Warum kann es keine Zeitmaschinen geben?

In der Zeit zu reisen ist eine alte Utopie, die uns viel verrät über unsere Sichtweise auf die Zeit. Aus spirealistischer Sicht ist klar: eine Zeitmaschine kann es nicht geben. Ich will erläutern warum.

Ich möchte kurz mit einer Definition beginnen, wie man sich die Zeit im materialistischen Sinn vorstellt: als etwas Objektives, als etwas, das „da“ ist. Und so stellt man sich verschiedene Punkte in der Zeit als eindeutig definiert vor, als (ehemals) „vorhanden“. Man stellt sich Zeit-Punkte in der Zeit wie Perlen vor, die auf einer Schnur aufgereiht sind …  wie auf einem Strahl angeordnete Punkte …. und die Zeit eben wie einen Zeitstrahl. Nur so, nur unter Zuhilfenahme dieser Vorstellung, kann man auf die Idee kommen, man könne zu einem bestimmten Zeit-Punkt reisen, so als würde man zu einer bestimmten Sehenswürdigkeit reisen.

  • aber so ist die Zeit nicht. Allein die Denkweise, es gäbe eindeutig „eingerichtete“ Zeit-Punkte, die außerhalb des Menschen definiert sind, was ja die Voraussetzung wäre solche Zeit-Punkte anzusteuern, ist unzutreffend. Ein Zeit-Punkt ist immer etwas Dynamisches, in der Vielfalt seiner Ereignisbeziehungen Unüberblickbares. Was wir Menschen nur tun, und tun können, ist, aus dieser unendlichen Fülle wenige Aspekte wahrzunehmen. Und weil die menschliche Sichtweise, die menschliche Wahrnehmung, einzigartig ist und nicht etwa die bloße Spiegelung einer notwendigerweise äußerlich vorhandenen Form, spricht der Spirealismus von einem Erschaffen. Was in jedem Moment erschaffen wird, kann nicht einfach vor- oder zurückgespult werden. Es könnte nur in ähnlicher Form neu erschaffen werden – doch das kennen wir ja: als die Erinnerung.
  • der Spirealismus sieht die Welt, sieht die Zeit, „nur“ als Vorstellung. Dieses nur setze ich in Anführungszeichen, denn die Vorstellung ist keiner anderen Seins-Form gegenüber unterlegen, ist also nicht „nur“ eine Vorstellung. Die Welt IST eine Vorstellung, die Vorstellung eines anderen, eines materiellen Seins, ist mithin ebenfalls eine Vorstellung. Eine ganz wesentliche Eigenschaft des Geistes, des Denkens, ist, dass jeder Gedanke einzigartig ist und sein muss. Der einzig wahrnehmbare Zeit-Punkt, zu welchem Gedanken auftauchen, und daher der einzig „existente“ Zeit-Punkt, ist das Jetzt. Denn im Grunde sind wir immer im Jetzt. Schon daher gibt es keine Zeitreisen der objektiv-materialistischen Sichtweise.
  • Der Spirealismus sieht die Welt als Vorstellung. Wenn man sich vorstellt in der Zeit zu reisen, kann natürlich, in diesem Sinn, auch in der Zeit gereist werden – nur eben nicht in einem „objektiven“ Sinn. Eine „Vorstellung“ – das bedeutet ja auch: es kann viele Vorstellungen des Jetzt geben. Nein, besser: es MUSS viele Vorstellungen geben, denn nur so entsteht ja der Gedanke an EINE Welt. Zu welcher dieser endlosen Vorstellungen von Zeit-Punkten in Vergangenheit und Zukunft soll man also reisen? Zu deiner? Zu meiner? Und wenn wir von kollektiven Erinnerungen an Zeit-Punkte sprechen: Zur europäisch-kollektiven Erinnerung eines Zeit-Punktes? Zur asiatisch-kollektiven Erinnerung eines Zeit-Punktes? Zur hündisch-kollektiven Erinnerung eines Zeit-Punktes oder einem kätzischen?
  • Um das zu verdeutlichen: In Phantasien von Zeitreisen ist es stets so, dass ein Zeitreisender zwar nominell einen bekannten Zeit-Punkt der Vergangenheit ansteuert, diesen aber durch sein Erleben zu einem nie zuvor erlebten Moment macht, nämlich den fraglichen Zeit-Punkt aus seiner subjektiven Perspektive. Angenommen, alles andere dieses „Zeit-Punktes“ wäre gleich, machte die subjektive Perspektive des Beobachters, der den Zeit-Punkt in der Vergangenheit bereits kennt, diesen Moment zu einem singulären Ereignis. (Anders machen Zeitreisen ja auch keinen Sinn, man muss wissen, dass man in der Zeit reist Woran erkennt man das? In dem man Umstände (wieder-)erkennt, entweder aus der Erinnerung bei Reisen in die Vergangenheit, oder aus der Erwartung bei Reisen in die Zukunft). Und weiterhin: der Beobachter ist Element des Zeit-Punktes, der, wenn sonst alles gleich wäre, den Zeit-Punkt auch für andere Teilnehmer des Zeit-Punktes einzigartig machen würde. Aus eben diesem Grund aber erweist es sich als völlig illusorisch, dass „alle anderen Elemente gleich sein“ könnten, denn was wir über den Zeitreisenden sagen, trifft auf jedes Element des Zeit-Punktes zu. D.h., ein Zeit-Punkt wird durch die neue Beobachtung singulär, und als Element der Welt macht der Beobachter jeden Moment singulär. Es wiederholt sich also nicht etwas, sondern etwas gänzlich Neues entsteht.
