Das Atom – des Pudels Kern

Die Denkvoraussetzung des Materialismus ist: Jedes Ding besteht aus Stoff (Materie). Stoff hat Masse und Raum. Jedes Ding beansprucht einen Raum. Zweitens sind alle Dinge aus anderen Dingen zusammengesetzt … das Ganze hat immer Teile, so wie jedes Ganze auch Teil von etwas ist. Drittens ist demnach der Raum für ein Ding begrenzt … zumindest ja dadurch, dass das Ganze einen definierten Raum einnimmt. Und da alles auch Teil von irgendetwas anderem ist …

(übrigens ist das Universum das einzige Objekt, das nicht Teil von etwas anderem ist. .. siehe auch: Der Mensch kann niemals über die Grenzen des Universums hinaus).

Die logische Folge aus den o.g. Denkvoraussetzungen: Dann muss es irgend etwas Kleinstes geben. Es wäre ein Ding, so wie wir Dinge im Großen sehen. Nur eben sehr klein. Mit Masse, mit Raum, mit zeitlicher Kontinuität. Ein Atom! Es wäre der Beweis der Richtigkeit des Materialismus.

Ein Atom wäre ein Ding, das in seinen Eigenschaften eindeutig wäre, es hätte Raum und Zeit, und wäre nicht weiter teilbar. Ein wahrhaftiger Kern eben. Es wäre zugleich die Grenze von Erkenntnis, mindestens für diesen Kern. Wir könnten ihn nur anschauen und sagen: „Da ist er nun, der Kern der Dinge.“

So wie das Universum das Ding wäre, das sich aufteilt, aber nicht Teil von etwas anderem ist, wäre das Atom das Ding, das Teil von etwas anderem ist, aber sich nicht teilt. Beides zusammen, das Kleinste und das Größte, eröffneten eine wohldefinierte Spanne und führen zu einer Vorstellung von Endlichkeit. Eine Endlichkeit innerhalb eines Anfanges und eines Endes – wie in einem Gefäß. Einer Bestimmtheit – so wie jedes Objekt, wenn es denn existiert, in einer Bestimmtheit existieren muss, nicht wahr, in Raum, Zeit, Eigenschaften des Stoffes …. 

Die Schwierigkeit

Das Atom, so wie wir es in der Wissenschaft sehen, hat aber Eigenschaften, die wir eher dem Geistigen zurechnen würden, als einer Sache aus „Stoff“. Es hat, je nach Sichtweise, mal eine Masse, mal keine. Es hat, je nach Sichtweise, einen Raum, mal keinen. Eigentlich, so sagen Physiker, sei ein Atom quasi Nichts. Der Anständigkeit halber verbleiben der Phantasie noch ganz kleine Körperchen: Die winzigen Elektronen, die in riesigem Abstand um den selbst nicht viel größeren Atomkern kreisen. Atome sind auch nicht an einer bestimmten Stelle, sondern lediglich in einem Wahrscheinlichkeitsraum zu finden. Dort tauchen sie nach Gutdünken auf, in Abhängigkeit davon, wie man sie beobachtet.

Es ist auch kein endgültiger Kern da, sondern, der Kern lässt sich spalten, bzw. zerfällt von selbst…

Wenn sich alle Dinge infinitesimal in weitere Dinge aufspalten lassen, dann wäre es schließlich unmöglich, ein Kleinstes zu finden, denn es wäre in seiner infinitesimalen Unendlich-Kleinheit dem Nichts so nahe, dass es quasi wie „nicht vorhanden“ wäre. „Nicht vorhanden“ aber bedeutet: wir können es nie und nimmer finden. Das bedeutet z.B., es könnte auch makroskopische Dinge geben, die nicht dadurch erklärbar sind, dass sie sich aus irgendetwas anderem zusammensetzten, Dinge aus Nichts sozusagen – eine komische Vorstellung.

Etwas, das sich „nie und nimmer finden lässt“, wie oben formuliert … kann es so etwas geben? Das widerspricht dem sicheren materialistischen Glauben, der Mensch könne alles finden – als eine Art Gott des Wissens. Diesem Erkenntnisglauben zufolge gibt es nichts, was der Mensch nicht in Erfahrung bringen könnte, alles andere erscheint ihm paradox. Wenn es „da“ ist, so besagt der Glaube, dann müsste es sich doch auch finden lassen!

Aber, was heißt nun „da“? Indem ich sage, etwas sei nicht findbar – kann es dann „da“ sein? Dem Materialismus erscheint selbst das Nicht-Findbare irgendwie findbar … das ist sein Paradox.

Ist das Nichts „da“? Paradox ist das materialistische Verständnis des Nichts als Etwas. Letztlich besagt es, dass alles existieren könnte, was sich der Mensch denkt. Sogar das Nichts bekommt so eine Form von Existenz, und zwar als die Negation von ETWAS. Der Spirealismus findet darin nichts Ungewöhnliches – Existenz ist Bewusstsein. Das Kurios-Paradoxe ist aber eben die materialistische Sichtweise auf Existenz: Als von Bewusstsein unabhängig!

Jedenfalls fragt sich der Mensch, was es wohl geben könne, das er nicht finden kann .. ausgestattet mit diesem im weiten Universum unvergleichlich einzigartigen Gehirn, das Intelligenz besitzt, wo doch ringsum nur stumpfer Stoff  (Materie) ist?

Existenz aus Bewusstsein

Was aber bedeutet es, wenn etwas nicht auffindbar ist? Wenn das Atom im oben genannten Sinn, als fester Kern und Grenze der Erkenntnis, nirgendwo zu finden ist? Auch nicht im übertragenen Sinn, als irgendeine Begrenzung der Erkenntnis, irgendein Kern des Absoluten? Bedeutet das, dass es nicht vorhanden ist? Oder, dass es noch der Entdeckung harrt? Letzteres glaubt der Materialismus, der sich stets auf dem Gipfel der Erkenntnis, jedoch nie, auch nicht in irgendeinem aller kleinsten Detail, wirklich am Ziel sieht.

Für den Spirealismus hingegen zeigt sich in der Tatsache, dass wir immer weitere Teile erzeugen können, anstatt IRGENDWO, in auch nur IRGENDEINER HINSICHT auf einen Kern und eine Grenze der Erkenntnis zu stoßen, die Kreativität des Bewusstseins – dessen erschaffendes Prinzip. Das Bewusstsein wird immer finden, wonach es sucht, ausgehend von seinen Denkvoraussetzungen. Denn es ist ja gar nicht an eherne Naturgesetze gebunden. Die Objekte erzeugt es selbst. Das Bewusstsein hat keine Grenze, die wir finden können. „Ich“ und „unser Bewusstsein“ – das ist dasselbe. Das Ich-Universum erscheint immer zugleich vollständig und grenzenlos. Schauen wir tiefer in den Raum, entdecken wir neue Sterne am Rand, selbst sind wir stets in der Mitte.

„Vorhanden“ kann nur sein, was wir definieren. Und umgekehrt ist, was wir definieren, für uns auch vorhanden. Wir sind nicht die Beobachter der Schöpfung, sondern ihre Elemente. Unser Sein gebiert weitere Schöpfung.

Götze Atom

Der Materialismus als kreative Weltanschauung benötigt das Atom. Das Atom ist der Inbegriff der Vorstellung, dass die Dinge in Raum und Zeit existieren, also, dass sie einen Raum beanspruchen, dass sie aus Stoff (Materie) sind und eine Masse haben, und dass sie in einer unwandelbaren Kontinuität der Abhängigkeiten existieren, auch Zeit genannt, oder auch Kausalität genannt.

Wenn wir nicht vorfinden, was wir fundamental erwarten: Einen Anfang und ein Ende …

Wenn wir das nicht vorfinden, dann ist es uns rätselhaft – man sehe das Rätsel der Geburt und des Todes. Kann irgend etwas einfach aus dem Nichts entstehen, in Unterbrechung der ewigen Kausalität? Ein Bewusstsein zum Beispiel, ein Ich? Und … kann es dann auch wieder einfach verschwinden? Der materialistische Verstand benötigt die Vorstellung einer Fortdauer, um die Grundannahme sich ewig voneinander ableitender Existenz nicht zu beschädigen. Für das Ich braucht er: Seele!

Man sehe auch den Urknall. Woher kommt die Materie, unser Götze? Da muss es einen Knall gegeben haben – einen Urknall. Und dann war sie da, die Materie. Das ist die Erklärung. (Natürlich erklärt ein Urknall gar nichts, und ein Knall kann es auch nicht sein, so ohne Materie. Und ohne jemanden, der den Knall hört. Der Knall ist sozusagen die theatralische Verbindung zu einer Kausalität, die wir „nur noch nicht kennen“, und daher sicherlich irgendwann erschaffen werden)

Das ist in etwa wie die Frage nach Gott. Wer hat Gott eigentlich erschaffen? (mein kleiner Sohn stellte mir diese Frage neulich, auf seinem Töpfchen sitzend) Die Frage nach der Erschaffung Gottes wäre so zu beantworten: Das kann man nicht wissen, denn Gott ist nicht von dieser Welt. Allein die Vorstellung einer Person Gottes ist Unsinn. Aber wir sind ja erwachsen, ernsthafter. Die Frage nach der Erschaffung der Materie ist weit wissenschaftlicher beantwortbar: Da gab es einen Knall. Allmächtiger Verstand des Menschen!

Die Vorstellung des Atoms ist in sich kreativ, so wie jede Vorstellung. Sie bringt weitere Vorstellungen, als Ableitungen des Eigenen, hervor. Aus dem kleinsten Teilchen werden noch kleinere Teilchen. Die Ableitungen wiederum stabilisieren den logischen Ausgangspunkt: Das Atom. Denn, nur wenn es das Atom gibt, dann kann es auch Teile des Atoms geben, nicht wahr?

Was wäre wenn …

Was wäre, wenn sich nun verbreiten würde, was doch eigentlich bereits absehbar ist, nämlich, dass der materialistische Glaube nicht zutrifft … Sondern: Das Ganze ist nicht die Summe von Teilen. Nur dann, wenn wir es so definieren. Dinge müssen keinen Raum einnehmen. Nur wenn wir das so definieren. Raum und Zeit sind Phänomene des Geistes. Nicht unwandelbar. Und keineswegs nicht anders denkbar. Die Existenz basiert auf etwas, das der Materialismus als Nichts ansieht, denn es hat keinen Raum, kein Gewicht, keine Zeit: Geist. Es gibt Dinge, die aus Nichts gemacht sind. Zum Beispiel der Gedanke. Was ist wichtig für das Finden von Atomteilchen? Ein Atom? Nein, Bewusstsein! Ohne Bewusstsein gäbe es das Atom bereits nicht.

Ist der Mensch in der Lage, das zu erklären? Dem Ganzen einen Anfangs- oder Endpunkt zu geben? Nein. Aber, das muss er auch nicht. Sondern, es wäre für ihn bereits ein riesiger Fortschritt, zumindest eben das Prinzip des Geistigen zu verstehen.

 

 

 

Das Atom – des Pudels Kern was last modified: Dezember 21st, 2017 by Henrik Geyer

Fraktale – Selbstähnlichkeit, die Dinge erschafft

 

Alles ist Geist. Dort, wo wir materielle Dinge des Außen sehen wollen, sind keine Dinge im materialistischen Sinn „vorhanden“.

