gravitationsgesetz auch umgekehrt gilt: Der Apfel zieht die Erde an, nicht nur die Erde den Apfel. Ebenso wird das Vielgedachte fest, aus dem Blickwinkel des Weniggedachten. Das bedeutet aber nicht, dem Vielgedachten mangele die Eigenschaft jedes Gedankens, nämlich die der grundsätzlichen Freiheit.

Alles ist Gedanke. „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (Schopenhauer) – das ist dem Spirealismus die eigentliche Realität. Anders als Schopenhauer, der an der Materie die Richtigkeit seiner Aussagen beweisen will, ist der Spirealismus überzeugt, dass die Materie eine „Erfindung“ der Menschen ist. Man kann an ihr nicht den Spirealismus beweisen, weil es die Materie, im Sinne des Materialismus, als außerhalb des menschlichen Geistes, nicht gibt. Die Materie in Gedanken zu bewegen bedeutet, ihr Existenz zu geben … und auf etwas zu weisen und zugleich zu sagen: „Siehe, es ist nicht da!“ ist insbesondere dem Materialisten sinnlos.

Die Vorstellung

Während der Materialismus also die Vorstellung beinhaltet, die wir wohl alle kennen, nämlich die, wir seien Beobachter eines materiellen Außen, ist die Vorstellung des Spirealismus deutlich schwerer zu erklären, denn sie ist uns eigentlich völlig fremd und ungewohnt.

Ungewohnt – mehr aber auch nicht, denn aus eigenem Erleben kann ich berichten, dass auch die Vorstellung des Spirealismus zur Gewohnheit werden kann. Sie ist nicht unangenehm, sie dehnt gewissermaßen den Raum. Sich vorzustellen, dass die Gedanken die eigentlichen Erzeuger der Realität sind, lässt die strikten Begrenzungen, die wir überall sehen, dehnbar werden.

Wenn der Spirealismus die Welt als eine Vorstellung begreift, dann ist damit auch gesagt, dass die Welt in Vorstellungen kreiert wird. Vorstellungen haben es an sich, vielfältig und gewissermaßen flüssig zu sein. Vorstellungen können jede Form haben. Anders, als es der Materialist von „der Welt“ annimmt. Diese könne es nur einmal geben, und sie sei eindeutig beschreibbar, meint er.

Als Gleichnis: Der Spirealismus sieht die Vorstellung der Welt ganz ähnlich, wie wir Menschen wiederum im Computer Vorstellungen kreieren, die einerseits  zu den Vorstellungen passen, die wir bereits haben – man denke an irgendein Bild, das schließlich auf einem Computerbildschirm entsteht. Denken wir an ein Bild von Menschen in einer Stadt. Andererseits haben diese Vorstellungen in ihrem „Ursprung“ (im Computer) eine ganz andere Form als jene, die schließlich als Bild auf dem Bildschirm entsteht. Es sind Nullen und Einsen. Oder es ist Strom oder kein Strom. Oder es ist eine Leiterplatte – dies wäre der Standpunkt des Informatikers. Und so, wie auf dem Computerbildschirm ein räumliches Bild erscheint, das jedoch mit der räumlichen Anordnung der Information im Computerspeicher nichts zu tun hat, sieht der Spirealismus keinen eindeutigen Zusammenhang jeglicher Vorstellungen mit etwas Festem, mit Materie.

Das bedeutet auch: Die Vorstellungen, und damit jede Vorstellung, auch die von einer Welt, ließen sich stets in eine Unendlichkeit anderer Vorstellungen transformieren, und könnten, im jeweils gewählten Zusammenhang, stimmig sein!

„Die Welt“ kann alles sein. Aber … warum können wir das nicht sehen? Aus der Sicht des Spirealismus deshalb, weil wir Menschen begrenzt sind. IN UNS wird das Mögliche zu Etwas. IN UNS wird das Allgemeine konkret. Die Grenzen des Möglichen sind nicht außerhalb von uns, in der Materie, sondern in uns.

Dem angefügt sei noch das Folgende: Die Grenzen der Welt sind gewissermaßen „in“ uns, jedoch nicht dergestalt, dass wir sagen können, wir könnten uns die Welt einfach anders ausdenken, so wie das von esoterischen Heilsbringern oft verkündet wird. Dies zu glauben wäre Materialismus; es wäre die typische Sichtweise des Materialismus auf Geist, nämlich Geist als etwas vom Menschen Ausgehendes. Nein, die Grenzen kommen durch uns zum Ausdruck, sind aber durch uns nicht einfach aufhebbar. Aufheben oder dehnen können wir die Grenzen nur in einem sehr engen Maß. Wir können es übrigens umso mehr, je mehr wir die Nichtexistenz der Materie überhaupt begreifen/verstehen/glauben können.

Kurz: Der Spirealismus sieht den Menschen als Element der Schöpfung, nicht als Beobachter der Schöpfung. Das heißt: Wir und die Schöpfung sind nicht getrennt. Die Schöpfung – als zugleich der Prozess und dessen Resultate – sind, zumindest uns, ununterscheidbar. Beides ist Schöpfung: der Prozess und das Resultat, der Gedanke und die Materie. Wir sind Element von etwas Größerem; etwas, das durch uns nicht einsehbar oder änderbar oder erklärbar ist. Der Spirealismus sieht dieses unveränderliche Prinzip, dieses Unerklärliche, dieses Irrationale. Er sieht es, weiß um dessen Existenz, aber versucht nicht es zu erklären.

Denn wer Gott unter bestimmten Formen sucht, der ergreift wohl die Form, aber Gott, der in ihr verborgen ist, entgeht ihm.

Meister Eckhart
spätmittelalterlicher Theologe und Philosoph
geb. um 1260, gest. 30. April 1328 in Avignon

Der scheinbare Vorteil der Beweisbarkeit

Dem materialistischen Denker ist die spirealistische Vorstellung unangenehm, da sich in ihr alle letztendlichen Weltbeweise auflösen. Ganz anders als der Materialismus, der vollmundig in jedem Zeitalter verkündete und verkündet, die Welt-Erkenntnis auf die Spitze getrieben zu haben und die Herkunft der Welt nachweisen zu können. In unserer Zeit ist es die Vorstellung von einem Urknall, die uns Antwort auf die Fragen aller Fragen ist.

