Bob Dylan: Mr. Jones versteht die die Welt nicht mehr

Bob Dylan, unangepasstes Musikgenie [SPID 4400]

Bob Dylan ist ein Musiker, der, zumindest für mich, immer den Anklang eines Nonkonformisten hat. Ich denke dabei an seine ungewöhnliche Stimme, die gerade in höheren Jahren immer rauer wird, so dass man sich erst einmal einhören muss, bevor man diese ungewöhnlichen Klänge ertragen kann.

In seiner Biographie gibt es etliche Brüche. Beispielsweise hat er, als er Anfang der Siebziger mit dem Spielen der E-Gitarre anfing, den Bruch zu seinen Hippie-Fans in Kauf genommen. Ihn, der sich nie an der Spitze der Flower-Power-Bewegung sah (jedenfalls nicht willentlich), traf es ins Mark, dass er von seinen „Fans“ plötzlich Judas genannt wurde.

Er hat sich, und das sehe ich als seine besondere Qualität, nicht davon abbringen lassen, zu leben. Er hat die Überzeugungen angenommen und abgelegt, die er für richtig hielt. Stets hielt er einen gewissen Abstand zu seinen Fans, wohl wahrnehmend, dass deren Bild von ihm nichts mit dem zu tun hat, was er sich selbst ist. Er ist nicht von seiner störrischen, nonkonformistischen Art abgegangen – das sah man zuletzt, als man ihm den Nobelpreis für Literatur verlieh, und er es offen ließ, ob er zur Verleihung kommen würde. Er ist ein Zyniker im besten Sinne, dem die Werte der anderen weniger wichtig sind, als die eigenen. Er hat sich in seiner Karriere als Musiker nicht davon abbringen lassen, die Musik zu machen, die Texte zu schreiben, die er für richtig hält. Und DAS ist gut so!

Herausgekommen ist dabei ein riesiges, wunderbares Werk. Auch einige weniger gelungene Titel sind dabei, doch bei etwa 1500 Songs gibt es ganz viel Erstaunliches, Geniales, Visionäres ….

 

Die Wahrnehmung des Paradoxen, die merkwürdige Weltsicht des Künstlers und des spirituellen Menschen Bob Dylan, kommt für mich besonders direkt in seinem Song Ballad of a thin man zum Ausdruck.

Auszug:

You’ve been with the professors
And they’ve all liked your looks
With great lawyers you have
Discussed lepers and crooks
You’ve been through all of
F. Scott Fitzgerald’s books
You’re very well read
It’s well known

But something is happening here
But you don’t know what it is
Do you, Mister Jones?

In dieser Ballade um einen „dünnen Mann“ geht es um Mr. Jones, der sich, allen Annäherungsversuchen an das „Rationale“ zum Trotz, in einer Traumwelt befindet.

Du bist oft bei Professoren,
und sie mögen dein Aussehen.
Mit großen Rechtsanwälten
hast du über Abartige und Gauner gesprochen.
Du hast alle Bücher
von F.Scott Fitzgerald gelesen.
Du bist überhaupt sehr belesen,
das weiß man.
Doch etwas geschieht hier,
und du weißt nicht, was es ist,
nicht wahr, Mr. Jones?

Mr Jones macht zwar nach weltlichen Maßstäben alles richtig, aber er hat keine Verbindung zur Unendlichkeit. Oberflächlich ist sein Wesen und Wollen. Professoren mögen sein Aussehen, was ihm offenbar wichtig ist. Mit jedem kann er sich über dessen Themen unterhalten, z.B. weiß er sich sogar mit Anwälten über jene anderen, jene Aussätzigen, zu verständigen, offenbar ist er ein Meister des Small Talk; er hält Small Talk für wichtige Kommunikation. Sich von den Unangepassten und Abartigen zu unterscheiden ist dem blasierten Jones ganz wichtig …

Er liest auch viel, natürlich! Doch, was versteht er eigentlich?

Seine rationale Sichtweise verhilft Mr. Jones nicht zur Erlösung, denn trotz allen Bemühungen der weltlich anerkannten Art findet er keine Verbindung zu Gott. Er ist ein Rechthaber und ein Ahnungsloser, während er von sich das genaue Gegenteil annimmt. Er tut doch schon so viel!

In diesem Sinn macht sich Mr. Jones in der richtigen Welt, die voller Rätsel und Metaphern ist, „dünne“, denn er beherrscht lediglich die Klaviatur des direktionalen Denkens. Die Welt des Irrationalen bleibt ihm rätselhaft, sagt ihm nichts, er nimmt sie nicht wahr, und sie kann ihm daher nichts geben. Mr. Jones ist „a thin man“, ein dünner Mann, der das Leben nur eindimensional wahrzunehmen versteht.

Bedenkend, was wir über den Nonkonformisten Bob Dylan formulierten, kann man sagen, dass Mr. Jones der Gegenentwurf zu Dylan ist.

 

Bob Dylan – The Ballad of a Thin Man from Vasco Cavalcante on Vimeo.

 

Bob Dylan: Mr. Jones versteht die die Welt nicht mehr was last modified: November 29th, 2016 by Henrik Geyer

Franz Kafka – das Schloss … eine Metapher für Gott

Das Schloss von Franz Kafka. [SPID 4403]

Franz Kafka ist ein Schriftsteller, der für seine surrealen Texte berühmt wurde. Sein wohl bekanntestes Buch ist „Das Schloss“. Zur Handlung: Landvermesser K. kommt in ein Dörfchen unterhalb eines Schlosses, er hat einen umfangreichen Vermessungsauftrag in der Tasche.

Das Traumhafte dieses ganzen Vorgangs wird uns bewusst, denn im Buch wird nicht gesagt, was der Auftrag genau beinhaltet, worum es geht, woher der Vermesser kommt, wie das Dorf heißt, u.v.m.. Auch der Name des Landvermessers wird nicht näher genannt, somit ist er austauschbar – im Roman ist er nur K. (Kafka?). Doch es wird immer merkwürdiger: K. gelingt es einfach nicht, Zugang zum Schloss zu erhalten. Es gelingt ihm nicht, mit seinem Auftraggeber, dem Schlossherrn, zu sprechen.

Alles was er im Laufe des Romans erreicht, ist, sich innerhalb der Dorfbevölkerung einen gewissen, kärglichen Lebensplatz zu erobern. Zu diesem Zweck muss er heucheln, sich anbiedern, manchmal auch unter Aufbietung allen Mutes Kontra geben. Er sucht seine Sexualpartner unter dem Aspekt aus, wie diese ihm weiterhelfen können, innerhalb der Dorfgesellschaft aus Tagelöhnern und Bauern ein gewisses,  jämmerliches Standing zu erreichen. Sein Endziel bleibt, anerkannter Teil des Schlosses zu werden, indem sein Vermessungsauftrag durchgeführt und bezahlt wird und er sich auf normale Weise mit seinen Auftraggebern (dem Schlossherrn, der Bürokratie des Schlosses) unterhalten kann.

Das Schloss, bzw. die Bürokratie des Schlosses, sind für K. Gott

Max Brod, Freund und Verleger Kafkas, nannte das Schloss des Romans eine Metapher für Gott. Ich denke, er hatte damit Recht. Es ist eine Metapher für Gott, wie auch für Gott als die Personifikation der Welt.

Im Buch klingt das z.B. so: Der Dorflehrer erklärt K., was alles der Schlossherr in seinem Dorf zu sehen wünsche (was damit also automatisch auch K.s Pflicht sei!). K. fragt den Dorflehrer, ob dieser den Schlossherrn überhaupt persönlich kenne, (er möchte so viel wie möglich über das Schloss und den Schlossherrn in Erfahrung bringen). Der Lehrer erwidert: Nein. Wie sollte ich ihn kennen? Und er fügt auf französisch hinzu, so dass die ihn umgebenden Kinder nicht verstehen können: Seien Sie still! Nehmen Sie Rücksicht auf die Kinder! … so als habe der Vermesser K. in unflätiger Weise Gottes Namen im Munde geführt!

Was man gleichzeitig schließen darf: Gottes Wille verwirklicht sich durch das Wirken ganz kleiner Geister, wie z.B., durch den Dorflehrer!