Informationen erschaffen sich aus unserem „Blick auf die Dinge“, als Relation. Es sind keine Objekte vorhanden, von denen wir Informationen abrufen, sondern wir sind, indem wir schauen, Erschaffer der Objekte, die wir sehen – das kreative Element liegt in uns.

Küstenlänge Englands

Ein bekanntes Denkmodell legt dar, dass die Grenze eines Landes immer länger wird, je genauer man misst. Es ist unter dem Begriff „Englands Küste“ bekannt, (zumindest mir). Wohl deshalb, weil sich die Gestalt Englands vornehmlich an seiner Küste festmacht. Wie groß die Länge der Küste ist, ist ja nicht unerheblich, sondern ein wichtiges Maß seiner äußeren Gestalt. Warum aber wird die Länge größer, je genauer man misst? Man benötigt dafür ein wenig Phantasie: Wenn man um jeden Kieselstein der Küste herummisst, (was einem gewissenhaften Menschen lediglich wie eine wünschenswerte Genauigkeit erscheinen mag), wird sich die Küstenlänge vergrößern. Sie wird umso länger, je genauer man misst, und je kleiner die Steinchen werden, die man in die Messung einbezieht. Schließlich geht die Küstenlänge ins Unendliche, man stelle sich vor, man würde jedes Atom einbeziehen. Das Objekt „England“, und das ist das Erstaunliche, ist also nicht in Eindeutigkeit definiert, sondern seine Eigenschaften hängen, zum Beispiel in der Frage der Küstenlänge (aber auch jeder anderen), von unseren „Messungen“ ab. Von unserem Blick. Man stelle sich vor, es wäre irgendein anderes Objekt. Nicht England, sondern beispielsweise eine Kaffeetasse, um deren Rand-Atome man herum-messen würde.

Dass wir mit unseren Messungen die Informationen, die Dinge, erst erschaffen, ist ein Phänomen, von dem die Wissenschaft bisher glaubt, dergleichen sei nur in der Quantenphysik zu beobachten. Dort wird es mit den Worten beschrieben, dass sich kleinste Teilchen erst dann über ihre Eigenschaften „klar werden“, oder sich zwischen Zustand A oder Zustand B „entscheiden“, wenn man misst. Wenn man schaut ….

Doch eigentlich handelt es sich nicht um ein quantenphysikalisches, oder mathematisches Problem, sondern um ein weltanschauliches, um ein philosophisches Problem. Es geht nicht um die Frage, wie man Eins und Eins zusammenrechnet, und sei es schließlich in noch so komplizierten Formeln (dem Materialisten umso glaubwürdiger, je weniger allgemein-verständlich es ist), sondern wie man Eins sieht. Eins, verstanden als „das Objekt“. Eins, verstanden als „der Gegenstand“ vor unserer Nase. Denn vor aller Mathematik kommt erst einmal dieses Verständnis: Was ist ein Objekt (die Eins)?

Dass wir die Erschaffer der Information sein könnten, kommt uns, gefangen in der materialistischen Sichtweise, nicht in den Sinn. Die Selbstverständlichkeit dessen ist hingegen das Grundprinzip des Spirealismus, der sagt, der Mensch sei nicht Beobachter der Schöpfung, sondern Element der Schöpfung.

Fraktale

Fraktale sind Rechner-erstellte Bilder, die auf einfachen Formeln beruhen, die immer wieder auf sich selbst angewendet werden. Fraktale Formen findet man überall in der Natur. Je weiter man den Begriff der Selbstähnlichkeit fasst, was der Spirealismus tut, desto öfter, schließlich überall.

Interessanterweise habe ich auf der Wikipedia-Seite zu Fraktalen folgende Formulierung gefunden, mit Bezug zum erwähnten Küstenlängen-Phänomen. Zitat:

 

Weit verbreitet sind fraktale Strukturen ohne strenge, aber mit statistischer Selbstähnlichkeit. Dazu zählen beispielsweise Bäume, Blutgefäße, Flusssysteme und Küstenlinien. Im Fall der Küstenlinie ergibt sich als Konsequenz die Unmöglichkeit einer exakten Bestimmung der Küstenlänge: Je genauer man die Feinheiten des Küstenverlaufes misst, umso größer ist die Länge, die man erhält. Im Falle eines mathematischen Fraktals, wie beispielsweise der Kochkurve, wäre sie unbegrenzt.

 

Ich muss folgendes ergänzen, damit die Verbindung der beiden Phänomene, also Küste Englands und Fraktale deutlicher wird: In mein Buch Alles ist Geist habe ich das Küste-Englands-Phänomen aufgenommen. Und Fraktale sah ich schon eine geraume Weile als ein gutes Modell der Weltentstehung – In der Titelzeile dieses Blogs ist daher ein Fraktalbild das Hintergrundbild. Fraktale sind mathematische Formeln, die, mit Selbstbezug angewendet, Formen ergeben, Bilder ergeben, die an Science-Fiction-Welten erinnern. Nach meiner Auffassung kommt unsere Welt ja nicht mit einer bestimmten Notwendigkeit zu Stande .. Das heißt, hätten wir eine andere Welt vor uns, beispielsweise eine fraktale Science-Fiction-Welt, wäre diese uns ebenso selbstverständlich wie jene, die uns tatsächlich vor Augen steht. So, wie den Menschen ja immer schon die Welt, in die sie geworfen waren, selbstverständlich war, welche auch immer das gewesen sein mochte.

Im oben zitierten Wikipedia-Eintrag werden nun beide Phänomene in einem Zusammenhang genannt, was für mich neu war. Aber, beide Phänomene zeigen sehr sinnfällig den erschaffenden Blick, um den es in diesem Beitrag ja geht. Was an beiden Phänomenen ebenfalls interessant ist: sie entstammen der seriösen Wissenschaft unserer Tage, d.h., man muss nicht mit der als subjektiv empfundenen Sichtweise eines Menschen argumentieren, sondern kann sich auf etwas sehr Anerkanntes beziehen.

Bezüglich der beiden Phänomene scheint zunächst ein Unterschied vorzuliegen … im einen Phänomen (England) geht es um die äußerliche Gestalt von etwas. Beim anderen (Fraktal) um einen Selbstbezug, der wunderschöne Formen erschafft, wie man sie aus der Kunst kennt, aber auch aus der Natur, und zwar scheinbar ohne menschlich-bewusstes Nachdenken. Aber es gibt auch eine Gemeinsamkeit. Bei beiden geht es um Formen, und deren Wandelbarkeit durch die Intensität des Schauens. Der intensive Blick, das genaue Nachmessen (England), das lange Rechnen an einem Fraktal, zoomen in die Wirklichkeit quasi hinein. Beim einen Phänomen (England) wird die Küsten-Länge umso größer, je genauer man schaut, beim anderen Phänomen wird die „Tiefe“ des Fraktals größer, man könnte auch sagen dessen „Raum“, je länger man berechnet. Denn man kann jede Strecke noch einmal teilen, egal wie klein sie schon ist. Wenn man die Fraktal-Formel wieder auf den „neu entstandenen“ Raum anwendet, ergeben sich neue Formen – nie die gleichen Formen, aber ähnliche. Man zoomt quasi in den Raum hinein – und erschafft ihn dabei!

Der Materialist wird vielleicht fragen: Was hat ein Fraktal und das Messen einer Küstenlänge mit dem Blick des Menschen zu tun?

Dem spirealistischen Denken ist es eigentlich fremd, hier große Unterscheidungen zu machen. Fraktalberechnungen sind nichts vom Menschen Unabhängiges, ebenso sind Messungen des Menschen nicht von diesem unabhängig. Im Grunde mutet es ziemlich merkwürdig an, jemanden („den Menschen“) Dinge tun zu sehen, oder über sich reden zu hören, und dann (von ihm, „dem Menschen“) zu erfahren, wie er redet und was er tut sei von ihm selbst unabhängig! Es ist eine Folge des spirealistischen Weltbildes, dass man diese Absurdität zu sehen beginnt. Nur das materialistische Weltbild will hier einen Grenzstrich ziehen, auf Grund seines Denkmodells, dem zufolge Denken und Dinge grundsätzlich verschieden wären – was letztlich nichts weiter ist, als eine mögliche Annahme.

Aber, ein wenig Achtsamkeit vorausgesetzt, können wir das Genannte an unseren Gedanken nachvollziehen. Man beobachte bei sich selbst, wie sich die Dinge im Bewusstsein vergrößern, wahrer und fester werden, einen immer größeren Platz beanspruchen, je genauer man über sie nachdenkt. Wie jeder Gedanke ähnliche Gedanken mit einer Art Zwanghaftigkeit nach sich zieht (Selbstähnlichkeit). Man beobachte, wie sich die gedanklichen Dinge aufteilen, in immer neue Aspekte, man muss nur über etwas sehr intensiv nachdenken. Sie werden nicht nur zu einer größer werdenden Summe von Einzelteilen des Ganzen, sondern gleichzeitig wandelt sich auch das Ganze in seiner äußerlich begriffenen Gestalt .. Das ist das Wunder der Schöpfung.

So, wie man jede Strecke, und sei sie noch so klein, noch einmal teilen kann, kann man jedes gedankliche Ding noch einmal genauer durchdenken, egal, wie genau man es vorher schon vor Augen hatte. Und man kommt zu immer neuen Aspekten. Die Gedanken drehen sich nie einfach im Kreis, sondern man hat den Eindruck, als würde man in immer neue gedankliche Tiefen vorstoßen. So wie bei der Küstenlänge, so wie beim Fraktal.

Die Einschränkung des erschaffenden Prinzips auf Sonderfälle

Nun macht aber die Wikipedia-Seite die explizite Einschränkung, fraktale Strukturen seien in der Natur zu finden, aber nicht überall. Und das Küstenlängen-Phänomen sei auf Küstenlängen beschränkt.

Doch, wie gesagt, das ist nicht so. Unter dem Küstenlängen-Gesichtspunkt, also dem, dass die Gestalt einer Sache vom darauf fallenden Blick abhängt, kann man jedes Objekt, jede Grenze, jeden Umfang, jede Gestalt sehen. Also: jeden Planeten, jede Kaffeetasse, und auch jeden Menschen.

Das Gleiche gilt für Fraktale, also die Selbstähnlichkeit der Dinge, die allein aus dem Prinzip des ständigen Selbstbezuges sinnfällige Muster erzeugt …

Man kann unter diesem Gesichtspunkt die Eigenschaften jedes Gedankens sehen. Wird ein Objekt unserer Anschauung, egal, um was es sich handelt, egal ob nun Phänomen oder Noumenon (also egal ob nun gedachtes oder „vorhandenes“ Objekt), nicht immer größer, je genauer wir gedanklich darauf schauen, je mehr wir darüber nachdenken? Man denke daran, wie Vorstellungen von etwas Unheimliches zu realem Schrecken werden können, wenn man viel daran denkt. Wie man sich auf eine Liebe fixieren kann, so dass das Leben ohne diese Liebe unmöglich zu werden beginnt. Wie Neurosen  entstehen, durch die Fixierung auf nicht funktionierende Gedankengerüste … Wie überhaupt dieses An-etwas-Denken, dieses Sich-auf-etwas-Konzentrieren, der Schlüssel zum individuellen Leben ist  …

Und, zur Frage der Selbstähnlichkeit: Weisen unsere Gedanken nicht per se die Eigenschaft der Selbstähnlichkeit auf, indem wir nichts erfassen können, das uns wirklich fremd wäre, weil wir alles, was uns geschieht, doch nur innerhalb der Begriffe sehen können, die bereits in uns sind? 