Was hingegen hat der Spirealismus zu bieten? Keinen Knall, nicht einmal etwas anderes? Kein Schleichen, kein Loch im Nicht-Sein, kein Raum-Zeit-Existenzsprung? Dann kann es nicht richtig sein!

Jedoch ist, wie gesagt, der Spirealismus auch eine Denkgewohnheit. Diese Denkgewohnheit benötigt keine Beweise für die „letzten Fragen“, denn sie weiß, dass es solche Beweise nicht geben kann. Vielmehr sieht der Spirealismus die Kausalität, das Finden von Gründen, als eine Funktionalität der Vorstellung, des Geistes, und damit der Weltentstehung. Die Kausalität, und mithin die aus ihr entstehenden Vorstellungen, muss es wohl geben. Dass man aber mit Hilfe der Kausalität zur Quelle der Kausalität vorstößt, hält der Spirealismus für unmöglich.

Mit derselben Leichtigkeit der Denkgewohnheit, aus der heraus Hume sagt, man müsse letztendlich an eine existierende Außenwelt glauben, sagt der Spirealismus, dies sei selbstverständlich nicht der Fall. Ebenso wenig wie man (ich komme auf das Beispiel zurück), auf einem Computerbildschirm Menschen in einer Stadt sehend, davon ausgehen muss, diese Menschen in einer Stadt seien im Computer.


Das Festwerden der Welt durch Kausalität, durch Zeitbezüge, und damit das Treffen (fester) Aussagen, kann und muss nicht umgangen werden. Denn die jeweils von uns so empfundene „Realität“ wird durch den Spirealismus nicht negiert, sondern ist ihm Ausgangspunkt jeder Überlegung. Der Spirealismus ist aber die Verabschiedung der Vorstellung von irgendeiner durch den Menschen zu treffenden, allerletzten Aussage oder Wahrheit. Denn die Wahrheit entsteht ja erst – durch den Menschen. Der Mensch als EIN Ausdruck eines Kontinuums aus Geist.

 

Sie lieben zu vereinfachen und meinen dadurch den Dingen „auf den Grund“ zu kommen. Aber dieser Grund existiert gar nicht, und nur wer ohne Ende auflöst, verunendlichfacht: wen die ganze maßlose Fülle des Lebendigen nah und fern schließlich seines vermeinten Verantwortungsgefühls – als ob auf ihm just alle Pflicht und Schwere läge – lächeln macht -, er wird in seinem und in allem Leben einigermaßen gerecht werden können. Alles Vereinfachen tötet, (denn es führt zum Buchstaben, zur Ruhe, zur Starrheit), der Schmetterling Welt steckt ausgespannt im Glaskasten; was lebendig macht, ist allein der Geist des Allumfassens, Alldurchdringens, des Glaubens an nichts und alles, und zwar zugleich an restlos nichts und restlos alles.

Christian Morgenstern
deutscher Dichter und Schriftsteller
geb. 6. Mai 1871 in München; gest. 31. März 1914 in Untermais, Tirol, Österreich-Ungarn

 

 

Materialismus vs Spirealismus – als Vorstellung was last modified: Juni 4th, 2018 by Henrik Geyer

Das Reh

Denk dir, die Liebe sei ein Reh,
du willst es gerne fangen.
Der sanfte Blick, das weiche Fell
erwecken dein Verlangen.

 

Doch, mühe dich nicht gar zu sehr,
dräng nicht, streng dich nicht an
Lock es, dann kommt es willig zu dir her
und bringt sich selbst heran

 

Dann wird es kommen, von allein,
du musst nur warten still
darfst nicht rufen, darfst nicht schrei’n
es kommt, weil selbst es will

 

Du denkst: Ich zwing’s, so schieß‘ ich’s eh,
dann ist es mein sogleich!
Doch kommt zu dir dann nicht ein Reh
sondern der Tod, und rohes Fleisch.

 

Denk dir, dass jedes gute Ding
hat was vom Reh an sich
Geh sacht und leise zu ihm hin
sonst wirst du’s fangen nicht

 

 

Henrik Geyer, Mai 2018

 

 

 

 

Das Reh was last modified: Mai 26th, 2018 by Henrik Geyer

Vergessen

In schweren Erden weilend

in einem fahlen Licht

Wohl wimmelnd, doch auch schweigend

wird eine neue Sicht.

Dem Bruderblick verborgen

der Menschenwelt gestorben

im Erdenschoß geborgen

vergessen alle Pflicht

 

Erinnrung ist versunken

Traum von der Menschen Land

Die Wasser sind getrunken

Lachen und Qual verschwand

Die Bilder sind gelebet

der reife Geist, er schwebet

mit Erden nun verwebet

Gehirn und Herz und Hand

 

Von Säen und von Mäen

mal schneidend und mal stumpf

Gedanken, die erzählen

von Gliedern, Kopf und Rumpf.

Von Schweiß und Augenlichtern

von Nächten und von Dichtern

von Kühnheit und von Richtern

von Angst, Mut und Triumph

 

Ergab sich allen Lüsten

dem Traum des Menschensein

mit Fäusten und mit Brüsten

mit Wassern und mit Wein

Jetzt kann kein Ich mehr quälen

nur Freiheit anstatt Wählen

nichts Festes kann hier fehlen

in endlos-trübem Schein

 

Im Erdenschwarz hier unten

kehrt keine Ruhe ein

was nur erscheint versunken

geht neue Bindung ein.

Fleisch wird zu neuem Fleische

aus Andrem wird das Gleiche

aus Fäulnis werden Reiche

aus Äther wird Gestein

 

Wo Gottes Hand berühret

wird neu Gestalt gewählt

in Leben überführet,

formfügend abgezählt.

Das Gestern wird zu Morgen

wird Hoffen oder Sorgen

ganz offen uns verborgen

entsteht ein ander Welt.