All das ist dem Leser einerseits rätselhaft und surreal-alptraumhaft, denn es steht im Buch ja nicht am Seitenrand, dass es sich bei der Bürokratie des Schlosses, oder dem Dorflehrer, um eine höhere Macht handelt. Doch, der Leser erkennt sich und die eigenen Mühen wieder. Der Mensch, in die Welt kommend, möchte Gott nahe sein. Möchte genau passen, möchte erfolgreich sein. Doch er kann es nicht, über sein endliches Sein hinaus; über sein kleines irdisches Wirken hinaus.

Der K. des Buches sieht notgedrungen, dass seine Annäherung an die Dorfbevölkerung, sein Finden seines Platzes hier, all das bereits ist, was er an Nähe zum Schloss (zu Gott) haben kann. Denn das Dorf ist das Vehikel des Schlosses, hier ist bereits die größtmögliche Einheit. Die Welt ist irrational … der Mensch selbst bringt in die Welt, wonach er strebt und woran er gleichzeitig verzweifelt: das Streben und die Widerstände, die Liebe und den Hass, den Frieden und den Krieg, in einem ewigen Kreislauf. Im Spirealismus formuliere ich das so: Man ist Element der Schöpfung, wo man doch glaubt, ihr Beobachter zu sein. Dieses Missverständnis erschafft das Paradoxe.

Noch mehr erinnert der Inhalt des Romans an das Leben und das Lebensgefühl des Schriftstellers Kafka, der, dem Unerklärlichen Ausdruck geben wollend, es erklären wollend, nichts anderes erreichen kann, als unerklärlich und rätselhaft zu bleiben. Doch das tut er auf so gekonnte und unterhaltende Art, dass sein Roman sehr gut lesbar ist, insbesondere für Menschen mit Sinn für das Surreale. Das Buch wie auch Kafka, wurden zu einer Ikone des Paradoxen, einer Ikone der Gott- und Sinnsuche.

 

 

Franz Kafka – das Schloss … eine Metapher für Gott was last modified: November 29th, 2016 by Henrik Geyer

Querdenker, Sonderlinge, Mindscrewer

Die besten Autoren, die bekanntesten Philosophen und Wissenschaftler, haben uns immer wieder die Denkknoten vor Augen geführt, die wir in unseren Köpfen mit uns herumtragen. Entweder taten sie das erklärend, belehrend, oder, indem sie Kunstformen erschufen, die das zum Ausdruck brachten.

Ich möchte in einer gesonderten Rubrik an diese Menschen erinnern, und Aspekte ihres Schaffens beleuchten, die aus meiner Sicht den Charakter des Paradoxen tragen, und dabei die tägliche Realität dieser Menschen waren. Indem sie versuchten, ihrer speziellen Realitätssicht Ausdruck zu verleihen, sprachen sie das innerliche Gefühl ganz vieler an, nämlich dass hinter unserer scheinbar so eindeutigen Welt etwas ganz anderes verborgen ist. Etwas, das gerade der gewohnte Blick des Menschen nicht zu sehen vermag, und gerade nicht der „völlig logische Verstand“.

Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, man müsse die äußere Natur studieren, um künstlerisch schaffen zu können, stumpfsinnig nachgebetet und befolgt; erst, seit Hillel mich in jener Nacht erweckt, war mir das innere Schauen aufgegangen: das wahre Sehenkönnen hinter geschlossenen Lidern, das sofort erlischt, wenn man die Augen aufschlägt, – die Gabe, die sie alle zu haben glauben und die doch unter Millionen keiner wirklich besitzt.
Gustav Meyrink

Schon im allerersten Schritt fallen mir dabei ganz viele Namen ein, wie Ouspensky und natürlich Gurdjeff, Plato, Philip K. Dick, Kafka, Goethe, Dali, C.G.Jung, Heraklit, Schopenhauer, Wittgenstein … um nur einige zu nennen. Oft kann man diese vertiefte Einsicht, diese Verbindung zur Unendlichkeit (Jung), bei Menschen sehen und benennen, die man vielleicht nicht „Sonderling“ nennen würde, teilweise habe ich das in Artikeln bereits getan, ich denke an Einstein und Sokrates.

Oft handelt es sich dabei nur um einen kleinen Teil der Arbeit dieser Menschen, denn um die Kommunikation zum letztendlich immer gesuchten Publikum aufrecht zu erhalten, braucht es eine Sprache und braucht es Aussagen, die dieses versteht. Doch teilweise wurde das dauerhafte Sehen des Paradoxen, das Beschreibenwollen des Unbeschreiblichen zu einem Kampf um die geistige Gesundheit, und um das Funktionieren in der materialistischen Welt.

Ich finde es spannend, diesen Aspekt, der gerade in den allergrößten Geistern der Geschichte immer wieder auftaucht, unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, dass hier letztendlich eine nicht aus der Welt zu redende Gemeinsamkeit vorliegt. Was ist die Gemeinsamkeit …. kann man das formulieren?

 

Querdenker, Sonderlinge, Mindscrewer was last modified: November 27th, 2016 by Henrik Geyer

Was ist Nonkonformismus? Nonkonformistische Seelenheilung

Nonkonformismus - schwarzes Schaf [SPID 4371]

Was ist Nonkonformismus? Nonkonformismus ist Unangepasstheit. Nonkonformismus ist der Gegenpol zu Konformismus, der Angepasstheit. Unangepasstheit/Angepasstheit – bezogen auf was? Bezogen auf die Gebräuche, Sitten, das „normale“ Denken der umgebenden Menschen.

 

Ist man ein Nonkonformist, wenn man heute Musik aus den 70ern hört? Mancher versteht das so. Aber Musik aus den 70ern zu hören ist im Grunde schon wieder eine Mode, zumindest in bestimmten Kreisen. Bezogen auf diese Kreise ist man kein Nonkonformist, sondern ein Konformist. Bezogen auf andere Kreise wiederum verhält es sich genau umgekehrt.

Man sieht, dass in einer unendlichen Bandbreite Nonkonformismus so ziemlich alles bedeuten kann. Doch wollen wir Nonkonformismus in seiner deutlichen Ausprägung anschauen, dort, wo er zu einer Unbequemlichkeit wird. Nonkonformismus als eine gewisse Unabhängigkeit des Denkens.

Was ist Nonkonformismus?

Mir fallen dazu einige Begriffe ein, die ich kurz besprechen will

Unbequemlichkeit

Nonkonformismus ist unbequem, denn es ist der dringendste Wunsch des Menschen, sich in Übereinstimmung zu befinden. Jedes offensichtliche Nicht-Übereinstimmen ist unbequem, versetzt in eine Opposition.

Einsamkeit

Sich in den Gegensatz zu anderen zu begeben, bedeutet, keine Zustimmung zu erhalten. Oft bedeutet es Einsamkeit.

Der Loner

Im Film ist der Nonkonformist der Einzelgänger, der unbeirrt von der Meinung der Vielen seinen Weg geht, sich nur auf sich verlässt. Das ist die Variante, in der der Nonkonformist als „gut“ erscheint – er hat den Mut zu tun, was andere nicht für möglich halten, und oft genug gelingt es ihm zu erreichen, was andere nie erreichen können, die artig auf die Zustimmung aller bauen.

Der Böse

Oft ist im Film der Nonkonformist auch der Böse, der sich in den Gegensatz zur großen Mehrheit begibt. Die Mehrheit empfindet das eigene Denken als richtig, daher erscheint das gegensätzliche Denken wie falsch, und auch als böse.

Mut

Es gehört Mut dazu, nicht Teil der Menge sein zu wollen. Die Menge sieht das nicht gern. Die Menge beurteilt richtig oder falsch nach der Maßgabe des eigenen Denkens. Das tut der Nonkonformist natürlich im Prinzip auch, doch verlässt er sich weniger darauf, was alle anderen für richtig halten, sondern befragt vor allem sich selbst.

Das Denken der Menge erscheint der Menge selbst als überaus richtig. In einem endlosen Zirkelschluss prüft die Menge „die Wahrheit“ an der Wahrheit der Menge – und kann so beim besten Willen zu keiner anderen Wahrheit kommen, als der der Menge.

 

Gleichgültigkeit

Es gehört wohl Mut zu nonkonformistischem Denken – man könnte das auch Gleichgültigkeit nennen. Wenn man einmal bestimmte Wahrheiten der Masse als falsch erkannt hat, wird es einem gleichgültig, was dieser oder jener dazu sagt.