Was man beobachten kann (das Neue) hängt von den Begriffen ab, mit denen wir an die Beobachtung herangehen (das Alte). Ob das nun in der Quantenphysik geschieht, oder in der Beurteilung eines Menschen, oder, wenn die besagte Kaffeetasse vor uns steht.

Erst die Theorie entscheidet darüber, was man beobachten kann.

Albert Einstein

* 14. März 1879 in Ulm; † 18. April 1955 in Princeton, New Jersey

(Ich betone, dass man die Eigenschaften eines Gedankens unter diesem Gesichtspunkt sehen kann, weil dem Spirealismus die Objekte gleich dem Gedanken an Objekte sind. Der Materialismus hingegen sieht hier eine strenge Trennung: dort die Objekte, hier die Gedanken an Objekte. Hier Geist im Menschen, dort Nicht-Geist, also feste Materie)

 

Ebensowenig sind die Phänomene der Quantenphysik nur auf die Quantenphysik beschränkt – es sind Phänomene, die jeder sehen kann, und zwar im Alltag! Siehe auch: Schrödingers Katze und ein Knacken im Wald

Es ist eine Frage der „Anschauung der Dinge“, und nicht eine Frage die sich eingrenzen lässt als kuriose Sondertatsache exotischer wissenschaftlicher Bereiche. Fraktale, aber auch Phänomene aus dem „ganz normalen Leben“, verraten viel mehr über uns selbst, und unseren (erschaffenden) Blick auf die Welt den wir Wahrnehmung nennen, als dass sie uns nur Auskunft gäben über mathematische Merkwürdigkeiten oder Statistik. Man muss nur die Augen aufmachen. Und die Brille der Gewohnheit abnehmen.

 

Fraktale – Selbstähnlichkeit, die Dinge erschafft was last modified: Dezember 20th, 2017 by Henrik Geyer

Was ist „verrückt“? Gedanken, die krank machen.

Ich hatte im vorigen Beitrag mit dem Titel Was ist „verrückt“? gesagt, dass man gegenüber „Verrückten“ („verrückt“ im Sinne von: Von der Realität abge-rückt) eine Haltung einnehmen kann, die hilft. Und ich hatte auch gesagt, dass dieselbe Haltung im ganz normalen Alltag weiterhilft.

Ich will ein wenig illustrieren, wie ich das meine.

Mit meinem Sohn, der eine psychische Erkrankung hat, habe ich manches Mal sogenannte „Mindfuck-Filme“ gesehen. Das war sein Wunsch, er interessierte sich sehr dafür. Mindfuck-Filme (diesen Begriff hat er mir erklärt), das sind Filme, die die Realität aus einer ganz bestimmten, als normal empfundenen, Perspektive schildern, und diese dann, meist gegen Ende des Films, umdrehen. Zum Beispiel wird ein Verbrechen aus der Perspektive eines Detektives geschildert; minutiös wird dargestellt, wie der Detektiv dem Verbrecher immer auf der Spur ist, ihn stets nur knapp verpassend .. und am Ende stellt sich heraus, dass Verbrecher und Detektiv ein- und dieselbe Person sind!

Natürlich lässt das den Zuschauer zutiefst verblüfft zurück. Beispiele für solche Plots gibt es viele – zum Beispiel den Film „Shutter Island“, wie überhaupt viele Filme heutzutage, ich erinnere mich so etwas von Patricia Highsmith gelesen zu haben, oder vielleicht „Die Verwandlung“ von Kafka, oder die Geschichte von Jeckyll und Hyde von R.L.Stevenson, oder auch „Ubik“ von Philip K. Dick. Oder „Die Maske“ von Stanislaw Lem. Plots dieser Art sind jedenfalls keine Seltenheit, und nach meiner Auffassung machen sich die jeweiligen Autoren eine Tatsache zu Nutze, die zwar jeder beobachten kann, aber doch ganz unverstanden ist, und daher jedesmal aufs Neue verblüfft. Nämlich, dass „die Realität“ in jedem Individuum verschieden ist, und es überhaupt nicht klar ist, was denn nun „die Realität“ (in der Einzahl) sein soll.

Nun interessierte sich wie gesagt mein Sohn ausgerechnet für solche Filme, und wir haben uns den einen oder anderen angesehen. Hinterher war mein Sohn oft wie demoralisiert, einmal flossen Tränen, und wir haben einige recht tiefschürfende Gespräche geführt, weitergehende Gespräche, als sonst je möglich waren. Daher betrachte ich im Nachhinein die Auseinandersetzung mit diesem Thema als überaus hilfreich für ihn.

Meinem Sohn machte, wie sich herausstellte, die Vorstellung Angst, selbst so zu sein, wie der Protagonist in einem dieser Filme. Also jemand, der unter „Bewusstseinsspaltung“ leidet, und nicht weiß, welcher Realität er angehört. Angenommen man erlebt etwas (genau in diesem Moment), und weiß nun nicht: Ist das ein „krankhafter“ Traum, oder ist das die Wirklichkeit?

In dieser Situation war es, wie ich es heute empfinde, sehr gut, ihm sagen zu können, dass niemand weiß, was „die Realität“ (in der Einzahl) ist, dass uns allen dies rätselhaft ist, dass Zweifel an der Realität, wie sie in diesen Filmen ja dargestellt werden, in uns allen ruhen. Und dass deshalb seine Zweifel und sein Grübeln letztlich nichts „krankes“ sind, sondern völlig normal.

Sehr leicht hingegen, und ebenso falsch, wäre es gewesen, wie aus der Pistole geschossen zu antworten: dass die Realität eindeutig sei, dass sie für jeden Normalen jederzeit erkennbar sei, dass die Realität mit ewigen Wahrheiten verbunden sei, dass die Realität dass sei, was jedermann mit den Augen sehen könne, etc..

Denn man muss einmal eines feststellen: Der „Verrückte“ leidet natürlich an bestimmten Denkgewohnheiten, und begibt sich im Ergebnis in eine Realität, die leicht erkennbar abweicht von dem, was andere „normal“ nennen und als „die Realität“ bezeichnen. Aber, er leidet natürlich sehr darunter, dass er scheinbar so abwegige Gedanken haben soll – ist er doch meist intelligent, und nicht dement, was bedeutet, dass auch er durchaus die Unterschiede zwischen den Welten sehen kann! Und er leidet mindestens zusätzlich an diesen Unterschieden (wenn nicht hauptsächlich), wenn man ihm diese Unterschiede deutlich macht und ihn, quasi schuldig, auf die andere Seite der Realität stellt – die nicht reale. Weil er natürlich, wie wir alle, nicht krank sein möchte, nicht verrückt sein möchte, sondern eine ganz normale Realität erleben möchte, so, wie er meint, dass es sich auch gehört! Es könnte sogar sein, dass Psychiatrien oder auch Krankensäle jeder Art (man denke allein an psychosomatische Krankheiten) vor allem von jenen bevölkert werden, die ursprünglich besonders treue und ergebene Anhänger der materialistischen Weltanschauung mit ihrer Enge und Strenge waren. Man könnte auch sagen: verbissene Kinnmuskelspanner, die auf Biegen und Brechen (Brechen der eigenen Gesundheit) „der Welt“ gerecht werden möchten.

Und, wenn man nun, zumindest in diesem einen Punkt, einmal Klarheit schaffen kann, dass man ehrlich und zutiefst überzeugend sagen kann, dass es „die Realität“ nicht gibt, dass wir alle unseren eigenen Realitäten anhängen und in einem permanenten Bäumchen-wechsle-dich-Spiel befangen sind, was die vermeintlich „eine“ Realität betrifft, so ist das etwas, was den psychisch Kranken entlastet. Diese Normalität einzugestehen, verbunden vielleicht mit der Vorstellung, höheren Mächten unterworfen zu sein, die wir nicht verstehen – das hat etwas Heilendes. Während die Vorstellung, man habe es mit jener einen und einzigen Realität zu tun, und man sei nur nicht in der Lage zu erkennen, welche das ist .. DAS hat etwas Beängstigendes und Krankmachendes! Unter dieser Schizophrenie (ich nenne das „normale Denken“ schizophren – die Spaltung des Denkens liegt darin, dass man meint, alles müsse ganz eindeutig sein, man stellt aber ständig fest, dass das nicht so ist) leiden nicht nur die sogenannten Verrückten, sondern sehr viele, ganz „normale“ Leute.

Man kann dasselbe auch an der manchmal ungenügenden Funktionsweise der Psychiatrie zeigen. Ich nehme Bezug auf den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“, den vielleicht jeder kennt, und der eigentlich ein recht treffendes Bild liefert.

Die Verrückten in der Psychiatrie, in die der Sträfling Murphy gerät, werden betreut von ganz normalen, rechtschaffenden, wohlmeinenden Menschen, die allerdings den kleinen Makel haben, dass sie über keinerlei Vorstellung verfügen, was wohl im Kopf eines Psychiatriepatienten vor sich geht. Und die sich auch in keiner Weise dafür interessieren. Sie sind Gläubige der einen Realität, und, da die Patienten von dieser einen Realität sichtbar abweichen, sei, meinen sie, jede Mühe überflüssig, nach deren Realität zu fragen. Sie sind Gefangene einer merkwürdigen Eindimensionalität, die aus ihrer Sicht „die Realität“ ist. Und diese Realität nun, meinen sie, müsse jedermann erkennen, dazu seien sie da, das ist ihre Ausbildung – alles andere sei sinnlos und eben verrückt.

Man denke an den bemüht-sachlichen Ton der Oberschwester Ratched im Film, die sich zwar formal nach den Ansichten der Patienten erkundigt, aber sich erkennbar nicht dafür interessiert – sie ist ganz mit ihrer eigenen strengen Welt beschäftigt, die keine Kompromisse jenseits des – aus ihrer Sicht – Vernünftigen kennt. Sie macht aus dem, was man als die Komödie des Lebens bezeichnen könnte, eine Tragödie. Sie sieht alles ganz eng, möchte mit ihrer sachlichen, aber jede Freude tötenden Art, der einen Wirklichkeit gerecht werden, die, wenn sie darüber redet, eine traurige Farbe annimmt. Und sie ist auf diese Weise eigentlich ungeeignet, den Verrückten helfen zu können.

Ausgerechnet Murphy aber, der weiß Gott kein Waisenknabe ist, der das „volle Leben“ verkörpert, der sicher kein Genie ist und dessen Gedanken sich um Schnaps, Frauen und Freiheit drehen, dringt in die Welt der Patienten ein, weiß zu faszinieren, und heilt die Verrückten ein wenig. Er sieht „die Dinge“ nicht eng, und das sind sie ja auch nicht – wenn man bedenkt, dass jeder einen eigenen Blick auf die Dinge hat, dann weiten sie sich; müssen denn die Dinge nicht in der Vorstellung von jedermann Platz haben? Also müssen sie weit sein! Er ist politisch unkorrekt und gerade deshalb realistisch. Er trifft die Realität der Verrückten dort, wo sie ganz normal ist, nämlich bei Schnaps, Frauen und Freiheit (im Film).