 

Und neue Seelen wagen

mal grad wie Klingenstahl

oft krumm wie rost’ge Haken

des Schöpfers Ideal.

Gestalten, die sich beugen

in Wahrheit oder Leugnen

der Welten Werte zeugen –

ganz nach des Schicksals Wahl

 

Erinnrung bildet Borken

aus Raum wird neuer Ort.

Schicksal mit neuen Pforten –

in Ewigkeit geht fort.

Vergessen ist ein Streben

vergangner Lüste Beben

vergraben ist ein Leben

und neu entsteht ein Wort

 

Mit Hoffen oder Bangen,

Allmacht Gedankengang

sind sehnend wir gefangen

in eines Traumes Drang.

Der zeiget uns ein Ende

die Deckel vieler Bände

der Räume enge Wände

doch jedes fängt erst an

 

Henrik Geyer, Mai 2018

 

 

Vergessen was last modified: Mai 24th, 2018 by Henrik Geyer

Bitte, Gebitte, Gebet

Gibst du mir eine Reise,
dass ich meine Seele speise?
Gibst du mir einen Raum
für meines Lebens Traum?

 

Bitte gib mir Luft zum Atmen
Gib Gedanken, die mich tragen.
Gebe Phantasien mir,
gebe mir ein Jetzt und Hier.

 

Gib mir Bäume, die mich streichen.
Gib mir Freunde, die nicht weichen.
Gib das Grün, dann wird auch Rot
Gib das Leben, dann wird Tod.

 

Kannst du mich lehren zu unterscheiden
Zwischen Menschen die zu meiden,
und den Dingen die beflügeln
jenseits des Flusses, in den Hügeln?

 

Gib mir diese Weisheit, bitte
Führe mich zur Seelenmitte
Gib mir Einsicht, Akzeptanz.
Gib mir Vielfalt, mach mich ganz.

 

Henrik Geyer, Mai 2018

 

Bitte, Gebitte, Gebet was last modified: Mai 24th, 2018 by Henrik Geyer

Sinn und Sinnlosigkeit

Sinn gibt es nicht außerhalb des Denkens

Goethe-Zitat:

Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst.

Johann Wolfgang von Goethe
der wohl größte deutsche Dichter
geb. 28. August 1749 in Frankfurt am Main als Johann Wolfgang Goethe; gest. 22. März 1832 in Weimar, geadelt 1782

Ouroboros, Oroboro [SPID 3981]Das klingt wie nichtssagend, wie ein in sich geschlossener Kreis, wie eine Tautologie, bei der sich die Schlussfolgerung bereits in der Ausgangsfrage findet. Und doch ist es die tiefste findbare Wahrheit.

Außerhalb des Kreises, außerhalb der Tautologie, ist kein Sinn, den wir kennen können. Sinn ist der Bezug auf den Bedeutungsraum den wir kennen. Es ist der Bezug auf uns selbst.

Das erinnert an die sich in den Schwanz beißende Schlange, den Ouroboros, ein uraltes Symbol für die Welt. Die Schlange frisst, um zu sein. Was frisst sie? Sich selbst. Anders gesagt: Um zu sein muss sie sich selbst Nahrung sein. Der Sinn des Seins kommt aus dem Sein. Existenz aus der Existenz. Mehr Grund, mehr Vernunft, mehr Sinn für das Sein kann und muss es nicht geben, als eben das Sein!

Unbefriedigende Rätselhaftigkeit

Warum erscheint uns diese Weisheit als unbefriedigende Rätselhaftigkeit?

Das erscheint uns so, weil es in der materialistischen Sichtweise die Eigenschaft von Rätseln ist, dass sie gelöst werden. Denn alles, so glauben wir, habe einen Grund. Und dass es Gründe geben könnte, die dem Menschen nicht ermittelbar sind, können wir uns nicht vorstellen. Das ist ähnlich der Unendlichkeit des Weltalls – wie kann es ein Ding geben, zum Beispiel das Weltall, das zwar einen definierten Inhalt hat, aber keine Grenzen? Jedes Ding definiert sich in seiner Gesamtheit doch durch eine Grenze! Und ganz ähnlich ist uns ein Rätsel, das in sich Beginn und Ende trägt, dessen Antwort die Frage wiederholt, ein Rätsel also, das offensichtlich nicht lösbar ist, unbefriedigend. Wenn der Sinn des Lebens das Leben selbst ist, und wenn hier Ursache und Folge unauflösbar miteinander verwoben sind, erscheint uns dies nicht wie eine gültige Antwort auf eine Frage. Und dennoch ist es so.

Wir glauben eben an das Prinzip des eindeutigen Grundes, der außerhalb von uns liegen soll – so, wie wir auch an die Existenz von Objekten außerhalb von Geist glauben. Das glauben wir so sehr, dass sich der Materialismus, dessen Grundannahme eben dies ist, sich schmeichelt, die Welt erkannt zu haben, und zwar so gründlich, dass sie ihm bereits als geradezu langweilig erscheint.

Für den Spirealismus gilt das nicht, und die oben angeführte Rätselhaftigkeit versteht er als seine Grundaussage, und verweist immer wieder auf die Aussage, dass alle Rätsel ja aus uns selbst kommen. Wir selbst sind Quell und Element der Schöpfung, nicht deren Beobachter. Wir sind nicht die Beobachter und Ergründer von Sinn, sondern Sinn Wie können wir „die Rätsel“ lösen, wenn wir selbst sie generieren? Unser Denken steckt in unseren Worten. Wenn wir von „den Rätseln“ sprechen, so klingt das wie eine abzählbare Gesamtheit. Doch wie können die Rätsel eine abzählbare Gesamtheit sein, wenn wir selbst sie hervorbringen. So lange wir da sind, müssen demnach immer neue Rätsel entstehen.

Das gleiche gilt für Sinn. Solange wir da sind, wird immer neuer Sinn generiert, immer anderer Sinn. Ganz wie das Spiel der Farben und Dinge in einem Kaleidoskop. Die Frage wie viele Male kann ein Kaleidoskop Muster erzeugen kann wird zu der Frage, wie oft ein Mensch daran zu schütteln vermag.