Genaues Überlegen

Die Voraussetzung, seine eigene Wahrheit über die der Menge zu stellen, ist Arbeit und genaues Überlegen.

Umgekehrt bemerkt man, selbst arbeitend, fragend, eruierend, wie viele Menschen gewöhnlich damit zufrieden sind, dass irgendjemand zu ihnen sagt, eine Sache verhalte sich soundso. Auf ebendiese Weise wollen sie dieses „Wissen“ auch weitergeben.

Denken können sehr Wenige, aber Meinungen wollen Alle haben: was bleibt da anderes übrig, als daß sie solche, statt sie sich selber zu machen, ganz fertig von Andern aufnehmen? – Da es so zugeht, was gilt noch die Stimme von hundert Millionen Menschen? – So viel wie etwa ein historisches Faktum, das man in hundert Geschichtsschreibern findet, dann aber nachweist, daß sie alle einer den andern ausgeschrieben haben, wodurch zuletzt alles auf die Aussage eines Einzigen zurückläuft.
Arthur Schopenhauer

Ignoranz, Zynismus

Zynismus ist eine Denkrichtung, die die Ablehnung der Werte der Menge beinhaltet. Nicht etwa, wie diese Menge glaubt, weil der Zyniker das Leben ablehnt (das ist ja der heutige Wortsinn von „zynisch“: ablehnend sein, die Werte missachtend etc.). Nein, ganz im Gegenteil. Sondern, weil er die Werte der Menge für falsch hält, und das Leben zu sehr schätzt, als sich falschen Werten hinzugeben.

Der Eremit

Der Eremit, der sich in eine Klause abseits der menschlichen Gesellschaft zurückzieht, ist ein Nonkonformist. Er koppelt sich weitgehend vom Denken der Gesellschaft ab, um die eigene, innere Wahrheit zu ergründen. Er nimmt dafür die Unbequemlichkeit des Einzelgängertums auf sich.

Geistige Gesundheit

Nonkonformismus ist ein guter Ansatz für Gesundheit, auch geistige Gesundheit.

Die Annahme, man müsse dem Denken der Masse immer gerecht werden, führt zu vielerlei Überforderungen. Erstens sind die Anforderungen oft unpassend, zweitens ist man selbst oft nicht in der Lage, bestimmte Leistungen zu erbringen.

Dabei spielt es keine Rolle, ob man nun „Nicht-Können“ als körperliche Unfähigkeit, oder als ein Nicht-Wollen definiert. Meist läuft das auf ein- und dasselbe hinaus.

Im Grunde muss man sich darüber klar werden, dass es keine genaue Deckungsgleichheit geben kann, zwischen der Wahrheit der Masse und der eigenen Wahrheit. Die Lücke wird immer bestehen. Was es braucht, ist Mut zur Lücke.

Wer nicht akzeptieren kann, dass das eigene Denken stets auch in einem graduellen Widerspruch zum Denken aller anderen stehen muss, wer angepasst sein muss auf Biegen und Brechen, riskiert sein Glück und seine Gesundheit, nicht zuletzt seine geistige Gesundheit. Auch Burn-Out ist ein Phänomen, das von einem Angepasst-sein-Wollen ausgeht .. was es hier zur Heilung braucht, ist Nonkonformismus.

Was ist zu tun?

Keine „Macht des Guten“ sein wollen

Für den Normalmenschen hört es sich paradox an, aber, Nonkonformist zu sein bedeutet, nicht dauernd „der Gute“ sein zu wollen. Mut zum Bösen, wenn man so will.

Das Gute ist für die Menschen das, was sie als richtig sehen. „Richtig“  ist für jeden Menschen das, was er selbst für wahr hält, was er selbst tut, was er selbst denkt. Was er selbst denkt ist dem Konformisten gleich dem, was alle denken – sein wichtigstes Kriterium für Wahrheit ist, dass sie sich in Übereinstimmung befindet.

Daher bedeutet Nonkonformismus der Mut zum Bösen. Stimmt man nicht mit seinen Mitmenschen überein, macht man aus deren Sicht Dinge falsch, denkt falsch, und ist in der extremen Konsequenz auch der Böse.

Seinen Weg gehen

Man sollte einfach seinen Weg gehen, und versuchen, die eigene Position zumindest nicht immer davon abhängig zu machen, was irgendjemand sagt. Das ist Nonkonformismus.

Wichtig ist, was einem selbst gut tut. Dass das nicht jedem passt, ist selbstverständlich.

Freiheit

In seinem Wesen ist Nonkonformismus Freiheit. Geistige Freiheit ist Freiheit schlechthin. Für manchen ist es Freiheit, in einem Auto mit offenem Verdeck zu fahren. Aber da alles, was erlebt wird, gedacht werden muss, ist das entscheidende Kriterium für Freiheit die Freiheit der Gedanken. Und Freiheit der Gedanken ist viel mehr als die Fahrt in einem offenen Auto.

Konfrontation …

… sollte man dennoch meiden.

Was den Nonkonformisten von der Masse unterscheidbar macht, ist, was er tut und was er sagt. Nur wenn er selbst will, wird er unterscheidbar. Wer sich in die Konfrontation begibt muss kämpfen, leidet auch. In der Konfrontation des Nonkonformisten mit der konformistischen Mehrheit hat er wenig Aussicht auf irgendeinen Gewinn.

Ein Nonkonformist in diesem Sinne war der oben zitierte Schopenhauer. Man hielt ihn im zeitgenössischen Frankfurt (seinem Wohnort) für einen verkannten Niemand. Das ist nicht gerade sehr schmeichelhaft für einen der größten deutschen Denker.

Es hat für den Nonkonformisten wenig Sinn, sich der konformistischen Mehrheit anzudienen, auf die Zustimmung, gar das Lob jener zu hoffen.

Kannst du nicht allen gefallen durch deine Tat und dein Kunstwerk, Mach es wenigen recht; vielen gefallen ist schlimm.

Friedrich von Schiller

 

Was ist Nonkonformismus? Nonkonformistische Seelenheilung was last modified: November 24th, 2016 by Henrik Geyer

Subjektiv – Supersubjektiv …. Sub-Subjektiv?

Was ist subjektiv? Subjektiv ist die Sichtweise des Einzelnen auf ein Objekt.

Was ist objektiv? Objektiv ist ein Wort, das dem Wort subjektiv gegenübersteht. Objektiv drückt aus, dass die Sichtweise des Einzelnen dadurch verifiziert wird (in seiner Wahrheit überprüft), dass Viele eine Beobachtung machen.

Was ist supersubjektiv? Supersubjektiv ist ein Wort, das durch den Spirealismus geprägt wird, es drückt aus, dass jede Beobachtung, auch wenn sie von vielen gemacht wird, subjektiv ist und bleibt. Anders gesagt: Auch wenn eine Beobachtung von vielen gemacht wird, bleibt es im kosmischen Maßstab „eine mögliche Sichtweise.“

Supersubjektiv ist die dem Individuum übergeordnete Sichtweise.

Subjekt-Objekt Beziehung nur für den Menschen voll gültig

Die Worte subjektiv und objektiv sind Worte, die sich auf die menschliche Sicht, seine Wahrnehmung beziehen. Die Worte subjektiv und objektiv werden nicht verwendet, wenn es um die Prozesse in der Natur geht … beispielsweise ist es der menschlichen Denkweise fremd, zu überlegen, ob etwas, was viele Hunde wahrnehmen, objektiver ist, als das, was nur ein Hund wahrnimmt. Es ist auch fremd zu fragen, ob etwas objektiver ist, was viele Atome wahrnehmen, als das, was nur ein Atom wahrnimmt.

Der Einfachheit halber geht der Mensch davon aus, dass der Einzige, der richtig wahrnehmen kann, er selbst ist.

Wenn es Supersubjektivität gibt, gibt es dann auch Sub-Subjektivität?

Wenn sich aus der Vielzahl der menschlichen Sichtweisen eine Gesamtsichtweise formt, die ich supersubjektive Sichtweise nenne, gibt es dann konsequenterweise auch eine Vielzahl von Sichtweisen, die den Menschen hervorbringen?