Der Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ ist in der Psychiatrie angesiedelt, aber man bezeichnet ihn nicht umsonst auch als eine Kritik an der Gesellschaft. Denn, was die Patienten in der Psychiatrie kränker macht, manchmal tötet (wie im Film), das hat auch außerhalb der Psychiatrie seinen Platz, und macht in der „ganz normalen“ Alltagswelt Leute krank.

Derselbe Anspruch wie der im Film bei der Stationsleitung gezeigte, nämlich der, dass man Dinge nur auf eine einzige Art und Weise sehen könne, brachte und bringt in der normalen Welt Leute in Gefängnisse, und manchmal zu Tode. Eben wie im Film.

So lacht doch!

Ich sagte, man müsse „die Dinge“ nicht so eng sehen, denn wenn die Dinge in der Vorstellungswelt jedes Individuums etwas anderes sind, dann sind sie auch weit. Man könnte es auch umgekehrt erklären: Wenn die Dinge in jedem Menschen etwas anderes sind, dann haben sie nur einen ganz kleinen „wirklichen“ Kern. Wie groß ist dieser Kern? Das ist nicht bestimmbar.

Der Spirealismus sagt: Es gibt keinen Kern. Denn, je nachdem, innerhalb welcher Gruppe man ein Objekt betrachtet, scheint der „reale Kern“ größer oder kleiner zu sein. Wenn man sich aber vorstellt, man würde mit beliebigen kosmischen Beobachtern in Kontakt treten können, muss sich der Kern auflösen. Denn das, was wir Menschen als das Wesen der Dinge ansehen, sind menschliche Vorstellungen vom Wesen der Dinge, die wir im anderen Beobachter nicht antreffen würden.

Dieses Verständnis der Welt, die Sichtweise des Spirealismus, sehe ich als heilend an. Denn sie fragt nicht, was die richtige Realität ist, sondern setzt als erste Prämisse voraus, dass es „die“ Realität (in der Einzahl) nicht gibt. Und Spirealismus ist, so gesehen, der Erlebniswelt von Psychiatriepatienten sehr viel näher, als der Materialismus, der jedermann aufzufordern scheint, man müsse die eine Realität doch einmal zur Kenntnis nehmen, man müsse die einzige Alternative sehen (was zu einer Sichtweise der Enge und Alternativlosigkeit führt), man müsse doch die Wahrheit erkennen, und so weiter. Spirealismus ist natürlich auch der Erlebniswelt ganz normaler Menschen viel näher als der Materialismus, sofern diese denn die sogenannte Realität einmal unter dem vorgenannten Aspekt zu sehen beginnen.

Die Welt (die Welten) sind ernst, aber auch lustig. Es hat etwas Komisches, wie wir uns gegenseitig die Realitäten erklären, und sie so zu einer werden lassen. Und das Erkennen der Nicht-Eindeutigkeit, und damit das Ablassen von dem Sich-Abarbeiten an den Dingen, die man ganz genau zu wissen glaubt, hat etwas Heilendes.

Sie möchten gern lachen – aber so tun Sie es doch. Die Welt ist durchaus nicht zu ernst dazu. Sie ist weder ernst noch lächerlich, sondern in jeder Sekunde anders, anders, anders.

Sie lieben zu vereinfachen und meinen dadurch den Dingen „auf den Grund“ zu kommen. Aber dieser Grund existiert gar nicht, und nur wer ohne Ende auflöst, verunendlichfacht: wen die ganze maßlose Fülle des Lebendigen nah und fern schließlich seines vermeinten Verantwortungsgefühls – als ob auf ihm just alle Pflicht und Schwere läge – lächeln macht -, er wird in seinem und in allem Leben einigermaßen gerecht werden können. Alles Vereinfachen tötet, (denn es führt zum Buchstaben, zur Ruhe, zur Starrheit), der Schmetterling Welt steckt ausgespannt im Glaskasten; was lebendig macht, ist allein der Geist des Allumfassens, Alldurchdringens, des Glaubens an nichts und alles, und zwar zugleich an restlos nichts und restlos alles.

Christian Morgenstern
deutscher Dichter und Schriftsteller
geb. 6. Mai 1871 in München; gest. 31. März 1914 in Untermais, Tirol, Österreich-Ungarn

 

 

Was heißt „verrückt“?

 

 

 

 

 

 

Was ist „verrückt“? Gedanken, die krank machen. was last modified: Dezember 15th, 2017 by Henrik Geyer

Schrödingers Katze und ein Knacken im Wald

Öfters formulierte ich, dass die Welt, ob nun im Kleinsten oder Größten, stets den gleichen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Insofern, fest an diesen Grundsatz glaubend, wunderte es mich zuerst, warum in der Quantenphysik so andere Zustände herrschen sollten, als in der Normalwelt, so dass die Quantenphysiker sich beispielsweise darüber wundern, dass sich anstelle fester Objekte im Bereich des infinitesimal Kleinsten lediglich Wahrscheinlichkeiten finden lassen.

Später begriff ich, dass in der Quantenphysik gar keine anderen Zustände herrschen, sondern dass unser Begreifen der „normalen Realität“, also, wenn man so will der „Makrowelt“, auf wundersame Weise „schräg“ ist. Beispielsweise wenn wir selbstverständlich voraussetzen, wir beobachteten feste Objekte in einem Außen, die in Zeit und Raum schweben und riefen von diesen Objekten Informationen ab. Den Unterschied zwischen der Wahrnehmung dieser Objekte, und den Objekten selbst, können wir aber beim besten Willen nicht ziehen – wie auch, die Wahrnehmung, letztlich der Gedanke, ist es schließlich, der uns überhaupt Kunde gibt von der Existenz eines Objektes.

Wir haben, in der allgegenwärtigen materialistischen Weltanschauung, ein flaches Bild des Kosmos der Wahrnehmung. Wir sehen nicht die Wunder des Geistes, der in Wirklichkeit kreativ ist, auch im Hervorbringen von Dingen. Wir glauben, wir hingen ab von einer festen Welt des Außen, und wir sehen nicht, dass unsere Untersuchungen der festen Außenwelt diese erst erschaffen.

Um das sehen zu können benötigt man andere Denkvoraussetzungen. Wir sind mit der materialistischen Weltanschauung in tausenderlei Widersprüchen gefangen, nicht nur in der Quantenphysik. Wie gesagt, das ist eigentlich auch im Alltag sichtbar, und viele meiner Beiträge drehen sich darum.

Schrödingers Katze

Ein Beispiel hierfür soll in diesem Artikel gegeben werden. Es geht mir darum darzustellen, dass ein Gedankenversuch wie „Schrödingers Katze“ eigentlich eine Normalität auch in der Makrowelt hat. Während man gemeinhin zu begründen sucht, man könne die Verhältnisse der hochkomplizierten atomphysikalischen Betrachtungen nicht nicht in die Makrowelt übertragen … frage ich umgekehrt. Warum denn, so die Frage, soll sich kein grundlegendes Schema finden lassen, das hier wie dort Gültigkeit hat, und uns ggf. mehr und Fundamentaleres klar machen kann über unser Weltverstehen, als die Beobachtung des Zeigers an einem Geigerzähler?

Der Gedankenversuch wie „Schrödingers Katze“ dreht sich um den Zustand einer Katze (lebt sie, ist sie tot?), die sich in einer Box befindet. Ihr Zustand hängt ab von dem Zustand eines kleinsten Teilchens, das, als eine Art Relais, eine Kettenreaktion auslöst (Giftgas wird freigesetzt), die zum Tod der Katze führen muss, wenn der Schalter, wenn das Relais, „betätigt“ wird. OB es zur Kettenreaktion kommt oder nicht, hängt wie gesagt von einem Atomteilchen ab, das beim Zerfall eines Atoms als radioaktive Strahlung abgegeben wird. Der Aufenthaltsort des Teilchens wird bestimmt durch einen Geigerzähler, der das Teilchen misst oder nicht misst. Teilchen vor Ort, in der Messapparatur bedeutet also: Giftgas wird freigesetzt, und das bedeutet den Tod der armen Katze.

Das Wundersame dieses Vorganges ist, und das wollte Schrödinger zeigen, dass man in der Quantenphysik voraussetzt, dass sich kleinste Teilchen in einer Art Wahrscheinlichkeitsraum „aufhalten“, der lediglich die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Zustandes (Ortes) enthält, nicht aber gleichzusetzen ist, mit einem „richtigen“, bestimmten Zustand.

Nebenbemerkung: Der Begriff Wahrscheinlichkeitsraum dehnt den Begriff Existenz, denn man würde normalerweise sagen, dass ein Objekt, dass sich an keinem bestimmten Ort befindet, auch nicht „da“ ist. Oder umgekehrt: Es ist unsere sichere Vorstellung, dass ein „richtiges“ Objekt auch an einem Ort sein müsse. Es muss durch Raum und Zeit definiert sein.

Ein bestimmter Zustand hingegen wird in der Sichtweise der Quantenphysik erst hergestellt durch die Beobachtung des Teilchens – beispielsweise, indem der Mensch irgendwann auf den Geigerzähler schaut und feststellt, ob ein Teilchen gemessen wurde oder nicht. Und dass er nun sieht, ob die Katze tot ist, oder lebt.

Und die Schrödingersche Frage ist natürlich: War die Katze nun, ebenso wie das Teilchen, Teil eines Wahrscheinlichkeitsraumes?

Die Verhältnisse der Mikrowelt werden übersetzt in die Makrowelt, und der „Übersetzer“ ist der Geigerzähler. So wird ein Paradox offenbar, ein Paradox der materialistischen Denkwelt. Dass sich ETWAS (die Katze) in einem Wahrscheinlichkeitsraum befindet, bis ein Mensch seinen Geist darauf wendet, das wird im Materialismus als unmöglich angesehen, dem Materie und Geist getrennt sind.

Die Katze kann entweder leben oder sie kann tot sein, meinen wir, nicht beides in einem Wahrscheinlichkeitsraum. Sie kann sich nicht in einem Schwebezustand befinden.

Kosmos unserer Wahrnehmung

Nun sagte ich ja, dass die Quantenwelt im Grunde nicht anders sei, als die „normale“ Welt. Um das zu verstehen, müssen wir uns die Normalwelt nur anders denken.

Die Quintessenz des Schrödinger Experimentes ist die Vorstellung, dass etwas in die Existenz kommen könnte, durch den Gedanken daran – was der Materialist sofort als Unsinn bezeichnet. Denn Gedanken, so meint er, hätten ja keine direkte Verbindung zur Materie, dem Inbegriff von Existenz. Lieber wird das verschwurbelt mit einem Wahrscheinlichkeitsraum.  Der Wahrscheinlichkeitsraum erlaubt es zu denken, dass das Objekt in irgendeiner Form bereits existierte und nun nur weiterexistiert, und dass man seine Eigenschaft nur bestimmen müsse. Diese würden sich, merkwürdigerweise, nur als ein beginnender Anschein von Wahrheit, als eine Wahrscheinlichkeit, ausdrücken, und nicht, wie es sich für ein richtiges „Ding“ gehört, als Ding mit festen Eigenschaften. Möglicherweise, sagt man sich, ist da „nur“ eine verbogene Wahrnehmung im Spiel.