Während der Materialismus glaubt Rätsel seien zu nichts gut, als nur dazu, gelöst zu werden, sieht der Spirealismus sehr wohl Nutzen im Wahrnehmen der Rätselhaftigkeit. Warum? Um der Selbstentfremdung des Menschen zu begegnen. Damit sich der Mensch seiner Quelle nähern kann. Um spirituelle Macht in sich selbst zu finden. Um die Existenz Gottes wahrzunehmen – Gott als die Rätselhaftigkeit, das Irrationale. Gott als die Unendlichkeit des Nichts. Gott als unbeschreiblich und jenseits der menschlichen Vorstellung. Wer Gott wahrnehmen kann, wird umso weniger dazu neigen sich selbst zu überhöhen. Der Mensch wird im Materialismus zwar sein eigener Gott, ist aber eben dadurch umso weniger Herr seiner selbst.

Die entscheidende Frage für den Menschen ist: Bist du auf Unendliches bezogen oder nicht? Das ist das Kriterium seines Lebens.

Carl Gustav Jung
Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker
* 26. Juli 1875 in Kesswil; † 6. Juni 1961 in Küsnacht

Und … Selbstfindung ist für den Spirealismus nicht lediglich etwas, das nur den einzelnen Menschen angeht, denn auch die Gesellschaft lässt sich als ein Organismus verstehen.


Kurioserweise fiel mir noch folgendes Zitat in die Hände; es tauchte auf, als ich nach dem Goethe-Zitat suchte:

Der Sinn des Lebens ist mehr als das Leben selbst.

Stefan Zweig
österreichischer Schriftsteller
geb. 28. November 1881 in Wien; gest. 23. Februar[1] 1942 in Petrópolis, Bundesstaat Rio de Janeiro, Brasilien

Mir gefällt das Goethe-Zitat besser. Wenn da mehr Sinn wäre, als das Leben, dann wäre zu klären, was das sein soll, dieses „Mehr“. Können wir das? Natürlich nicht.

Wenn wir ein Mehr definierten, wäre es wieder Produkt unseres Selbst. Es war nicht „vorher da“, denn ohne Leben kann es keinen auf das Leben bezogenen Sinn geben. Was über das Leben zu sagen ist, ist eben nicht sagbar ohne das Leben.

Der Satz Zweigs ist für mich ein typisches Produkt der Vermischung materialistischer Weltanschauung (die Dinge existieren außerhalb des Denkens) mit spirituellem Denken.

 

 

Sinn und Sinnlosigkeit was last modified: Mai 22nd, 2018 by Henrik Geyer

Die Kreativität des Zufalls

Ich hatte im Artikel Der Zufall als Element kreativer Programme über die Rolle gesprochen, die der Zufall im kreativen Prozess spielt, und auch beim Zustandekommen von Intelligenz. Intelligenz hier verstanden als etwas sehr Allgemeines, sozusagen als das Denken.

 

Als einfaches Beispiel für ein kreatives Programm führte ich eines an, das unter anderem das unten stehende Bild erzeugt hat. Eine Schlüsseltechnik innerhalb dieses Programms sind Zufallszahlen.

 

Eine Zufallszahl ist kreativ

Letztlich ist die entscheidende Komponente, die eine nicht vorhersagbare Variante des o.g. Bildes hervorbringt, eine Zufallszahl. Ist eine Zufallszahl kreativ? Ist eine Zufallszahl intelligent?

So sehen wir das natürlich nicht. Warum eigentlich nicht?

Weil der Materialismus einige Paradigmen hat, die dieser Sichtweise fundamental entgegenstehen. Beispielsweise die Vorstellung, die Wirklichkeit gäbe es nur einmal, und zwar aus einem ganz bestimmten Grund: die Wirklichkeit ergäbe sich aus einer Notwendigkeit der Materie. Anders formuliert: Da die Objekte in eindeutig-bestimmter Weise außerhalb des menschlichen Geistes existierten, so die Logik des Materialismus, und da ein Objekt das andere in eindeutig-bestimmter Weise aufbaut und begründet, wie etwa ein Motor aus eindeutig-bestimmten Bauteilen besteht ohne die er nicht laufen würde, oder wie etwa ein Gegenstand aus einer bestimmten Anzahl von Atomen besteht, ohne die er nicht so sein könne wie er eben sei, so determiniere sich die Wirklichkeit aus einer bestimmten Notwendigkeit heraus.

Der Spirealismus hat diese Sichtweise natürlich nicht. Weder gibt es die Objekte jenseits des menschlichen Geistes sozusagen „extra“, noch existiert nur eine Wirklichkeit, noch kommt eine Wirklichkeit mit einer bestimmten Notwendigkeit zu Stande. Oder: Weil es nicht nur eine Wirklichkeit gibt, entfällt der Gedanke an eine Notwendigkeit „der“ Wirklichkeit.

Wille und Zufall

Das Letztgenannte hat natürlich wiederum Auswirkungen auf unsere Vorstellung von uns selbst. Wenn eine Zufallszahl in etwa so kreativ wäre wie ein Künstler, der verblüffende Zeugnisse seines kreativen Wollens erschafft – hieße das nicht, dass Kreativität, dass Wille …. vergleichbar und ähnlich dem Zufall sind? Dem Zufall, den man zwar überall im Außen am Werk sieht, nur nicht beim Menschen?

Und, nur einmal angenommen Wille wäre im Kern Zufall – was wird dann aus unserer Vorstellung von der Notwendigkeit kausaler Zusammenhänge? Denn nur mit Hilfe unseres Wissens um die Kausalitäten in der Natur (von denen wie wir glauben eine endliche Anzahl existiert), ganz ähnlich dem Willen bei uns selbst, schaffen wir es doch, die Natur zu erkennen und zu beschreiben … und zwar willentlich.

Innerhalb des Materialismus ist Wille als Zufall undenkbar.