Ich sage dazu: Ja. In einem Kontinuum aus Geist ist es nicht sinnvoll, eine grundsätzliche Unterscheidung treffen zu wollen, zwischen dem, was den Menschen als Eins erscheinen lässt, und dem, was menschliche Individuen in Summe als Eins entstehen lassen.

Man könnte sich das Sub-Subjektive vorstellen als die Vielzahl der Gedanken, die den Menschen durchströmen, und die im Ergebnis eins werden – in einer Handlung.

Oder man könnte sich das vorstellen als die Vielzahl der Lebewesen, die den menschlichen Körper bewohnen – besser sollte man sagen: erst formen. Sie tun das keineswegs nur in einem harmonischen Miteinander, sondern es ist mindestens auch, ein Widerstreit, Chaos, Gegeneinander.

Man könnte sich das auch vorstellen als die Unendlichkeit von Atomen, die in ihrer Wechselwirkung den menschlichen Körper bilden. Wenn man die Atome wie Informationseinheiten sieht, die in einer Art Abstimmung ein Ganzes ergeben, so ergibt sich eine Analogie zu einem Staat, in dem viele Bürger, mit vielen Ausrichtungen, ein Ganzes ergeben – eben den Staat. Dieses Ganze ist nun in der Lage, in eine einzige Richtung zu wirken.

Kann man sich Supersubjektivität besser vorstellen als Sub-Subjektivität?

Ich weiß nicht, welchem meiner Leser das Wort Supersubjektivität überhaupt irgendetwas sagt. Ich weiß auch nicht, ob man meinen Gedanken folgen kann oder will, hinsichtlich des Begriffes Sub-Subjektivität.

Mir jedenfalls tauchte der Gedanke auf, dass das Sub-Subjektive deutlich schwieriger vorstellbar ist, als Supersubjektivität. Ich glaube der Grund liegt in der allumfassenden materialistischen Weltsicht. Als Beobachter des Äußerlichen glaubt der Materialist an das Nicht-Hinterfragbare seiner eigenen Identität.

Erst, wer sich von diesem materialistischen Glauben lösen kann, dem wird es sinnvoll, das eigene Ich wie zusammengesetzt aus einer Vielzahl miteinander streitenden, zu einem Einvernehmen gelangenden, Elemente zu sehen.

Im Materialismus nehmen wir ja sehr wohl wahr, als Personen Elemente eines (staatlichen) Ganzen zu sein. Ich behaupte, dass uns auch das ein wenig rätselhaft ist, denn es ist ja nie ganz klar, was der Staat eigentlich ist, welche Psyche er hat, welche Eigenschaften. Man kann das immer formulieren, aber es gibt immer viele miteinander streitende Formulierungen.

Man nimmt wohl wahr, dass man als Person die verschiedensten Einheiten mitformt, jeweils auf eine ganz eigene Weise – die Familie, die Stadt, den Staat, die Menschheit. Aber dass man selbst so ein zusammengesetztes Wesen ist, das ist doch weit weniger Denkgewohnheit.

Lediglich aus spirealistischer Sicht erscheint es als eine notwendige Konsequenz.

Subjektiv – Supersubjektiv …. Sub-Subjektiv? was last modified: November 21st, 2016 by Henrik Geyer

Wir können kein fremdes Universum betreten

Wenn es die Vision spiritueller Sichtweisen ist, dass es eine Welt jenseits unserer Vorstellungen gibt, dann lautet der normale materialistische Reflex: nichts wie hin! Ebenso: Wenn in der Bibel die Rede von Gott ist, so ist es der normale Reflex des Bibellesers, das Göttliche anzustreben.

In dem Artikel „Der Mensch kann niemals über die Grenzen des Universums hinaus“ habe ich beschrieben, dass das (menschliche) Universum nicht verlassen werden kann. Dies ist im Grunde auch das beste Argument, warum kein fremdes Universum betreten werden kann.

 

Doch, wir wollen das ein wenig ausführen: Wenn das Weltall alles das ist, was der Mensch kennt, oder kennen könnte, dann kann der Mensch das, was er kennt, nachdem es ihm bekannt geworden ist, nicht fremd nennen. Alles, was der Mensch kennt, ist ihm auch bekannt. Also angenommen, er lernt etwas kennen, und sei es die ihm zunächst fremde Variante irgendeiner Existenz, so kann er das, was er nun kennt, nicht als fremd bezeichnen, ohne den Wortsinn ad absurdum zu führen.

 

Was wie ein unlösbarer Widerspruch klingt, hat vor allem für den Materialismus wenig Sinn. Denn der Materialismus, der davon ausgeht, der Mensch würde ein von ihm unabhängiges Außen beobachten, glaubt, die Dinge seien in der Form, wie man sie „zu Gesicht“ bekommt, „objektiv“ vorhanden und „schon dagewesen“, bevor man sie ansieht. In dieser Form gedacht erzeugt sich ein Paradox, das darauf hinausläuft zu fragen, was denn schon „da sei“, und wahrzunehmen, dass alles das, was man sich denkt, auch in eine gewisse Realisierung eintritt. Wohingegen nur das, was man nicht denkt, wirklich keinerlei Realität hat und haben kann. Und nun verblüfft es den Materialisten, wenn es sich vorstellen will, was er sich nicht vorstellt – wo er doch meint, sich alles vorstellen zu können, den freien und unbestechlichen (menschlichen) Geist als einen Spiegel des Wirklichen sehend.

Für den Spirealismus (und z.B. Carl Gustav Jung, bei dem ich etwas Ähnliches einmal las), macht die obige Aussage mehr Sinn. Denn der Spirealismus betrachtet den Kosmos unter der Maßgabe, dass der Kosmos geistig entsteht. Eine der diversen Konsequenzen ist, dass der Kosmos auf der subjektiven Wahrnehmung basiert, und dass es das Objektive nicht gibt. Also ist der Mindfuck, die Verwirrung, die damit verbunden ist, dass man sich immer fragt, „was es denn geben könnte“, im Spirealismus nicht vorhanden. Alles entsteht ja erst im Moment der Wahrnehmung. Im Grunde „gibt es“ nichts. Die Universen sind immer subjektiv und immer einzigartig (Ich-Universen), und sie entstehen in uns und durch uns, und zwar in dem einzigen Moment, der wirklich erlebbar ist: dem ewigen Jetzt.

So gesehen sind die Universen eine Art virtuelles Hologramm, sind eine Sichtweise auf Information. Der Mensch ist nicht Beobachter eines Außen, sondern Element eines Prozesses. Das Wesen seiner subjektiven Sicht ist die Einzigartigkeit, und die Tatsache, dass er seine Subjektivsicht nicht verlassen kann.

„Das Universum“ ist ein Wort, das „das Alles“ wie ein einziges Objekt der menschlichen Betrachtung sehen möchte. Doch weder gibt es „das“ Universum, noch „den“ Menschen. So gesehen könnte man formulieren, dass „das Universum“ die supersubjektive Sichtweise „des Menschen“ auf Information ist.

Es ist im Materialismus völlig unverstanden, und es klingt dort wie Mindfuck, wenn man sagt, dass jeder sein eigenes, individuelles Universum hat. Dies nicht sehend, kann man auch nicht sehen, dass sich hier bereits die Frage nach dem Betreten fremder Universen stellt. Das Fremde beginnt im Nächsten .. man muss dazu nicht Milliarden Lichtjahre in einem äußerlichen Universum reisen. Und bereits hier zeigt sich: Ebenso wenig, wie man tatsächlich in die Haut von jemand anderem schlüpfen kann, kann man ein fremdes Universum betreten.

Wir können kein fremdes Universum betreten was last modified: November 22nd, 2016 by Henrik Geyer

Menschlichkeit – was ist menschlich?

Über Menschlichkeit - Donner Gruppe - gefällte Baumstämme, Höhe des Schnees [SPID 4372]

Neulich las ich ein Buch, das mich über den Begriff Menschlichkeit nachdenken ließ.

1846, zur Zeit der Besiedlung des amerikanischen Westens

Es ist die historisch verbürgte Geschichte der Donner-Gruppe, eines Wagentrecks von ca 90 Emigranten, die, 1846 über die Rocky Mountains ziehend, Californien erreichen wollten um dort zu siedeln. Durch Verzögerungen geriet man in die früh beginnenden Winterstürme in den Bergen. Der Wagenzug schneite ein, es kam durch den während der Wintermonate sich immer verschärfenden Hunger zu Kannibalismus unter den Siedlern. Ich möchte eine kurze Textpassage aus dem Buch History of the Donner Party, a Tragedy of the Sierra anfügen.

