Verloren wie Tränen im Regen

Liebe zum Leben … Der Cyborg Batty liebt sein Leben, aber plötzlich auch das Deckerts, seines Feindes. Er begreift Deckert als eine Variante seiner selbst. Der Cyborg erkennt das Gemeinsame von Mensch und Maschine, dort, wo der Mensch diese Gemeinsamkeit nicht zu sehen vermag. Und er hat Mitleid mit dem Leben, mit der Erinnerung. Er schätzt das, von dem er weiß, dass er es verlieren wird.rr [SPID 1166]

Was wir nicht wertschätzen, das verlieren wir. Das ist ein alter taoistischer Grundsatz. Und oft lernen wir erst wertzuschätzen, wenn wir verlieren …

Neulich, beim Joggen, nahm ich eine Weinberg-Schnecke vom Weg auf und warf sie ins Gras. Wie automatisch – ich wunderte mich selbst. Hat das Sinn? Ist sie nun vor irgendetwas gerettet? Früher hätte ich es nicht getan. Vielleicht ist das ein Zeichen, dass man das Leben wertschätzt. Ich erinnerte mich an den Film Blade Runner, den ich vor vielen Jahren gesehen habe, und seitdem noch oft. Es gibt darin eine magische Szene, an die ich denken musste. Der Moment, in dem ausgerechnet künstliches Leben … Wertschätzung für das Leben lehrt.

Es geht um Leben und Tod

Der Blade Runner (gespielt von Harrison Ford) ist ein abenteuerlicher Kerl – er ist Privatdetektiv, sein Job ist es, entflohene Cyborgs einzufangen. Diese entziehen sich in der Zukunftswelt des Films regelmäßig ihrer planmäßigen „Stilllegung“, man könnte auch sagen: dem Tod.

Blade Runner – das kann Klingenläufer bedeuten, was auf das hohe Risiko hindeutet, das der Detektiv einzugehen hat. Oder es bedeutet Klingen-(Aus-)Lieferer, im Sinne von Killer.

Denn ein Killer im eigentlichen Sinn ist dieser Detektive namens Deckert, allerdings nur, wenn man das Sein dieser Roboter als Leben begreift. Begreift man es als maschinenhaftes Funktionieren, dann ist die Tätigkeit des Detektives lediglich ein Ausschalten. Und darum dreht sich der Film auch. Es ist die Frage: Was ist Leben? Was ist lebenswertes Leben? Was ist schützenswertes Leben? Sind die künstlich in die Roboter implementierten Erinnerungen an Familie, Freunde, Urlaube, nicht letztlich Erinnerungen wie alle anderen auch? Was unterscheidet künstliches Denken von natürlichem?

Showdown im Regen

Nachdem der Blade Runner einige dieser Roboter „erledigt“ hat, kommt es zum Showdown, und zum Kampf auf Leben und Tod zwischen ihm und einem Cyborg namens Roy Batty – dem letzten der kleinen Gruppe, gleichzeitig dem stärksten und gerissensten.

Deckert hat keine Chance gegen den Cyborg, schließlich hängt er über einem Abgrund und droht abzustürzen.

Doch der Maschinenmensch erweist sich als „menschlich“, er hat Mitleid und rettet Deckert. Damit erteilt er Deckert eine Lehre, die diesem zeigen könnte, dass Leben Bewusstsein ist, dass Leben Erinnerung ist und dass die Cyborgs keine mechanischen Puppen sind, sondern fühlende Wesen mit eigenem Bewußtsein. Das zu entdecken hatte Deckert im Film einige Male Gelegenheit. Doch scheinbar wollte er es nicht wissen, durfte es nicht denken – die Erfüllung seines Jobs erfordert eine ganz bestimmte Sichtweise …

Nun rettet der Cyborg Roy Batty dem Blade Runner, der ihm nach dem Leben trachtete, das Leben. Doch er selbst muss sterben, sein auf Vergänglichkeit programmiertes Bewusstsein ist abgelaufen. Seine letzten Worte sind eine Erinnerung an Phänomene, die er weit draußen im Weltall, in den außerirdischen Kolonien, sah. Sie sind dem Zuschauer rätselhaft …

„Ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.

Zeit zu sterben.“

Erinnerungen in der Zeit – verloren wie Tränen im Regen

Im Zeitpunkt des Todes versteht der Cyborg den Wert des Lebens, so, wie es wohl auch die Menschen zum Zeitpunkt des Todes am besten verstehen. Das Leben ist Erinnerung und mit dem Leben gehen die Erinnerungen verloren. Im riesigen Strom der Zeit sind alle Erinnerungen, so bedeutsam sie scheinen mögen, belanglos wie Regentropfen im Regen, und doch bedeuten sie dem, der sie hat, viel. So wie Tränen, die sich ununterscheidbar in den Regen mischen.

Und so schätzt Batty sein Leben, aber auch das Deckerts, seines Feindes. Er begreift Deckert als eine Variante seiner selbst. Der Cyborg erkennt das Gemeinsame von Mensch und Maschine, dort, wo der Mensch diese Gemeinsamkeit nicht zu sehen vermag. Und er hat Mitleid mit dem Leben, mit der Erinnerung. Er schätzt das, von dem er weiß, dass er es verlieren wird.
Siehe auch: Artikel Glück: Mir fehlt kein Pfennig zum Glück

Siehe auch: Sind wir vorbestimmt oder frei?

Lesen Sie auch: Beitrag Macht der Gedanken

Verloren wie Tränen im Regen was last modified: Juli 2nd, 2016 by Henrik Geyer

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