Gibt es den menschengemachten Klimawandel?

Die Frage, ob es einen menschengemachten Klimawandel gibt, hängt mit Antworten eng zusammen, die sich, sobald man die Frage beantwortet, in geradezu unabdingbarer Weise aufdrängen – das geht etwa so: WENN es einen menschengemachten Klimawandel gibt, dann sind die Menschen auch verpflichtet, selbigen abzuwenden.

Ob die Menschen eine solche Verpflichtung haben, oder ob sie es überhaupt können – diese Fragen sind offenbar keiner Antwort wert, sondern scheinen bereits beantwortet, sobald man erkannt hat: Der Mensch ist für den Klimawandel verantwortlich – also muss er ihn auch abwenden!

Also wird über eine Frage gesprochen, aber im Grunde schwingen viele Fragen unerwähnt mit, die wie schon beantwortet erscheinen. Diese Fragen bedürften jedoch der Beantwortung, um der Komplexität des Gesamtzusammenhanges gerecht zu werden, und um zukunftsfähige Antworten zu erhalten.

Ich will diese Fragen anreißen, und versuchen, Antworten aus der Sicht des Spirealismus zu geben.

Gibt es einen menschengemachten Klimawandel?

Diese Frage müsste man umformen zu: Gibt es einen Klimawandel, den es nicht gäbe, wenn es keine Menschen gäbe?

Denn, wenn es auch einen Klimawandel geben mag, den es ohne den Menschen nicht gäbe, so ist damit nicht gesagt, dass der Mensch diesen „macht“, in der Art eines bewussten und beabsichtigten Prozesses.

Aus der Sicht des Spirealismus ist der Mensch Element der Schöpfung, nicht ihr Beobachter. Er greift somit immer ein, er ist Teil des Schöpfungsprozesses, und niemals beobachtet er nur. Um es auf eine praktische Ebene zu bringen: Der Mensch verändert die Oberfläche der Erde. Dort wo früher ausgedehnte Wälder waren, erstrecken sich heute bestenfalls „Kulturlandschaften“, also mehr oder weniger intensiv genutzte Flächen. Oder aber immer riesiger werdende Städte. Wer den Unterschied zwischen Wald- und Stadtklima spüren kann, dem wird es nicht schwer fallen als selbstverständlich zu sehen, dass es einen Klimawandel gibt, der durch den Menschen beeinflusst ist.

Heißt „menschengemacht“ notwendigerweise „durch den Menschen änderbar“?

Nein. Der Mensch, als Element der Schöpfung, hat die Schöpfung nicht „im Griff“. Er ist sozusagen Teil einer Theatertruppe, eher als Statist – er hat die Inszenierung aber nicht unter Kontrolle. Ebenso verhält es sich in vielen Belangen, in denen sich der Mensch einerseits als Akteur sieht, andererseits aber nicht in der Lage ist, wirkungsvoll in das Rad der Geschichte einzugreifen. Denken wir an die Wirtschaft, und die immer wiederkehrenden Krisen, mit ihren Nöten, mit ihrer Gier, mit ihren unkontrollierbaren Folgen. Denken wir an Kriege, an Unruhen und Revolten. Wäre der Mensch in der Position, in der er glaubt zu sein, und könnte er mit seiner selbst postulierten Vernunft wenigstens seine eigenen Geschicke frei bestimmen, dann sollten Wirtschaftskrisen, Not und Krieg, der Vergangenheit angehören. Wir wissen alle, dass das nicht so ist. Und um wie viel mehr trifft das auf das Klima zu!

Was sind die Gründe für die Unfähigkeit des Menschen, sein Schicksal zu ändern?

Den Grund sehe ich erst einmal in mangelnder Selbsterkenntnis, die zu falschen Fragestellungen führt (siehe oben), und mithin zu untauglichen Antworten.

Ganz ähnlich wie ein Suchtkranker ergeht sich der Mensch in bequemen Betrachtungen, die den Kern des Problems kaum streifen. Könnte er ehrlicher zu sich selbst sein, hätte er sein Schicksal zumindest besser in der Hand, als er es jetzt hat.