Relativität der Moralbegriffe – Menschlichkeit

Ich möchte nicht, auf Grund des Textes, irgendeine Wertung abgeben. In philosophischer Weise möchte ich lediglich die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass das, was man menschlich nennt, letztendlich sehr abhängig ist von Umständen, in denen sich Menschen befinden. Ob nun „Du sollst nicht töten!“ universelle Gültigkeit hat oder haben muss, lässt sich aus einer komfortablen Situation heraus immer leicht sagen. Doch die Moral, die Wahrheit, entsteht aus dem Erleben des Konkreten, nicht umgekehrt. Die Moral, die Menschlichkeit – das sind flexible Begriffe. Man könnte es auch so sagen: Wer nie erleben möchte, wie die menschlich-moralischen Grundbegriffe gedehnt werden und schließlich in Scherben gehen, muss darauf achten, in welche äußerliche Situation er sich begibt. Wohl wissend, dass man es ja keineswegs immer in der Hand hat, in welche Lage man gerät. Dem Text vo History of the Donner Party, a Tragedy of the Sierra folgend könnte man sagen, dass es Menschlichkeit ist, immer das Notwendige zu tun. Aber für welches Tier würde das nicht gelten?

Zum Verständnis:

Ein kleines Rettungsteam hatte dem feststeckenden Wagenzug Nahrung gebracht, noch bevor der Zugang völlig zuschneite. Zu dem Rettungsteam gehörten zwei Indianer. Diese gebrachte Nahrung war schnell verbraucht. Wieder drohten die Menschen zu verhungern.

Unter den Eingeschneiten formierte sich eine Gruppe von 16, die die nahen höchsten Gipfel der Rockys überwinden, und auf der anderen Seite um Hilfe bitten sollten. Diese Maßnahme erschien auch deshalb notwendig, um die geringen Nahrungsvorräte im Camp zu entlasten.

Als Führer dieser Menschen erboten sich die zwei Indianer, die den Weg zu den nächstgelegenen Siedlungen auf californischer Seite kannten.

Nachdem die Gruppe einige Tage unter den schwersten Bedingungen unterwegs war, die Nahrung ausgegangen war, und die Menschen nah am Verhungern waren, kam es zu Kannibalismus. Von den auf dem Weg an Kälte und Hunger Gestorbenen wurden Fleischstücke abgeschnitten und verzehrt.

Die Indianer entfernten sich von der Gruppe der Weißen, wohl auch deshalb, weil sie mitbekamen, dass die Weißen die Absicht hatten, die Indianer zu töten und zu verspeisen. Dennoch führten die beiden Indianer die Weißen weiter, diese von Ferne leitend.

Die Indianer, die selbst nichts zu essen hatten, erschöpften ihre Kräfte, legten sich schließlich auf den Schnee, unfähig noch weiter zu gehen.

Hier die gewählte Passage aus dem Buch:

Sie waren unfähig, sich zu bewegen (die Rede ist von den beiden Indiandern), als die verhungerten „Sieben“ (die verbliebene Anzahl der Weißen dieser Rettungsgruppe betrug nur noch sieben) vorbeigingen. Jawohl! Vorbeigingen, denn die hungernden Emigranten passierten die armen Burschen (die Indianer) lediglich, unfähig sie des kleinen Funkens von Leben zu berauben (was ja eigentlich ihre Absicht gewesen war), der noch in deren geschundenen Körpern war.

Sie gingen noch etwa zweihundert Yards. In wenigen Stunden, vielleicht noch in derselben Nacht, würden sie Hungers sterben. Schon begannen die entsetzlichen Phantasien des Hungerdiliriums vor ihren eingesunkenen Augen zu tanzen. Bevor noch die Indianer aufhören würden zu atmen, wären einige der Sieben rettungslos verloren. Es waren zwei Männer und fünf Frauen. William Foster sah, dass seine Frau, die ihm alles bedeutete, sich schnell dem Tode näherte. Um sein Leben zu retten hatte sie, die geheiligten Instinkte der weiblichen Natur überwindend, ihm Nahrung von Fosdicks Körper abgeschnitten und gebracht. (Fosdick war einer der auf dem Weg Gestorbenen).

Sollte nun er lediglich dabei zusehen, wie sie den schrecklichsten aller Tode stirbt? Leser, begib dich an seine Stelle! Tapfer, edel, heldenhaft, voller löwenhafter Tatkraft, war William Foster zu keiner Zögerlichkeit fähig. Man denke an seine Lage! Auf dem Schnee lag hilflos Mrs. Pike, die Frau, die er unabsichtlich zur Witwe gemacht hatte. Ihre Kinder starben in den zurückgelassenen Hütten (des Camps am Donner Lake, das die Gruppe verlassen hatte). Sein eigener Junge war in diesen Hütten. Seine Kameraden, seine Frau, waren im letzten Stadium des Verhungerns. Er selbst starb.

Eddy (der andere Mann in der Gruppe) hatte nicht genügend Nerven, die Frauen konnten nicht, so musste William Foster! War das Mord? Nein! Jedes Gesetzbuch, jedes Prinzip des höheren Rechts, Selbsterhaltung, jedes Diktat des Rechts, der Vernunft, oder der Menschlichkeit, verlangten die Tat.

Die Indianer waren jenseits aller Hoffnung auf Wiederherstellung. Sie konnten ihre Köpfe nicht von dem Bett aus Schnee heben, auf dem sie lagen. Es war nicht nur zu rechtfertigen, es war sogar Pflicht, es war eine Notwendigkeit.

Als er zu ihnen zurückkam sagte er ihnen, er würde sie töten. Sie stöhnten nicht und kämpften nicht, als sie begriffen, dass ihr schwelendes Leid nun enden würde. Man hörte zwei Schüsse. Die „verzweifelte Hoffnung“ (so nannte man die Rettungsgruppe, zu der auch Foster gehörte) würde nun diejenigen retten können, die am Donner Lake zurückgeblieben waren.

 

englisches Original:

They were unable to move when the famished „Seven“ passed. Yes, passed! for the starving emigrants went on by the poor fellows, unable to deprive them of the little spark of life left in their wasted bodies. Traveling was now slow work for the dying whites. They only went about two hundred yards. In a few more hours, perhaps that very night, they would die of starvation. Already the terrible phantasies of delirium were beginning to dance before their sunken eyes. Ere the Indians would cease breathing some of the Seven would be past relief. There were two men and five women. William Foster could see that his wife—the woman who was all the world to him—was fast yielding to the deadly grasp of the fiends of starvation. For the sake of his life she had stifled the most sacred instincts of her womanly nature, and procured him food from Fosdick’s body. Should he see her die the most terrible of deaths without attempting to rescue her? Reader, put yourself in this man’s place. Brave, generous, heroic, full of lion-like nobility, William Foster could not stoop to a base action.

Contemplate his position! Lying there prostrate upon the snow was Mrs. Pike, the woman whom, accidentally, he had rendered a widow. Her babes were dying in the cabins. His own boy was at the cabins. His comrades, his wife, were in the last stages of starvation. He, also, was dying. Eddy had not nerve enough, the women could not, and William Foster must-what! Was it murder? No! Every law book, every precept of that higher law, self-preservation, every dictate of right, reason or humanity, demanded the deed. The Indians were past all hope of aid. They could not lift their heads from their pillow of snow. It was not simply justifiable—it was duty; it was a necessity. He told them, when he got back, that he was compelled to take their lives. They did not moan or struggle, or appear to regret that their lingering pain was to cease. The five women and Eddy heard two reports of a gun. The „Forlorn Hope“ might yet save those who were dying at Donner Lake.

