Wahr – Schein. Wahrschein. Wahrscheinlichkeit

Spruchbild, Bildspruch, Sprichwort: Die Wahrheit ist wie das Zentrum eines Lichtstrahls, der sich in ständiger Bewegung befindet.Wie der Lichtstrahl, steht die Wahrheit nie fest, ist nie ganz greifbar. Um das Zentrum des Lichtstrahls herum ist ein Schein ... der Wahr-Schein.

Durch die Wahrscheinlichkeit wird das, was eintreten wird, schon jetzt wahr – als unsere Erwartung. Es scheint jedenfalls erst einmal so.

Was hat Wahrscheinlichkeit mit der Wahrheit zu tun? Über Wahrscheinlichkeit und Wahrschein.

worum geht es bei der Frage?

Wahrheit ist einer unserer wichtigsten und grundlegendsten Begriffe. Wahrheit zu definieren ist gleichermaßen wichtig wie andererseits völlig untypisch und schwierig. Wie soll man eine Definition finden, wenn man für jede Definition doch diese grundlegendsten Begriffe, wie z.B. Wahrheit, selbst erst benötigt (z.B. um zu prüfen, ob eine Definition überhaupt wahr ist)? Aus diesem Grund auch, weil dieser Ansatz so fundamental ist, glaubt ja jeder bereits bestens zu wissen, was Wahrheit ist. Und dennoch, dem zum Widerspruch, streitet man ständig um sie.

Wahrheit ist eine Eigenschaft, mit Hilfe derer sich verschiedene Objekte des Denkens unterscheiden lassen. Die Vorstellung der materialistischen Sichtweise ist dabei, man würde, je mehr man sich einer Wahrheit nähert, einer äußerlichen Realität näher kommen, die die „eigentliche“ und „endgültige“ Wahrheit repräsentiert. Das Ganze geht aus von der Ontologie des Materialismus, und ist im Grunde von dieser abhängig und von ihr nicht zu trennen: von der Vorstellung also, wir seien Beobachter von (Materie-)Objekten außerhalb von uns. Man könnte auch sagen: Beobachter einer objektiven Realität.

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Auf diesem Blog wurde aber sehr oft der Gedanke geäußert, es gäbe keine Objektivität. Ich habe das wieder und wieder thematisiert, weil es doch so schwierig zu verstehen ist, und unserer landläufigen Vorstellung von „der Welt“ so zuwiderläuft. Gleichwohl ist es, wie ich meine, völlig unbestreitbar.

Wenn man also feststellt, dass es keine Objektivität gibt, so stellt sich die Frage, was dann wohl Wahrheit ist. Es ist letztlich wieder dieselbe Frage, die wir auf anderem Wege bereits zur Ontologie des Materialismus hatten: Was konstituiert die Welt, wenn es nicht Materieobjekte sind, die wir beobachten? Und zur Wahrheit lässt sich fragen: Was konstituiert Wahrheit, wenn es nicht eine äußerliche Realität ist?

Am Ende kommen wir immer darauf (das ist die spirealistische Weltsicht), dass unsere Realität aus den Objekten des Denkens resultiert, man könnte auch sagen, aus Vorstellungen (siehe auch „Die Welt als Wille und Vorstellung“ von Schopenhauer). Und unsere Vorstellungen sind wie Punkte in einem riesigen Geflecht von anderen Vorstellungen, von denen sie wiederum abhängen.

Aus diesem Grund gilt es, unsere Vorstellung von Wahrheit innerhalb eines Beziehungsgeflechtes verwandter Begriffe zu beobachten; solchen Begriffen also, die mit unserer Vorstellung von Wahrheit eng zusammenhängen. Anders gesagt: man kann sich der Bedeutung eines Begriffes nur nähern, in dem man seine Stellung innerhalb eines semantischen Beziehungsgeflechtes prüft. Beispielsweise ist es eben wichtig, den Begriff der Wahrscheinlichkeit zu untersuchen um ihn besser zu verstehen, und mit ihm gleichzeitig auch den Begriff der Wahrheit.

Die Wahrheit ist das, was ich weiß

Zunächst einmal wollen wir die Wahrheit als das verstehen, was „ich weiß“.

Nun wird mancher sagen, die Wahrheit sei nicht nur das, was ich weiß, sondern etwas, das sich an irgendetwas anderem festmacht. Etwas, das sich irgendwo zeigt.

Wir kommen in diesem Fall aber wieder darauf zurück, das etwas, das sich an etwas anderem zeigt, wieder von mir gewusst werden muss, damit es eine Existenz für mich hat. Es bleibt dabei: alles, was ich über die Wahrheit sagen kann, ist etwas, das ich wissen muss.

Das Wort Wissen ist zu betonen – denn die Wahrheit verbindet sich in der materialistischen Weltanschauung (im Gegensatz zur spirealistischen Weltanschauung) mit der Vorstellung einer äußerlichen Welt, deren Kernvorstellung die „Materie“ heißt. Insofern unterscheidet diese Weltanschauung zwischen Wissen und Glauben / innerlicher Welt und äußerlicher Welt / Geist der Materie beobachtet, und der Materie selbst.