Ganz ähnlich einem Suchtkranken erschließt sich die Sucht des Menschen diesem selbst nicht. Seine Gier und seine Unersättlichkeit sind sein eigentliches Problem – seine allumfassende Sucht immer materiell wachsen zu wollen. Letztlich resultiert ein Gutteil der Probleme des Menschen, ob nun persönlich oder gesellschaftlich, aus dieser Sucht. Was er für sich selbst als selbstverständlich nimmt, sieht er außerhalb seiner selbst nicht so gern, und bekämpft es. Der Wille wachsen zu wollen ist bei anderen Gier, bei sich selbst Gewinn. Im Körper ist es Krebs, bei sich selbst sieht der Mensch immerwährendes Wachstum als positives Aufstreben.

Eine weitere Antwort auf die Frage nach der Unfähigkeit „des Menschen“, sein Schicksal wirkungsvoll zu gestalten, ist der Hinweis auf die eigentliche Unmöglichkeit der Ausgangsformulierung. „Der Mensch“ ist eben niemals „eins“, auch wenn die Formulierung „der Mensch“ dies suggeriert. Sondern er ist, als Individuum, ein Element der Schöpfung, und dann wieder als Gesamtkraft ein Element der Schöpfung. Die widerstreitenden Interessen der Menschheits-Individuen ergeben die Wirkrichtung der Gesamtkraft, ebenso, wie viele einzelne Vektoren einen in eine bestimmte Richtung gehenden Gesamtvektor hervorbringen.

Die geradezu sozialistische Antwort auf die nicht zu übersehende Vielheit der Wirkkräfte lautet: „Alle müssen am selben Strang ziehen! Alle Menschen werden Brüder! Dann würden wir jedes Hindernis überwinden!!“ Der Preis dafür ist selbstverständlich die Gleichschaltung, das heißt, die Annahme, es gäbe auf jede Frage genau eine Antwort – und diese müssten die Menschen, auf Linie gebracht, übernehmen. Damit einher geht aber selbstverständlich die Aufgabe der Intelligenz der menschlichen Gesellschaft, die nun einmal die Vielzahl der Meinungen, und ihr konstruktives Miteinander-Streiten, zur Grundvoraussetzung hat. Und das ist das letztlich zerstörerische Potential des Sozialismus – das Verlassen des intelligenten, oft auch schmerzhaften und kämpferischen Weges, hin zu einer „Endlösung“, die vermeintlich „allen gerecht wird“.

Die konservative Herangehensweise ist die zurückhaltende Beobachtung der unabwendbaren Tatsache der Vielheit, und die Gewissheit, dass „die Menschheit“ niemals eins sein kann, ebenso wenig wie sich das Schwarz und das Weiß des Yin und Yang (als das antike Bild für die Urkräfte und das Entstehungsprinzip der Welt) zu einem Grau vermischen lassen. Die Antwort des Konservativen, dem die „revolutionäre Selbstgewissheit“ des Sozialisten (man könnte auch sagen dessen zerstörerische Überheblichkeit) fehlt, ist: Das Prinzip muss stets das Bewahren des Guten sein, und das vorsichtige Ändern einzelner Missstände. Der Konservative wertschätzt das Prinzip der Schöpfung; es liegt im Kampf und in der Einheit von Gegensätzen (Hegel) – am besten drückt sich das für die menschliche Gesellschaft in ihrer demokratischen Verfasstheit aus; hier werden die Widersprüche nicht unterdrückt, sondern ausgedrückt, und zwar in einem gesellschaftlich geregelten und anerkannten Rahmen: Dem Parlament. Das Parlament, als „Redehaus“, ist aber zum Reden da, nicht zum Feststellen der Unmöglichkeit des Redens, schon gar nicht zum Sabotieren von Reden, etc.. (all das scheint, wo nun wieder alle „fortschrittlichen Kräfte“ an einem Strang ziehen“ sollen, vergessen … )

Überwindung der Sucht des „Mehr!“

Die weiter oben angesprochene Sucht des Menschen liegt bereits in seiner Selbstgewissheit, dass Wachstum immer gut ist. (Wenn IN DIESEM Zusammenhang von „dem Menschen“ gesprochen wird, dann mit einem gewissen Recht, ist doch der Drang materiell zu wachsen den allermeisten Menschen eigen, somit auch den Nationen eigen)

Das Selbstverständnis, die Aufgabe des Menschen sei es, materiell zu wachsen (anders ausgedrückt: einen großen Fußabdruck zu hinterlassen, die Welt zu revolutionieren, sich die Welt untertan zu machen, Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu ändern.“) – das ist eine Frage der Weltanschauung. Hier wäre der Spirealismus eine Alternative.