Jedoch ist dieses In-die-Existenz-Kommen das, was das Schrödinger-Gedankenexperiment ausdrückt – mindestens kommt eine Information in die Existenz, die vorher nicht „da“ war. Und nun ist da wieder die alte philosophische Frage: was ist der Unterschied zwischen einem Objekt und dem Gedanken daran, zwischen einer Information „von“ einem Objekt und dem Objekt selbst? Die Frage ist nicht beantwortbar. Aber es bleiben mindestens zwei Denkmöglichkeiten offen, eine davon ist die verschwurbelte, die andere die spirealistische: Es gibt keinen Unterschied. Ein Objekt ist der Gedanke an ein Objekt. Und Informationen, können in die Existenz kommen, durch einen Gedanken. Informationen? Auch Dinge? Ja, auch Dinge. Denn, wie gesagt, Dinge und Informationen „von“ Dingen – wo ist der Unterschied?

Wie kann Geist Dinge erschaffen?

Wie kann man Dinge erschaffen, nur mit Geist? Kann ich dafür ein Beispiel nennen? Nun, ich denke, ja! Im Grunde könnte ich endlos Beispiele aufzählen, denn es ist ganz alltäglich, es ist nur eine Frage der Sichtweise ob wir das sehen können. Eine Frage der Philosophie. Denken wir einmal nicht: „Wie kann es sein, dass Beobachtung, das Bewusstsein, in die materielle Welt eingreift, und dass Bewusstsein Dinge erschafft?“ Sondern sehen wir das umgekehrt. Sehen wir es als selbstverständliches Prinzip! Natürlich kann Bewusstsein Dinge erschaffen! Tun wir es denn nicht ständig? Haben wir denn nicht das Atom erschaffen? Gäbe es das Atom, ohne Menschen? Wer sagt, alles müsse einen festen Kern haben, wenn nicht der Mensch? Wer teilt die Welt ein in Stoff (Materie) und Gedanken an Stoff (Geist)? Wer wieder unterteilt den Stoff in einhundertundXXX Elemente, macht daraus eine Tabelle und sieht die Tabelle als „die Realität“ an? Wir sind das. Und … was wiederum wäre das Teilchen eines Atoms, von dem im Schrödinger-Gedankenexperiment die Rede ist, wenn es das Atom nicht gäbe? Hängt also demzufolge denn nicht das gemessene Atomteilchen, und auch Leben und Tod der Katze, von einer Denkvoraussetzung der Antike ab (das Atom)?

Oder, sehen wir einen Entscheidungsprozess unter diesem Aspekt. Wir haben eine Unendlichkeit von Handlungsmöglichkeiten vor uns, die sich mindestens im Infinitesimalen unterscheiden. Unser flinker Geist macht daraus ein Rennen zwischen wenigen Möglichkeiten. Schon hier hat sich etwas materialisiert. Doch weiter: Unsere Entscheidung zwischen Alternative A und Alternative B ist, wenn man so will, der Wahrscheinlichkeitsraum. Keine der Alternativen kommt mit einer Notwendigkeit zu Stande. Man könnte sagen: zufällig. Wie im Schrödinger-Versuch: Erst die Beobachtung lässt die Realität gerinnen. Wir selbst sind darin der Würfel, wir selbst sind das unvorhersehbare Element, das Atomteilchen des Schrödinger-Versuchs. Unbesehen der Tatsache, dass wir natürlich immer gute Gründe anführen, warum wir dies so entschieden haben, und jenes anders – mit dem Unterton: das hätte ja vernünftigerweise nicht anders sein können. Aber, sehen wir es einmal so: Unsere Gründe sind Teil der Kreation. Denn letztlich ist uns im Vorhinein ja nicht bekannt, was wir tun werden. Oder etwa doch? Nein, weil uns ja auch nicht bekannt ist, was aus unseren Handlungen folgt. Daher die Ungewissheit, daher die Notwendigkeit einer Entscheidung. Da ist eine Zufälligkeit. Oder etwa nicht? Erst die Beobachtung macht daraus das Feste.

Und nun: Eine Entscheidung erfolgt, etwas materialisiert sich. Wie im Schrödinger-Versuch: Wir beobachten (an uns) etwas. Die Würfel sind gefallen, der Zeiger des Geigerzählers hat ausgeschlagen. Aus Geist wurde Materie. Und kurioserweise wird das, was doch eigentlich eben noch in einem Schwebezustand der Ungewissheit war, nun als „fest und nicht anders denkbar“ angesehen, so als ginge die Gegenwart in einem festen Bezugssystem aus der Vergangenheit hervor. So, als hinge der Geist ab von einer festen (materiellen) Wirklichkeit, die er nur „ganz objektiv“ betrachten könne, „vernünftigerweise“ auf nur eine einzige Art. Dabei kommt diese Realität doch, wie wir gesehen haben, selbst aus Geist, und ist keineswegs mit irgendetwas Festem verknüpft! Sie kommt aus dem Zufall (denn eine Wahrscheinlichkeit ist ja auch Zufall) – und sie bleibt darin. Die Realität wabert und verflüssigt sich. In uns, im Geist, wird sie für einen Moment fest.

Man muss das sehen können. Statt dessen sehen wir die Welt als verschieden von uns, als getrennt; sehen sie als fest und ausgestattet mit einer Notwendigkeit der Existenz. Wir selbst seien unbestechliche Beobachter, meinen wir, die durch Klugheit und Brillianz die Welt auf die einzig mögliche Art betrachteten. Alles andere sei dumm. Anders als wir, meinen wir, könne man die Welt nicht sehen, und wir bemerken nicht einmal, dass „wir“ gar keinen einheitlichen Blick haben, sondern dass in jedem Einzelnen von uns, „die Welt“ etwas anderes ist.

Man beobachte, wie sich diese kuriose Sichtweise der Festigkeit im Alltag ausdrückt, wie sie von vielen Menschen ausgesprochen wird. Wir kennen das schöne Wort von einer „Alternativlosigkeit“.

Noch ein weiteres Gedankenspiel: Nachdem nun also die Entscheidung des vorigen Beispiels gefallen ist, betrachten wir „die Realität“ wie fest. Aber das ist sie nicht. Wir können den „Wahrscheinlichkeitsraum“ in Bezug auf die vermeintlich feste Realität jederzeit öffnen. Man denke sich unser Streiten um das, was denn eigentlich die Realität sei, unter diesem Aspekt. Der eine sieht „die Realität“ so, der andere sieht „die Realität“ anders. Man diskutiert, man streitet, meist, weil man zu irgendeiner Entscheidung kommen will, z.B. in der Politik. Was ist nun „die Realität“? Ist sie das, was der eine Mensch sagt, oder das, was der andere Mensch sagt? Ist sie das, was nicht gesagt wird – ist sie das, was ein Hund denkt? Ist das, was vielleicht als Streitkonsens erreicht wird, „die“ Realität? Kann man sehen, welche Zufälligkeit darin liegt, dass sich schließlich eine ganz bestimmte Sichtweise der Realität herauskristallisiert? Eine Sichtweise IN UNS? Welche Phantasie darin liegt, welche Zufälligkeit, welche Nicht-Notwendigkeit, welche Unbestimmtheit? Kann man sehen, wie die Realität immer und immer wieder erst gerinnen muss, durch den Gedanken an sie? Kann man sehen, wie wir selbst das vollbringen, nicht durch eine kluge Geistesleistung, sondern einfach, indem wir schauen? Kann man sehen wie sich die Realität, quasi „hinter unserem Rücken“, wieder auflöst, verschwimmt, und in einen Wahrscheinlichkeitsraum eintritt?

 

Spirealistisch gesehen ist der Mensch Element der Schöpfung, nicht ihr Beobachter. Das bedeutet: er erschafft, während er glaubt etwas Äußerliches, von seinem Geist Unabhängiges, zu beobachten. Denn in der Beobachtung trifft Geist auf Geist – alles ist Geist.

Existenz und Wahrnehmung

Dass Existenz durch Gedanken entsteht hält man jedenfalls in der materialistischen Weltanschauung für unmöglich. Doch das ist es nicht. Der Spirealismus setzt dies im Gegenteil voraus (SpiRealismus – der Gedanke an eine Realität ist die Realität selbst), und ich denke, dass die Wahrheit dieser Aussage im Grunde durch jeden beobachtbar ist.

Zurück zu Schrödingers Katze. Wir sind, was dieses Experiment angeht, in keinem anderen Kosmos, sondern immer noch im Kosmos unserer Wahrnehmung. Und nun, dasselbe Experiment, seines wissenschaftlichen Mantels ein wenig entkleidet (denn eigentlich muss das Schicksal der Katze ja nicht von einem Atomteilchen abhängen, ein Würfel beispielsweise täte es auch). Das Schicksal der Katze in einem normalen, makroskopischen Kontext: Nehmen wir an, die Katze befände sich im Wald, und wir wüssten nicht, ob sie noch lebt, oder von einem anderen Tier gerissen wurde. Sie befindet sich für uns in einem Schwebezustand zwischen Leben und Tod – einem Schwebezustand der Wahrscheinlichkeit könnte man in Anlehnung an die Quantenphysik sagen. Ein Wahrscheinlichkeitsraum. Die Wahrscheinlichkeit des Überlebens der Katze könnten wir vielleicht beziffern (ganz ähnlich dem Ort des Teilchens), aber nicht den aktuellen Zustand. Dieser offenbart sich uns erst, wenn wir die Katze sehen, entweder wie sie durch den Wald läuft, oder aber ihr ausgefressenes Fell. Ganz ähnlich dem Experiment. Die Realität wird scharf gestellt, wodurch? Durch die Beobachtung. Durch die Wahrnehmung.

Im Fall der Waldkatze, sprechen wir von einer Wahrscheinlichkeit, und denken uns nichts weiter. Dies sei ganz anders als in der Quantenwelt. Weil wir annehmen, dass die Katze in einem bestimmten Zustand sei. Und, weil wir glauben, wir hätten problemlosen Zugriff auf eine bereits bestehende Information, nämlich die, ob die Katze lebt oder nicht, braucht es nur noch ein Hinsehen, um die Information von dem vorhandenen Objekt abzurufen. Weil … die Kette der von uns selbst erschaffenen Weils ist endlos.

Ein Knacken im Wald: der Gedanke an Etwas

Inwiefern unterscheidet sich die Im-Wald-laufende-Katze von Schrödingers Katze? Gar nicht. Wir kennen den Zustand der Katze nicht, bis wir hinschauen. Sozusagen materialisiert sich da etwas. Etwas wird erschaffen.

Vielmehr ist, wie wir beide Ereignisse interpretieren, eine Frage der Weltanschauung.

Ich übersetze das in das alte philosophische Paradox von einem Knacken im Wald, ein Paradox der materialistischen Sichtweise. Es ist sehr sinnfällig und sehr einfach. Das Paradox geht so: Was ist ein Knacken im Wald, das niemand hört? Ist es da, oder ist es nicht da?

Das Paradox besteht in dem konkreten Bezug auf ein bestimmtes Ereignis, nämlich ein „Knacken im Wald“. Indem ich es formuliere, erhält es eine Wahrscheinlichkeit. Na klar! Es knackt eben ab und an im Wald. Wir hören es direkt ein bisschen, wie es da knackt. Und das Ereignis erhält eine gewisse Existenz. Wir sehen hier, wie etwas in die Existenz kommt, nur durch den Gedanken daran. Was wäre zum Beispiel, hätte ich überhaupt nicht an ein Knacken gedacht? Das es knackt hat doch eine gewisse Wahrscheinlichkeit! Aber – was ist eine Wahrscheinlichkeit, die niemand formuliert? Ist sie da oder nicht da? 