Innerhalb des Spirealismus nicht, denn der sagt ja, der Mensch sei Element der Schöpfung, nicht deren Beobachter. Was der Mensch im Außen sieht, kommt also auch in ihm und durch ihn zum Tragen, der er ein ganz normales Element ist. Die grundsätzliche Trennung zwischen Mensch und der ihn umgebenden Natur existiert nicht jenseits seiner Phantasie. Was er als seinen „völlig unabhängigen“ Willen bezeichnet, ist der Zufall einer anderen Sichtweise.

Warum noch kann Wille und Zufall in der materialistischen Sichtweise keinen Zusammenhang haben? Weil unsere Vorstellung von Kausalität und Zeit die Vorstellung von Wille ebenfalls stützen. Die Vorstellung von Wille ist, dass man zuerst etwas will, und es dann im Folgenden umsetzt. Etwas wird zuerst gedacht, und dann materialisiert es sich, als Ausdruck von Willen. So sind auch unsere Vorstellungen von Kausalität und Zeit mit dem Begriff Willen verknüpft. Das „Zuerst“ und das „Dann Folgt“ lässt uns an einen eindeutigen Zeitstrahl denken.

Ist der Begriff Zufall nicht im selben Maße mit Kausalität und Zeit verknüpft? Etwas passiert zufällig und dann … Nein. Zufall kann nicht auf rationale Weise eine Ursache genannt werden. Wenn Zufälliges Unvorhersagbares hervorruft, so ist die Verbindung zwischen beidem offensichtlich willkürlich – ganz anders als die materialistische Vorstellung von Kausalität. Zufall kennt kein Vorher und Nachher. Nur weil der Zufall eingebettet zu sein scheint in eine überwiegend kausal bestimmte Welt, scheint er notwendigerweise Teil der Kausalkette(n) zu sein. Sinnbild hierfür kann ein Würfel sein. Seine Form lässt nur 6 Möglichkeiten zu, welche Zahl geworfen wird. Die Form ist der rationale Anteil, die kausale Vorbestimmung. Der Zufall, das Nicht-Vorhersagbare, ist damit eingeschränkt auf 6 Möglichkeiten, und erscheint nun wieder vorhersagbar.

In der spirealistischen Vorstellungswelt gibt es weder Kausalität noch Zeit unabhängig vom (menschlichen) Geist. Warum nicht? Allein schon deshalb, weil der Spirealismus die Objekte nicht als unabhängig von Geist sieht. Und, bei Kausalität handelt es sich ja um Bezüge zwischen Objekten. Kausalität wiederum, mit seinem zuerst war … (Grund), dann ergab sich (Folge), spannt Zeit auf.

Kurz gesagt: Objekte, Kausalität und Zeit existieren für den Spirealismus innerhalb des Geistigen, also eines vollständig relationalen Bezugssystems, das nichts Objektives hat. Somit hat der Spirealismus eine andere Vorstellung von Existenz als der Materialismus, der ja davon ausgeht, der Mensch beobachte eine Realität außerhalb seiner selbst, und all dies, also die Objekte, die Kausalität und die Zeit, hätten nichts mit dem menschlichen Geist zu tun, sondern existierten unabhängig davon.


Zusatz: Was hat eine Sichtweise mit der Wirklichkeit zu tun? Schon hier spricht der Spirealismus eine dem Materialismus unverständliche Sprache, denn die Wirklichkeit einerseits, und eine Sichtweise andererseits, sind in der Denkweise des Materialismus strikt zu trennen.

Doch dem Spirealismus, wenn er davon ausgeht dass nicht nur EINE Wirklichkeit existiert, kann „die“ Wirklichkeit nichts anderes sein als eine Sichtweise. „Die Realität“ ist so gesehen eine Möglichkeit unter einer nicht benennbaren Anzahl an Möglichkeiten. Und den Gedanken an eine Wirklichkeit kann man im semantischen Zusammenhang des Materialismus auch eine Phantasie nennen.

Jedoch versteht der Spirealismus das Wort Phantasie nicht im materialistischen Sinn, als eine UN-Wirklichkeit, denn für ihn gibt es den direkten Gegensatz zwischen „der“ Wirklichkeit und etwas, das man über die Wirklichkeit denkt, nicht. Wie dem Spirealismus grundsätzlich der Gedanke an ein Objekt, und das Objekt selbst, untrennbar verbunden sind (Spirealismus = der Gedanke an eine Realität ist eine Realität).

 

Die Kreativität des Zufalls was last modified: April 24th, 2018 by Henrik Geyer

Lebenskrise als Chance

Lebenskrisen geben uns Gelegenheit über die wichtigen Themen des Lebens nachzudenken.

Warum können wir das normalerweise nicht?

Weil wir abgelenkt sind von den tausenderlei Geschehnissen des Tages, den Anforderungen, den „ganz wichtigen“ Dingen.

Oft sind wir erst in der Lage über uns selbst nachzudenken, wenn etwas Schlimmes geschieht. Dann werden wir zu Recht ganz kleinlaut. Die „Wichtigkeiten“ der Welt treten in den Hintergrund, werden unwichtig und klein. Wir lecken die Wunden. Das Ego löst sich auf, wird biegsam und schmiegsam – quasi formbar. Das Ego ist jene Instanz, die uns sagt, etwas ganz Bestimmtes zu sein; das Ego ist das Ich. Ich BIN … Plötzlich ist man sich über vieles nicht mehr so ganz im Klaren .. was vorher ganz sicher schien.

Der Verlust des Ego geht oft einher mit einem Verlust an Gewicht. Die Körperlichkeit verliert, man könnte es als einen Prozess der teilweisen Auflösung sehen und als eine schöne Illustration dafür, dass Körper auch Geist ist. Der mit der Depression (Depression lateinisch für Niedergang, Zurückgehen) verbundene Niedergang des Ego drückt sich in einem Niedergang des Körperlichen aus.

Und nun erst, weil die Lage gar keinen anderen Schluss mehr zulässt, kann man sich eingestehen, dass man selbst an all dem Übel, das einem zustieß, Schuld (mit-)trägt. Nur jetzt, in dieser schweren Zeit, kann man akzeptieren, selbst der Bösewicht zu sein.

Das könnte man eigentlich dauerhaft so sehen, aber die wenigsten tun es. Daher ist eine solche Not-Lage eine große Chance. Sie bietet die Möglichkeit wachsender Einsicht.