Zurück zur Wachstums-Sucht der Menschen und ihrer ewigen Gewissheit, dass es gut sei, so viel Platz wie möglich einzunehmen, so viel wie möglich zu konsumieren, so viel wie möglich zu haben, so viele wie möglich zu sein: Einstein formulierte einmal, in eben diesem hier behandelten Zusammenhang (es ging um die Frage der Überbevölkerung)

Ein Maximum ist kein Optimum

Wenn nun „der Mensch“ so klug wäre, wie ihm selbst dünkt, dann müsste er das irgendwann einmal begreifen. Sind wir dieser Erkenntnis nahe? Ich glaube nein.

Hat der Mensch eine Verantwortung für das Klima der Welt?

Ja. Das Gefühl, Verantwortung zu haben (selbsterklärend handelt es sich um eine Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Schöpfung), ist zutiefst konstruktiv und wichtig.

Wie gesagt: der Mensch selbst ist auch Schöpfung, er steht nicht „außerhalb“ der Schöpfung. Der Mensch bleibt ein Element der Schöpfung, und wenn er noch so sehr glaubt, sich über die Schöpfung erhoben zu haben, und nun lediglich in der Beobachterrolle, oder gar der Gestalter „seiner“ Schöpfung, zu sein.

Die (andere) Schöpfung zu lieben lässt sich somit kaum trennen von der so notwendigen Selbstliebe; die Bewahrung der Schöpfung lässt sich kaum trennen von der so ersehnten Selbstbewahrung.

Worin liegt die eigentliche Chance, die Unbewohnbarkeit der Welt abzuwenden?

Ehrlicherweise liegt die Chance der Menschheit in der Erkenntnis ihrer eigenen Unzulänglichkeit. Aus europäischer Sicht wäre das gewissermaßen eine Relativierung der (heute übertriebenen) Aufklärung (gemeint ist die geistige Reformbewegung Anfang des 19. Jhds), und ihres Menschenbildes, das vom alles erkennen könnenden, alles steuern könnenden, Menschen ausgeht.

Es wäre mithin ein Zurückfinden zur Anerkenntnis der Begrenztheit der Erkenntnis und des Machbaren, zu Selbstgenügsamkeit, Bescheidenheit, Strebsamkeit, Mäßigkeit. „Alles fließt“ – also ist nichts völlig eindeutig. „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ – alles derzeitige Wissen steht unter dem Vorbehalt eines neuen Wissens, das morgen kommen wird. Daher ist das (mögliche) Wissen unendlich, und das, was ich weiß, nimmt sich dem gegenüber wie ein Nichts aus.

Selbstgewissheit, Protzerei, bei gleichzeitig immer niedriger werdender gesellschaftlicher Intelligenz („Fuck ju Jöhte“) – das sind sozusagen die negativen Symptome des Patienten, und zugleich die Krankheit selbst.

Man muss realistischerweise feststellen: Der Süchtige, „der Mensch“ also, kann sich nicht von heute auf morgen aus seiner Sucht befreien (gemeint die Sucht des Wachstums, die Sucht des „Mehr!“), zumal er ja gar nicht das Gefühl hat, von seiner Sucht lassen zu müssen. Er sieht die Sucht insgeheim als positiv – somit kann er das Problem nicht einmal sehen. Wie will er es dann angehen? Anders gesagt: Wo, in welchem wichtigen Gremium, wird heute das Problem der Überbevölkerung angesprochen?

Der Mensch muss sich vielmehr ehrlich selbst betrachten. Anspruchslosigkeit, Selbstzufriedenheit, Verkennen der Tatsache, dass der Mensch IMMER in einer Art Kampf steht, dem er sich mit Fleiß und Selbstanspruch stellen muss, das sind die Feinde der Menschheit, die Feinde der Selbsterkenntnis, die Feinde der heutigen Gesellschaft. Glaubt man doch heute, man habe so viel erreicht, man sei so reich, dass es sich nun nicht mehr lohne zu kämpfen, nunmehr ginge es um Verteilen. So als gäbe es das schlichte Rezept des Sozialismus zum ersten Mal auf der Welt, und als sei es eine neue prima Idee. Und so, als habe diese Idee nicht schon viele Male Hunger und Leid und Krieg mit sich gebracht. Das sind Ignoranz und Dummheit, und man kann so etwas nur einer geschichtsvergessenen, verwahrlosten Generation erzählen.

