Was ist „verrückt“? Gedanken, die krank machen.

Ich hatte im vorigen Beitrag mit dem Titel Was ist „verrückt“? gesagt, dass man gegenüber „Verrückten“ („verrückt“ im Sinne von: Von der Realität abge-rückt) eine Haltung einnehmen kann, die hilft. Und ich hatte auch gesagt, dass dieselbe Haltung im ganz normalen Alltag weiterhilft.

Ich will ein wenig illustrieren, wie ich das meine.

Mit meinem Sohn, der eine psychische Erkrankung hat, habe ich manches Mal sogenannte „Mindfuck-Filme“ gesehen. Das war sein Wunsch, er interessierte sich sehr dafür. Mindfuck-Filme (diesen Begriff hat er mir erklärt), das sind Filme, die die Realität aus einer ganz bestimmten, als normal empfundenen, Perspektive schildern, und diese dann, meist gegen Ende des Films, umdrehen. Zum Beispiel wird ein Verbrechen aus der Perspektive eines Detektives geschildert; minutiös wird dargestellt, wie der Detektiv dem Verbrecher immer auf der Spur ist, ihn stets nur knapp verpassend .. und am Ende stellt sich heraus, dass Verbrecher und Detektiv ein- und dieselbe Person sind!

Natürlich lässt das den Zuschauer zutiefst verblüfft zurück. Beispiele für solche Plots gibt es viele – zum Beispiel den Film „Shutter Island“, wie überhaupt viele Filme heutzutage, ich erinnere mich so etwas von Patricia Highsmith gelesen zu haben, oder vielleicht „Die Verwandlung“ von Kafka, oder die Geschichte von Jeckyll und Hyde von R.L.Stevenson, oder auch „Ubik“ von Philip K. Dick. Oder „Die Maske“ von Stanislaw Lem. Plots dieser Art sind jedenfalls keine Seltenheit, und nach meiner Auffassung machen sich die jeweiligen Autoren eine Tatsache zu Nutze, die zwar jeder beobachten kann, aber doch ganz unverstanden ist, und daher jedesmal aufs Neue verblüfft. Nämlich, dass „die Realität“ in jedem Individuum verschieden ist, und es überhaupt nicht klar ist, was denn nun „die Realität“ (in der Einzahl) sein soll.

Nun interessierte sich wie gesagt mein Sohn ausgerechnet für solche Filme, und wir haben uns den einen oder anderen angesehen. Hinterher war mein Sohn oft wie demoralisiert, einmal flossen Tränen, und wir haben einige recht tiefschürfende Gespräche geführt, weitergehende Gespräche, als sonst je möglich waren. Daher betrachte ich im Nachhinein die Auseinandersetzung mit diesem Thema als überaus hilfreich für ihn.

Meinem Sohn machte, wie sich herausstellte, die Vorstellung Angst, selbst so zu sein, wie der Protagonist in einem dieser Filme. Also jemand, der unter „Bewusstseinsspaltung“ leidet, und nicht weiß, welcher Realität er angehört. Angenommen man erlebt etwas (genau in diesem Moment), und weiß nun nicht: Ist das ein „krankhafter“ Traum, oder ist das die Wirklichkeit?

In dieser Situation war es, wie ich es heute empfinde, sehr gut, ihm sagen zu können, dass niemand weiß, was „die Realität“ (in der Einzahl) ist, dass uns allen dies rätselhaft ist, dass Zweifel an der Realität, wie sie in diesen Filmen ja dargestellt werden, in uns allen ruhen. Und dass deshalb seine Zweifel und sein Grübeln letztlich nichts „krankes“ sind, sondern völlig normal.

Sehr leicht hingegen, und ebenso falsch, wäre es gewesen, wie aus der Pistole geschossen zu antworten: dass die Realität eindeutig sei, dass sie für jeden Normalen jederzeit erkennbar sei, dass die Realität mit ewigen Wahrheiten verbunden sei, dass die Realität dass sei, was jedermann mit den Augen sehen könne, etc..