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Wahrscheinlichkeit geht immer von dem aus, was ich weiß

Man bedenke: Was für mich in diesem Moment wahr ist, ist das, worauf sich all mein Wissen für die Zukunft aufbaut. Warum? Weil ich, was immer ich sehe, was immer ich begreife, nur begreifen kann, mit den vorhandenen Begriffen.

Warum „Begriffe“ in der Mehrzahl? Weil jedes einzelne Wort, jeder einzelne Begriff, nie nur für sich allein stehen kann. Jeder Begriff und jedes Wort gewinnt seine Bedeutung nur aus einer Konstellation – dem Zusammenhang mit anderen Begriffen. Beispielsweise ist, was immer ich über altgermanische Kulturen erfahren kann, ist verbunden mit der Vorstellung von Germanien als Ort. Ohne das eine macht das andere keinen Sinn.

Diese Konstellationen sind bis in die Unendlichkeit komplex, und in einem ständigen Wechsel begriffen – so dass es einen endgültigen Sinn, eine endgültige Bezogenheit aufeinander, eine endgültige Konstellation und damit Wahrheit, nicht geben kann.

Das wiederum, was ich in diesem Augenblick weiß, meine Begriffe des Augenblicks, sind ihrerseits die Voraussetzung für alles das, was ich in Zukunft wissen kann. Denn um etwas („Neues“) zu verstehen, habe ich ja immer nur meine Begriffe. Und meine Begriffe des Augenblicks sind nicht neu. Und was für mich gilt, gilt im gleichen Maße für die Menschheit, weil sich alles immer wieder und wieder in Einem zusammenfindet. (Supersubjektivität).

Was immer ich in Zukunft begreifen kann ist abhängig von meinen Begriffen des Momentes:

Erst die Theorie entscheidet darüber, was man beobachten kann.
Albert Einstein

Die Wahrheiten des Morgen formen sich aus den Wahrheiten des Jetzt. Wie könnte es anders sein?

Wir formen die Zukunft mit Phantasie

Die Theorien, die wir über das „Äußerliche“ haben, sind weit weniger festgelegt, als wir glauben. Einstein wusste auch das. Er sagte einmal in einem Gespräch, dass es für die Theorien der Menschen (die Rede war konkret von mathematischen Ableitungen) keine unbedingte Notwendigkeit gäbe.

Nur durch unseren Glauben an eine von uns unabhängige Außenwelt ist es möglich, dass wir meinen, den Begriff der Wahrscheinlichkeit fein säuberlich vom Begriff der Phantasie trennen zu können. Die Wahrheit kann man (nur so!) als den Inbegriff des Äußerlichen sehen, des jederzeit Nachweisbaren – und Phantasie als der Inbegriff der inneren Welten (die mit Wahrheit angeblich nichts zu tun haben).

Aber, wenn unsere Theorien ohne eine besondere Notwendigkeit in die Welt kommen, dann gilt dasselbe für unsere Wahrscheinlichkeiten. Auch sie sind nicht unbedingt notwendig – im Umkehrschluss heißt das, dass wir die Zukunft mit Phantasie formen, indem wir Wahrscheinlichkeiten berechnen und diese, als unsere Auffassung von Wahrheit der Zukunft, in unsere Handlungen einfließen lassen.

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Wahrscheinlichkeit als Wahrschein – Schein der Wahrheit

Man stelle sich die Wahrheit vor wie das Zentrum eines Lichtstrahls, der sich in ständiger Bewegung befindet.Wie der Lichtstrahl, steht die Wahrheit nie fest, ist nie ganz greifbar. Unser Auge folgt dem Licht, versucht das Zentrum im Auge zu behalten. Doch das Auge kann natürlich nur erfassen, was der Lichtstrahl beleuchtet. Was er nicht beleuchtet – die unendliche Welt des Möglichen, verbirgt das Dunkel.

Um das Zentrum des Lichtstrahls herum ist ein Schein … der Wahr-Schein.

Der Wahrschein ist weniger hell als das Zentrum, aber in ihm ist dasselbe Licht des Augenblicks. Der Wahrschein  beleuchtet zugleich all die Orte, an denen sich das Zentrum des wandernden Lichtstrahls im nächsten Augenblick befinden kann. Nur hier, einem recht begrenzten Bereich unserer Welt, der sich direkt ableiten lässt von dem Zentrum des Lichtscheins, der Wahrheit, kann sich das Zentrum im nächsten Augenblick befinden. Und damit unsere Auffassung von Wahrheit.

Die Wahrscheinlichkeit drückt aus, was unsere Wahrheit des nächsten Augenblicks sein kann.

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Diese Metapher macht deutlich:

Erstens: Die Wahrheit steht nie fest – es gibt sie nicht in einer objektiven Form

Zweitens: Es ist das Wesen der Wahrheit, sich stets zu ändern. So wie sich die Relation, deren Teil wir sind, ständig ändert.

Drittens: Die Wahrheit der Zukunft geht aus von der Wahrheit des Jetzt, sie ist nicht unabhängig davon. Das bedeutet: wie wir die Wahrheit des Jetzt definieren, so wird unsere Zukunft aussehen. Das ist Wahrscheinlichkeit.

 

 

Wahr – Schein. Wahrschein. Wahrscheinlichkeit was last modified: März 30th, 2016 by Henrik Geyer