Was weiß ich also von einem ganz bestimmten Knacken? Eigentlich gar nichts. So herum gedacht wäre dieses Knacken geradezu unmöglich. Ein bestimmtes Knacken (welches meine ich überhaupt?) hat sicherlich nicht stattgefunden (eine gegen Null gehende Wahrscheinlichkeit).

Die Transformation der Beispiele

Die Fragestellung von Das Knacken im Wald: Was ist ein mögliches Knack-Ereignis im Wald, das niemand mitbekommt, niemand beobachtet, niemand denkt? Ist es da, oder ist es nicht da?

Das Knacken im Wald, übersetzt in die Katze im Wald: Was ist ein mögliches Todes-Ereignis im Leben einer Wald-Katze, das niemand mitbekommt (niemand denkt)? Ist es da, oder ist es nicht da?

Das Knacken im Wald, übersetzt in Schrödingers Katze: Was ist ein mögliches Todes-Ereignis im Leben der Katze in der Box, das niemand beobachtet (niemand denkt)? Ist es da, oder ist es nicht da? ODER: Was ist ein mögliches Ereignis in der Existenz eines Atomteilchens, das niemand mitbekommt, niemand von einem Geigerzähler abliest, niemand denkt? Ist es da, oder ist es nicht da?

Ziel dieses Hin-und-Her-Transformierens ist, dem Leser die Gleichartigkeit der Grundfrage in den scheinbar immer verschiedenen äußerlichen Formen der Fragestellung bewusst zu machen. „Was ist ein mögliches Ereignis in der Existenz eines ***, das niemand mitbekommt (niemand denkt)?“ – Diese Frage beinhaltet und bedeutet: Achtet auf die erschaffende Wahrnehmung!

Ich könnte es auch umgekehrt formulieren, und sagen: „Was ist ein Objekt der Gedanken? Könnt ihr sehen, dass es notwendigerweise Existenz hat?“ In der spirealistischen Weltanschauung ist diese Formulierung völlig zutreffend und logisch – den Materialisten kann man so nicht überzeugen, denn sein fester Glaube ist es ja, dass zwischen dem Gedanken an ein Objekt und dem Objekt selbst, ein Unterschied ist. Nur in der Umkehrung wird das Paradox deutlich, also in der Frage: Welche Existenz kann ein Ding haben, das nicht gedacht wird?

Damit möchte ich deutlich machen, dass es keinen grundlegenden Unterschied zwischen der Wahrnehmung von kleinsten Teilchen gibt, die sich von der „normalen“ Wahrnehmung völlig unterscheiden würde. Sondern in beiden Fällen, in Makrowelt wie Mikrowelt, gerinnt die Realität durch Gedanken. Es entsteht Existenz. Und das kann man eben auch in beiden „Welten“, in Makro- wie Mikrowelt, sehen.

Existenz ist an Geist gebunden

Man könnte es auch so sagen: Was ist der Unterschied zwischen einer Information, die in einem Augenblick „entsteht“, und einer, die schon „existiert“ und uns erst „zur Kenntnis gelangt“, d.h., wahr genommen wird, d.h. gedacht wird? Antwort: Es gibt keinen wahrnehmbaren Unterschied. Wie könnte man den Unterschied definieren? Die Wahrnehmung ist das Werkzeug des Begreifens. Der Gedanke ist die eigentliche Wahrnehmung.

Das, was wir wahrnehmen ist das, was wir denken. Und das, was wir nicht denken, ist, so unbegreiflich es uns scheint, nicht ausdrückbar. Es ist nicht „da“. Es ist nicht existent. Existenz ist an Geist gebunden.

Resüme

Warum ist, was wir nicht wissen, in der spirealistischen Weltsicht nicht „da“, nicht „existent“? Antwort: Weil der materialistische Existenzbegriff paradox ist, und offensichtlich falsch. Dem materialistischen Existenzbegriff zufolge müsste z.B. all das eine Wahrscheinlichkeit der Existenz haben, was wir uns denken. Und in einem unendlichen Raum (dem Universum) müsste es auch existieren. Das beißt sich (ist paradox) mit unserer Vorstellung einer klar umrissenen Existenz, die von Denken unabhängig sei.

Nein, umgekehrt! Wie könnte sich etwas, das nicht gedacht wird, je als existent erweisen?Vielmehr ist, und das ist viel schlüssiger, die Existenz direkt an Information geknüpft – in der Menschenwelt: an Gedanken.

Jemand wird sagen: „Das geht nicht. Dann wäre ja Materie …  und Gedanken wären … „. Ja, genau. Die Dinge des spirealistischen Kosmos sind anders als die des materialistischen Kosmos. Gedanken wären etwas anderes, das Menschenbild ist anders. Das Umdenken muss umfassend sein, denn in der materialistischen Weltanschauung baut das Eine auf dem Anderen auf, doch alles basiert auf der Annahme, wir würden eine äußerliche Welt beobachten – für den Materialismus die Existenz.

Für den Spirealismus ist die Existenz der Gedanke, und es verbinden sich mithin ganz andere Vorstellungen wichtiger Begriffe wie „Denken“, „Bewusstsein“, „Raum“, „Zeit“, „Wille“ u.v.m. damit. Und, innerhalb des spirealistischen Weltbildes hat man auch ganz andere Wahrnehmungen. Etwa so, wie man eine Schrift erst lesen kann, wenn man die Buchstaben auswendig kann. Äußerlich betrachtet wirken Buchstaben sicherlich wie ein ungeordnetes Durcheinander.

Kann erst die Kernphysik verstehen?

Und noch etwas – etwas, das zum Thema Schrödinger-Gedankenexperiment passt. Kernphysiker sind häufig auch Philosophen, die das Wesen des Seins hinterfragen. Warum? Natürlich erstens, weil das oft sehr kluge Leute sind. Zweitens, denke ich, weil man in der Kernphysik viel Phantasie braucht – man kann die Objekte der Anschauung nicht eigentlich anschauen und macht sich so seine Gedanken über ihr Wesen. Man denke an Einsteins imaginären Ritt auf einem Photon, das ihn zur Relativitätstheorie brachte. Und drittens weil sie sehen, dass sich dort, wo man seit der Antike feste Kerne vermutete, keine finden lassen. Der Atomphysiker und Philosoph Heisenberg war z.B. am Ende seines Lebens der Überzeugung, der Mensch müsse Teil eines großen und umfassenden Geistes sein. Oder vielleicht kennt man den Satz „Materie ist geronnener Geist“, Prof. Dr. Hans-Peter Dürr soll das gesagt haben.

Aber, braucht man nun die Kernphysik, um das zu verstehen? Aus meiner Sicht nicht. Dieser Artikel dreht sich eben darum, die Phänomene des Geistes unter einem anderen Gesichtspunkt zu sehen. Auch dafür braucht es viel Phantasie, und man muss sich Gedanken um das „Wesen der Dinge“ machen, ganz so wie Kernphysiker. Aber man kann die Dinge in ihrer ganz normalen, makroskopischen Welt ansehen, und kommt letztlich auf genau dieselben Fragen.

Zum Beispiel verstehe ich die Kantsche (Immanuel Kant, deutscher Philosoph (* 22. April 1724 in Königsberg, Preußen; † 12. Februar 1804 in Königsberg)) Frage nach dem Ding „an sich“ so. Die Frage lautet im Prinzip: Wie lässt sich der Unterschied zwischen einem Ding und dem Gedanken an ein Ding genau fassen? Wie ist das Ding, das wirkliche Ding, das Ding „an sich“, .. nun ja … wie ist es wirklich?

Das ist nach meiner Auffassung die entscheidende Fragestellung. Wenn man diese Frage nicht versteht, erübrigt sich eigentlich alles Weitere.

Aber wenn man sie versteht, kommt man wie Kant sicherlich zu einem: Das lässt sich nicht sagen.

Und wenn man zu diesem Schluss kommt, es ließe sich nicht sagen, dann ist der Umkehrschluss der, dass unsere Welt von Phantasien abhängt. Nun wieder die Frage: Inwiefern und wie sehr unterscheidet sich die Phantasie von den wirklichen Dingen? Noch einmal: Das kann man nicht sagen.

Und nun kommen wir zum eigentlichen Thema: Was sind denn dann die wirklichen Dinge anderes als Phantasie? Wieder: Das kann man nicht sagen. Aber, müssen sie denn etwas anderes sein? „Gibt es“ denn die wirklichen Dinge? Man könnte hier wieder antworten:  „Das kann man nicht sagen“. Aber im Grunde muss man doch genauer überlegen: Es gibt keine Notwendigkeit für eine von Geist gesonderte Existenz von „Dingen“. Das ist selbst eine Vorstellung. Eine Phantasie. Die Welt ist eine Vorstellung. Dies ist die spirealistische Sichtweise.

 

Schrödingers Katze und ein Knacken im Wald was last modified: Dezember 11th, 2017 by Henrik Geyer

Was heißt „verrückt“?

Wie ich in „Alles ist Geist“ schilderte, war ich vor einigen Jahren konfrontiert mit der psychischen Erkrankung eines mir nahe stehenden Menschen. Mein geliebter, damals kleiner Sohn .. Wenn so etwas eintritt, dass man in seinem nächsten Umfeld einen psychisch kranken Menschen hat, den man liebt, dem man gern helfen möchte, den man verstehen möchte, dann macht man sich viele Gedanken über dessen geistige Welt. Man möchte begreifen um zu helfen, man möchte erfahren, warum es so schwierig ist, mit dem scheinbar Offensichtlichsten durchzudringen, zu diesem fremden Verstand. Dessen Eigenschaft, ein eigenes Universum zu sein, ein Ich-Universum, wird einem erst in diesem Prozess wirklich begreiflich. Man lernt übrigens mindestens so viel über sich selbst, wie über den Anderen, denke ich.

Zum Beispiel möchte man das oft gebrauchte Wort „verrückt“ besser verstehen. Dem Normalmenschen schein es offensichtlich, was es bedeutet. Demjenigen, der damit zu tun hat, nicht. Es bedeutet ja, umgangssprachlich, eine geradezu hoffnungslose Fremdheit gegenüber allem normalen Verstehen, daher wird es häufig als Schimpfwort verwendet. Als Schimpfwort beinhaltet es den Anklang von Dummheit (zu dumm das Einfachste zu verstehen), vielleicht Demenz (ein hoffnungsloser Fall geistiger Vernebelung), etc. Ist der geliebte Mensch nun „verrückt“? Ist er grundsätzlich dumm, ist er unrettbar einer anderen Welt verfallen? Oder hat er „nur“ eine Neurose, oder „nur“ eine Psychose, was wissenschaftlich und nach Lösungen klingt? Was ist das Wesen von Verrücktheit? Worin unterscheidet sich Verrücktheit grundsätzlich vom gesunden Denken, so dass man hier etwas Griffiges hat, es einzugrenzen…

Verrücktheit einzugrenzen ist nicht einfach, schließlich kann man sich mit psychisch Kranken oft ganz normal unterhalten, man denke auch, wie oft man sagt, man sei selbst ein wenig verrückt, etc.. Was „verrückt“ ist, ist jedenfalls keine einfache Frage. Schließlich kann ja niemand in den Kopf eines anderen hineinsehen, auch kein Psychiater kann das. Und nach meiner Erfahrung interessieren sich viele Psychiater auch nicht sonderlich dafür, wie die geistige Welt ihrer Patienten aussieht. Sondern, sie sind oft zufrieden mit der Feststellung eines Krankheitsnamens, mit dem Ausprobieren einer Behandlung (die in ihrer theoretischen Definition mit soundso vielen Krankheitsnamen verknüpft ist, was wiederum zu einer Diagnose führt). Natürlich auch mit der Aufnahme von Symptomen, die oft genug die direkte Folge des Handelns des Patienten sind. Woraus sich eigentlich die Frage ergeben würde, aus welcher Logik heraus der Patient so handelt wie er handelt – oft selbstzerstörerisch. Würde man glauben, dass hier Logik ist, wäre man vielleicht interessierter zu erfahren, worin diese Logik besteht… So jedoch tut man so, als sei das Geistige einerseits abhängig vom Willen (beim Gesunden), oder aber abhängig von einem Krankheitsbegriff (krank), der, indem er genannt wird, erkläre, dass hier andere, quasi „organische Kräfte“ am Werke wären.