Es ist eine einmalige Gelegenheit, etwas unschätzbar Wichtiges zu verstehen, etwas, das man sonst wohl nie lernen würde. Was man jetzt verstehen kann, ist, wie sehr unser Außen ein Spiegelbild des Innen ist. Und wie sehr die Teufel des vermeintlichen Außen in einem selbst wohnen. Und umgekehrt hat man die Chance zu begreifen, dass der Himmel ebenfalls in einem selbst wohnt, sofern man ihn dort sehen kann. „Gottes Reich ist inwendig. Man wird nicht mit dem Finger weisen können, es sei da oder dort … [im Außen]“


Kontemplation ist jetzt wichtig. Nachdenken. In sich gehen. Nicht viele Worte, sondern Schweigsamkeit. Keine Schuldzuweisungen. Nichts hat NUR eine Seite. Nichts ist einzeln. Auch das Ego ist das Resultat aus Beziehungen. Wenn es klein wird hat es die Chance sich neu zu definieren. Man drückt das oft so aus: Man will sich selbst finden. Oder: Man will sich neu er-finden.

Das ist wichtig. Es geht darum, was man tun wird. Was einem am allerwichtigsten ist. Wer man ist, oder besser: als was man sich sieht.

Und es geht jetzt wieder darum, wer man sein wird. Wer man sein will, wenn man es sich aussuchen könnte. Es ist dann wieder ein bisschen, als sei man ein kleines Kind. Alles ist offen(er). Man kann sich die Zukunft neu aussuchen, vorausgesetzt, man findet jetzt das richtige Verständnis für die Situation.

Man überlegt, wie man mit der Situation umgeht. Folgende Punkte halte ich für besonders bedenkenswert. Jeder einzelne Punkt ist eine Philosophie für sich und sollte in das Denken einsinken. Es reicht eigentlich nicht aus, die Punkte zu lesen und sie gut zu finden, sondern sie müssen begriffen und gelebt werden.