 

 

Noch ein paar interessante Details:

  • Durch den geschilderten Kannibalismus gelang es einigen die nächstgelegene Siedlung zu erreichen. Dies brachte auch vielen Rettung, die am Donner Lake noch der Hilfe harrten. Frauen, kleinen Kindern … Die Schilderung der Ereignisse ist sehr tragisch und bewegend.
  • Das Bild oben, Wikimedia entnommen, zeigt Bäume, die zur Brennholzgewinnung von den im Schnee Eingeschlossenen gefällt wurden. Auf der Schneefläche stehend schlugen sie mit der Axt die Stämme durch. Die Höhe, in der die Baumstämme abgetrennt wurden, geben einen Hinweis auf die Höhe des Schnees, der die Menschen umschloss.
  • Das hier zitierte Buch entstammt der Zeit, als die Überlebenden des Donner-Trecks noch lebten und selbst Zeugnis gaben.
  • Mark Twain schrieb eine Persiflage auf die hier beschriebenen Ereignisse, eine Kurzgeschichte namens „Kannibalismus auf der Eisenbahn“. Das in Twains Geschichte wirklich Makaber-Lustige ist, wie die auf einer Eisenbahnstrecke Eingeschneiten in einer Art Gerichtsverhandlung mit Anwälten und Verteidigern, und in wohl gewählten Worten, darum streiten, wer als Nächstes verspeist werden solle. Die zum Verspeisen Vorgesehenen geben dabei ihren Bedenken Ausdruck, ob wohl eine solche, sie selbst betreffende Entscheidung richtig sei. Sie tun das, indem sie völlig objektive Gründe vorbringen …  Twains Geschichte berührt die hier eingangs gestellte Frage: Was ist Menschlichkeit? Wie dünn ist die Schicht der ethischen Selbstgewissheit des Menschen, die ihn, wie er selbst meint, anderem Leben moralisch überlegen macht?
  • Das Buch History of the Donner Party, a Tragedy of the Sierra ist bei Amazon kostenlos erhältlich.

 

 

Menschlichkeit – was ist menschlich? was last modified: November 25th, 2016 by Henrik Geyer

Was besagt der Begriff Lichtwesen?

Was bedeutet Lichtwesen? [SPID 4346]

In spirituellen Kreisen wird häufig der Begriff Lichtwesen verwendet. Ich möchte kurz erklären, was ich darunter verstehe, und warum der Begriff sinnvoll ist.

In meiner Philosophie beschreibe und begründe ich, dass alles Geist ist, frage, was das bedeutet und was es bringt, diese Tatsache zu erkennen.

Alles ist Geist – ist zugleich ein uraltes spirituelles Prinzip der Hermetik. Dieses Prinzip zu Ende gedacht bedeutet, dass es Materie nicht in dem Sinn gibt, wie man es sich (materialistisch gesehen) vorstellt: als außerhalb und unabhängig vom menschlichen Betrachter.

Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Materie, dass der Mensch, metaphysisch gesehen, Information ist. Information, verstanden als ein Prozess des Austausches, bzw. der Kommunikation.

Die uns hierfür gängige Vorstellung ist Licht – Licht ist der sichtbare Bereich elektromagnetischer Wellen. Licht ist Information, denn ohne sichtbares Licht keine Information für die Augen. Ohne elektromagnetische Energie gibt es keine Atome, keine Wechselwirkung zwischen Atomen, keinen Schall, keine Berührung, kein Fühlen. Ohne elektromagnetische Energie kein Austausch zwischen Nervenzellen, zwischen den Synapsen des Gehirns …. so ist also Licht, so wie es sich uns darstellt, die im Grunde beste Visualisierung eines umfassenden geistigen Austausches, der für mich das Wesen des Kosmos ist.

Es ist die griffigste Vision spiritueller Sichtweisen, die deutlich machen, dass es eine Welt jenseits unserer Vorstellungen gibt.

Fazit

Das Wort Lichtwesen entführt uns in eine Vorstellungswelt, in der alles relativ, alles Information, alles möglich ist. In der umgekehrt alles das, was wir uns materialistisch vorstellen, nur eine Möglichkeit, nichts Endgültiges, und nichts Festes ist.

Es ist die Vorstellungswelt des Spirituellen, der alten Religionen, der Weisheitslehren. Es ist die dem Materialismus entgegengesetzte Vorstellungswelt.

Glauben und Wissen - Geist und Materie [SPID 1204]

Was besagt der Begriff Lichtwesen? was last modified: November 19th, 2016 by Henrik Geyer

Der Mensch kann niemals über die Grenzen des Universums hinaus

Grenzen des Universums - der Mensch im Multiversum [SPID 4343]

Der Mensch kann die Grenzen des Universums nicht verlassen. Warum ist das so? Was sind überhaupt die Grenzen des Universums?

Was sind überhaupt die Grenzen des Universums?

Das Universum ist unbegrenzt. Warum? Weil das Universum alles das ist, was ist, und was sein kann. Bereits der Name sagt es: Universum, das ist das, in dem universell alles ist. Das Welt-All ist alles. „Alles“ wiederum ist eine in der Konsequenz nicht zu begrenzende Größe. „Alles“ ist Unendlichkeit.

Die Unendlichkeit ist uns paradox, weil wir sie als Objekt benennen, und den Begriff so verwenden, als könne man die Unendlichkeit wie ein Objekt betrachten, sie vor sich hin halten und ansehen. Doch das kann man natürlich nicht.

Das Welt-All ist alles, was wir kennen und kennen lernen können. Daher können wir das Welt-All/Universum nie verlassen, denn wir werden nie etwas anderes im Kopf bewegen, als die Dinge die wir kennen oder kennen lernen können.

Besteht die Grenze des Universums in seiner Unbegrenztheit? Das ist Mindfuck!

Somit kann man sagen, das Universum kann nicht verlassen werden, weil es unendlich ist. Man könnte auch sagen, die Grenze kann nicht überwunden werden, weil es keine gibt.

Grenzen des Universums [SPID 4341]
Der Mensch, den Weltraum von Außen betrachtend, kann sich wiederum nur im All (das ihn stets umgebende „Alles“) befinden. Nicht, wie hier abgebildet in einem Nichts. Doch was hier abgebildet ist, ist ja schon kein Nichts mehr. Es sind zwei Dinge darin: Das Weltall und der Beobachter, beide zusammen ergeben schon wieder einen Raum.
Vorgestellt, der menschliche Betrachter könnte aus dem Universum hinaus (in der nebenstehenden Grafik ist das abgebildet), müsste er sich irgendwo befinden. Auch dieser Standort hätte notwendigerweise Dinge, Orte, die der Mensch kennen würde bzw. kennengelernt hätte. Eines dieser Dinge wäre das Universum, das er gerade verließ. Es wäre nun eines der „Dinge“ seiner Welt, es wäre eines der Dinge des Welt-Alls. Das bedeutet, er befände sich immer noch innerhalb des Universums der Definition, also dem Raum, in dem alles ist. Er wäre nicht aus dem Universum im eigentlichen Sinn herausgetreten.

Soll es in diesem Artikel um die pingelige Auslegung der Definition des Begriffes „Universum“ gehen, und nicht um das Reale?

Es geht in diesem Artikel um den Begriff des Universums, und zwar unter der Prämisse (und das muss erklärt werden): unsere Begriffe und unsere Realität sind nicht zweierlei, sondern genau dasselbe.

Eine Frage der Kreativität

Dass unsere Begriffe (Worte) und unsere Realität genau dasselbe ist, ist eine spirealistische Aussage. Sie dürfte sich materialistischem Denken kaum erschließen, das ja davon ausgeht, unabhängiger Geist (Mensch) würde feste Materie beobachten. Während der Spirealismus sagt: Alles ist Geist.

Doch schauen wir, was passiert, wenn wir den Begriff „Universum“ anpassen, um sagen zu können, wir würden aus Universum 1 heraus, und in Universum 2 hineintreten. Wir bemerken bei dieser phantasievollen Annahme, dass die Frage, in welchem Universum wir uns befinden, einzig und allein eine Frage der Definition ist. Eine Frage des Begriffes also … eines Begriffes, der sich durch uns erst formt. Doch, wenn es eine Frage der Definition ist, so könnte man doch auch in diesem Augenblick definieren, man würde ein Universum verlassen, wenn man aus der Haustür tritt!

Wir sehen, woher das Paradox kommt. Wir formen die Begriffe, definieren, und glauben, etwas Äußerliches damit zu beschreiben. Etwas durch uns nicht Formbares, das wir nur beobachten.

Doch statt dessen ist, was wir wahrnehmen, mindestens auch eine Frage unserer eigenen Kreativität.