Gute Psychiater hingegen interessieren sich sehr dafür, was ihre „Verrückten“ denken, und finden in der Psyche der Patienten, aber auch durchaus der eigenen, ein Feld für geradezu unendliche Entdeckungen. Man denke an Freud und Jung, und natürlich viele heute lebende Fachleute.

Zur Frage „was ist verrückt?“ gibt es beispielsweise das interessante Buch „What is madness?“ von Darian Leader, der die Frage in etwa so beantwortet (ich zitiere aus der Erinnerung, daher vielleicht ein wenig ungenau): „Der neurotische Patient fragt sich Dinge, und möchte (noch) Antworten erhalten. Der psychotische Patient hingegen fragt sich nichts mehr, da er sich im sicheren Besitz der Antworten glaubt.“ (eine Neurose ist eine leichtere „Verschiebung“ der Wahrnehmung, eine Psychose ist eine ‚Wahnstörung‘, man kann also sagen, dass Psychosen mit Wahnvorstellungen einhergehen, also mit dem Sehen von Dingen oder Situationen, die ’nicht da‘ sind. Daher trägt die Psychose am ehesten jene Merkmale, die der Volksmund wenig feinfühlig als ‚verrückt‘ bezeichnet. „Verrückt“ wiederum meint natürlich eigentlich ein Abgerückt-Sein von der sogenannten Realität, ein Ver-rückt-Sein von der Wirklichkeit.)

Ich las das Buch von Darian Leader mit großem Interesse, besonders, da sich mir die Frage „was ist verrückt?“ aufdrängte, jedoch in der Psychiatrie, stellt man diese Frage, oft so getan wird, als sei die Antwort simpel und überflüssig, denn man sehe doch wohl, was verrückt sei: eben das völlig Sinnlose, vielmehr käme es darauf an, Worte wie „verrückt“ nicht zu gebrauchen, sondern zu verklausulieren, so als ob sich dadurch etwas klarer machen ließe. Dass der Befragte oft genug gar keine Antworten hat, bleibt so unsichtbar.

Die Definition Leaders hat sich in meinem Gedächtnis erhalten. Leader fragt im Titel seines Buches ganz direkt: „Was ist verrückt?“ – man sieht also, dass die Frage interessant ist, und keineswegs obsolet – auch und gerade für gute Fachleute. Letztlich ist jede Wissenschaft, und sei sie noch so fortgeschritten, mit den einfachsten Grundvorstellungen des Menschen verknüpft, beispielsweise wie die Kernphysik verknüpft ist mit der Vorstellung, dass jedes Ding einen Kern haben müsse, wie jede Kirsche einen Kern hat.

Leader definiert Verrücktheit als eine Art von Kommunikationsstörung (siehe Zitat), was aus meiner Sicht völlig zutrifft. SO gesehen wiederum, ist Verrücktheit eben keineswegs sinnlos, sondern der Verrückte handelt seiner inneren Logik entsprechend – also ganz vernünftig und nachvollziehbar, das Defizit besteht nicht in einem dummen Denken (statisch gesehen), sondern in Kommunikation (fließend gesehen). Und, hat man das erst einmal begriffen, fängt man an, über so Vieles andere nachzudenken. Zum Beispiel über freien Willen – wieso kann Derjenige, der einer Logik entsprechend handelt, nicht einsehen, dass diese Logik zerstörerisch ist, und daher falsch? Warum kann er nicht „einfach“ anders handeln … logischer? Hat er etwa keinen richtigen Willen? (Nebenfrage: Ist, keinen richtigen Willen zu haben, in diesem Zusammenhang ein neues Problem? Oder ist es quasi dasselbe, wenn ich sage, er handelt seiner inneren Logik entsprechend? Ist Wille und innere Logik dasselbe?). Was hat eine Kommunikationsstörung mit Willen zu tun, und umgekehrt? Und man kommt, wie ich glaube zwangsläufig wenn man tiefer darüber nachdenkt, zu der Frage, wie der eigene Wille und die eigenen Mechanismen der Wahrnehmung beschaffen sind, wenn man die scheinbare Dysfunktionalität der Wahrnehmung des Kranken sieht, und wenn man sie unter dem Aspekt eines eigentlich normalen und allgegenwärtigen Vorganges betrachtet. Man findet, dass hier sehr offensichtliche Parallelen sind. Auch der „Gesunde“ ist nicht offen für alles, auch der „Gesunde“ hat Grenzen des Denkens, über die er nicht hinaus kann, auch der „Gesunde“ glaubt überall Antworten zu sehen, wo eigentlich Fragen wären.

Man fragt sich: Wenn der Kranke einer inneren Logik folgt … wie sieht dann wohl die Welt aus, die er „vor sich hat“? Ganz anders als die meinige? Wie muss man sich das vorstellen? Überhaupt: Wie sind Realität und Wahrnehmung miteinander verknüpft, so dass es möglich ist, dass jemand, der gesunde Augen hat, deutsch versteht und auch sonst durchaus im Besitz intellektueller Fähigkeiten ist, eine offenbar andere Welt vor sich zu sehen glaubt, als die „richtige“?

Übergang ins Philosophische

Wer in diesem Blog ab und zu liest, der wird vielleicht feststellen, dass diese Fragen genau auf die Themen zulaufen, die ich gewöhnlich ohnehin behandele, und in meiner Philosophie namens Spirealismus einer eingehenden Betrachtung unterziehe, also: was ist Realität? Gibt es nur eine Realität? Was ist Wille? Was ist Wahrnehmung? Etc..

Der Spirealimus beantwortet die Fragen, die sich zumindest AUCH aus der Kenntnis und Beobachtung einer psychischen Erkrankung ableiten lassen, in einer grundlegend anderen Weise, als sie sich mit Hilfe des materialistischen Weltbildes beantworten lassen (wesentlich zutreffender). Zum Beispiel fragt der Spirealismus nicht, ob es nur eine Realität gibt, sondern er stellt fest, dass es viele Realitäten gibt – mindestens ist jedes Individuum mit einer eigenen Realität verknüpft (Ich-Universum). So gesehen ist die Problematik des Verrückten etwas, das durchaus eine Normalität hat, und zwar in jedermann. Denn jeder hat ja seine eigene Realität „vor sich“, nicht nur der Verrückte.

Verrücktheit als Kommunikationsstörung gesehen … Es ist dem Spirealismus auch (selbst-)verständlich, dass der Verrückte eine erkennbar andere Welt vor sich hat, als derjenige, der umfassend an Kommunikation teilnimmt. Denn der Eindruck, wir würden über eine einzige Welt sprechen, der wir uns alle „gegenüber“ sehen, entsteht ja gerade aus Kommunikation, also aus der Verbindung. Während der Verrückte, wie Leader es ausdrückte, glaubt, alles zu wissen – es gibt keine Fragen für ihn. Hingegen ist es das Wesen der „normalen“ Welt, stets und ständig im Austausch zu sein. Wir erzählen uns gegenseitig, was es gibt und was nicht.

Wenn die Kommunikation unterbrochen ist, gibt es partiell keine Verbindung zu dem, was der „Vernünftige“ über seine eigene Welt mitzuteilen hat. Anders gesagt: Auch der Verrückte hat den Eindruck, es gäbe nur eine Welt, nämlich diejenige, die er vor Augen hat. Es ist die Welt seiner eigenen Vernunft. Und vernünftigerweise kann er diese nicht verlassen. Oder soll man sagen, er will nicht – was ist der Unterschied?

Die Verrücktheit des psychisch Kranken aus der Sicht des Normalen ist umgekehrt die Verrücktheit der normalen Welt aus der Sicht des Kranken – das ist die schlichte Umkehrrelation, der man im Umgang mit einer solchen Krankheit gewahr wird. Einen absoluten Bezugspunkt gibt es nicht. Es gibt nicht „die normale Welt“ als eindeutige Definintion, es gibt nicht „die“ Realität.

Es ist eine manchmal entmutigende und auch bedrückende Erfahrung, wenn man mit einem Verrückten, dem man gern helfen möchte, zwar sprechen kann, sogar, wie man meint, ganz vernünftig sprechen kann, aber dennoch gibt es keine richtige Verbindung der Welten. So als sei die Kommunikation (das Reden) lediglich in einer verballhornten Form vorhanden, jedoch im eigentlichen Sinn nicht vorhanden, sondern unterbrochen.

Der Spirealismus sieht die Kommunikation mit Worten noch unter einem anderen Aspekt, wie ich finde, einem erhellenden. Denn für den Spirealismus gibt er ja keine materiellen Dinge, für die wir Worte finden, es gibt keine Dinge des Außen, von denen wir Informationen abrufen. Sondern es gibt Vorstellungen von Dingen – man könnte auch sagen: Die Dinge, und die Vorstellungen von Dingen, sind ein- und dasselbe. Daher sind die Worte, die wir verwenden, nicht Beschreibungen von etwas Äußerlichem, sondern sie sind verbunden mit den uns eigenen Vorstellungen. Daher versteht jeder, dieselben Worte verwendend, doch eigentlich etwas anderes. Die Worte und die (eigenen) Vorstellungen sind verknüpft –  aus dieser Sichtweise wird klarer, dass Worte in jedem Ich als etwas anderes aufgefasst werden müssen. Es gibt keine Notwendigkeit, mit der Verrückte durch Worte „eines Besseren belehrt“ werden könnten. Und, bei genauerer Betrachtung, gibt es eine solche Notwendigkeit auch nicht in der Welt der „Gesunden“ ..

Aus der Sicht des Spirealismus ist Kommunikation ein umfassender Begriff. Schauen, anfassen, essen, gehören dazu. Jeder Gedanke ist Kommunikation – geboren aus der Verbindung. Jeder Gedanke ist auch eine Wahrnehmung. Eine Wahrnehmung lässt sich nicht abgrenzen in etwas, das man „richtig wahrnehmen“ kann und etwas, das man „nur denkt“. Beispielsweise ist eine Wahrnehmung, die wir mit den Augen machen, nicht grundsätzlich verschieden von einer Wahrnehmung die ein anderer macht, und von der er uns erzählt. Beispielsweise auch sind die gedachten Konklusionen aus dem, was wir als „real wahrgenommen“ bezeichnen, ebenso Teil unserer individuellen Realität, wie die „reale Wahrnehmung“ selbst. Unsere Phantasien sind ganz normaler Teil der Realität. Es gibt keine feste Trennlinie zwischen Vorstellung und Realität.