  1. Endlichkeit. Alles ist für den Menschen sehr endlich, zum Beispiel die Zeit, also die Jahre, die man noch hat. Egal ob man jung oder alt ist. Und damit sind die Dinge endlich, die man tun kann. Die Zeit, die einem verbleibt, und deren Maß man nicht abschätzen kann, ist sehr wertvoll – man sollte nicht damit herumschludern. Dieser Gedanke sollte einem ein Gefühl dafür geben, wie entscheidend es ist, sich auf die allerwichtigsten Werte konzentrieren und JETZT das Leben zu leben, das man für richtig hält.
  2. Endlichkeit akzeptieren. Trotzdem geht es nicht darum,  das Leben „maximal auszunutzen“. Der Wert der Dinge ist ohnehin eine Sichtweise. Nichts was man tut weil man es „tun muss“ gewinnt dadurch an Wert. Was man schnell und ohne Liebe tut, ist verschwendet. Was man ohne Überzeugung tut, ist verschwendet. Aus der Sichtweise der Endlichkeit (Punkt 1) folgt, dass der Mensch nur einfache, kleine Dinge, tun kann. Er ist endlich im Unendlichen! Doch diese kleinen Dinge können für ihn den allergrößten Wert haben. Es geht also darum, Verständnis zu gewinnen. Es muss mit Bedacht ausgewählt werden, was man selbst für wichtig hält.
  3. Karma: Was wir tun, was wir denken, hat Wirkungen. Wirkungen, die wir nicht im Zusammenhang mit ihren Ursachen sehen können. Der Gedanke des Karma ist der Gedanke des Wissens um ein Nichtwissen: ALLES hat seine Wirkungen, und ALLES hat auch einen Grund. Die Begrenztheit des Menschen kommt darin zum Ausdruck, dass er nur wenige Wirkungen ihren Ursachen zuordnen kann, und nur wenige Ursachen ihren Wirkungen. Der Gedanke des Karma lässt uns verstehen, wie wichtig unsere innere Einstellung für andere Leben ist, im Sinne eines nie endenden Kontinuums. Das wir die Dinge gekapselt sehen, als in sich abgeschlossen, uns selbst beginnend und endend in Geburt und Tod, ist nur eine Sichtweise; tatsächlich ist alles mit allem verbunden. Beispielsweise werden wir unseren Kindern kein Gefühl für Verantwortung hinterlassen können, wenn wir selbst keins haben. Das ist Ursache und Wirkung. Wir können kein Gefühl der Liebe an unsere Kinder weitergeben, wenn Liebe für uns Nebensache ist, oder wenn wir Liebe für manipulierbar und als Mittel zum Zweck ansehen. Und so weiter. Auch wenn wir glauben, die Kinder lebten später „ihr eigenes Leben“, ist, was in ihnen bleibt, die Erinnerung an unser gelebtes Leben, das in ihnen mit dem unserem verwoben ist. Wer die Sichtweise des Karma verinnerlicht, der wird es für wichtiger halten, fundamentale Werte im eigenen Leben zu verwirklichen, als flüchtige Werte, als materielle Werte, als wechselnde Werte des Momentes.
  4. Entscheidungen. Klar werden. Die Sichtweise der Endlichkeit hat auch eine weitere klare Folge: Man muss sich entscheiden. Man kann nicht alles haben. Man muss auch nicht alles haben, um ein erfülltes und gutes Leben zu leben. Man kann die schon erwähnte Endlichkeit akzeptieren, darf für sie sogar dankbar sein. Dieser Gedanke sollte dazu dienen, dass wir uns für einige Akzente unseres Lebens entscheiden, die wir gern verwirklicht sehen möchten. Es geht eher um entscheidende Prinzipien, als um einen genauen Weg. Beispielsweise geht es sehr häufig um „Ehrlichkeit“ im Gegensatz zu Lebenslügen. Wer diesen Akzent setzen will, der muss in sich Ehrlichkeit verwirklichen. Der muss eine ENTSCHEIDUNG treffen. Man kann nicht ehrlich sein, wenn man es gleichzeitig für möglich hält unehrlich zu sein. Und es geht auch nicht darum, Ehrlichkeit im Außen zu suchen, etwa, um andere Menschen zu bewerten und sie ihrer Unehrlichkeit wegen zu verurteilen.
  5. Das Ego verstehen. Überhaupt ist die Besinnung auf das Selbst, die oft erst in Krisenzeiten eintritt, sehr wichtig. Im Arbeitsprozess, in der Peergroup, werden die Anforderungen, die Meinungen, schnell verinnerlicht. Man weiß nicht mehr zu unterscheiden zwischen dem, was anderen wichtig ist, und dem, was einem selbst wichtig ist. Wenn man beginnt das Ego als etwas Eigenständiges zu sehen, dann beginnt man andererseits auch, die Verwobenheit des Ego mit den anderen Egos zu  begreifen. Und man beginnt das Wechselspiel, den Prozess zu sehen, der zwischen all diesen kosmischen Punkten stattfindet. Der Prozess ist das Interessante, nicht die statische Auffassung: Derjenige IST so und so, Jener dort IST so und so …
  6. Vergebung. Meist haben unsere schwersten Lebenskrisen etwas mit anderen Menschen zu tun, denken wir an Ehekrisen, an geschäftliche Krisen, an Freundschafts- und Vertrauenskrisen, u.v.m.. Wer das Ego versteht, der versteht auch, dass derselbe Kampf der Gefühle, der Unsicherheiten, des Das-Gute-tun-wollen-und-Böses-Hervorrufen, überall im Gange ist. In uns und außerhalb von uns. In diesem Gedanken liegt Verständnis für andere Egos. Darin liegt Vergebung. Vergebung bedeutet Verständnis für die psychischen Nöte des Anderen. Vergebung muss nicht heißen, dass man auf sein (juristisches) Recht verzichtet. Das kann es heißen. Vergebung muss nicht heißen, dass man keinen Zorn mehr spürt. Das kann es heißen. Vergebung muss nicht heißen, dass es keine Konsequenzen gibt. Das kann es heißen. Vergebung kann dazu führen, dass man bestimmte Rechtsmittel nicht einlegt, dass man sich in Frieden trennen kann, dass man sich nicht zermürbt in Zweifeln und in Gedanken an eigene Lächerlichkeit. Vergebung kann heißen, dass man Schlaf und Ruhe findet, und damit die Kraft neu anzufangen. Vergebung ist im Grunde ein tiefes Verständnis für das Wesen des Kosmos – als eine Wechselwirkung. Nichts was ich im Außen sehe ist mir wirklich fremd, denn es ist auch in mir! Vergebung ist der Form nach Vergebung für andere, ist aber ebenso ein Sich-selbst-Vergeben. Anderen Ruhe geben bedeutet, selbst Ruhe finden. Anderen Schuld zu verzeihen bedeutet eigene Schuld überhaupt sehen zu können. Anderen Schuld zu verzeihen bedeutet, sich weniger auf das eigene Leid konzentrieren zu müssen.
  7. Sich auf sich selbst konzentrieren. Wir vergessen oft, dass unser Schicksal zuallererst von uns selbst abhängt. Der wichtigste Hebel für unser Glück und für unser Wertschätzen sind wir selbst. Niemanden können wir in derselben Weise, mit der gleichen Leichtigkeit, formen, so wie uns selbst. In diesem Gedanken liegt ein tiefer Frieden, denn wir müssen auf niemanden warten, dass dieser uns unser Glück ins Haus trägt. Sondern, wir können und müssen bei uns selbst anfangen. Das vermindert unsere Unzufriedenheit über das Handeln anderer. Das Handeln anderer sollten wir als ein Geschenk sehen, auf das man hoffen darf, das man aber nicht mit Sicherheit hervorrufen kann. Sich auf sich selbst zu konzentrieren vermindert unser manipulatives Verhalten anderen gegenüber, was wiederum von diesen intuitiv wahrgenommen und wertgeschätzt wird. Was wir geben kommt auf diese Weise zu uns zurück. So bekommen wir auch den besten Hebel für unser Glück in die Hand: Indem wir verstehen dass der entscheidende Faktor für Glück bei uns selbst liegt, erkennen wir, durch Tun, die Formbarkeit des Selbst. Übrigens lernt man auf diese Weise, indem man das Selbst begreift und formt, dass das keineswegs leicht ist. Das Ego zu formen ist in etwa so schwer, wie es schwer für einen Bodybuilder ist, 30 kg Muskelmasse aufzubauen. Hier wie dort handelt es sich um einen Prozess, der nicht damit erledigt ist, dass man sagt: „Jetzt habe ich etwas verstanden.“ Es hat eher etwas mit täglichem Tun und Denken, bzw. Training zu tun. Man benötigt Entschlossenheit, um die bisherigen Lebensgewohnheiten und Sichtweisen fundamental umzustellen. In Lebenskrisen gibt es die Chance auf eine solche Entschlossenheit.