Das unendliche All ist nicht erfahrbar

Das Besondere am Begriff des Universums, des Alls, ist seine Unendlichkeit. Unendlichkeit ist uns paradox, weil wir Unendlichkeit als solche nicht erfahren können, den Begriff aber gebrauchen, als könnten wir. (das Wort erfahren kann man übrigens an dieser Stelle so sehen, als würde man tatsächlich irgendwo hinfahren. Man kann immer irgendwo hinfahren, aber man kann nicht überall hinfahren, was wiederum auf das eben Besprochene zurückführt).

Wir nähern uns auf diese Weise der dem Materialismus unzugänglichen Wahrheit: Die Begriffe des Menschen sind seine Realität. Die Begriffe des Menschen sind, materialistisch gebraucht, in sich widersprüchlich. Die Unendlichkeit entsteht durch den Menschen, er kann sie nicht beobachten, als wäre es ein Ding. Das All entsteht – in der menschlichen Form – durch den Menschen; auch hier beobachtet er nichts im materialistischen Sinn.

Der Mindfuck, der in der Formulierung liegt, die Begrenztheit des Universums bestehe in seiner Grenzenlosigkeit, basiert auf der bereits im Beginn paradoxen Annahme (die ich die materialistische Weltsicht nenne), der Mensch würde feste Objekte in seinem Außen beobachten, von denen er deren Eigenschaften durch seine Sinnesorgane abruft. So stellt er sich letztlich alles als ein Objekt vor, auch „das Universum“. Doch das Universum ist kein Objekt, sondern ein Prozess, der aus dem Menschen hervorgeht.
Siehe auch: Wir können kein fremdes Universum betreten

Der Mensch kann niemals über die Grenzen des Universums hinaus was last modified: November 19th, 2016 by Henrik Geyer

Über die Radikalisierung eines Kuscheltieres

Die Radikalisierung des Kuscheltieres Affe - ein radikalisiertes Tier [SPID 4328]

In der heutigen Zeit vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über vereitelte Anschläge, Gewalt in der Gesellschaft und eine zunehmende Radikalisierung berichtet wird. Dass dieses Phänomen nicht nur in der Zeitung stattfindet, sondern durchaus bis in die Familien und das Private hineinstrahlt, bekommen viele Menschen noch nicht mit. Dennoch ist auch das eine gesellschaftliche Realität, die lohnt, näher untersucht zu werden. Denn wenn sich eine solche Realität dem Einzelnen offenbart, dann greift oft Hilflosigkeit um sich, Verzweiflung und Wut. Es ist ein Stück psychologische Hilfestellung für die Betroffenen, die Geschichte einer solchen Radikalisierung zu untersuchen und aufzuschreiben.

Wir haben das getan und ein Fallbeispiel recherchiert. Wir wurden auf einen Fall aufmerksam, in dem sich ein Kuscheltier radikalisierte. Das klingt ungewöhnlich, da Kuscheltiere gemeinhin wenig zu Gewalt neigen. Doch gerade das Außergewöhnliche dieses Falles interessierte uns, und wir versuchten einen Termin bei den Angehörigen zu bekommen. Nach einigem Telefonieren gelang uns das; uns wurde die Sensibilität der Situation, dieses Eindringens in eine verletzte Familie, schnell bewusst. Teils war es nicht leicht, über die noch recht frischen Verwundungen der Seele mit unseren Gesprächspartnern zu reden. Die Namen der Betroffenen wurden von der Redaktion geändert.

Ich als verantwortlicher Redakteur, sowie ein befreundeter Bildreporter, fanden uns an einem Freitagnachmittag an dem Zuhause der Familie M. ein.

 


Bilder aus glücklicheren Tagen: Affe pflegt sein Beet, Affe prüft die Temperatur des Badewassers, Affe ist beliebt und ist gern mit anderen zusammen


Die Tür des kleinen Familienhauses wurde unserem kleinen Team von einem Herrn in Hausjacke geöffnet. Mit leiser Stimme bat er uns einzutreten. Es war früher Nachmittag, und er bot uns Tee und Kekse an. Wir nahmen im Wohnzimmer Platz; nach einiger Zeit kamen noch 2 Kinder der Familie und deren Mutter dazu und setzten sich ebenfalls. Wir hatten darum gebeten, dass uns der Gang der Ereignisse nach Möglichkeit aus verschiedenen Perspektiven geschildert wird.

Herr M., der Familienvater, hatte dunkle Ringe unter den Augen. Er begann mit brüchiger Stimme zu sprechen, nachdem ich ihn gebeten hatte, einfach anzufangen.

Herr M.: „Der Affe kam zu uns, ich glaube meine Frau brachte ihn damals mit in die Ehe. Er hatte irgendwie ausländische Wurzeln, wir haben uns nie so richtig darum gekümmert, welche.

Ich weiß noch, wie er uns von Anfang ans Herz wuchs. Wenn ein Kind zu Bett gebracht wurde, dann holte ich oftmals den Affen, und spielte mit ihm rum, und das Kind, und auch ich selbst, wir mussten lachen. Affe hatte einfach so ein lustiges Gesicht, man musste schon lachen, wenn man ihn nur ansah. Wir haben ihn eigentlich immer nur Affe genannt. Einen anderen Namen hatten wir nie. Vielleicht war es das, was …“

Herr M. stockte.


Affe beim Kirschen-Essen mit den anderen Kuscheltieren


 

 

Jennifer, eines der beiden im Haushalt lebenden Mädchen, fuhr fort.

„Es war eine schöne Zeit mit Affe. Das haben wir glaube ich alle so empfunden.“ (die anderen im Raum nicken). „Wir haben viel unternommen, auch die Kuscheltiere untereinander. Affe hatte beispielsweise ein eigenes Beet, hat den anderen geholfen wo er nur konnte. Er war bei den anderen beliebt, weil er immer einen lustigen Scherz machte.“

Die Mutter von Jennifer, Frau M., wirft ein:

„Er war aber auch immer schon ein wenig eigensinnig. Wenn er einmal einen Entschluss gefasst hatte, war er kaum mehr davon abzubringen. Beispielsweise erinnere ich mich noch, dass er sich einmal überlegt hatte aus einem der oberen Fenster mit einem Fallschirm abzuspringen. Nicht wahr, Wolfgang?“

Herr M. fährt lachend fort: „Ja, so war es. Er gab nicht eher Ruhe, bis er aus Bindfäden und Taschentüchern einen Fallschirm gebastelt hatte, den er sich an seinen Achseln festband. Es gab im Vorfeld einige Gespräche, wir baten ihn, das zu lassen. Aber er kam immer wieder darauf zurück, sagte, das sei der kürzeste Weg, das müsse doch einmal versucht werden, und so. Er sagte auch, wir seien wohl sehr einfallslos, vielleicht würden wir gar nicht wollen, dass er Erfolg hat … und so weiter.

Wir haben einige Zeit nicht auf ihn geachtet, jedenfalls ist er dann irgendwann einfach gesprungen, und das Beste daran ist: Er hat sich gar nichts dabei getan!“

Herr M. schüttelt lachend den Kopf.

Die andere Tochter, Mirinda, sagt: „Er hatte lange Zeit nach dem Sprung aus dem Fenster irgendetwas am Fuß …“

Herr M. schüttelt weiter den Kopf, lächelnd. „Nur ’ne Klette.“

Reporter (ich): Wie kam es dann zu dieser Radikalisierung? Wann merkten Sie zuerst etwas davon, und wie fing es an?“

Herr M., offensichtlich bemüht sich zu erinnern, sagt: „Das kann man gar nicht genau sagen, irgendwie war es ein schleichender Prozess. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass er sich plötzlich für seine Herkunft interessierte. Die war indisch, wie sich herausstellte. Nicht wahr, Marion?“

Frau M. nickt. „Irgendwas mit Indien, irgendwas mit Dschungel.“

Wieder Herr M.: „Vielleicht hatte seine Radikalisierung etwas damit zu tun, dass wir für die Kinder einmal von der Stadtmission günstig Spielzeug bekamen; in dem Paket, das wir erst später öffneten, war auch ein Panzer. Ich sah ein paar Tage später, wie Affe damit spielte.“

Frau M. fügt hinzu: „Ich glaube eher, dass es damit begann, dass Affe viel im Internet surfte. Was er sich ansah war eigentlich nie ganz klar. Wahrscheinlich hat er sich dort die Informationen geholt, die er suchte.“

Herr M., gequält: „Ja, aber warum suchte er die? Warum suchte er gerade solche Informationen? Über Waffen, Gewalt … Und warum dort, er hätte doch auch mit uns über alles reden können!“

Frau M. nickt, sieht uns nur an. Wir sehen, wie betroffen beide sind; wie sehr die Erinnerung an eine Zeit, als man vielleicht noch etwas hätte machen können, an ihnen nagt. Tränen stehen beiden in den Augen.