… es gibt keine feste Linie? Oder gibt es gar keine Linie? Nein, da ist keine Trennung! Die Realität IST eine Vorstellung, die Realität IST eine Annahme. Die Realität IST, wenn man so will, Phantasie. Der Spirealismus sagt das mit Entschiedenheit, weil eine Trennlinie, die nicht ansatzweise definiert werden kann, keine Notwendigkeit der Existenz hat. Sie macht keinen Sinn. Eine solche herbei-phantasierte Trennlinie ist eben genau das, wovon der Spirealismus spricht: Eine mögliche Vorstellung. (Und der Einwand, es gäbe dennoch eine Trennlinie zwischen Realität und Phantasie, denn jeder definiere diese Trennlinie ja, und zwar jeder mit Leichtigkeit und jeder anders, führt lediglich auf sich selbst zurück – auf eine schlichte Annahme, man kann auch sagen, auf einen Glauben)

Es ist die Reibung der Welten …

Es war für mich damals eine wichtige Frage, wie denn der „Kraftschluss“ zwischen den verschiedenen Realitäten (wieder-) hergestellt werden könnte, so dass es möglich wäre, den Kranken zu heilen. Ich sah es als selbstverständliche Pflicht des „Normalen“ an, sich in die Welt des „Verrückten“ so weit hinein zu begeben, dass eine Verständigung möglich wird, somit also der gewünschte Kraftschluss.

Dies ist, wie die Praxis aber zeigt, und wie jeder der sich damit auskennt, vielleicht bestätigt, erstens nahezu unmöglich – d.h., Dinge zu tun und zu denken, die man selbst für unvernünftig hält, wäre, wenn es denn überhaupt ginge, eine Tortur. Zweitens würde man dem Patienten damit auch nicht unbedingt helfen, denn die Hilfe müsste ja in einem „Zurückholen“ des Patienten bestehen, nicht dem „Hinübergehen“ des „Normalen“ in die Welt des Abnormen. Die Notwendigkeit, das eigene Verhalten anzupassen, kann der Patient bestenfalls (ein-)sehen, wenn er die Unterschiede der Welten wahrnimmt. Es MUSS also sozusagen Reibung und Konflikte geben. Sicherlich nicht im Übermaß, sonst wird der Kraftschluss sehr schnell unterbrochen.

Aus spirealistischer Sicht lässt sich das noch einmal klarer formulieren: Da wir ja ohnehin alle eine eigene Realität „vor uns“ haben, gibt es also keine eine und einzige Realität, auf die wir uns beziehen können. „Die Welt“ ist ein fließendes Konzept, dessen Einheitlichkeit eigentlich Illusion ist. Eine Illusion, die aus Kommunikation resultiert.  (Womit wir wieder bei dem weiter oben verwendeten Wort Kommunikationsstörung sind.)

Um besten Kraftschluss herzustellen müssen die Welten sehr nahe sein. Entfernte Welten mit ganz verschiedenen Begriffen (Vorstellungen) bedeuten eben auch wenig Kraftschluss – das lässt sich nicht ändern. Das heißt, zwischen einer „verrückten Welt“ und einer „normalen Welt“ ist der Kraftschluss ohnehin gering. Die Begriffe des Verrückten weichen per Definition ab, wie will man also mit Worten, die in seiner Welt mit fremden Begriffen verknüpft sind, die Begriffe „dieser“ Welt übermitteln? Das ist auf jeden Fall schwer. Und manchmal unmöglich.

(Man denke in diesem Zusammenhang übrigens einmal an die kosmologische Wissenschaft, die davon ausgeht, man müsse mit jeder „vernünftigen“ Lebensform auch in eine Kommunikation eintreten können …)

Vorhin formulierte ich, dass der Psychotiker Dinge sieht, die „nicht da“ sind. Der Spirealismus würde das so ausdrücken: „Die Welt“ ist eine Vorstellung. Im materialistischen Sinn „da“ sind die Dinge sowie nicht. Sondern, der Eindruck der „einen Welt“ kommt durch Kommunikation zu Stande. Eben auf diese Weise kommt die Information von materiell vorhandenen Dingen zu Stande. Die Information wird nicht abgerufen von Dingen, die „da“ sind.

Etwas anders sehen bedeutet, anders handeln zu können

Aus dieser Sicht wird noch einmal verständlicher, dass in jeder Welt auch ganz verschiedene Dinge sind, und die als selbstverständlich vorausgesetzte Einheitlichkeit in keinem Fall gegeben ist, auch nicht unter „Gesunden“. So denkend kann man den Patienten, den „Verrückten“, noch einmal auf eine andere und menschlichere, auch selbstverständlichere Art und Weise wahrnehmen, als es mit der materialistischen Sichtweise möglich ist. Und, nach meiner Erfahrung kommt es sehr darauf an, WIE man DEN ANDEREN sieht, wenn es darum geht, wie man mit ihm umgeht. Auch hier wieder gilt: Auch „DER ANDERE“ ist ein fließendes Konzept, eine Vorstellung – man kann die Vorstellung formen, man kann eine andere Perspektive einnehmen, und gelangt zu einer anderen inneren Logik, und damit zu anderen Handlungsmöglichkeiten. Genau, wie man es für den Verrückten sagen konnte: Seiner inneren Logik folgend hat er eine ganz bestimmte Anzahl von Handlungsmöglichkeiten. Nur diese, nicht mehr – das ist eine sehr unflexible, redundante Welt, an die schwer heranzukommen ist, denn die Kommunikation ist gestört. Sind wir Gesunden grundsätzlich anders? Ich denke nein! Oder kennen wir vielleicht keine Redundanz, keine Denk-Wiederholung?

Um zu verstehen wie ein Verrückter „tickt“ kann man sich selbst ansehen, und das eigene redundante Verhalten in der Vorstellung um das Hundertfache verstärken. Wie der Verrückte ist jedermann immer wieder in ähnlichen Situationen, handelt gleich. Man könnte die „lieb gewordenen Gewohnheiten“ unter diesem Aspekt sehen, oder auch jede Art von Sucht. Oder, man kann auch einfach darauf achten, was einem wiederholt passiert.

Wird das zu stark, wird das Redundante übermächtig, werden die Gedanken immer wieder im Kreis geführt, ist das verbunden mit einem weitgehenden Abriss der Kommunikation, denn, was den Geist erreichen könnte, ist, wie gesagt, nur aus dessen Verständnis heraus erklärbar. Nicht aus dem Verständnis des Erklärenden (etwa der Gesellschaft). Und das ist es, was man erlebt: Gegenüber einem psychisch Kranken kann man „reden wie ein Buch“, es bringt wenig, und man lernt, anders zu reden, anders zu sein. Sachlicher, positiver, im Ergebnis mitfühlender. Und, die am Beispiel einer psychischen Krankheit gelernten Lektionen kann man ebenso im ganz normalen Leben, in der ganz normalen Welt, im Umgang mit „normalen Menschen“, wiedererkennen und anwenden.

Die Welt des Anderen begreifen

Ich hatte nun einige Male formuliert, dass die Welten IN den Menschen immer verschieden sind, nie im völligen Gleichklang, etc.. Man könnte auch sagen: Völlig verständlich ist immer nur das, was man selbst versteht. Man sieht nur die Bilder des eigenen geistigen Auges, niemals die eines anderen.

Dies meine ich nicht als defätistische Auffassung, dass Verständigung unmöglich sei. Sondern vielmehr soll damit gesagt sein, dass eben diese (spirealistische) Auffassung ein wichtiger Schlüssel für ein besseres Verständnis DES ANDEREN ist. Der Andere ist immer anders, nie gleich. Man begreift so besser, und hat immer vor Augen, dass auch der Andere aus eigener Sicht handelt. Nie „unvernünftig“ ..  „unvernünftig“ – ist unsere Sicht, das ist die Beurteilung einer fremden Welt aus der eigenen Sicht. Man bedenke: Völlige Übereinstimmung ist unmöglich. Unsere Individualität als Menschen ist auch und vor allem die Unterschiedlichkeit im Denken. Und das wiederum bedeutet, dass man nicht anderes Denken vereinnahmen kann, dass man es nicht immer verstehen kann oder muss. Ganz im Gegenteil: diese Auffassung schärft die Sinne für das Unverständliche, für das Rätselhafte. Diese Auffassung schärft die Akzeptanz für den Unterschied, schärft die Entscheidungsfähigkeit für Dinge, die man will, und andere, die man ablehnt. Ja, das Abzulehnende ist auch im Anderen!

Das, was gleich richtig für alle wäre, gibt es nicht, das hat man dann von Herzen gelernt. Man entwickelt einen selbstverständlicheren Blick für das Zugehörige und Fremde, für das Anzustrebende und zu Vermeidende.  Die Welt ist nicht eins, die Welt ist auch nicht alternativlos!

Eine Lebenshilfe

Man kann, wie gesagt, mit dieser Sichtweise besser auf den Patienten in der Psychiatrie eingehen, aber eigentlich ist das eine insgesamt sehr hilfreiche Sichtweise, die im ganz normalen Leben sehr weiterhilft. Denn viele Probleme des Lebens drehen sich doch darum, dass man immer meint, andere müssten verstehen, was man selbst denkt. Oder es ergeben sich Neurosen aus der Ansicht, man müsse mit einem bestimmten Menschen oder einer bestimmten Menschengruppe völlige Übereinstimmung finden. Oder vielleicht religiös formuliert: man wolle mit Gott eins sein. Man bemüht sich, und man zweifelt, und manchmal verzweifelt man auch. Das sind die Nöte der Welt.

Aber man kann, mit Hilfe dieser Sichtweise, zu mehr Verständnis kommen, für sich und andere. Sich selbst wird man nicht mehr überfordern mit Ansprüchen von Absolutheit, oder Wünschen und Zielen, wie sie von der Gesellschaft im Minutentakt generiert werden, und die eigentlich mit einem selbst, wie man oft feststellt, gar nichts zu tun haben. Man wird sich sozusagen weniger „in Not“ begeben. Und ebenso wird man verständnisvoller für die Nöte anderer – eine wichtige und für andere spürbare charakterliche Qualität.

Die Illusion des Materialismus ist es, dass man als „ganz vernünftiger Mensch“ auch bestimmten, „ganz vernünftigen“ Ansichten anhängen müsse. Es ist die Illusion, es gäbe ganz eindeutige Determinanten des menschlichen Seins und Glücks, und diesen müsse man vernünftigerweise gerecht werden.

So gesehen bedeutet Spirealismus für mich die wichtige Erkenntnis, dass der Unterschied das eigentliche kosmische Grundprinzip ist, aus dem heraus sich der Eindruck der Einheitlichkeit erst entwickelt. Und nicht umgekehrt: die Einheitlichkeit sei in Form von jeweils einmal vorhandenen Materieobjekten bereits gegeben, diese Materieobjekte würden von allen beobachtet, so dass nun alle Beobachter auch eigentlich die gleichen Ansichten über die Welt und die Dinge darin haben müssten 

Geisteskrank (verrückt), so meint daher die materialistische Sicht auf die Psyche, sei derjenige, der eine von der „Realität“ genannten Einheitssicht, abweichende Vorstellung hat. Dabei gibt es diese Einheitssicht gar nicht.

 

Was ist „verrückt“? Gedanken, die krank machen.

Was heißt „verrückt“? was last modified: Januar 4th, 2018 by Henrik Geyer