Die Süchte des Menschen werden weiterhin ihre Wirkkraft entfalten. Was könnte sie stoppen? Das Klima wird also nicht „gerettet“ werden durch Selbstbeschränkung. Gerade die größten Klimaapostel leben es in ihrer Hybris ja vor, was Klima-Retten für sie bedeutet … schöne Reden halten, Selbstbereicherung, die Kosten anderen aufbürden.

Was die Sucht des „Mehr!“ gewissermaßen Positives in die Welt bringt, das ist der technologische Fortschritt – auch ihn könnte man als eine Art Selbsterkenntnis sehen, getrieben von der Suche, das „Mehr!“ immer effektiver zu erreichen. Technologie – das ist die zunehmende Kompetenz des Menschen, mit Problemen umzugehen.

Die eigentliche Chance des Menschen, die irgendwann drohende Unbewohnbarkeit der Erde abzuwenden, liegt schlicht in Selbsterkenntnis, d.h. dem Fortschreiten der Technologie, aber auch dem Fortschreiten der Philosophie! Denn, was ist das Fortschreiten der Technologie ohne das immer richtiger, immer realistischer werdende, Selbstbild des Menschen? Was ist die Atomkraft ohne das Bewusstsein, sie richtig anzuwenden?

Fazit: Die Ehrlichkeit des Machbaren

Als Fazit möchte ich folgendes sagen: Der Mensch ändert das Klima, mit derselben „Absicht“, wie wachsende Bäume schließlich einen Wald bilden. Würde „der Mensch“ wie eine einzige Person denken, dann müsste er sagen, dass Mäßigkeit (im Sinne von Zurückhaltung) in seinen Ansprüchen, in seiner Besiedlung der Welt, in seinem Konsum, die Antwort auf den Klimawandel ist, ohne aber die Gewissheit zu haben, diesen nun „zurückdrehen“ zu können. Denn, ebenso wie es unmöglich ist, das Wetter für ein paar Tage sicher vorherzusagen, ist es unmöglich, die Wirkungen und Zusammenhänge des Klimas sicher zu beschreiben.

Es gilt: Klugheit vor Simplifizierung; es gibt für den Menschen letztlich keinen anderen Weg als den der technologischen Überwindung der ihn in der Gesamt-Existenz bedrohenden Entwicklungen, und der philosophischen Weiterentwicklung seines Selbstbildes.

Kann „der Mensch“ also das Klima vielleicht gar nicht ändern?

Vielleicht kann er es … ein bisschen. Doch dafür bräuchte es zumindest Ehrlichkeit und Intelligenz. Nicht aber Gesinnungskontrolle, die Niveaulosigkeit verschleiern soll. Die gedankliche Eingleisigkeit des Süchtigen ist völlig ungeeignet für dessen Genesung. Die Diskussion, so wie sie geführt wird, ist vereinfacht und entkernt um die wichtigsten Fragen. Eigentlich ist sie Instrument zur Erlangung politischer Macht, dient aber nicht wirklich dem Klima oder dem Naturschutz. Habeck (Grüne): „Ich bin für Naturschutz und Energiewende verantwortlich und kann deshalb klar sagen, dass die Energiewende nicht am Naturschutz scheitern wird.“ (hier) Wie absurd. Natürlich, man kann sehen, wie, um das Lieblingsspielzeug der selbsternannten Weltretter zu installieren (ihre kathedralenhohen Windräder beispielsweise), das vernichtet wird, was sie vorgeben schützen zu wollen.

Und: Die Konservativen sollten sich das Thema des Umweltschutzes nicht aus der Hand nehmen lassen, ist doch das Bewahren der Schöpfung eigentlich ein zutiefst konservatives Thema! Statt dessen aber betätigen sich die Konservativen viel zu häufig in der Rolle der „Klimaleugner“ (schon das Wort deutet auf die behauptete Unbestreitbarkeit eines dümmlichen Postulats). Eine Rolle, die sich die Konservativen vom politischen Gegner aufoktroyieren lassen, indem sie selbst (!) die Frage „Gibt es einen menschengemachten Klimawandel?“ mit der Prämisse „Der Mensch muss den Klimawandel zurückdrehen!“ in einen Topf werfen.

Gibt es den menschengemachten Klimawandel? was last modified: Juni 7th, 2019 by Henrik Geyer