  • Der Grundsatz des Spirealismus, dass jeder Gedanke einzigartig ist, weil er als Relation aus einer nicht zu erfassenden Menge an Festlegungen des Augenblicks hervorgeht, verbietet die Vorstellung, man könne irgendetwas genauestens wiederholen. Bzw. so zurückholen, so dass man genau dasselbe vor sich hat. „Dasselbe“ ist überhaupt als Begriff ein Paradox, wenn es sich mit der Vorstellung von Verschiedenheit verbindet. „Dasselbe“ kann nicht zwei sein. „Dasselbe“ ist immer eins.
  • Zur Illustration: hätte man einen Zeit-Punkt der Vergangenheit ein zweites Mal in genau derselben Form vor sich, so dass man also wirklich sagen könnte, es sei genau derselbe, wäre das Erleben dieses Zeit-Punktes ununterscheidbar von einem anderen Zeit-Punkt. Es wäre das geistige Nirvana, überspitzt gesagt, der Tod – ist doch das (Er-)Leben, die Zeit, dadurch geprägt, dass sie in jedem Moment des Jetzt einzigartige Konstellationen hervorbringt, die dadurch, dass sie voneinander unterscheidbar sind, die Zeit ergeben. Und nun eine Zeitreise vorgestellt unter diesem Aspekt: Das Erleben genau Desselben erfordert den Beobachter, der dann wieder genau das auf dieselbe Art und Weise, mit genau denselben Gedanken beobachtet, was einmal beobachtet wurde. Doch das wäre ja kein unterscheidbarer Zeit-Punkt, sondern eben genau derselbe. Das wiederum würde das Wissen um einen anderen Zeit-Punkt ausschließen, und man könnte nicht sagen, dass „hier“ genau dasselbe vorläge wie „dort“. Das ist das Paradox von dem ich sprach – es ergibt sich aus der materialistischen Sichtweise.
  • das eben Gesagte kann man auch so formulieren (und damit einen Anknüpfungspunkt an das ewige Jetzt schaffen): wenn man in der Zeit reisen könnte, wäre man an diesem anderen Zeit-Punkt natürlich wie immer im Jetzt. Das Jetzt aber ist ein im und durch das Individuum entstehendes einzigartiges Bild. Und: Das Jetzt gibt es im Individuum nur einmal. Das kann jeder an sich sofort prüfen. Gäbe es ein zweites Jetzt, identisch mit diesem gerade erlebten Jetzt, wäre es ununterscheidbar – eben identisch. Wie soll ich von einem Jetzt wissen, das ich erlebe, aber eben nicht jetzt? So gesehen wäre doch ein Jetzt, das ich erlebe, und das sich vom jetzigen Jetzt unterscheidet, das gute alte Gestern und das Morgen, also die Zeit selbst. Und von der Zeit weiß ich, dass sich immer unterscheiden muss, was passiert, eben das definiert ja Zeit … sonst könnte ich nicht auf die Idee kommen, es gäbe überhaupt Zeit. Also kann ich auch nicht an einen früheren identischen Zeit-Punkt reisen. Wenn ich dabei bin, muss sich jeder Zeit-Punkt auch von jedem anderen unterscheiden.
  • Schließlich und endlich kann man auch mit dem Fehlen von Objektivität argumentieren – wenn man so will die Kantsche Frage nach dem Ding an sich. Wenn es keine Objektivität gibt (wie der Spirealismus sagt), oder auch, wenn man die Dinge „an sich“ nicht erfassen kann, obwohl es sie gibt (was auf die gleiche Aussage hinausläuft als sagte man, es gäbe sie nicht), lässt sich auch kein objektives Kriterium ermitteln, demzufolge man sich an einem bestimmten Zeit-Punkt jenseits des Jetzt befindet. Denn die Zeit manifestiert sich ja gerade, in der materialistischen Sichtweise, als die Veränderung der Objekte – einfach gesagt zum Beispiel der Uhrzeigerstellung.
  • Man kann es auch mit dem Heraklitschen „Alles fließt“ begründen. Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Man kann nicht einmal in denselben Fluss steigen. Der Fluss von eben, der Fluss meiner Erinnerung, ist eine einmalige, unwiederbringliche Konstellation des vergangenen Augenblicks, dessen endgültige Definition (Ding „an sich“) sich niemals erschließen kann.
  • zu guter Letzt: Warum kann sich die endgültige Definition nicht erschließen? Weil jeder neue Gedanke eine neue, einzigartige Konstellation ist. Jede versuchte Rekonstruktion des Eben, jede Erinnerung, ist eine Konstruktion im Jetzt. Jetzt, in diesem Augenblick, kann ich einen Gedanken haben. Der Gedanke von eben, an den ich mich erinnere, ist in Wirklichkeit ein Gedanke des Jetzt. Daher verändert sich die Vergangenheit in uns – ständig, mit jedem neuen Gedanken. Für das gesellschaftliche, das kollektive Bewusstsein, gilt das Gleiche: Es bringt immer neue Versionen der Vergangenheit und Zukunft hervor. Wir sehen das auch an dem erwähnten metaphorischen Fluss. Die Vorstellung geht aus uns hervor, wir erzeugen sie. Unser Begriff des Flusses ist der Begriff des Jetzt. Etwas, das sich mit jedem Gedanken verändert, neu formt. Und … etwas, das wir selbst produzieren, das aus uns hervorgeht, können wir nicht in die Hand nehmen und drehen und begutachten, als sei es außerhalb von uns und habe mit uns nichts zu tun, so wie es uns das materialistische Weltbild glauben machen will. Ich wiederhole daher auch an dieser Stelle: Wir sind nicht die Beobachter der Schöpfung, sondern wir sind Elemente der Schöpfung. „Die Welt“ ist nicht außerhalb von uns, sondern geht aus uns hervor. Aus uns sprudelt das Sein, mit seinem Raum, mit seiner Zeit.