  8. Gottvertrauen. Bei aller Selbstsicherheit, dass man sein Schicksal „in die eigenen Hände nehmen“ könne, darf man niemals vergessen, dass die Zukunft in ihrem Wesen ungewiss ist. Ist denn nicht die aktuelle Lebenskrise der beste Beweis, dass man eben nicht Herr des Schicksals ist? Gerade eben noch glaubte man alles „im Griff“ zu haben! Das macht kleinlaut, völlig zu Recht. Der Mensch denkt, Gott lenkt. Man darf voller Schicksalsergebenheit auf Gott vertrauen. Krisenzeiten bieten immer auch die Chance zu verstehen, wie wichtig das Loslassen ist. Loslassen als das Gegenstück des Zwangsdenkens, wir hätten unser Leben „in der Hand“ und müssten es gottgleich steuern. Das gelingt nicht, überfordert nur. Alles kann passieren. Auch wenn man sich noch so bemüht kann es doch nie gelingen, dass man das eigene Schicksal vollständig in die Hand bekommt. Unser Schicksal ist verwoben mit so vielen anderen Schicksalen, die ganz ähnlich ungewiss sind. Akzeptanz … Loslassen … Auf Gott, das Höhere, vertrauen!
  9. Die Formbarkeit des Ego erhalten. Gottvertrauen hat auch den Aspekt von: Das Ego nicht zu groß werden lassen. Denn wer das Höhere als eine Seinsbedingung begreift, wer Gott am Werk sieht, überall dort, wo er auch hinschaut, dem kann das eigene Ego nicht zu einem Gott werden. Zu einem scheinbar allmächtigen Gott-Ego, das da sagt: ICH verstehe alles, ICH habe alles im Griff. Und wer die Formbarkeit des Selbst als einen Prozess versteht (man denke an den erwähnten Bodybuilder), der wird auch verstehen, wie wichtig es ist, die Formbarkeit des Ego zu erhalten. Denn das Ego hat die Tendenz wieder stark und übermächtig zu werden, in Selbstgefälligkeit zu verknöchern und später spektakulär und schmerzhaft zu zerbrechen. Man sollte versuchen das Ego jung und biegsam zu halten. Im Lebens-Prozess gibt es immer wieder Gelegenheiten für wichtige Entscheidungen, die wir dann gut meistern können, wenn unser Ego nicht zu übermächtig geworden ist. Wenn wir uns selbst noch ändern können.
  10. Jetzt. Weil alles im Leben endet, weil alle Dinge kaputtgehen, alle Menschen sterben, alle Gedanken vergessen werden, sollte man lernen das Jetzt und den Moment wertzuschätzen und anzunehmen. Das Jetzt ist das eigentliche Sein. Man darf Danke sagen für das Jetzt. Ziele, die man für eine ferne Zukunft hat, verleiten uns oft dazu das Jetzt nicht wertzuschätzen. Verleiten uns, das Jetzt als einen flüchtigen Moment des Übergangs in eine besseren Zeit zu verstehen. Als einen unglücklichen Moment sogar, um den es nicht schade ist, da er ja dem höheren Zweck dient, einer besseren Zukunft geopfert zu werden. So hofft denn mancher, dass das Jetzt bald vorübergehen möge. Doch es bleibt. Das Jetzt ist immer. Auf diese schlichte Weise vergeben sich viele das Glück und die Erfüllung, die der Moment für sie bereithalten könnte – in der Hoffnung auf ein Glück und eine Erfüllung der Zukunft. Doch welche Zukunft des Glücks will man aufbauen aus einer Gewohnheit des Unglücklichseins heraus?
  11. Abgrenzung und Verbindung. Weil das Ego das Resultat aus Beziehungen ist, darf man nie vergessen, dass Abgrenzung ebenso wichtig ist, wie die Verbindung. Selbsternannte Esoteriker reden oft davon, man müsse sich mit allem verbinden. Alles sei „in Wirklichkeit“ eins. Aber Abgrenzung, das Lösen von Verbindungen, ist ebenso wichtig. Das geht schon aus dem ersten Punkt, der menschlichen Endlichkeit, hervor. Wir müssen uns beispielsweise keinen Problemen stellen, die wir nicht haben, die wir nicht einmal kennen. Es ist der alte spirituelle Weg des Eremiten. Man kann das Ego wie einen SÜCHtigen begreifen, dessen SUCHE nach immer Demselben (dieselben Denkgewohnheiten, dieselben Informationsquellen, dieselbe Peergroup) das Schicksal gestaltet. So, wie es einem Alkoholsüchtigen geraten ist Kneipen zu meiden (selbst wenn er vorgibt dort nur Brause trinken zu wollen und Zeitung zu lesen), ist es für das Ego auch wichtig bestimmte Verbindungen zu meiden und neue aufzubauen. Je nachdem, was man im Leben verwirklicht sehen möchte. Je radikaler das gelingt, desto umfassender kann eine Veränderung sein.
  12. Wertschätzung. Das bedeutet: als wertvoll einschätzen, was gut ist am eigenen Leben. Das heißt, die Menschen wert zu schätzen, die einem gut tun; die Dinge wertzuschätzen, die einem das Leben erleichtern; die kleinen Dinge wertzuschätzen die völlig oder fast kostenlos sind, wie die Luft, das Wasser, auch die Nahrung. Das bedeutet sparsam und nicht zu anspruchsvoll zu sein. Mit Wertschätzung kann das einfachste Leben ein glückliches Leben sein. Wertschätzung bildet einen guten Lebenskompass. Wertschätzung ist eine Übung, ein Lebensweg. Es ist die Übung, jeden Tag „Danke“ zu sagen. Ausgerüstet mit dem Kompass der Wertschätzung lassen sich die wichtigen Lebensentscheidungen gut treffen. Dann kann man gut unterscheiden zwischen dem, was man wirklich braucht, was einem wichtig ist. Und dem, was eigentlich ganz überflüssig und wertlos ist – selbst wenn die ganze Welt anderer Ansicht ist. Oft genug leben wir die Werte anderer und vergessen darüber, das eigene Leben, und die eigenen Dinge darin, wertzuschätzen.

Man kann eine Lebenskrise als eine Gelegenheit sehen, das eigene Leben neu zu verstehen und neu aufzubauen. Eine Lebenskrise ist, so gesehen, wertvoll. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass man eine Lebenskrise nicht genießen kann. Und man sucht Lebenskrisen auch nicht, sondern will sie vermeiden. Man denke an schwere Krankheiten, an Scheitern, an Abschiede, an Unfälle, an Vertrauensbrüche und vieles mehr. Vielleicht tröstet es ein wenig in der schwierigen Situation, wenn man die oben genannten Punkte bedenkt, selbst wenn man sie zuerst nicht wirklich versteht.

Lebenskrisen sind Phasen, von denen man sagt „so etwas möchte ich nie wieder erleben.“ Man hat gute Chancen, dasselbe nicht noch einmal zu erleben, und dieselben Fehler nicht noch einmal zu begehen,  wenn man aus einer Lebenskrise lernt. Wenn man eine Lebenskrise, schließlich und endlich, als Chance begreift.

Lebenskrise als Chance was last modified: April 19th, 2018 by Henrik Geyer