Denn man muss einmal eines feststellen: Der „Verrückte“ leidet natürlich an bestimmten Denkgewohnheiten, und begibt sich im Ergebnis in eine Realität, die leicht erkennbar abweicht von dem, was andere „normal“ nennen und als „die Realität“ bezeichnen. Aber, er leidet natürlich sehr darunter, dass er scheinbar so abwegige Gedanken haben soll – ist er doch meist intelligent, und nicht dement, was bedeutet, dass auch er durchaus die Unterschiede zwischen den Welten sehen kann! Und er leidet mindestens zusätzlich an diesen Unterschieden (wenn nicht hauptsächlich), wenn man ihm diese Unterschiede deutlich macht und ihn, quasi schuldig, auf die andere Seite der Realität stellt – die nicht reale. Weil er natürlich, wie wir alle, nicht krank sein möchte, nicht verrückt sein möchte, sondern eine ganz normale Realität erleben möchte, so, wie er meint, dass es sich auch gehört! Es könnte sogar sein, dass Psychiatrien oder auch Krankensäle jeder Art (man denke allein an psychosomatische Krankheiten) vor allem von jenen bevölkert werden, die ursprünglich besonders treue und ergebene Anhänger der materialistischen Weltanschauung mit ihrer Enge und Strenge waren. Man könnte auch sagen: verbissene Kinnmuskelspanner, die auf Biegen und Brechen (Brechen der eigenen Gesundheit) „der Welt“ gerecht werden möchten.

Und, wenn man nun, zumindest in diesem einen Punkt, einmal Klarheit schaffen kann, dass man ehrlich und zutiefst überzeugend sagen kann, dass es „die Realität“ nicht gibt, dass wir alle unseren eigenen Realitäten anhängen und in einem permanenten Bäumchen-wechsle-dich-Spiel befangen sind, was die vermeintlich „eine“ Realität betrifft, so ist das etwas, was den psychisch Kranken entlastet. Diese Normalität einzugestehen, verbunden vielleicht mit der Vorstellung, höheren Mächten unterworfen zu sein, die wir nicht verstehen – das hat etwas Heilendes. Während die Vorstellung, man habe es mit jener einen und einzigen Realität zu tun, und man sei nur nicht in der Lage zu erkennen, welche das ist .. DAS hat etwas Beängstigendes und Krankmachendes! Unter dieser Schizophrenie (ich nenne das „normale Denken“ schizophren – die Spaltung des Denkens liegt darin, dass man meint, alles müsse ganz eindeutig sein, man stellt aber ständig fest, dass das nicht so ist) leiden nicht nur die sogenannten Verrückten, sondern sehr viele, ganz „normale“ Leute.

Man kann dasselbe auch an der manchmal ungenügenden Funktionsweise der Psychiatrie zeigen. Ich nehme Bezug auf den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“, den vielleicht jeder kennt, und der eigentlich ein recht treffendes Bild liefert.

Die Verrückten in der Psychiatrie, in die der Sträfling Murphy gerät, werden betreut von ganz normalen, rechtschaffenden, wohlmeinenden Menschen, die allerdings den kleinen Makel haben, dass sie über keinerlei Vorstellung verfügen, was wohl im Kopf eines Psychiatriepatienten vor sich geht. Und die sich auch in keiner Weise dafür interessieren. Sie sind Gläubige der einen Realität, und, da die Patienten von dieser einen Realität sichtbar abweichen, sei, meinen sie, jede Mühe überflüssig, nach deren Realität zu fragen. Sie sind Gefangene einer merkwürdigen Eindimensionalität, die aus ihrer Sicht „die Realität“ ist. Und diese Realität nun, meinen sie, müsse jedermann erkennen, dazu seien sie da, das ist ihre Ausbildung – alles andere sei sinnlos und eben verrückt.

Man denke an den bemüht-sachlichen Ton der Oberschwester Ratched im Film, die sich zwar formal nach den Ansichten der Patienten erkundigt, aber sich erkennbar nicht dafür interessiert – sie ist ganz mit ihrer eigenen strengen Welt beschäftigt, die keine Kompromisse jenseits des – aus ihrer Sicht – Vernünftigen kennt. Sie macht aus dem, was man als die Komödie des Lebens bezeichnen könnte, eine Tragödie. Sie sieht alles ganz eng, möchte mit ihrer sachlichen, aber jede Freude tötenden Art, der einen Wirklichkeit gerecht werden, die, wenn sie darüber redet, eine traurige Farbe annimmt. Und sie ist auf diese Weise eigentlich ungeeignet, den Verrückten helfen zu können.

Ausgerechnet Murphy aber, der weiß Gott kein Waisenknabe ist, der das „volle Leben“ verkörpert, der sicher kein Genie ist und dessen Gedanken sich um Schnaps, Frauen und Freiheit drehen, dringt in die Welt der Patienten ein, weiß zu faszinieren, und heilt die Verrückten ein wenig. Er sieht „die Dinge“ nicht eng, und das sind sie ja auch nicht – wenn man bedenkt, dass jeder einen eigenen Blick auf die Dinge hat, dann weiten sie sich; müssen denn die Dinge nicht in der Vorstellung von jedermann Platz haben? Also müssen sie weit sein! Er ist politisch unkorrekt und gerade deshalb realistisch. Er trifft die Realität der Verrückten dort, wo sie ganz normal ist, nämlich bei Schnaps, Frauen und Freiheit (im Film).