Aus diesen Gründen kann es keine Zeitmaschinen, keine Zeitreisen, keine Zeitreisenden geben, jedenfalls nicht im materialistischen Sinn. Wohl aber Zeitreisen im geistigen Sinn, wenn man versteht, dass man niemals „dasselbe“ vor sich haben kann (man hat es ja eigentlich auch nicht „vor sich“), egal in welche geistigen Dimensionen man sich zu reisen aufmacht. Und dass man, welche Zeitreise man auch immer antritt, dabei nur einen einzigen Zeit-Punkt erlebt: das Jetzt.

In den Phantasien von Science Fiction Autoren wird das Reisen in der Zeit oft mit vielerlei Paradoxien garniert; oft gerät das Universum in Gefahr zu explodieren, wenn ein Zeitreisender die Vergangenheit so verändert, dass das Jetzt nicht zustande kommen kann. Wenn man aber einmal begriffen hat, dass es nicht die EINE Welt der materialistischen Denkweise gibt, sondern viele Welten, nicht EIN Universum, sondern viele (Ich-) Universen, nicht EIN Jetzt sondern viele Jetzt, lösen sich auch beunruhigende Phantasien auf, DAS (eine) Universum geriete durch Manipulationen an der Zeit in Gefahr …

Eine Zeitreise haben wir am ehesten vor uns, wenn wir ein gutes Buch lesen über eine vergangene oder zukünftige Zeit. Die Phantasie transportiert uns und überbrückt die riesigsten Abgründe der Vorstellung, nennen wir sie nun Zeit oder Raum. Und wir können an dieser Analogie auch dieses wesentliche Element der Zeit verstehen: sie ist niemals völlig gleich, nie festgelegt, außer in uns. In uns gewinnt jeder Gedanke an ein Morgen, Gestern oder Jetzt, eine einzigartige, unwiederbringlich singuläre Form. Um bei dem Beispiel zu zu bleiben: … in Abhängigkeit davon, WER das Buch liest.

Warum kann es keine Zeitmaschinen geben? was last modified: Juni 16th, 2017 by Henrik Geyer