Was ist das Nichts?

Was ist das Nichts? Dies ist nicht das Nichts.

Wo ist das Problem?

Ist „das Nichts“ ETWAS? Ist es das, was ich in diesem Artikel als „das Nichts“ bezeichne?

Nein, das kann es nicht sein. Denn, wenn ich es bezeichne, dann tue ich doch so, als ließe sich das Nichts benennen, eingrenzen.

Doch das lässt es sich nicht. Was muss das Nichts in Wirklichkeit sein? Etwas Unendliches, nicht Benennbares, nicht Denkbares. Es steht im Gegensatz zu all dem, von dem ich sage, dass es IST. Es ist alles das, was das Sein nicht ist.

Wie sollte es also eingrenzbar sein?

Das Andere, das Nichts … ist nicht eingrenzbar und nicht benennbar.

Platos Nicht-Sein

Man kennt eine ähnliche Diskussion aus den Schriften des Philosophen Plato.

Vor  2500 Jahren sagte Plato, dass das Nicht-Seiende weder gültig auszusprechen noch zu sagen noch zu denken sei. Es sei unausdenkbar, unaussprechlich, nicht in Worte zu fassen, begriffslos. Es sei ein Unbegriff, ein Alogon.

Was den Widerspruch noch verstärkt, sei, wenn man dem Nichtseienden eine Zahl hinzufügt, wenn man beispielsweise sagt, es sei „ES“. Also, wenn man von ihm, dem Nichts, in der Einzahl spricht.

Analogien in unseren Worten

Es gibt viele Worte, die in diesem Sinn widersprüchlich sind, wenn sie sich direkt oder indirekt auf „das Nichts“ beziehen. Beispielsweise wie gesagt das Wort „das Andere“, oder „das Unaussprechliche“, „das Undenkbare“, und so weiter.

In  „Alles ist Geist“ komme ich auf diese Paradoxie über das Wort „das Unbewusste“. Auch wenn man von „dem Unbewussten“ spricht, wird etwas bezeichnet, von dem man sagt, es sei nicht bewusst, also nicht im aussprechbaren Denken. Wie kann man es dann aussprechen? Psychologen verstehen die Fragestellung nicht. Meist wird sofort begonnen zu erklären, das Unbewusste sei dies, und dann das… man bemerkt es erst wenn …  etc. Man spricht. Während des Sprechens formt sich das Unbewusste. Aus dem Nicht Bewussten wird das Bewusste; aus dem Nichts, das Nicht-Etwas ist, wird Etwas. Aus dem Nichtsein wird Sein.

der Spirealismus und das Nichts

Das Nichts lässt sich nicht eingrenzen. Plato hatte Recht. Warum spielt Platos Weisheit in der Gegenwart keine Rolle? Warum meinen die Menschen immer, das Nichts sei etwas, dem sie auf der Spur sind, sobald sie anfangen zu sprechen? Der Grund ist, dass unsere materialistische Weltanschauung nahelegt, dass der Mensch in Widerspiegelung von etwas anderem, dieses Andere vollständig erkennen könne. Es erschließt sich uns nicht, dass etwas scheinbar so Schlichtes, etwas so Winziges wie das Nichts, unbegreifbar sein soll. Wir begreifen doch alles! Das Alles ist riesig und das Nichts ist winzig klein. Warum sollten wir also, wenn wir alles begreifen können, gerade das Nichts nicht begreifen?

Der Spirealismus ist eine dem Materialismus entgegengesetzte Denkrichtung. In ihm ist es eine Denkgrundlage, dass der Mensch nicht das alles erkennende Genie ist, das in seinem Denken einen äußerlichen Prozess widerspiegelt. Sondern er ist ein Element eines umfassenden Denkens. Daher kommt, was durch ihn gedacht wird, erst in eine Existenz. Jenseits der Existenz zu denken, liegt daher nicht in seiner Macht, denn er und sein Denken – das ist die Existenz. Insofern erklärt sich das Paradox des Plato. Das Nichts ist für uns nicht zu denken, da wir immer an ETWAS denken.

Den Zusammenhang von Denken und Realisierung, von Denken und Existenz, drückte Paul Watzlawick einmal so aus: „Die Prophezeiung des Ereignisses führt zum Ereignis der Prophezeiung..“

Das alte hermetische Prinzip „Alles ist Geist“ formt der Spirealismus zu: Die Existenz ist die Existenz der Gedanken. Sobald wir vom Nichts sprechen, hat „das Nichts“ eine Existenz in den Gedanken. Und die Gedanken können nichts anderes erfassen, als ETWAS. ETWAS zu denken ist die Existenz. Die Gedanken können nicht NICHT-ETWAS erfassen. Man kann nicht nicht denken. Nichts zu denken ist individuelle Nicht-Existenz, man könnte auch sagen: Nirvana, Tod.

Daher können wir  in Worten nicht sinnvoll „das Nichts“ ausdrücken. Für den Spirealismus ist das Nichts nicht winzig, sondern, im Gegenteil, die Unendlichkeit, eben weil sie nicht eingrenzbar ist. Das Nichts ist die Unendlichkeit, aus der das Sein erwächst.

 

Nebenbei gesagt, ist dies für den Materialismus eine unbefriedigende Auskunft, denn aus seiner Systematik heraus glaubt der Materialismus, der Mensch könne alles denken und prinzipiell alles erkennen. Und was seiner Grundannahme zuwiderläuft, sieht aus der Systematik des Materialismus wie unlogisch aus.

Der Spirealismus bringt insofern ein anderes Menschenbild ins Spiel, von dem aber an anderer Stelle noch die Rede sein wird.

 

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Was ist das Nichts? was last modified: Januar 11th, 2016 by Henrik Geyer