Der Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ ist in der Psychiatrie angesiedelt, aber man bezeichnet ihn nicht umsonst auch als eine Kritik an der Gesellschaft. Denn, was die Patienten in der Psychiatrie kränker macht, manchmal tötet (wie im Film), das hat auch außerhalb der Psychiatrie seinen Platz, und macht in der „ganz normalen“ Alltagswelt Leute krank.

Derselbe Anspruch wie der im Film bei der Stationsleitung gezeigte, nämlich der, dass man Dinge nur auf eine einzige Art und Weise sehen könne, brachte und bringt in der normalen Welt Leute in Gefängnisse, und manchmal zu Tode. Eben wie im Film.

So lacht doch!

Ich sagte, man müsse „die Dinge“ nicht so eng sehen, denn wenn die Dinge in der Vorstellungswelt jedes Individuums etwas anderes sind, dann sind sie auch weit. Man könnte es auch umgekehrt erklären: Wenn die Dinge in jedem Menschen etwas anderes sind, dann haben sie nur einen ganz kleinen „wirklichen“ Kern. Wie groß ist dieser Kern? Das ist nicht bestimmbar.

Der Spirealismus sagt: Es gibt keinen Kern. Denn, je nachdem, innerhalb welcher Gruppe man ein Objekt betrachtet, scheint der „reale Kern“ größer oder kleiner zu sein. Wenn man sich aber vorstellt, man würde mit beliebigen kosmischen Beobachtern in Kontakt treten können, muss sich der Kern auflösen. Denn das, was wir Menschen als das Wesen der Dinge ansehen, sind menschliche Vorstellungen vom Wesen der Dinge, die wir im anderen Beobachter nicht antreffen würden.

Dieses Verständnis der Welt, die Sichtweise des Spirealismus, sehe ich als heilend an. Denn sie fragt nicht, was die richtige Realität ist, sondern setzt als erste Prämisse voraus, dass es „die“ Realität (in der Einzahl) nicht gibt. Und Spirealismus ist, so gesehen, der Erlebniswelt von Psychiatriepatienten sehr viel näher, als der Materialismus, der jedermann aufzufordern scheint, man müsse die eine Realität doch einmal zur Kenntnis nehmen, man müsse die einzige Alternative sehen (was zu einer Sichtweise der Enge und Alternativlosigkeit führt), man müsse doch die Wahrheit erkennen, und so weiter. Spirealismus ist natürlich auch der Erlebniswelt ganz normaler Menschen viel näher als der Materialismus, sofern diese denn die sogenannte Realität einmal unter dem vorgenannten Aspekt zu sehen beginnen.

Die Welt (die Welten) sind ernst, aber auch lustig. Es hat etwas Komisches, wie wir uns gegenseitig die Realitäten erklären, und sie so zu einer werden lassen. Und das Erkennen der Nicht-Eindeutigkeit, und damit das Ablassen von dem Sich-Abarbeiten an den Dingen, die man ganz genau zu wissen glaubt, hat etwas Heilendes.

Sie möchten gern lachen – aber so tun Sie es doch. Die Welt ist durchaus nicht zu ernst dazu. Sie ist weder ernst noch lächerlich, sondern in jeder Sekunde anders, anders, anders.

Sie lieben zu vereinfachen und meinen dadurch den Dingen „auf den Grund“ zu kommen. Aber dieser Grund existiert gar nicht, und nur wer ohne Ende auflöst, verunendlichfacht: wen die ganze maßlose Fülle des Lebendigen nah und fern schließlich seines vermeinten Verantwortungsgefühls – als ob auf ihm just alle Pflicht und Schwere läge – lächeln macht -, er wird in seinem und in allem Leben einigermaßen gerecht werden können. Alles Vereinfachen tötet, (denn es führt zum Buchstaben, zur Ruhe, zur Starrheit), der Schmetterling Welt steckt ausgespannt im Glaskasten; was lebendig macht, ist allein der Geist des Allumfassens, Alldurchdringens, des Glaubens an nichts und alles, und zwar zugleich an restlos nichts und restlos alles.

Christian Morgenstern
deutscher Dichter und Schriftsteller
geb. 6. Mai 1871 in München; gest. 31. März 1914 in Untermais, Tirol, Österreich-Ungarn

 

 

Was heißt „verrückt“?

 

 

 

 

 

 

Was ist „verrückt“? Gedanken, die krank machen. was last modified: Dezember 15th, 2017 by Henrik Geyer