Reporter: „Als Sie es dann bemerkten, wie war das?“

Herr M.: „Ich merkte, dass irgendwas nicht stimmte, als er immer weniger mit uns sprach. Wenn wir am Küchentisch beim Essen saßen, dann saß er abseits in einer Ecke, und sah uns so komisch an. Weil er immer ein lustiges Gesicht hatte, merkten wir erst nichts. Aber er war irgendwie angewidert von unseren Gewohnheiten, das merkten wir, wenn wir mit ihm sprachen. Er mochte nicht was wir taten, er mochte unser Essen nicht …“

Frau M.: “ … Er hat schon vorher wenig gegessen …“

Herr M.: “ …  Er mochte auch nicht, was wir im Fernsehen ansahen. Wie sich herausstellte, mochte er unsere ganze westliche Lebensart nicht.“

Reporter: „Was taten Sie?“

Herr M.: „Wir haben immer versucht, mit ihm zu sprechen. Aber er war unzugänglich, es gab einfach keine Kommunikation. Jedenfalls keine, aus der er einmal etwas mitgenommen hätte. Für ihn gab es nur noch seine eigene, immer enger werdende Welt der Vorschriften und Belehrungen. Monomanie.“

Jennifer: „Er hat die anderen Kuscheltiere immer belehrt, sie sollen sich etwas anziehen und sich Bärte wachsen lassen.“

Herr M. bitter lächelnd: „Ja, dabei hatte er selbst nur ganz wenig Fluseln. Dann verschwand plötzlich mein altes E-Book. Weil ich es nicht mehr benutzte, merkte ich es erst gar nicht. Dann tauchte es bei Affe auf. Ich war überrascht, dass er plötzlich las, fand das eigentlich gut…  Ich schaltete es an, und sah, dass er alle Bücher gelöscht hatte, bis auf eins …“

Frau M.: “ … Er interessierte sich plötzlich für Religion und Politik.  Die Überwindung des westlichen Irrtums, wie er damals oft sagte. Er gebrauchte das Wort ‚Ausrotten‘, glaube ich.“

Herr M.: „Mit ihm war plötzlich kein Auskommen mehr. Immer hatte er an anderen etwas zu kritisieren. Tagelang hörte man, wenn er im Kinderzimmer allein war, so ein ununterbrochenes Gemurmel. Er sprach wohl mit sich selbst. Wir wollten ihn nicht stören, aus Respekt. Auch die anderen Kuscheltiere haben nichts mehr mit ihm gemacht, weil es ihnen wohl einfach zu anstrengend war, was er alles wollte. Der Spaß war weg. “

Jennifer: „Und sein Beet hat er gar nicht mehr gepflegt.“

Frau M. nickt. „Eines Tages war er weg, einfach abgehauen. Er hat uns nur diesen Abschiedsbrief hinterlassen.“

Frau M. zieht aus verschiedenen Papieren, die vor ihr auf dem Tisch liegen, ein Blatt hervor. Sie steht auf und bringt mir das Blatt. Ich sehe es mir an, aber da steht gar nichts, außer dem Wort „Abschiedsbrief“ in ausgeschnittenen Zeitungslettern.

Affes Abschiedsbrief
Affes Abschiedsbrief

Frau M. erklärt: „Er konnte nie sehr gut schreiben, wissen Sie. Wahrscheinlich hat es ihn ganz viel Mühe gekostet den Abschiedsbrief so fertig zu machen, wie Sie ihn hier sehen. Wir haben es ihm aber immer hoch angerechnet, dass er uns etwas hinterlassen wollte. Vielleicht wusste er nicht, dass man in einen Abschiedsbrief auch noch einen Text hineinschreibt. Jedenfalls waren wir ihm wohl nicht ganz egal.“

Herr M.: „Das letzte, was wir von ihm sahen, ist dieses Bild im Internet. Wir sind nicht sicher, ob es unser Affe ist, der auf dem Bild zu sehen ist, oder ein anderer. Doch ich fürchte, er ist es. Keine Ahnung wo er ist, auf dem Bild. Keine Ahnung, woher er das Gewehr hat. Wahrscheinlich von seinen neuen Freunden. Ich möchte nicht daran denken, was er damit anstellt. Vielleicht zwingt man ihn auch.“

(Wir legen das Bild diesem Bericht bei. Es zeigt Affe mit einem modernen Kriegsgewehr in der Hand, und mit martialischem Aussehen, in einer dschungelartigen Umgebung.)

Ich stehe auf, um Frau M. Affes Abschiedsbrief zurückzureichen. Ich sehe plötzlich, dass hinter einer Schrankecke, und meinem Blick bisher verborgen, ein Stuhl steht, und auf dem Stuhl sitzt … Affe!

Ich erstarre; meine Verblüffung fällt Familie M. nach kurzer Zeit auf.

Frau M. erklärt: „Nein, das ist nicht Affe. Diesen Affen haben wir von Kleinanzeigen. Wissen Sie, nachdem Affe weg war, verging doch nie der Schmerz, immer haben wir uns der schönen Zeiten mit ihm erinnert. Und dann sahen wir die Anzeige und dachten uns: Das machen wir mal. Den nehmen wir. Auch die Kinder haben sich immer gern an Affe erinnert.“

Jennifer nickt.

Reporter: „Haben Sie denn keine Angst, wieder enttäuscht zu werden?“

Herr M.: „Nein. Keineswegs. Unsere Erfahrungen sind durchweg positiv. Der neue Affe hat das Beet übernommen, er spielt mit den anderen. Wir lieben ihn und er ist uns eine große Bereicherung. Abends beim Zubettgehen müssen wir immer über ihn lachen. Er bastelt auch gern.“

Jennifer: „Neulich hat er etwas aus Schnüren und Taschentüchern gebastelt.“

Ich nicke. Mir fällt nur noch eine Frage ein. „Wie nennen Sie ihn denn?“

Herr M.: „Auch Affe. Da sind wir uns treu geblieben. Lässt sich auch besser merken.“

Ich sehe, dass die Emotionen in der Familie durch den neuen Affen ein wenig geheilt sind. Das weitere wird, so hoffe ich, die Zeit bringen. Innerlich wünsche ich diesen sympathischen Leuten von Herzen Glück.

Mit dem Rohmaterial für die Reportage sind wir fertig. Wir verabschieden uns.

Beim Hinausgehen sehe ich noch einmal zu dem neuen Affen. Wie eingefroren sitzt er in der Ecke auf seinem Stuhl, durch den Schrank ein wenig verdeckt. Seine langen Arme hängen locker herunter, regungslos. So als sei er ganz unbeteiligt. Seine Augen starren mir ins Gesicht. Seinen Mund umspielt ein Lächeln wie immer, doch plötzlich bekomme ich ein Gefühl, das mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Sein Lächeln wird plötzlich grausam, seine schwarzen Augen bekommen einen brutalen Glanz. Sein Gesichtsausdruck wirkt verachtend, herabwürdigend. Ich weiß plötzlich: man kann den Dingen nicht hinter die Stirn schauen.

Schnell verabschieden wir uns von der netten Familie, wünschen ihnen, dass sie ihr Trauma überwinden.

Ich musste noch lange an diese Begegnung denken. Ich weiß manchmal nicht, ob die professionelle Einstellung, die ich in meinem Beruf habe, verhindern kann, dass ich die schwierigen Themen meines Arbeitstages mit nach Hause trage. Als mich neulich meine Tochter ansprach, sie wolle einen Plüschtieraffen zum Kuscheln haben, lenkte ich ihr Interesse auf einen Spielzeugkinderwagen. In dem Moment war mir nicht klar, warum ich das tat, aber hinterher wurde mir bewusst: Es musste etwas mit Familie M. und mit ihrem Plüschtier zu tun haben, dem Affen namens Affe.

Über die Radikalisierung eines Kuscheltieres was last modified: November 25th, 2016 by Henrik Geyer